Rumänische Kultur, Orthodoxie und der Westen

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Orthodoxie bezeichnet eigentlich die „rechte Lehre“.  Dabei weiß kaum ein Katholik oder Protestant, warum eigentlich dieser Begriff für die Ostkirchen gebräuchlich ist. Noch weniger ist bekannt über die Gegenwart dieser christlichen Richtungen in der Moderne.
Nicolai Staab konnte kürzlich erst seine Promotion im Fach Religionswissenschaft am Lehrstuhl für Orthodoxes Christentum der Philosophischen Fakultät an der Universität Erfurt abschließen: „Rumänische Kultur, Orthodoxie und der Westen. Der Diskurs um die nationale Identität in Rumänien aus der Zwischenkriegszeit“. Schon 2004 konnte er während eines DAAD-geförderten Recherche-Aufenthaltes in Rumänien Eindrücke sammeln. Daraus entstand die Magisterarbeit „Die unierte Kirche in Rumänien 1948-1989“.

Herr Staab, Ihre gerade abgeschlossene Dissertation beschäftigt sich mit: „Rumänische Kultur, Orthodoxie und der Westen: Identitätsdiskurse aus der Zwischenkriegszeit“. Was macht die Orthodoxie in Rumänien im Bezug zum „Westen“ aus?

Der aktuelle Titel der Arbeit und der kommenden Publikation beim Peter Lang Verlag lautet „Rumänische Kultur, Orthodoxie und der Westen: der Diskurs um die nationale Identität in Rumänien aus der Zwischenkriegszeit“. Im Gegensatz zu den Völkern, die mehrheitlich einer anderen orthodoxen Nationalkirche angehören, geographisch, sprachlich und historisch deutlicher im „Osten“ gelegen sind, ist das Verhältnis des Selbstverständnisses der Rumänen ein zwiespältiges. Zwar gab es in der Vergangenheit und auch heute ein Verbundenheitsgefühl mit den anderen mehrheitlich orthodoxen Völkern, wie z. B. den Serben, was auch an den öffentlichen Reaktionen zu den NATO-Bombardements während des Krieges in Jugoslawien zu erkennen war. Sogar anti-westliche Ressentiments und Strömungen sind zu erkennen, trotzdem ist auch die Vorstellung der Rumänen als „Mittler zwischen Ost und West“ sehr ausgeprägt. Das liegt vor allem an der lateinischen Herkunft der rumänischen Sprache, aber auch an den zahlreichen, Jahrhunderte währenden Kulturkontakten mit Gesellschaften, die westlich von Rumänien gelegen sind. Im 19. Jahrhundert gab es unter den rumänischen Eliten, wie auch in Russland und vielen anderen europäischen Ländern eine ausgeprägte Frankophilie. Nicht vergessen darf man auch die österreichisch-habsburgische Vergangenheit Siebenbürgens, des Banats und der Bukowina, Landesteilen, in denen noch heute deutsche und ungarische Minderheiten leben. Aber dies ist natürlich auch eine Medaille mit zwei Seiten, denn die Habsburger Herrschaft galt eben auch als Fremdherrschaft durch fremdsprachige Katholiken.

Wie kann man die Entwicklungen seit der „Zwischenkriegszeit“ skizzieren?

Die Entwicklungen, welche der rumänische Staat und seine Gesellschaft nach dem Anschluss der ehemaligen Habsburgischen Gebiete und Bessarabiens in Folge des Ersten Weltkrieges nahmen, wurden durch den von Russland ab 1944 aufoktroyierten Herrschafts- und Systemwechsel jäh unterbrochen. Bis auf wenige Modernisierungen im Bereich Industrie, Technologie, Gender und in noch geringerem Umfang Moral und Religiosität, welche die kommunistische Periode mit sich brachte, machte Rumänien ab 1990 im Grunde dort weiter, wo es mit Beginn der faschistischen Antonescu-Diktatur 1940 aufgehört hatte. Auch heute ist das Land in Sachen Demokratie, Infrastruktur, Sozialwesen, Technologie und Volkswirtschaft immer noch auf Aufholjagd. In der Zwischenkriegszeit steckte die Demokratie in Rumänien, wie fast überall auf dem europäischen Festland, möchte ich sagen, noch in den Kinderschuhen. Es gab bei weitem keinen gesellschaftlichen Konsens zu diesem politischen System. Politiker fanden in der breiten Masse nur dann Anerkennung, wenn sie Autorität demonstrierten. Insgesamt war das politische System äußerst unstabil. Auch über die Richtung der kulturellen und politisch-ideologischen Orientierungen war man sich uneinig. Sollte man sich an westlichen Modellen wie liberale republikanische Demokratie (Frankreich) orientieren oder eher an der parlamentarischen Monarchie (was man zunächst tat), oder gar am italienischen oder deutschen Faschismus (später mit Antonescu) oder am russischen Bolschewismus oder sollte man sich gar ein Beispiel am Slawophilismus nehmen und einen eigenen, möglichst unabhängigen, autochthonen Weg finden (also auch OHNE Übernahmen von Elementen, die als spezifisch slawisch angesehen wurden), was eher die Linie Nae Ionescus und Mircea Eliades war [zu diesen Personen später mehr; Anm. C.W.], wobei auch gewisse faschistische Anklänge zu vernehmen waren.

Wie verhält sich eigentlich die Orthodoxie zu anderen Religionen in Rumänien?

Statistisch gehören etwa 87% der Bevölkerung des Landes der Rumänischen Orthodoxen Kirche an. In der Zwischenkriegszeit war es ähnlich. Rechtlich wurde die Rumänisch Orthodoxe Kirche durch die Verfassung von 1923 und im Kultgesetz von 1928 [auf dt. auch „allgemeines Kultusgesetz“; Anm. C.W.] als „dominante“ Religionsgemeinschaft bezeichnet. Was das genau bedeutete, wurde nicht richtig festgeschrieben. Faktisch besaß sie einige Privilegien gegenüber den anderen anerkannten Kulten und nur der Griechisch-katholischen Kirche gelang es nach einigen Debatten, sich einen annähernd gleichen Status einzufordern. Die Griechisch-katholische, auch genannt Unierte Kirche geht auf die unter politischem Druck durch die Habsburger um 1700 in Siebenbürgen vollzogene Union eines Teils der Orthodoxen Kirche mit der Römisch-katholischen zurück. Diese Kirche folgt weiterhin dem Byzantinischen Ritus, erkennt als ihr Oberhaupt aber den Papst in Rom an. Aufgrund dieser Umstände galt sie noch in der Zwischenkriegszeit unter den rumänischen Orthodoxisten als Fehlentwicklung, die rückgängig gemacht werden muss, wenn nicht gar als Versammlungsort von Volksverrätern. Viele Intellektuelle, in deren nationalem Selbstbild als einzige Konfession die Orthodoxie zulässig war, polemisierten heftig gegen diese Unierte Kirche und ihre Anhänger. Doch waren auch die Polemiken einiger Vertreter der unierten Seite nicht von Pappe. Schließlich entschloss sich ausgerechnet die kommunistisch dominierte Regierung unter Petru Groza dazu, die Unierte Kirche per Dekret im Jahr 1948 wieder als vollständig in die Orthodoxe Kirche zurückgeführt zu erklären. Jene Kirchenmitglieder, die dies nicht anerkannten, vor allem die Kleriker, mussten mit Verfolgung rechnen. Die Motivation dieser Regierung, von der man als Außenstehender eine eher auf säkulare Dinge konzentrierte Politik erwarten würde, war sicherlich, die orthodoxistisch-nationalistischen Kräfte, die eben auch anti-kommunistisch, oder zumindest kommunismuskritisch eingestellt waren, zu besänftigen.

Einige Angehörige der Unierten Kirche organisierten ihr Gemeindeleben im Untergrund. Nach dem Sturz Ceausescus 1989 wurde die Griechisch-katholische Kirche in Rumänien offiziell wieder zugelassen, verfügt jetzt aber über weniger Mitglieder als vor ihrer Zwangsrückführung. Die aktuelle religiöse Konstellation in Rumänien sieht eine Dreigliederung des Status‘ von Religionsgemeinschaften vor: die dominante Kultgemeinschaft ist weiterhin die Rumänisch-Orthodoxe Kirche, zusätzlich zu ihr erkennt das aktuelle rumänische Kultusgesetz 17 weitere Kulte an, wobei  es sich um diejenigen handelt, die über eine historische Tradition auf dem Territorium des heutigen rumänischen Nationalstaates verfügen oder denen aus anderen Gründen eine für die rumänische Gesellschaft prägende historische Rolle zuerkannt wird. Alle anderen Religionsgemeinschaften, die in Rumänien missionarisch oder öffentlich aktiv werden wollen, haben es schwer. Doch können rein statistisch davon nicht viele Menschen betroffen sein, denn nach dem letzten nationalen Zensus von 2002 bleiben bei Abzug aller Befragten, die sich zu einem der 18 anerkannten Kulte bekannten, ohnehin nur noch 1,2% der Gesamtbevölkerung übrig. Bleibt die Haltung des Staates gegenüber neuen religiösen Bewegungen allerdings weiterhin so engstirnig, wird sich daran in absehbarer Zeit auch nicht viel ändern.

Vielen Religionswissenschaftlern fällt ja bei Rumänien zunächst Mircea Eliade ein. Er wurde ja auch bereits kurz erwähnt. Hannah Müller hatte ihrer Zeit über die rumänische Zeit von Mircea Eliade geforscht. Teilen Sie ihre Ansicht, dass er eher als Religionsphilosoph, denn als Religionswissenschaftler zu betrachten sei?

Mit der Chicagoer Zeit Eliades habe ich mich kaum beschäftigt. Daher will ich mich zu dieser Phase nicht äußern. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Eliade noch in keinen universitären religionswissenschaftlichen Fachbereich integriert und verdiente seine Brötchen hauptsächlich als Romanautor und Journalist bei rumänischen Periodika, unter anderem der Tageszeitung Cuvântul des Philosophen Nae Ionescu, als dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter er auch an der Uni Bukarest für eine Weile tätig war. Zwar unternahm Eliade in der Zwischenkriegszeit schon Indienreisen, bezog sich in seinen Beiträgen zum Diskurs um die nationale Identität der Rumänen nicht darauf. Diese Beiträge waren eher (kultur-)politischer Art, auch wenn Eliade sich bemühte, zu bekräftigen, er sei kein politischer Mensch. Seine Magisterarbeit hatte er über die Philosophie der Renaissance geschrieben. Mit der Geschichte, i. e. mit historischem Denken stand er zu jener Zeit besonders arg auf dem Kriegsfuß, weil er es als Folge der modernen Strömungen von Materialismus und Rationalismus betrachtete, und daher als untypisch und schädlich für sein Volk bewertete. Was wir heute unter Religionswissenschaft und Kulturwissenschaften generell verstehen, wäre überhaupt nicht im Sinne Eliades gewesen. Seiner Ansicht nach sollten Philosophie und Philologie auch immer einen Anteil Theologie enthalten.

Sind Eliade und Nae Ionescu typische Vertreter der Identitätsdiskurse Rumäniens damals bzw. bis heute?

Das gilt in Bezug auf Eliade vielleicht sogar noch mehr für heute als für damals, aufgrund seiner gestiegenen internationalen Popularität. Einschlägige Texte von beiden Autoren wurden nach der Wende massenweise neu aufgelegt. Dazu muss man sagen, dass Eliade nicht sehr viele Beiträge zum Diskurs verfasste und sich dabei weitgehend darauf beschränkte, die Ideen seines geistigen Vaters Ionescu zu reproduzieren und auszubauen. Es ist interessant, die aktuelle Rezeption dieser Texte in Rumänien zu beobachten, denn es gibt zu den Beiträgen beider Autoren sowohl affirmative als auch ausgesprochen kritische Publikationen.

Ist das Thema christliche Orthodoxie sowie orientalische Kirchen eigentlich so etwas wie ein Stiefkind der Religionswissenschaft?

Diesen Eindruck habe ich.

Woran könnte das liegen?

Zum einen denke ich, liegt das an der schon lange verbreiteten Konsens zwischen Religionswissenschaftlern und Theologen, sich nicht in die Affären der jeweils anderen einzumischen. Wer sich religionswissenschaftlich für das Christentum interessiert, soll sich an die kirchengeschichtliche und kirchensoziologische Arbeit der theologischen Fakultäten halten, den Rest übernehmen die Religionswissenschaftler an ihren jeweiligen Fakultäten. Dabei hat man jedoch übersehen: die theologischen Lehrstühle in Deutschland sind fast ausschließlich den beiden in der BRD größten christlichen Konfessionen gewidmet, die in Deutschland traditionell am weitesten verbreitet sind: der katholischen und der protestantischen. Sieht man mal von vereinzelt vorkommenden und sich im Nirwana von Bologna auflösenden Orchideenfächern wie „Sprachen und Kulturen des christlichen Orients“ einmal ab, gibt es wenig religions-, kultur- oder sozialwissenschaftliche Kompetenz im Gebiet der orientalischen und orthodoxen Kirchen. Die wenigen Lehrstühle für Orthodoxe Theologie sind zu sehr mit den theologischen Kernaufgaben wie Priester- und Religionslehrerausbildung beschäftigt, als dass sie den Bedarf nach den besagten Kompetenzen decken könnten. Vor der Einrichtung des religionswissenschaftlichen Lehrstuhls für Kulturgeschichte des Orthodoxen Christentums an der Universität Erfurt Ende der 1990er Jahre stammten die wenigen Wissenschaftler in Deutschland, die versuchten, sich geschichts-, kultur- und sozialwissenschaftlich mit der Orthodoxie auseinanderzusetzen, einige verstreute Historiker und Sozialwissenschaftler mit entsprechenden regionalen Schwerpunkten sowie vielleicht einige wenige katholische und protestantische Theologen, wobei bei aus den Arbeiten der Letzteren doch meist die Perspektive des Ökumenismus mehr oder weniger deutlich hervorblitzt.

Welche Themen beschäftigen Sie aktuell?

Aktuell arbeite ich noch an einigen kleineren Publikationen, die sich thematisch im Themenfeld meiner Dissertation bewegen. Darüber hinaus plane ich ein neues Projekt, das die Rolle religionswissenschaftlicher Kompetenz im Bereich des innerbetrieblichen Diversity-Managements erörtern soll.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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Ein Kommentar:

  1. Pingback: Religion in Ex-Position: Eine religionswissenschaftliche Ausstellung « REMID Blog

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