Das Missverständnis mit den Konvertiten


Vor kurzem erreichte REMID eine Anfrage von einer Journalistin zu Konvertiten in den Islam.  Es wurden konkrete Fragen mitgeschickt, die bereits tendenziös eine islamablehnende Haltung erahnen lassen:

Ist die Zuwendung Deutscher zum Islam eventuell eine Gegenreaktion zu den Ereignissen, die nach dem 11.9. 2001 eingetreten sind?

Ist es ein Trend? Gibt es Zahlen?

Sind diese Menschen die strengeren Moslems – weil sie sich diesen Glauben eben erarbeiten mussten und ihn verteidigen müssen und nicht mit ihm in  einer islamisch geprägten Kultur aufgewachsen sind? Sind Konvertiten vielleicht auch aus diesen Gründen radikaler und damit potentiell gefährlicher?

Der entsprechende Artikel scheint nie erschienen zu sein. Zunächst zu der Frage nach den Zahlen: Eine aktuelle BAMF-Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ von 2009 schreibt (S. 58; zum Download auf bamf.de), „Schätzungen zu der Anzahl von deutschen Konvertiten zum Islam beziehen sich auf einen weit gefassten Rahmen von 13.000 bis 100.000 Personen, der auf keiner wissenschaftlich validierten Grundlage beruht, da ein Übertritt zum Islam nur in seltenen Fällen schriftlich dokumentiert wird.“. Eine Arbeit (Wohlrab-Saar 1999, vgl. Summary) legt lediglich nahe, dass insbesondere Frauen zum Islam konvertieren und in relativ jungen Jahren (zwischen 18 und 27). Entsprechend ist ja auch die Anzahl der Muslime überhaupt (vgl. unsere Statistik) schwierig zu ermitteln: es gibt viele nebeneinander bestehende Dachverbände, nur einige nehmen an der Islamkonferenz teil, andere Muslime sind gar nicht auf eine solche Weise organisiert, es gibt keine islamische Körperschaft des Öffentlichen Rechts (man siehe in erwähnter BAMF-Studie das Schaubild auf S. 62 zur Problematik der Hochrechnungen). Eine qualitative Studie zur Rolle von Konvertiten bei der Integration von Muslimen wurde vom BAMF im Februar angekündigt.

Um zu der Frage nach dem Trend zu kommen: Die meisten Studien zu Konvertiten sind qualitative Untersuchungen, z.B. ausführliche genormte Interviews von 15-30 Personen mit Analyse. Viele von ihnen beschreiben mehrheitlich Frauen. Um einen Trend festzustellen, bräuchte man verlässliche Zahlen, die es nicht gibt. Ich bezweifle, dass sich da besondere Unterschiede vor und nach dem 11. September finden lassen würden.

Sicherlich gibt es heute mehr Konvertiten in den Islam als im 19. Jahrhundert. Die von der Journalistin vermutlich angedachten Fälle zweifelhaft prominent gewordener männlicher junger Erwachsener würden aber auch in einer Statistik vermutlich nicht auffallen, genausowenig wie die aus anderen Gründen prominent gewordenen Musiker wie Cat Stevens alias Yusuf Islam. Bei den entsprechend auch politisch motivierten jungen Männern dürfte es sich um eine sehr kleine Gruppe handeln.

Konversion in andere Religionen ist spätestens seit dem 2. Weltkrieg in Europa im Grunde ein andauerndes Phänomen (Zahlen liegen meines Wissens auch für das Gesamtphänomen nicht vor), allerdings wenn man von Europa absieht, ist das Ergänzen der eigenen Religion (und die Religionen müssen sich dabei nicht gegenseitig ausschließen) eher der Normalfall. Das christliche Abendland ist damit der Sonderfall.

Insofern dürfte die Konversion in den Islam wiederum in den allermeisten Fällen keinen Zusammenhang mit dem 11. September haben, sondern ist viel lebensweltlicher motiviert, durch positive religiöse oder soziale Erfahrungen oder durch eine Partnerschaft.

Die erwähnten Einzelfälle sollte man hiervon deutlich unterscheiden, zumal sie – wie die lückenhaften Darstellungen der Medien suggerieren – einen politisierten Islamismus direkt anvisierten.

Überhaupt sollte man betrachten, in welche Richtung des Islam die Menschen konvertieren. Und hier kann man von einem deutlich wahrnehmbaren zunächst erst einmal theoretischen Interesse der Deutschen an islamischer Mystik – Sufismus und Derwische – sprechen.

Zu den letzten beiden aufeinander aufbauenden Fragen:

Eine durch Konversion gewählte Religion entspringt einer bewussten subjektiven Wahl, das macht einen Unterschied zu einer Geburtsreligion. In Bereichen des protestantischen Christentums wie dem Pietismus nannte man daher auch den bewussten Nachvollzug der Lehre eine zweite Geburt. Trotzdem kann die Intensivität des Lebens der Religion auch bei Konvertiten sehr unterschiedlich sein. Wenn unmittelbar religiöse Erfahrungen motivierend waren, kann das schon zu dem Phänomen führen, dass manches strenger ausgelegt wird als bei denen, die damit aufgewachsen sind. Allerdings kann das z.B. auch bedeuten, dass der Konvertit selbst einen Islam theologisch entwirft, der als solcher eigentlich zu Teilen als Neuschöpfung betrachtet werden kann. Die meisten mir bekannten Konvertiten pflegen einen säkularisierten Islam, nur manche tragen ein Kopftuch, dafür ergänzen bzw. betonen sie mystische Elemente.

Zu der letzten Frage: Radikalität und Gefährlichkeit sind Begriffe, die ich mir versuche zu übersetzen als Konfliktpotenzial einer Lehre mit Grundgesetz, Strafgesetzbuch oder Menschenrechte-Konvention. Wann ist ein Konvertit „radikal“? Ein vom katholischen ins pfingstlerische Christentum konvertierter Gläubiger, der sich der Lehre des Kreationismus anschließt, stellt sich damit vielleicht in einen „radikalen“ Gegensatz zu Ergebnissen der Wissenschaft, aber er hat erst einmal dadurch keinen Rechtsbruch begangen.

Ein Konvertit hat im allgemeinen sogar eher noch eine zusätzliche Kompetenz gewonnen, da er zwischen zwei Kulturen bzw. Religionen vermitteln kann.

Zudem, da die Unterstellung ein wenig in den Worten mitschwingt, der Islam sei als solcher, wird er streng gelebt, eine gefährliche Religion: die drei auf Abraham zurückgehenden monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam haben in ihrem Kernschrifttum durchaus eine ähnliche Verteilung von friedvollen und gewalttätigen Passagen, gleich ob nun etwa Elias, Jesus oder Muhammad das Schwert empfiehlt. So wie es im Christentum die Idee des Weltkaisers der Endzeit gibt, findet sich die Idee des Imam, der alle Menschen unter dem Islam eine oder z.B. die des Buddha Maitreya, der am Ende aller Zeiten wiederkehre. Entsprechend gab es in allen diesen Traditionen auch historische Versuche der Politisierung, etwa dass kleine christliche Gruppen versuchten, ein Himmlisches Jerusalem zu errichten.

Ein positiv verstandenes Recht auf Religionsfreiheit schließt ein, dass jede(r) auch selbst entscheiden kann, ob sie oder er religiöse Traditionen pflegen möchte und welche das sein können. Entsprechend sollte auch für alte wie neue Religionsgemeinschaften (man vergleiche die Debatte um die sogenannten „Sekten“) gelten, dass man Einzelfälle nicht auf eine Bevölkerungsgruppe überträgt. 1998 hatte bereits der Endbericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ darauf verwiesen, dass der Anteil von Kriminalität in kleinen Religionsgemeinschaften nicht höher ist als bei der Gesamtbevölkerung. Diese Ergebnisse können zwar nicht direkt auf Religionen, die mehrheitlich religiöse Minderheiten von Migrantengruppen darstellen, übertragen werden, es darf aber auch nicht die Rolle des sozialen Milieus vernachlässigt werden, das nicht allein durch Religion bestimmt ist. Im Fall von Hinduismus und Buddhismus konnten jedenfalls schon positive Effekte der sozialen Akzeptanz durch die Einbindung neu gewonnener westlicher Anhänger beobachtet werden.

Christoph Wagenseil

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4 Kommentare:

  1. Lieber Christoph,
    eine gute Idee, diese qualitativ hochwertige Antwort auf eine Anfrage in den Blog zu setzen.
    Weiter so!

  2. Interessanter Artikel. Schadet wohl nicht, sich mit dem Thema detailierter zu befassen. Ich werde auf jeden Fall die weiteren Posts im Auge behalten.

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