Islam und Europa – ein jahrhundertelanger Diskurs

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„Der Islam ist Teil von Deutschland“, mit dieser Äußerung konnte Bundespräsident Christian Wulff eine besondere Zäsur setzen in einem jahrhundertelangen Diskurs um die Identität Europas. Während der aktuelle Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) diese Sentenz wieder umzukehren sucht und dabei Erfolge der Deutschen Islamkonferenz mit wenigen Auftritten zu ruinieren droht, schüren Intellektuelle wie Alice Schwarzer eine gefährliche Unschärfe der Begriffe (in der FAZ: „Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus“) oder predigen für Unwissenheit und eine Art säkulare Ignoranz wie die Autorin Monika Maron (im Spiegel: „Aber ist es nicht unser Recht, vom Islam nichts zu verstehen und nur zu erwarten, dass wir von ihm nicht mehr behelligt werden als von allen anderen Religionen?“).

Zur Sicherheit sei hinzugefügt, dass „Islamismus“ eigentlich eine Politisierung der Religion im Kontext der Legitimierung von Jihad, von Terrorakten und Kriegen bedeutet. Dies mit durchaus auch politischen Begründungen von Kopftuchgeboten und -selbstverpflichtungen auf eine Stufe zu stellen, ist sehr problematisch. Maron wiederum verteidigt ihr „Recht, frei zu sein von Religion“. Unklar bleibt, warum sie überhaupt befürchtet, der Islam könne die Stellung der Religionen in Deutschland verändern. Scheinbar genügt schon die Existenz von Kopftüchern und Moscheen dazu, dass Frau Maron sich nicht mehr „unbehelligt“ fühlt. In ihrem Konzept von Religionsfreiheit funktioniert Pluralismus offenbar mit einer Verpflichtung für die Gemeinschaften, möglichst unsichtbar zu bleiben.

Dabei ließen sich genügend Beispiele finden, welche die Frage, ob der Islam zu Europa gehört, auch ein wenig historisch unterfüttern. Gerne wurde etwa in der Mediendiskussion bereits auf Friedrich II. zurückgegriffen, der beispielsweise äußerte:

Alle Religionen sind gleich gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen, und wollten hier im Land wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen. (1740 am Rand einer Eingabe, zit. nach Thomas Schmitt: „Moscheen in Deutschland. Konflikte um ihre Errichtung und Nutzung“, 2003, S. 12).

Andere Zitate zeigen, dass dies nicht allein theoretische Erörterung darstellt:

Ich […] bin gegenwärtig mit 1000 muhamedanischen Familien in Verhandlung, denen ich in Westpreussen Haus und Hof, sowie Moscheen verschaffe. Wir werden dann religiöse Abwaschungen haben, und werden singen hören ‚Jllih, Allah‘, ohne uns darüber zu ärgern. Diese einzig Secte fehlte uns noch im Lande (Brief an Voltaire, Potsdam, den 18. August 1775)

Bei Inovraclaw und Gegend giebt es viel Moräste und andere Plätze, wo sich viel Oekonomie anbringen lässt, wenn solche urbar gemacht und Colonialisten darauf angesetzt werden. Und weil es dort an Menschen fehlt, so wäre es schon recht, wenn sich die jetzt an der polnischen Grenze aufhaltenden türkischen Tartaren in den Gegenden in meinem Lande niederlassen wollten. Ich wollte Solche in Kriegszeiten als Soldaten gebrauchen, und in Friedenszeiten sollten sie ruhig zu Hause bei den Ihrigen gelassen werden. Ihr habt Euch demnach alle Mühe zu geben, wie Ihr solche hereinzieht. Ich will ihnen auch Moscheen bauen und ihnen allen Schutz angedeihen lassen, und sie überhaupt wie Meine übrigen Unterthanen behandeln (Generalordre d.d. Marienwerder, 7.Juni 1775, beides zitiert nach: Westpreussen unter Friedrich dem Grossen: nach urkundlichen Quellen bearbeitet von Ernst Zur Lippe-Weissenfeld, 1866, S. 131)

Neben dem alten Fritz versuchte auch Katharina die Große mittels Moscheebau und Korandruck die Muslime im Herrschaftsgebiet günstig zu stimmen. Die orientalischen Dichtungen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie Goethes Westöstlicher Diwan stehen neben häufigen Betonungen, dass Europa die „Wiederherstellung der Wissenschaften“ den Arabern verdanke. Nach Muhammed Faruks Recherchen für die Zeitschrift dunia hat es bereits ab 1740 mind. eine muslimische Gemeinde unter Friedrich II. gegeben, als zweite nennt er die Wunsdorfer Moschee der Islamischen Gemeinde Berlin von 1922.

Auch religionsgeschichtlich macht es Sinn, die auf Abraham zurückgehenden Religionen als „abrahamitische“ zusammenzufassen. Zugleich entspricht das historische Kerngebiet dieser Religionsgemeinschaften dem vormodernen Verbreitungsgebiet der griechischen Philosophie sowie der hippokratischen Medizin. Arabische Philosophen und Ärzte hatten ihren Anteil an der europäischen Renaissance. Schon seit dem 16. Jahrhundert führen Chroniken für Europa drei Kaiser auf: den römischen, den russischen und den türkischen. Für den Anfang des 18. Jahrhunderts zählt Johann Hübner zwölf Gruppen sogenannter Tartaren, die auch außerhalb der Krim-Halbinsel und diesseits des Flusses Don leben (Kurtze Fragen Aus der Neuen und Alten Geographie: Biß auf gegenwärtige Zeit continuiret, Und mit einer nützlichen Einleitung Vor die Anfänger, 1712, S. 749). 1837 heißt es zu der religiösen Zusammensetzung des damaligen Polens:

In Polen gehören 3/4 der römisch-katholischen Kirche an, 1/4 der mosaischen Religion und nur ein kleiner Theil bekennt sich zur lutherischen und reformirten Religion (meist alle Deutsche); endlich sind hier noch 1200 Einw. dem Islam zugethan (Wilhelm Fischer, Friedrich Wilhelm Streit: Historischer und geographischer Atlas von Europa, Band 2, S. 537)

Letztlich ist die Frage, wie man Europa geographisch, politisch oder ideengeschichtlich begründen möchte, an dieser Stelle natürlich nicht zu beantworten. Stattdessen konnte hoffentlich gezeigt werden, dass die historischen Archive genügend Material bereithalten, vermeintlich eindeutige Blickwinkel auf Europa zu hinterfragen. Und das gilt nicht nur bezüglich religiöser Abgrenzungsstrategien, auch ein humanistisches Europa hat mitunter arabische Wurzeln. Welche Grenzziehungen man schließlich bevorzugen mag, Europa muss sich der Herausforderung eines religiösen und kulturellen Pluralismus stellen.

Christoph Wagenseil

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4 Kommentare:

  1. Sogar die Grundlagen der Computer stammen aus der arabischen Welt:

    „Das heutige mathematische Verständnis, die Grundlage der digitalen Welt, ist durch Heuristiker geprägt worden. Durch den arabischen Mathematiker al-Chwarismi etwa, einem der sehr wenigen Menschen, denen ein komplizierter Name zum Vorteil gereichte: „al-Chwarismi“ wurde so lange falsch ausgesprochen und verballhornt, bis das heutige, griechisch anmutende Wort Algorithmus daraus entstand. Sollte jemand aus irgendwelchen verkrampften Gründen nach muslimischen Wurzeln in der europäischen Kultur suchen wollen: Hier sind sie. Al-Chwarismi begründete das Dezimalsystem der Zahlen und führte auch die Null ein. Mathematisch gesehen hätten wir heute ohne ihn also noch nicht einmal nichts.“

    Zitat Sascha Lobo
    http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,758149,00.html

    Allerdings gibt es indische Quellen: 628 n. Chr. verfasste der indische Astronom und Mathematiker Brahmagupta das Brahmasphutasiddhanta (Der Anfang des Universums). Es ist, wenn man vom Zahlensystem der Maya absieht, der früheste bekannte Text, in dem die Null als vollwertige Zahl behandelt wird. Um 825 schreibt der persische Mathematiker, Astronom und Geograph al-Chwārizmī sein Werk al-Kitāb al-muchtaṣar fī ḥisāb al-dschabr wa-l-muqābala („Das zusammengefasste Buch über Algebra und Quotientenrechnen“) das auf dem Brahmasphutasiddhanta basiert.

    • Ja: Die „Alten Inder“ betrieben schon Mathematik, da fuhren sie noch mit ihren Ochsekarren durch die Wälder. Sie machten komplizierte Berechnungen bezüglich der Opferstätte wo das heilige Feuer angezündet wurde und die Devas als Gäste empfangen wurden. Ein sehr schlaues Völkchen !

  2. Bloß weil das Wort Algorithmus aus dem Arabischen stammt, heißt das nicht, dass die das erfunden haben. Das Wort heißt eigentlich nur „Vorgang“.
    Und das die Computertechnik von Arabern erfunden wurde ist ein Hirngespinst. […] Viele Gelehrte mit denen sich der Islam heute brüstet, hat er damals gefoltert und geköpft.

  3. Auch die Christen haben manche ihre innovativsten Köpfe mit Spießen auf Stadtmauern ausgestellt. Zu manchen Zeiten. Wobei es eigentlich so wenig „die Christen“ wie „den Islam“ gibt. Es gibt bei letzterem nicht mal mehr so etwas wie den katholischen Papst oder die orthodoxen Patriarchen. Und nur manches durch arabische Gelehrte aus der Antike Überliefertes kostete seinem Bewahrer das Leben. Im Gegenzug sollte es Bedenken geben, dass die diesbezügliche Toleranz im Islam dieses Überleben antiken Wissens überhaupt zuließ, aber das gerade aufgrund christlicher Motivation dies im Abendland bis zur Renaissance und teilweise darüber hinaus nicht konnte.

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