Live von einer Feldforschung in Uganda

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Lydia Koblofsky und Johannes Maaser sind KulturwissenschaftlerInnen und AbsolventInnen des Marburger Masterstudiengangs Friedens- und Konfliktforschung. Von Dezember 2010 bis Juni 2011 arbeiteten sie als Volunteers für das Peace and Conflict Studies Programme der Makerere University in Ugandas Hauptstadt Kampala. Kurz vor Ende ihres Aufenthalts in Afrika stellen sich die beiden für ein Interview zur Verfügung.

Moschee in Jinja

Moschee in Jinja

Wie war es für Euch, einige Zeit in Uganda zu leben?

In Uganda haben wir in einem Appartment in der Hauptstadt Kampala gelebt, sind aber öfter auch in rurale Gebiete gereist. Das war für uns definitiv eine eindrückliche Erfahrung der Widersprüche des frühen 21. Jahrhunderts. Vielleicht lässt sich dieses etwas abstrakte Empfinden mit der Phrase vom Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne greifbarer machen: Wir haben den ugandischen Kontext als eine bunte Mixtur aus starren Hierarchien, geschätzten Traditionen und der chaotischen Anarchie des postmodernen (Großstadt)Lebens kennengelernt. In der ugandischen Gesellschaft orientiert sich alles und jede(r) entlang von Gruppenbezügen, das Individuum ist ein Begriff, dessen Konzept hier wenig praktische Entsprechung findet. Die Position und auch stark das Selbstverständnis der Person ergeben sich aus der Organisation der Kollektive Familie, “Clan”, “Tribe”. Als “Westler” trafen wir in diesem gemeinschaftlich ausgerichteten Gefüge oft auf sehr “fremde” Vorstellungen von Öffentlichem und Privatem, von Nähe und Distanz.

Politisch waren unsere sechs Monate hier sehr turbulent. Im Februar 2011 haben wir die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen miterlebt; zuvor natürlich den Wahlkampf – wobei der “Kampf” teilweise wörtlich verstanden wurde. Die seit 25 Jahren amtierende Regierung um den Präsidenten Yoweri Museveni hat sich mit fast 70-prozentiger Mehrheit in den Ämtern bestätigen lassen. Seit Mitte April gibt es offenen Protest wegen enorm gestiegener Benzin- und Lebensmittelpreise. Während unseres Aufenthalts hier haben sich die Preise für manche Grundnahrungsmittel verdreifacht! Derzeit bewegt sich deshalb einiges auf den Straßen, aber der große Wandel des Systems wird vermutlich ausbleiben. Die Mächtigen haben schon einige Krisen ausgestanden und sitzen trotz allem noch immer recht fest im Sattel.

Persönlich werden wir unseren Ugandaaufenthalt ganz sicher als große Bereicherung verbuchen. Von der Offenheit und dem ehrlichen Interesse, dass uns von Seiten unserer “Gastgeber” entgegen gebracht wurde, durften wir immer viel mitnehmen!

Erzählt doch kurz, wie es dazu kam und worum es bei dem Projekt, bei dem Ihr mitgewirkt habt, gegangen ist.

Der erste Impuls, “ausgerechnet” nach Uganda zu gehen, kam über einen persönlichen Kontakt. 2009 hatten wir in Österreich am European University Center for Peace Studies eine Uganderin kennen gelernt, die im Norden des Landes mit Ex-KindersoldatInnen und deren Kindern arbeitet. Ugandas Norden ist von über 20 Jahren Bürgerkrieg gezeichnet. Erst seit 2006 wird eine Waffenruhe zwischen den Regierungstruppen und der dominanten Rebellengruppe, Lords Resistance Army (LRA), eingehalten.

Ursprünglich war geplant, in genanntem Projekt in Norduganda mitzuarbeiten – dieses Vorhaben hat sich jedoch im ersten Jahresdrittel 2010 zerschlagen. Da wir nun aber gewissermaßen bereits in den Kontext involviert, über Hintergründe informiert und zum “Weggehen” motiviert waren, wollten wir unseren Ugandaaufenthalt nicht einfach ad acta legen. Auf der Suche nach Alternativen bot sich für uns als AbsolventInnen des Marburger Masterstudiengangs “Friedens- und Konfliktforschung” aus fachlichem Interesse und organisatorischen Gründen eine Mitarbeit am Peace and Conflict Studies Programme der Makerere University an. Unsere Arbeit an Ostafrikas ältester und nach wie vor größter Universität umfasste “klassische” Aufgaben im akademischen Feld: Wissenschaftliche Recherchen, Betreuung von Studierenden, das Beantragen von Projektgeldern bzw. das Verfassen entsprechender Anträge. Lydia arbeitet derzeit auch noch an einer Studie zur Reichweite des hiesigen Peace Studies Programms.
Anders als die meisten Universitäten in Deutschland versucht das Peace Center der Makerere Universität mit seinen Projekten auch direkt die Bevölkerung zu erreichen. Dies vor allem im Rahmen von Peace Education und Mediationstrainings für Menschen in hohen politischen und sozialen Positionen, wie LokalpolitikerInnen, Polizeioffiziere oder Religionsoberhäupter. Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in Uganda geht es hierbei um die Verhinderung bzw. den Umgang mit manifester Gewalt. Sicherlich ein sinnvoller Ansatz, in dessen Rahmen auch wir an Workshops mitwirken konnten.

Da es bei REMID insbesondere um Religionen geht, spielten diese eine Rolle für Eure Arbeit?

Die ugandische Gesellschaft ist extrem fragmentiert. Es gibt etwa 50 ethnische Gruppen und Sprachen. Neben regionalen Bezügen ist Religion dabei einer “der” Marker für Zugehörigkeit und Distinktion. Dementsprechend spielt Religion immer eine Rolle – auch im universitären Umfeld.

An der Philipps-Universität in Marburg wird “Friedens- und Konfliktforschung” in erster Linie als akademische Disziplin verstanden. Das Fach konzentriert sich auf die systematische und vergleichende Analyse unterschiedlicher Konfliktkontexte. Im Gegensatz dazu ist das Selbstverständnis der “Peace Studies” hier ganz eindeutig normativ – alle WissenschaftlerInnen, TrainerInnen und Studierenden des Makerere Peace Centers suchen stets nach Möglichkeiten, direkt friedensfördernd auf ihre eigene Gesellschaft einzuwirken. Religion bietet dafür vielen die Motivationsquelle. Das Peace Center ist unter dem institutionellen Dach der Religionswissenschaft [Religious Studies] beheimatet und organisiert regelmäßig interreligiöse Dialoge, zu denen auch politische VertreterInnen eingeladen werden. Einige der Lehrenden sind Priester, PredigerInnen oder Imame.

Wie stellte sich die religiöse Vielfalt Ugandas für Euch dar?

Unser direkter “Vorgesetzter”, der Koordinator des Peace Centers Makerere, ist christlicher Theologe und Religionswissenschaftler; der in der Hierarchie Nächsthöhere, unser “Head of Department”, ist Imam und Islamwissenschaftler. Allein diese personelle Konstellation verrät vielleicht schon einiges über die Vielfalt an religiösem Leben in Uganda.
Über nordafrikanische Sklavenhändler, die zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Uganda ihrem grausamen Geschäft nachgingen, verbreitete sich der Islam im Land noch vor dem Christentum. Gute 12% der UganderInnen werden heute als Muslime gezählt.

Der Beginn der Christianisierung des Landes wird auf 1877 angesetzt. Laut Statistik zählen sich knapp 42% der Bevölkerung zur Römisch-Katholischen Kirche. In etwa gleichviele gelten als Protestanten, wobei die Anglikanische Kirche mit Abstand die meisten Mitglieder hat, aber auch Pfingstkirchen und Siebenten-Tags-Adventisten sind durchaus große Gruppen. Der Einfluss charismatischer christlicher Richtungen reicht weit in die katholische und anglikanische Kirche hinein. Auch sogenannte “traditional beliefs” verschmelzen häufig mit formellem Christentum.

Auffällig im Straßenbild der ugandischen Städte sind die Hindu-Tempel. Indische Gemeinschaften, die von der britischen Kolonialmacht als Verwaltungskräfte und Händler nach Ostafrika geholt wurden, brachten verschiedene Glaubensrichtungen des Buddhismus, Hinduismus und Sikhismus in den hiesigen Kontext ein.
In der Alltagskultur sind religiöse Bezüge fest verwurzelt. Die Matatus und Boda Bodas, die landesüblichen Sammel- und Motorradtaxis, sind fast alle mit religiösen Slogans wie “God is Great”, “Jesus Cares” oder “Insha Allah” geschmückt. Darüber hinaus ist es nicht unüblich, dass Geschäfte z.B. “Fear God Electro”, “His Grace Stationeries” oder “God is mighty butchery” heißen. Außerdem sind manche PredigerInnen wahre Superstars, füllen ganze Hallen und werben mit riesigen Plakaten und aufwendig gestalteten Flyern für ihre Gottesdienste. Weiterhin sind verschiedentste “Heiler-” oder “Witch-Doctor-Phänomene” verbreitet – auch in der Metropole Kampala. Wer sich den Fuß bricht, eine Frau sucht oder unliebsame Verwandte abstrafen möchte, für diejenige oder denjenigen ist der Gang zu einem spirituellen Medium durchaus eine ernstzunehmende Option.

Die klare Mehrheit der dominanten christlichen Religionen sind stark auf das emotionale Erlebnis und gruppendynamische Elemente in den Ritualen ausgerichtet. Wir haben zwar keine systematischen Studien angestellt, aber häufig Gottesdienste diverser Gemeinden besucht und einige Schätze für die Erfahrungstruhe gesammelt…

Prophet Samuel Kakande von the Synagogue Uganda Church of All Nations

Prophet Samuel Kakande von the Synagogue Uganda Church of All Nations

Gab es diesbezüglich besondere Erlebnisse?

Nach mehreren Besuchen verschiedenster Kirchen in Laufdistanz zu unserem Wohnort (das sind tatsächlich einige)  hat uns ein Kollege in seine Gemeinde mitgenommen. Bereits vor dem Gottesdienst hatten wir ihn auf die Gründe für das Fehlen eines Kreuzes oder sonstiger christlicher Symbole im Raum angesprochen. Stattdessen hingen an den Wänden der Wellblechkirche Fotos des Kirchengründers/Pastors. An Stelle geistlicher Inhalte wurde primär Unterhaltung geboten, ein sehr guter Chor und drei Stunden lang Singen und Klatschen.  In Zeugnissen, die zu Beginn des Gottesdienstes von drei Gemeindemitgliedern gegeben wurden, ging es ausschließlich um individuellen materiellen Aufstieg. Innerhalb dieses einzigen Gottesdienstes wurde dreimal für die eigene Kirche gespendet. Die Wichtigkeit dieser Spenden war zentraler Gegenstand der “Predigt”, aber außer der eigenen Existenz scheint das besagte “Kenneth Kato Ministry” keinerlei soziale oder andere Projekte zu unterhalten. Man erfuhr, dass die Kirche nun seit vier Jahren besteht. Der Schlusssatz des Pastors: “Thank you for believing in us, amen” – nun ja.

Seht Ihr bezüglich Religionen auch problematische Entwicklungen?

In Marburg haben wir uns seit etwa zwei Jahren mit Befreiungstheologie beschäftigt. Daraus erwuchs noch vor unserer Reise nach Uganda die Frage, ob es – bei über 80% “Christen” im Land – dort eine ähnliche theologische Richtung wie diejenige in Lateinamerika geben könnte.
Leider mussten wir jedoch feststellen, dass die meisten religiösen Gruppierungen hier ganz und gar nicht emanzipatorisch, sondern im Gegenteil höchst reaktionär sind.

Eine Entwicklung, die sich hier sehr deutlich abzeichnet und die wir persönlich in der Tat als hochproblematisch empfinden, besteht aus den fast wie Pilze aus dem Boden schießenden kleinen Kirchen, die sich stark am Stil und der Ästhetik der charismatischen nordamerikanischen Kirchen orientieren. Insbesondere viele der (oft sehr jungen) evangelikalen Gemeinden sind strukturell wohl überwiegend Macht- und Bereicherungsinstrumente für einzelne Individuen und vertreten teils keinerlei verbindliche theologische Positionen. Dabei handelt es sich um sogenannte “Prosperity Churches”, Wohlstandskirchen.
Angesichts eines durchschnittlichen Einkommens von weniger als zwei US-Dollar am Tag mag es vielleicht verständlich sein, dass manchen Menschen die Hoffnung auf Wohlstand attraktiver erscheint als eine befreiungstheologische Kirche, deren “Option für die Armen” auf die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse abzielt.

Andererseits treiben diese “Prosperity Churches” wirklich obzöne Blüten. Beispielsweise gibt es in Kampala inoffizielle “Wettbewerbe” zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gemeinden, welcher der Pastoren sich die größere Luxuskarosse leisten kann. Das größere Auto wird dann als Zeichen größerer Gottgefälligkeit interpretiert. Das Geld dafür kommt natürlich von den Kirchenmitgliedern. Wenn wir solche Dinge mitbekommen, dann fällt es uns sehr schwer, das objektiv als Ausprägung einer bestimmten Form von Religiosität zu betrachten. Die Machtposition und auch materielle Zuwendung, die einige PredigerInnen (die oft keinerlei theologische Ausbildung haben) hier erhalten, empfinden wir als hochproblematisch – als eine offene Form der Ausbeutung.

"God is able"

"God is able"

Welchen Stellenwert haben die Religionen Ugandas in der dortigen politischen Kultur?

Wie in nahezu jedem gesellschaftlichen Sektor ist Religion auch in der ugandischen Politik höchst präsent und meist verknüpft mit ethnischen Kategorien. Diese Verquickung von Politik mit ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten bildet in mancherlei Hinsicht eine administrative und ökonomische Bevorzugung bestimmter Gruppen unter der britischen Kolonialherrschaft ab. In der ersten unabhängigen ugandischen Regierung 1962 waren alle Parteien konfessionell-regional antagonistisch ausgerichtet. Zumindest als Tendenz hat sich dies als historische Konstante gehalten und in den letzten Jahren unter der aktuellen Regierung wieder verstärkt. Auch haben religiöse FührerInnen einen starken Einfluss auf die Politik. Dazu können wir zum Abschluss noch eine kleine aufgeschnappte Anekodote zum besten geben, die zwar schon einige Jahre auf dem Buckel hat, aber – wie wir finden – ganz gut den Stellenwert und Einfluss der Religion in Politik und Gesellschaft verdeutlicht: Als Präsident Yoweri Museveni nach einem Guerillakrieg im Januar 1986 die Macht in Uganda übernahm, lebte er mit einer Revolutionsgefährtin zusammen. Frau und Kinder waren nach wie vor im Exil in Kenia und sollten dort, Musevenis Bedürfnissen nach, auch gerne bleiben. Dass das Staatsoberhaupt damit offenen Ehebruch vorlebte, fand allerdings der anglikanische Bischof überhaupt nicht hinnehmbar. Dieser Druck seitens der Kirche muss so immens gewesen sein, dass der Präsident sich schliesslich von seiner Genossin trennte und Frau und Kinder zurückholte. Wohlgemerkt: Es handelte sich bei Museveni damals um einen marxistisch-maoistisch inspirierten Revolutionär an der Staatspitze!

Danke für das Interview.
Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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Ein Kommentar:

  1. Pingback: Konfliktfaktor Religion? Der Beitrag der Friedens- und Konfliktforschung am Beispiel eines Sammelbandes zu Südasien « REMID Blog

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