Religion versus Wissenschaft – ein Osterspiel

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Vor kurzem rezensierte Peter Monnerjahn für Telepolis das Buch „Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen“ des evangelischen Theologen Richard Schröder unter der journalistisch wenig taktvollen Überschrift „Journalistischer Selbstmord“. Unter Verweis auf die Medienereignisse um Jacques Benveniste und seine Thesen zur Homöopathie wird eine schärfere Trennlinie zwischen Religion und Wissenschaft eingefordert. Zurecht werden die biologischen Behauptungen Schröders kritisiert, weniger wird auf das eingegangen, was der das Buch zusammenfassende Zweizeiler im aktuellen Wikipedia-Artikel zum Autoren angibt, nämlich dass dieser unterstellt, Richard Dawkins („Der Gotteswahn“, 2006) fehle es an Wissenschaftlichkeit im Bereich der Kulturtheorie.

Nun ist der Streit zu diesem Thema kein Glanzstück an wissenschaftstheoretischer Auseinandersetzung, eher ist er genauso symptomatisch für eine neue Tendenz zur Konfrontationshaltung wie die Pressemeldung der Evangelischen Kirche Deutschlands, welche Dawkins‘ Lehre als „Gegenreligion“ tituliert.

Die Debatte um Kreationismus versus Evolutionstheorie ist eher ein besonderer Seitenzweig der Bereiche, in denen christliche Autoren mit Wissenschaft in Konflikt geraten. Ob als Frage nach einer gerichteten Naturgeschichte aufgefasst oder als moderne Variante einer physikotheologischen Sehnsucht, ob als moralische Kritik an Selektionstheorien (und einem entsprechenden Gottesbild) oder als Verteidigung einer realhistorischen und kaum symbolischen Bibelexegese, die Schauplätze der Auseinandersetzung berühren eigentlich kein Kernstück der Religion. Vielleicht geht es auch mehr um die Rettung der Besonderung des Menschen.

Oder eben um jene Kränkung, mit der die Evolutionsbiologen belieben, das Entstehen der Religionen naturgeschichtlich zu erklären. Es ist im Grunde die umfassendste und damit vollständigste Variante der Großen Erzählung im Sinne Lyotards, in welcher alle Konfliktfelder zwischen christlicher Religion und abendländischer Wissenschaft Erwähnung finden. In krassester Form geht es um eine in biologisch-soziologischer Sprache gefasste Erklärung für das Aufkommen einer zeitweise nützlichen Geisteskrankheit.

Der dabei oft mitentworfene Stammbaum der Religionen, der diese evolutionistisch anordnet, kann dabei den Vorstellungen von beiden Konfliktpartnern zugrundeliegen. Schließlich ist diese Form der entsprechend gottgelenkten Religionsgeschichte ursprünglich eine Erfindung von Theologen (mit Vorformen in der Scholastik seit dem 17. Jahrhundert beliebt), die in der frühen Aufklärungszeit zeigen wollten, dass die christliche Religion die vernünftigste sei.

Zwar gibt es inzwischen auch Formen von Kreationismus oder Ablehnung der Evolutionstheorie im Islam, doch insgesamt handelt es sich um ein eher spezielles Problem des Christentums.

Vom Gottes- zum Jesuswahn

Ähnlich gelagert ist der Fall bei dem neu erschienenen „Der Jesuswahn“ von Dr. Heinz-Werner Kubitza (2011). Es ist schon vielfach behauptet worden, Dawkins‘ Buch hätte im Deutschen einen unpassenden Titel bekommen. Dabei ist „The God Delusion“ keineswegs in irgendeiner Weise weniger diffamierend. Sicherlich hätte man es als „Die Gottestäuschung“ oder „Die göttliche Irreführung“ übersetzen können, dennoch handelt es sich auch im Englischen um eine durchaus gebräuchliche Vokabel der Psychopathologie (etwa split personality delusion, der Doppelgänger-Wahn).

Entspricht Gott nun der Naturgeschichte, rekapituliert Kubitza im „Jesuswahn“ die Dogmengeschichte der christlichen Religionen. Der Titel des Buches dürfte, da er selbst auch als Verleger des Buches in Erscheinung tritt, selbst gewählt sein. „Wie die Christen sich ihren Gott erschufen“, der Untertitel dreht die Schöpfungsgeschichte um, entsprechend gehe es um „Entzauberung“ im Sinne Max Webers, die Rekonstruktion des realhistorischen Entwicklungsprozesses, das Aufdecken von Widersprüchen in den biblischen Quellen oder zu den Erkenntnissen der Philologien der Umgebungskulturen des biblischen Israels, das Aufstellen von Stemmata der kreativen Veränderungen der Überlieferungen, um moralische Kritik des Christentums als Ideenlieferant für gefährliche Ideologien wie den Antisemitismus (Schuldfrage bzgl. Tod Jesu, Anfänge des Judenhasses) sowie um naturwissenschaftliche Kritik einiger Elemente der christlichen Lehre.

Ein zentrales Anliegen scheint in Tradition von Max Webers Rede „Wissenschaft als Beruf“ (1919) darin zu liegen, dass es eine „Peinlichkeit“ sei, sich heutzutage als Intellektueller mit dem Christentum abzugeben. So äußert sich Kubitza auch in einem Streitgespräch mit Peter Wick, Professor für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum, in der aktuellen Ausgabe von Idea Spektrum.

Eine besondere Rolle spielt hier das „Urmirakel des Christentums“ (Kubitza, S. 176ff.), die Auferstehungserzählungen der Evangelien scheinen den Ausgangspunkt für eine zweite Dimension der Kritik, jetzt an sämtlichen Religionen, zu sein:

Die Ablehnung der Wunder und des Wunderglaubens und des dahinter stehenden Irrationalismus ist vor allem methodischer Natur. Denn es geht ja hier gar nicht vordringlich um irgendwelche Wunder, die in der Bibel berichtet werden und für deren Authentizität sich die Kirchen engagieren. Wenn es nur das wäre! Es geht um den Wust eines jahrtausendealten Wunderglaubens in allen Religionen, offenbar zu allen Zeiten, um die Vielzahl von angeblichen Wundern im Volksglauben, im vermeintlichen Glauben und in sogenannten Aberglauben. Denn nicht nur in der Bibel werden Wunder berichtet, der Wunderglaube ist eine Fantasie wohl aller Religionen, der sogenannten Hochreligionen ebenso wie der primitiv-archaischen Kulte. (S. 116f.)

Zurecht spricht Kubitza an vielen Stellen von „sogenannten“ Hochreligionen etc. Viele dieser Ausdrücke sind pejorativ geprägt oder beerben die erwähnten evolutionistischen Zivilisationsstammbäume des 19. Jahrhunderts (vgl. auch Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, 2009). So beliebt auch bei Kubitza eher die üblichen Gegenstände der Kritik (wie Reiki, Wünschelruten und der Urin des Dalai Lama) sind, dienen sie ihm eher als phänomenologische Annäherung an christliche Leser, denn „Christen verstehen das Argument meist besser, wenn man hier nicht von den Wundern Jesu, sondern von den Wundern irgendeines antiken oder auch zeitgenössischen Wundertäters ausgeht“ (S. 119).

Die erkenntnistheoretische Crux des Nichtwissens

Der „Zauberwald der Dogmen“ (S. 233) suggeriert also diesen Ausweg: „Religion ist Ideologie“ (S. 310), „Glaube ist Aberglaube“ (S. 315), und eben auch das Christentum sei Esoterik (S. 322ff.). Von den Begrifflichkeiten her kann man das teilweise unterstützen, insofern man das systematische Argument gegenüber dem Moment der Abwertung vorzieht: In der Tat gibt es keinen Grund die aus dem römischen Recht stammende Kategorie der superstitio (Aberglauben) als wissenschaftlich differenzierend zu betrachten. Sie diente sowohl den Kirchen wie den Aufklärern als negative Schandmarke falscher Lehren. Und immer schon gab es unter den Aufklärern welche, die in ihrem Kampfeszug gegen Metaphysik und „magische Vorstellungen“ auch vor den konventionellen Kirchen nicht halt machen wollten. Ebensowenig sollte man annehmen, es gäbe ein sinnvolles Reden über „Ideologien“, welches vermeintlich gute „nicht-ideologische“ Lehren als ein Gegenüber zu kennen glaubt. Der Esoterik-Begriff ist ehehin problematisch (vgl. meine Renzension zu Henrik Bogdan: Western Esotericism and Rituals of Initiation).

Auch dies erklärt Kubitza gut: „Am Anfang stehen immer bestimmte Setzungen, die unhinterfragt hingenommen werden“ (S. 325). Doch zugleich beginnt an dieser Stelle eine gewisse Widersprüchlichkeit. Wo entsprechend künstliche Unterscheidungen zwischen Christen und Heiden, Hochreligionen und Kulten, wahren und falschen Religionen leicht für die religionswissenschaftliche Analyse als mehr oder weniger unbrauchbar in ihrer Werthaftigkeit herausgestellt werden können, wird dem Aberglauben noch eine „schärfere“ Tiefendimension beigegeben:

In unserem Zusammenhang ist das Wort Aberglauben schärfer gefasst. Es beschreibt eine Fehlorientierung im Lebensganzen, eine defizitäre Prämissenstruktur im Ich, dauerhafte Störungen im Wirklichkeitserleben, kurz: ein Leben unter falschen Voraussetzungen. (S. 316)

Insofern wird auch gelegentlich auf den Zuständigkeitsbereich der Psychiatrie und Psychologie verwiesen. Nun liefert Kubitza keine grundlegende Epistemologie. Er möchte für eine „kritische Offenheit“ (S. 321) eintreten, widerspricht aber energisch denjenigen, welche mit Argumenten zu kommen versuchen, die Wissenschaft sei selbst eine Form von Ideologie, Ausdruck einer einseitig mechanistischen, „verkopften“ Weltsicht (S. 120) bzw. es könnte Dinge geben, die noch nicht bewiesen, aber doch wahr seien (S. 121).

Es ist schon eine Frage, wie ernst man Erkenntnistheorie nehmen möchte. So kann man Kubitzas Satz von S. 325 entsprechend in der Betonung verschieben: „Am Anfang stehen immer bestimmte Setzungen, die unhinterfragt hingenommen werden“ müssen. Eine entsprechende logische Struktur, die von diesen unhinterfragbaren Prämissen ausgeht, mit ihrer Hilfe logische Schlüsse zieht – das ist im eigentlichen Sinn die rationale Methode. Es handelt sich dabei natürlich um ein Idealmodell, aber als solches muss es eben auch dem Umstand Rechnung tragen, dass alle naturwissenschaftliche Erkenntnis ebenso auf unhinterfragbaren Prämissen beruhen muss. Eine biologische Erklärung der Anatomie des menschlichen Erkenntnisapparates kann nicht zu den ersten Sätzen einer Erkenntnistheorie gehören, denn die investierten Wissenschaften müssten erst auf dieser Erkenntnistheorie selbst wiederum aufbauen. Die ansonsten vollzogenen Zirkelschlüsse sind höchstens komplexer als die religiösen Weltmodelle, aber ähnlich inkonsistent.

Nun soll das aber lediglich auf eben diese philosophische Inkonsistenz hinweisen, eine Grenze der bisherigen Erkenntnis, keineswegs geht es um eine Gleichgültigkeit in der Auswahl der nicht hinterfragten Prämissen, dennoch hinkt hier das Beispiel Kubitzas mit dem Geräusch im Dachbalken, das wahlweise auf Materialspannungen im Holz, ein Eichhörnchen oder Außerirdische mit Entmaterialisationstechnik zurückgeführt werden könne. Mit dem sprichwörtlichen Rasiermesser Wilhelms von Ockham ließe sich letzteres ausschließen: „Diese Erklärung benötigt viele Komplikationen, sie ist nicht sparsam“ (S. 118). Dennoch ist das eher ein stochastisches Argument. Das Beispiel lässt sich dabei einem spannenden Pendant einer Erzählung um einen alten Getreidespeicher im Zandeland gegenüberstellen, entnommen aus der Monographie E. E. Evans-Pritchards Witchcraft, Oracles and Magic among the Azande (1937). In dem Band „Magie. Die sozialwissenschaftliche Kontroverse über das Verstehen fremden Denkens“, herausgegeben von Hans G. Kippenberg und Brigitte Luchesi (1978),  gehen alle Autoren von dieser Episode aus, in welcher der Speicher zusammenbricht und von den Zande Hexerei dafür verantwortlich gemacht wurde. Die verschiedenen Beiträge  in diesem Klassiker kommen dabei zu interessanten unterschiedlichen Schlüssen.

Der Kontrapunkt

Was man Kubitzas Werk sehr zu gute halten muss, es ist spannend geschrieben, hat einen guten Humor und wenig Redundanz. Vielleicht ist es auch dieses Qualitätsmerkmal, was die Autoren der Gegenseite bisher in den Schatten stellt. Ein aktuelles Beispiel hoffte über unsere Adresse Werbemöglichkeiten zu finden, so erhielten wir ein Exemplar von „Gott und Jenseits – Irrtum oder Möglichkeit? Was wir in Einklang mit dem kritischen Denken vermuten dürfen“ (2005, vierte Auflage 2011). Hans Reiter, Diplomingenieur, publiziert dabei im Selbstverlag.

Inhaltlich findet sich eine Art Reformchristentum, etwa das leere Grab bei der Auferstehung sei „[e]ntgegen der christlichen Tradition […] ohne Bedeutung. Es sei unbedeutend, „ob das Grab an Ostern leer war oder nicht“ (S. 36). Ansonsten ist ein guter Teil des Buches eine Fallsammlung, deren besondere Eigenart ist, dass – obwohl die Stoßrichtung konträr ist – teilweise ähnliche Stimmen wie bei Kubitza zu Wort kommen. Nur gesellen sich zu den Neurologen etc. diverse Parapsychologen und Carl Gustav Jung. So hebt ein Kasten auf S. 201 hervor:

Das materialistische Bild des Menschen beschreibt nicht die ganze Wirklichkeit, sondern es stellt nur eine vereinfachte Sicht der Wirklichkeit dar. Dies belegen die paranormalen Phänomene. Unsere Psyche kann in Ausnahmefällen die Begrenzung durch Raum und Zeit überwinden. Der Mensch ist mehr als das, was wir über ihn wissen. Desweiteren[!] unterstützen die paranormalen Phänomene die Ansicht, dass außerordentliche religiöse Visionen und Wunder als der symbolische Hinweis auf eine transzendente Wirklichkeit zu deuten sind.

Es ist sozusagen genau diejenige Form von Kritik, wie sie Kubitza den Esoterikern zuschrieb, welche „der Wissenschaft“ Ideologie vorwerfen. Die Parapsychologie wäre sicherlich einmal einen eigenen Blogbeitrag wert, die bunte Vielfalt der von Reiter zitierten Autoren und die teilweise bestehenden Anfeindungen ihres Experteseins können hier ebenso nicht behandelt werden. Beim Wikipedia-Artikel zu einem davon, Rupert Sheldrake, bekannt durch seine Theorie der morphogenetischen Felder, wurde eine schön neutrale Formulierung gefunden: „Seine Hypothesen werden in den etablierten Naturwissenschaften weithin ignoriert und nur von einer Minderheit ernsthaft diskutiert“. Andererseits ist diese Minderheit einflussreich genug, so dass er nach einem Ausscheiden aus dem Universitätsbetrieb 1985 seit 2005 eine hohe Position in einem parapsychologischen Projekt des Trinity College in Cambridge erhalten konnte.

Unabhängig davon, ob man der Parapsychologie Schmutzeffekte vorwirft oder gar absichtliche Fälschung und auch wenn die Theorien solcher Art einen ähnlichen Kreativitätsinput aufweisen wie die astrophysischen Theorien um Dunkle Energie oder kosmische Strings, die Beweisführungen Reiters sind genauso erkenntnistheoretisch verkürzt wie im religionskritischen Beispiel oben. Weder lässt sich streng genommen ein entsprechender sogenannter „Wahn“ falsifizieren, noch etwas zum „[V]ermuten [D]ürfen“ verifizieren.

In einem Punkt bringt das auch Reiter, den Filmemacher Joachim Faulstich („Jenseitsreisen“, „Das heilende Bewusstsein“ bei ARD und 3sat) zitierend:

Die entscheidende Frage lautet: „Sind bestimmte neurale Vorgänge die alleinige Ursache der Spiritualität oder bewirkt umgekehrt die Spiritualität bestimmte Gehirnprozesse?“. Eine befriedende Antwort ist derzeit nicht möglich. (S. 327)

Streng genommen ist sie nie möglich.

Christoph Wagenseil

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4 Kommentare:

  1. Hi Ich vermisse den Facebook Gefaellt mir Button? 🙂

  2. Schöner Beitrag.

    @Leon: ich vermisse den Button nicht. Der trackt mir zuviel mit, funkt also zu sehr nach Hause und zwar auch ohne, dass man draufklickt.

  3. Pingback: Natur des Glaubens? Die Kontroverse um die Evolutionary Religious Studies « REMID Blog

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