Des Teufels Netz – Italien und interreligöse Toleranz


Das Internet fördere den Satanismus, diese atm-Pressemeldung vom 4. April war ursprünglich ein Artikel im Telegraph vom 30. März. Nicht jedes Presseorgan, welches diese Meldung druckte, nimmt sie gänzlich ernst, bei chip.de wird sie am 10. April abgedruckt, umrankt von dem Satz “Fotostrecke: Diablo 3 – teuflisch gute Screenshots”. Anlass ist die Ankündigung einer “Exorzistenkonferenz” in Rom an der Regina Apostolorum Pontifical Universität:

“Das Internet hat es heute viel einfacher gemacht als früher, Informationen über Satanismus zu finden”, erklärt Carlo Climati, Mitglied der Universität dazu. “In nur wenigen Minuten kann man Satanisten-Gruppen kontaktieren und sich über Okkultismus informieren.

Die Konferenz dreht sich aber nicht darum, wie man ein Exorzist wird. Sie soll Informationen über Exorzismen, Satanismus und Sekten verbreiten. Sie soll Familien und Priestern Hilfestellungen bieten. […]“, so Climati weiter. An der sechstägigen “Exorzismus-Konferenz” nehmen ab dem 19. April katholische Kleriker sowie Ärzte, Psychologen, Lehrer und Jugendarbeiter teil, um Mittel zur Bekämpfung der Teufelsanbetung zu diskutieren.

Dabei gibt es in Italien die Tendenz, dass besonders weite Definitionen den Satanismus-Diskurs zu bestimmen scheinen:

Vor allem über das Internet verbreiten sich die Sekten immer mehr. Nach Angaben von Experten sind in Italien 650 satanische Sekten aktiv. Zu den “gefährlichsten” Gruppen zählten laut Fachleuten 15 “Psychosekten”, denen insgesamt 8.500 Personen angehören und die ihre Mitglieder “in den Wahnsinn und in den wirtschaftlichen Ruin treiben”. Viele Sekten sind ausländischer Herkunft wie die hinduistische Gruppe “Ananda Marga”, die in Indien als Terrorgruppe eingestuft wird, oder die japanische Organisation “Soka Gakkai”. Sektenführer werden von mehreren ehemaligen Anhängern Vergewaltigungen und sexuelle Belästigung vorgeworfen.

Quelle: livenet.ch (25.04.2003), vgl. neutraler und ohne Vorverurteilung aus der REMID-Schriftenreihe: zur Soka Gakkai

Der im Artikel eigentlich besprochene Gesetzentwurf n. 3770 vom 11. März 2003 der rechten Nationalallianz “Misure contro i movimenti sedicenti religiosi, esoterici o magici ed i seguaci del ‘culto di Satana’” scheiterte daran, dass juristisch befunden wurde, es bestünden keine hinreichenden Indizien für die Einführung einer neuer Klasse von Verbrechen. Die bisherige Gesetzeslage genüge. Vorgesehen war, dass “sogenannte religiöse Bewegungen, esoterische oder magische, sowie die Anhänger von Satanskulten” wie geheime Organisationen nach dem Gesetz vom 25. Januar 1982, Nr. 17, behandelt werden sollen, so sie “heimlich handeln, ihre Ziele mit Ritualen verfolgen und entgegen der öffentlichen Moral agieren”. Genannt werden “Handlungen der Diffamierung von Religionen und satanischer ritueller Missbrauch” (Artikel 1).

Hintergrund damals waren aktuelle Gerichtsprozesse um die Bestie Satans (Le Bestie di Satana) und Sodoms Engel (Angeli di Sodoma: freigesprochen). Doch der Radius des Gesetzentwurfes war weiter bemessen; ein wichtiger Diskursproduzent ist hier der Telefonservice Antiplagio um Prof. Giovanni Panunzio, der seit 2004 den “Rapporto sul Satanismo in Italia” herausgibt. Hier wird 2008 bereits von 500 entsprechenden Gruppen gesprochen (die Zahl wird sukzessive gesteigert), der Widerspruch zu der von der Regierung beauftragten Studie “Sette religiose e nuovi movimenti magici in Italia” vom Februar 1998, die von einem Dutzend satanischer Gruppen mit wenigen Anhängern schreibt, wird als drastischer Anstieg dargestellt.

Die von Panunzio veröffentlichte “schwarze Liste” zählt allerdings gerade 67 Einträge:

Gruppi segnalati e/o individuati in Italia [Gruppen in Italien gemeldet und / oder identifiziert]: 1)Astrum Argentium; 2) Figli del demonio; 3) Derivazioni Sataniste del’OTO (Ordo Templis Orientis); 4) 666 Realtà satanica (Conte Ofiel alias Filippo Scerba); 5) Loggia Agape (poi Gruppo prometeo Milano, Fogagnolo); 6) Bambini di Satana (Bologna, in tutta Italia); Impero Luciferino; 7) Adoratori di Yakon (Bologna); 8.) Bestie di Satana; 9) Corte di Satana (Satan court – LaSpezia, Milano); 10) Gruppo di Abramelin (Lombardia); 11) Seguaci di Astaroth; 12) Streghe di Lilith (Lombardia); 13) AATS (Piemonte), scoperti dai carabinieri, anche se rimangono delle tracce; 14) Gruppo del Rosario (Amantea), ancora con qualche seguace in naftalina; 15) Gruppo di Acilia (Roma); 16) Burgum;17) Cenacolo 33; 18) Telsen Tao (Pordenone); 19) gruppi satanici di Trieste; 30\31) Chiesa di Satana di Torino (sono due ben distinte); 32) Cerchio magico; 33) OID Dio al contrario, di Torino ( in tutta Italia-ora agenzia ); 34) Santuario razionalista; 35) Gruppo cercatori di lucifero;36) Urgandisti (Vercelli); 37) Confraternita Luciferiana; 38) Eletti di Satana; 39) Figli del Demonio; 40) Figli di Astaroth; 41) Orgasmo Nero; 42) Gruppo del Vaticano; 43) Setta del Laterano;44) Chiesa Nera Luciferiana ( il fondatore è deceduto, ma il gruppo sopravvive a Roma e nel Lazio); 45) Angeli di Sodoma (Pescara); 46) la Rosa rossa (Firenze, derivazione brasiliana antica); 47) Los Montos (distorsione di Mantos, divinità infernale etrusca); 48) Luciferismo Crowleiano; 49) Gruppo di Thelema; 50) Figli di Samael (angelo della morte o droga); 51) Inox; 52) Troth; 53) Rosse di Astarte; 54) Le due Rose (Firenze, loggia deviata o spuria); 55) Cavalieri del Circolo Nero; 56) Sacro Cerchio Alba Dorata; 57) Bambini del Sacro Impero luciferiano; 58) Triangolo nero Salerno.

Gruppi stranieri presenti anche in Italia [Gruppen von Ausländern, in Italien präsent]: 1) Chiesa di Satana; 2) Ordine dei nove Angeli (Inghilterra); 3) La rosa blu (Germania dell’est); 4) Ordine del lupo mannaro; 5) Chiesa Lucifer G. di Nasha (Colonia); 6) Illuminati di Tanathos (in tutta Europa); 7) Illuminati di Baviera; 8.) Ordine nero universale; 9) Gruppo del serpente piumato (America latina, brasiliani ) diffuso in italia; 10) Gruppo del pavone (medio oriente – Italia); 11) Servi del demonio o Adoratori del diavolo, provengono da Sheik-Adi (Mosul) e sono approdati in Italia con i gruppi curdi, fortemente in declino, ma segreti ed impenetrabili; 12) Chiesa della guerra (dopo la guerra del golfo); 13) Gruppo P (Usa) Ordine del Trapezoide; 14) Gruppo del fuoco dell’inferno (Hollywood); 15) Tempio di Set, Chiesa della liberazione satanica (Connecticut); 16) Chiesa del giudizio finale-Abraxas (Belgio); 17) Gruppo di Urano o Alliance Kripten (Belgio e Francia); 18) Chiesa dell’eutanasia; 19) La Fellowship of Isis (FOI),) fondata nel 1976 da Olivia Durdin-Robertson, Castello di Clonegal, in Irlanda; 20) la Wicca, in una direzione “dianica” o femminista.

Schon die Erwähnung von dianischem Wicca (vgl. unsere Kurzinformation) oder unter 2.11 der Yeziden (vgl. unsere Kurzinformation) sowie der verschiedenen thelemischen Gruppen, die sich auf Aleister Crowley berufen, Hexentum und Paganismus, all das zeigt die Problematik dieser Liste auf, Verschiedenstes in einen satanischen Topf zu werfen; bei den bayrischen Illuminaten unter 2.7 wird man stutzig, wie es dieser Text in Medien und Politik geschafft hat, schließlich wurden die historischen Geheimbündler 1785 aufgelöst, neben Verschwörungstheorien über ihr Fortbestehen mit teilweise antisemitischen Tendenzen finden sich auch dutzende scherzhaft gemeinte Internetseiten selbsterklärter nicht ganz so geheimer Nachfolger. Eine umfassendere Kritik dieser Liste auf Italienisch hat Silvana Radoani ausgearbeitet:

Chi studia da anni il satanismo e altri fenomeni settari, si trova in grande difficoltà quando si tratta di fare luce sulle false notizie diffuse dai media e da sedicenti studiosi di sette, o associazioni anti-cult.

Dal 2004 gira in Internet un presunto Rapporto sul satanismo italiano (http://www.antiplagio.org/satanismo.htm) che, se fosse vero, ci vedrebbe coperti di sette sataniche e attorniati da uomini neri che si aggirano senza sosta in cerca di vittime. Questo rapporto viene continuamente ripreso da giornalisti, criminologi, associazioni, studiosi, in modo acritico […].

Übersetzung:

Diejenigen, die seit Jahren Satanismus und andere Kult-Phänomene untersuchen, sind in großen Schwierigkeiten, wenn sie aufklären müssen über die falschen Nachrichten, welche die Medien von Möchtegern-Wissenschaftlern oder Anti-Kult-Vereinigungen übernehmen und verbreiten. Seit 2004 dreht sich die Diskussion um eine mutmaßliche Internet-Studie über italienischen Satanismus, nach der, wenn sie wahr wäre, wir uns von satanischen Sekten und von dunklen Gestalten umgeben sähen, unermüdlich auf der Suche nach Opfern. Dieser Bericht wird ständig von Journalisten, Kriminologen, Verbänden zitiert und von Wissenschaftlern unkritisch übernommen […]

Einzelfälle wie die der im übermäßigen Drogenkonsum kriminell werdenden Blackmetal-Band Bestia di Satana oder in Deutschland die vermeintlichen “Satansmorde” zu Sondershausen und Witten (kritisch dazu: Melanie Möller: Satanismus als Religion der Überschreitung. Transgression und stereotype Darstellung in Erfahrungs- und Aussteigerberichten, Marburg 2007, S. 140-147) werden von Anhängern derjenigen Religionen instrumentalisiert, die ihren Alleinvertretungsanspruch durch religiösen Pluralismus und Religionsfreiheit gefährdet sehen. Das sind dabei allerdings nicht die anfangs erwähnten exorzismusinteressierten Theologen allein, sondern – wie die Zahl der Exorzismus-Anfragen zeigt – auch die Laien.

Diese Geschichte ist nicht mal mehr einzigartig, eine ähnliche Liste kursiert in den Vereinigten Staaten, hier mit kritischem Kommentar:

Die folgende Liste ist ein Auszug, entnommen der Ausgabe des Criminal Intelligence Report (”America’s Only Professional Crime News Magazine”) von Februar/März 1988, S. 14-17 u. 9-13. […] Die Februarausgabe stellte einen Artikel voran: “Satanism and Crime.”

Dem Magazin nach seien folgende Kirchen, Organisationen und Firmen “Category II Groups”. Es wird impliziert, dass einige dieser Gruppen verbunden sein mögen mit “krimineller Aktivität” und einige praktizierten “satanische Rituale”. […]

Ein Verbrechen ist ein Verbrechen, gleichgültig wer es begeht. Ein Satanist, der ein Verbrechen verübt macht keinen Unterschied zu einem Muslim, Juden oder Christen, der das gleiche Verbrechen begeht.

Nur zwei der im Magazin aufgelisteten 359 Feinde sind tatsächlich satanisch.

Auf diese Weise werden durch fehlende religionswissenschaftliche Expertise Gruppen aus unterschiedlichster religionsgeschichtlicher Herkunft negativ stigmatisiert. Statt Dialog wird Dämonisierung gesucht. Bezüglich Italien ist auch die Rolle des Vatikans uneindeutig. Der seit der durch Johannes Paul II. erwirkten Reform des Exorzismus-Rituals 1999 größeren Relevanz des Themas in der katholischen Kirche steht dabei z.B. die Enzyklika “Die Liebe in der Wahrheit” von 2009 gegenüber, in welcher Benedikt XVI. ein Recht für religiöse Freiheit zugesteht, allerdings dabei vor Fundamentalismus und Atheismus warnt.

Diese Aufarbeitung soll helfen, Missverständnisse in Medienberichterstattung über Neue Religionen und Satanismus zu korrigieren. Es gilt den Diskurs nachzuvollziehen und kritisch zu beurteilen, warum wer diesen Kampfbegriff verwendet. Wer sich für selbstbezeichnende Satanisten interessiert, dem sei die Dissertation von Dr. Dagmar Fügmann empfohlen (Zeitgenössischer Satanismus in Deutschland. Eine religionswissenschaftliche Untersuchung bei Mitgliedern satanistischer Gruppierungen und gruppenunabhängigen Einzelnen. Hintergründe und Wertvorstellungen, Würzburg 2008). Zum rituellen sexuellen Missbrauch sei auf die FBI-Studie von Kenneth V. Lanning 1992 verwiesen, nach der es sich vermutlich bei den Opfern um verfälschte Erinnerungen an realen Missbrauch, aber ohne satanischen Hintergrund oder Ritualcharakter handele (vgl. auch Ina Schmied-Kittel 2008).

Der Horror des Kindsopfers an den Moloch, der in 3.Mose 18,21-23 unter die Unzuchtvergehen neben Homosexualität und Sodomie gestellt wird, demonstriert – wie auch die antisemitischen Ritualmordlegenden nicht nur des Mittelalters einen Höhepunkt einer Imagination des Bösen, Unmenschlichen, Gottlosen. In einer antipluralistischen Perspektive wird dieser Horror zum Zenit, um den sich die Spielarten des Unglaubens sortieren lassen. In Deutschland konnten solche Vorstellungswelten mit dem Endbericht der Enquete-Kommission “Sogenannte Sekten und Psychogruppen” 1998 entschärft werden und damit die Neuen Religionen im Allgemeinen entlastet. Seitdem liest man nur noch selten von z.B. Meditation als Foltermethode. Zu hoffen bleibt, dass diese Entwicklung auch in den katholisch dominierten Nachbarländern entsprechend einsetzt und ein pluralismusfreundliches Klima entsteht.

Christoph Wagenseil

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5 Kommentare:

  1. Man vgl. auch Ina Schmid-Knittel: „Satanismus als Neomythos“ (Vortrag 2005) auf den Seiten des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP).

  2. Vgl. auch Rezension von Christoph Wagenseil (REMID): Zeitgenössischer Satanismus in Deutschland. Weltbilder und Wertvorstellungen im Satanismus (Dagmar Fügmann 2009) http://www.uni-marburg.de/fb03/ivk/mjr/pdfs/2013/reviews/rev_wagenseil_2013.pdf

  3. Ein anderer Fall einer Satanic Panic sind die West Memphis Three. Der Mehrfachmord von 1993 und der Prozess der angeklagten Jugendlichen wurde entsprechend in dem Buch von Mara Laveritt von 2002 behandelt. Das wiederum ist Vorlage für einen Kinofilm von 2013: Devil’s Knot.

  4. Wenn man aktuell „Satanismus“ und „Italien“ sucht, wird dieser Blogartikel – zumindest bei mir – nur durch einen Beitrag übertrumpft, der folgenden Artikel von 2007 wiedergibt:

    «Die Lehrerin hat uns Blut trinken lassen»
    Die in Italien von Kindergärtnerinnen unter Drogen gesetzten und vergewaltigten Vorschul-Kinder sind offenbar auch zu «satanistischen Orgien» missbraucht worden.

    Auch in diesem Fall von Rignano Flaminio wurden am Ende alle Angeklagten freigesprochen:

    http://www.iltempo.it/politica/2013/12/23/rignano-flaminio-e-il-prete-satanista-quelle-vite-distrutte-dalle-false-accuse-di-pedofilia-1.1201651

    Eine angeklagte Mutter, der ihr Kind weggenommen wurde, hatte derweil Suizid begangen. Wie bei den meisten Fällen dieser Art gelangt jene zweite Meldung nicht mehr über die Nachrichtenagenturen ins Ausland.

  5. Schwarze Wolke

    […] Ihr habt ABSOLUT KEINE AHNUNG VOM SATANISMUS UND BEZEICHNET PERVERSE UND VERGEWALTIGET EINFACH ALS „SATANISTEN“ […]

    Kommentar Redaktion: Das tun wir gerade nicht. Im Gegenteil. Der Artikel geht um Vorurteile über Satanismus bzw. neue Religiosität, das heißt es werden entsprechende Darstellungen zitiert und kritisiert. Also das nächste Mal empfehlen wir: Erst lesen, dann kommentieren!

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