23. Juli 2011

Boko Haram – neue Semantiken im Spiegel ihrer Mediendeutungen


Die Worte “Boko Haram” tauchen seit einiger Zeit in den Medien auf, am 27. Juni ging es um “Anschläge auf Bierlokale in Nigeria”, am 12. Juli darum, dass eine Universität “aus Angst vor den Islamisten” schließe. Beide Meldungen stammen von der Agentur DPA, die “Anschläge” zusätzlich von Reuters, bei Googe-News druckten diese 167 Medien ab, die andere Meldung nur 16. Bei der taz gab es schließlich am 20. Juli einen zusammenfassenden Artikel, der mit einer möglichen Übersetzung der Worte betitelt war: “Westliche Bildung ist Sünde”. Wikipedia kennt noch weitere Übersetzungsvorschläge für den ehemaligen Titel der “Organisation der Anhänger der Lehren des Propheten Mohammed und die Meister des Islams und der Heiligen Kriege”: am 27. Juli 2009 D. Johnson ebenfalls in der taz: “Bücher sind Sünde”, in der BBC einen Tag zuvor: “In the local Hausa language Boko Haram means ‘Western education prohibited’”, am 13. Juli 2010 auf der Webpräsenz der Tagesschau: “Die moderne Erziehung ist eine Sünde”.  Doch worum geht es denn nun?

Was die Speisevorschriften des Islam betrifft, so erläuterte bereits Georgia Herold auf dem religionswissenschaftlichen Blog der Studierenden der LMU München am 1. Sept. 2009 die Bedeutung des arabischen Wortpaares halal / haram für das Konzept des Islamic Banking. Ein entsprechendes Angebot sollte in Mannheim ab dem Januar 2010 realisiert werden. Die Autorin erklärt dies mittels einer Lektüre von Adel Th. Khoury  (Der Islam. sein Glaube, seine Lebensordnung, sein Anspruch. Freiburg 1988):

Zum Bankwesen erläutert Khoury: Die muslimischen Banken setzen das Kapital ständig ein z.B. für Geschäftsgründungen; sie bleiben in der Haftung ebenso wie der Kapitalanleger. Ist das Projekt erfolgreich, gewinnen beide, bei Verlust haben beide verloren. Immer wird das Projekt den Vorschriften der Scharia angepasst, d.h. die eventuell gegründeten Fonds sind nicht mit haram belastet wie Alkohol, Sex, Tabak, Glücksspiel, Versicherungen, Rauschmittel u.a. Aus dem Gewinn der Bank, so verstehe ich Khoury, kann ein Kredit gewährt werden in Form eines Kaufvertrages, damit das Zinsverbot nicht missachtet wird.

Etwa die Bundesstelle für politische Bildung zitiert in ihrem Glossar “Jugendkultur, Islam und Demokratie” bzgl. des Begriffspaares den Blog der Sozial- und Islamwissenschaftler von ufuq.de:

Halal und haram sind Begriffe aus dem islamischen Recht. Halal sind religiös “statthafte” oder “erlaubte” Verhaltensweisen, während haram Verbotenes bezeichnet. In dieser Bedeutung sind die beiden arabischen Begriffe Muslimen weltweit vertraut. [...]

Weit größere Bedeutung im Alltag vieler Muslime hat jedoch der auch von Jugendlichen sehr häufig verwendete Begriff haram – und zwar in der Bedeutung von “Schande”. Bezeichnet werden damit Verhaltensformen, die aus religiösen wie traditionell geprägtem Empfinden als verwerflich oder unschicklich betrachtet werden. Hier verbinden sich oft tief verwurzelte religiöse und traditionelle Normen und Einstellungen – sehr oft geht es dabei um den Ruf und das Ansehen der Familie oder das Verhalten “zwischen den Geschlechtern”.

Der  Begriff “Boko” ist eine Haussa-Adaption des englischen Wortes “book” und verweist auf die Einführung eines lateinischen “Boko-Alphabets” durch die Kolonialisten im 19. Jh. (das in Nigeria in Konkurrenz zum arabischen Schriftsystem an den Islamschulen steht), ein Haussa-Wörterbuch erläutert dieses Lemma folgendermaßen:

boko
[bo/ko"] {n.m.}.
1. (a) Doing anything to create impression that one is better off, or that t. is of better quality or larger in amount than is the case, e.g. half filling vessel with pieces of corn-stalk or sticks and placing food on top to make it appear a big present, e.g. an yi wa ka’bakin nan b.; smearing round stopper of bottle with scent superior to that inside, e.g. an yi wa turaran nan b., &c.
(b) Anything so treated, e.g. wannan turare b. ne.
2. b. na/ yi masa, I assented to what he said merely to get rid of him, and not because I accepted it as true or believed it.
3. (a) yarinyan nan biri b. ta ke yi, this girl is making believe she has a large number of bands of beads, &c., round her loins (having ropes, &c., instead).
(b) kada ka yi mini b.b., do not try to mislead, hoodwink me.
4. [ma>n ka/+da+nya", ba/> cu/>, ba/> bo/+ko"], a cry of hawkers of shea butter, ‘shea butter which has not been adulterated or puffed out’.
5. rufin k’ofan nan b. ne, the door has not been quite closed.
6. amaryar b., a sham bride, who impersonates the real one in a bridal procession, the real one having been previously taken to her husband’s home on the quiet.
7. karatun b., any reading or education which is not connected with Islam. 8. k’waryar b., a calabash which proves empty when supposed to contain something. 9. makarantar b. {n.f.}, any Government or Native Administration School or establishment where reading, &c., in Roman character is taught. 10. yak’in b., army manoeuvres; sham fight; mimic warfare. 11. (Eng.) Book.

Als kurze Paraphrase: Boko das ist: Vorspiegeln falscher Umstände (man fühlt sich erinnert an das Indianerliteraturmotiv der Rede von der gespaltenen Zunge des weißen Mannes, allerdings auch an Werbung und Marketing); phatische Reden der Akzeptanz, also das Abnicken, um jemanden loszuwerden; ein Mädchen gibt vor, viel Schmuck etc. zu besitzen; Händler preisen ihre Speisen an, nicht boko zu sein; boko meint aber auch Lärm; ein Ausdruck im Kontext von Scheinehen, um in einem Industrieland bleiben zu können; alles Lesematerial und jede Erziehung / Bildung, die nicht islamisch ist / sind; ein leeres Trinkgefäß, das als gefüllt angepriesen wurde; jede Regierung, Einrichtung, Institution, welche ein lateinisches Alphabet verwendet; Kriegsmanöver, Scheingefechte und Angriffe unter falscher Flagge; und eben schließlich ein Wort für Bücher.

Besagte 2002 gegründete religiöse Gruppe in Nigeria wird laut BBC lokal als “Die Taliban” bezeichnet,  2009 habe sie ein Trainingslager “Afghanistan” an der Grenze zum Niger errichtet und sie fordert eine flächendeckende Einführung der Scharia (vgl. das Thema “Christenverfolgung” aus einer NAK-Perspektive als problematische E-Petition beim Bundestag). Sie verbindet diese semantische Ideenwelt des boko und des haram mit einem vermutlich mythischen Anschluss an ein Medienkonstrukt – Projektionen, deren Quellen eine bunte Mischung aus islamischen und westlichen Medien (vgl. z.B. das Profil bei Al-Jazeera) sein dürfte. Es muss wohl dabei erwähnt werden, dass auch durchaus nigerianische Imane moderater Schule vor dieser Gruppe warnen. Allein schon der Umstand, dass die Bevölkerung sie “Taliban” nennt, deutet darauf hin, dass sie nicht unbedingt dem Mainstream entsprechen (vielleicht mit Ausnahme des Bezirks Bouchi, in dem die Scharia praktiziert wird, in welchem allerdings auch diverse christliche und muslimische Gruppen im Konflikt miteinander sind). Im Allgemeinen wird der Regierung eher vorgeworfen, zu wenig gegen die Profilierung dieser Gruppe getan zu haben.

Andererseits korrigierten jetzt beim erwähnten aktuelleren Artikel der taz auch schon die Kommentare der Leser eine einseitige Darstellung:

Der Artikel erwähnt nicht die Gewalt von Christen. Warum? Die Gewalt in Nigeria wird von radikalen Moslems und radikalen Christen und von staatlicher Seite ausgeführt. Somit ist der Titel “Islamistische Gewalt in Nigeria” doch sehr einseitig und wird der Boulevardpresse gerecht, die gerne Moslems und Gewalt im Einklang publiziert.

http://english.aljazeera.net/news/africa/2011/01/2011130212130757290.html
http://english.aljazeera.net/news/africa/2010/01/201012314018187505.html

(Dirk am 20.7. um 12.15 Uhr)

Andere warnen wiederum im Kommentarbereich vor dem Islam als solchen oder gar vor “Geheimsekten” im Untergrund Deutschlands. Oder verweisen darauf, dass Islam “Frieden” bedeute (warum das eine eher z.B. sufistische Auslegung ist, kann hier nicht erschöpfend erklärt werden). Die Relevanz der nigerianischen Gruppe ist vermutlich auch in Nigeria kontrovers diskutierbar (man vgl. auch folgenden nigerianischen Blog bzgl. der Frage nach einer Zukunft der Gruppe nach dem Erschießungstod ihres Oberhauptes  Mohammed Yusuf). Dem gegenüber ist aber die erwähnte semantische Dimension des boko durchaus etwas, was zumindest im Haussa-Universum seinen festen Ort zu haben scheint. Möglicherweise könnte es Entsprechungen geben in anderen durch Kolonialisation umgeformten Ethniensprachen – und auch denkbar ohne Bezug zum Islam, wohl aber zu einer Art Gegen-Tradition zu … eben boko.

Nun sind die Gefahren von z.B. Open Source Jihad durchaus ernstzunehmen, aber wie auch ein LKA-Mitarbeiter letztens REMID gegenüber in einem anderen Kontext zu den Vernehmungsprotokollen der “Sauerlandgruppe” bestätigte, gibt es in diesen wenig Anhaltspunkte für taugliche Profilanalysen. Zudem ist es doch verwunderlich, dass das Thema Boko Haram im deutschsprachigen Raum der Google Web Treffer nach neben manchen christlichen z.B. Missionsseiten insbesondere für solche Wasser auf die Mühlen ist, welche Islamophobie auf ihre Fahnen schreiben. Man beliebt Al-Quaida-Rezitationen durch andere dann auch so ernst aufzunehmen, wie manche Epigonen anderer Retrokulturen sich das nie zu träumen wagen würden. So wie es manche Verschwörungstheoretiker zu ernst nehmen, wenn manche sich nach historischen Geheimgesellschaften benennen, und gleich ihrem Objekt der Paranoia dabei helfen, die dokumentarischen Lücken einer solchen Ursprungslegende zu füllen.

Christoph Wagenseil

Nachtrag (08.01.2012 nach erneuten Anschlägen in Nigeria seit Weihnachten): Im Blog “Aus dem Hollerbusch” gab es eine Replik zu diesem Artikel, die offenbar dessen Anliegen missverstanden hat:

Wer eine im Rückblick besonders seltsame Relativierung lesen will, kann das hier beim „Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst“ – bei dem es durchaus viele interessante Artikel zu lesen gibt – nachlesen, der im Juli 2011 die Relevanz von Boko Haram bezweifelte; die Gruppe sei auch eher im Kontext antikolonialistischer Bewegungen zu sehen, und es sei der Islamophobie zuzuordnen, wenn man sich im deutschsprachigen Raum überhaupt mit dieser Gruppierung beschäftige. Außerdem wird eine Äquivalenz der Gewalt zwischen den verschiedenen Gruppen suggeriert, die in der Praxis weder in Motiv noch in der Dimension besteht.

Es wurde niemals die Relevanz von der Gruppe bestritten, allerdings die einseitige Beschäftigung mit ihr als einem weiteren Arm eines internationalen Al-Quaida-Terrorismus und als weiteres Beispiel eines radikalen Islams kritisiert. Statt dessen wurde argumentiert, dass die nigerianische Gruppe sich bei Al Quaida und den Taliban als Vorbildern bedient.

Das Anliegen des Artikels hatte aber eher die semantische Bedeutung von “Boko Haram” im Blick und begann mit der Beobachtung, dass die diversen Agenturmeldungen, von denen der Artikel ausging, es sehr verschieden übersetzten. Zudem gab es bis dahin im deutschsprachigen Raum nur eine überschaubare Zahl an Meldungen zu diesem Thema. Von “antikolonialistischen Bewegungen” war nirgends die Rede. Solcherlei klang höchstens in den Bedeutungsebenen des Begriffes “Boko” in der Sprache Haussa an. Es kamen allerdings alternative Stimmen zu Wort, welche die beiderseitige Gewalt von Christen und Muslimen in Nigeria betonen. Dabei kann es nicht um irgend eine “Äquivalent der Gewalt” gehen, auch nicht um Verteidigung irgendeiner der Seiten. Es geht hier mehr um Hintergründe, gerade auch welche Bedingungen lagen vor, bevor die Situation eskalierte.

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3 Antworten zu “Boko Haram – neue Semantiken im Spiegel ihrer Mediendeutungen”

  1. Danke für die Ausführungen und die Antwort. Manches habe ich wohl intensiver aufgefaßt, als es gemeint war. Ich stimme ja auch mit vielem überein. Es gibt in Nigeria, dessen Grenzen ja ein Produkt der Kolonialzeit sind, zahlreiche Konfliktpunkte zwischen verschiedenen Volksgruppen, besonders zwischen Nord und Süd, und diese Teilung ist auch religiös grundiert.

    Doch die Gewalttaten von Boko Haram, der ja auch viele Moslems zum Opfer fallen, unterscheiden sich in Ziel und Umfang doch deutlich. Deswegen ist ein Fokus darauf auch nicht einseitig. Es handelt sich nicht mehr um eventuell religiös verbrämte ethnische Konflikte, die sich spontan entzünden, sondern um eine Organisation mit einem unverrückbaren, totalitären Ziel.

    Dass die Relevanz „kontrovers diskutierbar“ ist, halte ich aber – zumindest im Rückblick – für nicht haltbar; ebenso ist, denke ich, im Falle Boko Harams zwar der semantische Subtext des „Antikolonialen“ vorhanden, wie er im vorletzten Absatz angesprochen wurde: „Möglicherweise könnte es Entsprechungen geben in anderen durch Kolonialisation umgeformten Ethniensprachen – und auch denkbar ohne Bezug zum Islam, wohl aber zu einer Art Gegen-Tradition zu … eben boko.“ Aber Boko Haram geht es offensichtlich nicht um die eigene lokale Tradition; sie berufen sich ja auch auf eine Richtung im Islam, die in Westafrika überhaupt keine Tradition hat, weswegen auch der islamische Mainstream in Nigeria zu ihren Feinden gehört.

    • Nur eines sei noch gesagt, ich unterschied zwischen “Boko Haram” und “Boko”, was erst einmal einfach ein Wort der Haussa-Sprache ist, mit unabhängiger Existenz von der Gruppe. Hierauf bezog sich der zitierte Satz mit den Entsprechungen. Und wie gesagt: ich wollte nie Relevanz diskutieren. Es geht eher um Blickwinkel.

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