Wiederlesen und Neuschreiben: das vielfältige Verhältnis von Religion und Text

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Das Verhältnis von Religionen zu Texten ist alles andere als eine banale Angelegenheit. Nicht nur in Anbetracht von z.B. Höhlenmalereien als frühen Gedächtniskünsten (oder „Texten“) oder bzgl. der intrareligiös bedeutsamen Unterscheidung von Schrift- bzw. Offenbarungsreligionen und ihrem jeweiligen Gegenüber im abendländischen sowie islamischen Bereich. Nicht nur als wichtiger Erfahrungsbereich für die Entwicklung von (biblio)mantischen und hermeneutlichen Auslegekünsten, als somit wichtiger Anfang des Interpretierens und Kommentierens.

In der zweiten Folge der 14. Staffel der Zeichentrick-Serie „Southpark“ findet sich ein satirischer Epilog, welcher vor dem Lesen von Büchern warnt. Nachdem die Schüler der vierten Klasse „Der Fänger im Roggen“ lesen mussten (welches ihnen allerdings als bis vor kurzem wegen seiner Obszönität indiziert und als Inspiration für den Mörder von John Lennon vom Lehrer zuvor schmackhaft gemacht wurde), schrieben sie ein eigenes „wirklich obszönes“ Buch. Die Eltern eines Jungen finden das Manuskript, zur Rede gestellt schieben die Autoren ihr Werk auf einen ungeliebten Mitschüler. Wider Erwarten gefiel dieses obzönste Buch der Welt jedoch den Erwachsenen. Der erwähnte Mitschüler erntet den Ruhm, ein genialer Autor zu sein, und schreibt ein zweites (eigenes) Buch. Doch einer der Leser wird durch dieses neue Buch inspiriert, die Darstellerinnen einer Fernsehshow zu töten… Gegen Ende versuchen die eigentlichen Autoren des ersten Buches den Mitschüler zu trösten: „Wir wissen jetzt alle, dass die Menschen nach einem Sinn in Büchern suchen. Und manchmal, auch wenn gar keiner da ist, machen sie sich ihren eigenen Sinn. – Ja, und deshalb müssen wir auch Bücher meiden und mehr fernsehen“.

Neben der „psychotischen“ Interpretationsmöglichkeit, welche auf den Umgang der Öffentlichkeit mit sogenannten „Killerspielen“ bzw. Gewalt in Games und Film anspielt, werden von den LeserInnen den Büchern „zugrunde liegende“ Themen angedichtet, etwas sei „Metapher für die Unterdrückung der Unterschicht“, das Buch zeige für jemand anderen, „wie Liberale unser Land zugrunde richten“ oder der Autor sei wiederum für andere „der liberalste Konservativenhasser“ überhaupt.

Wiederlesen – Laktanz richtete sich mit seiner konstruierten Etymologie, „religio“ würde von „religare“, „zurückbinden“ herstammen, gegen die Argumentation von Cicero. Nach dem römischen Philosophen und Redner geht es nämlich um das Wiederholen einer Lektüre (etwa des korrekten Gottesdienstes am Kriegsgott Mars).

Literatursoziologisch spricht man seit den 1750er Jahren von einer Lese-Revolution, als Übergang von einer Kultur des eher rituellen Lesens hin zum extensiven Lesen. Texte können aber schon immer unterschiedlich ausgelegt werden. Nicht nur, dass z.B. manche Reiseberichte zu manchen Zeiten als erfunden und zu anderen als bare Münze genommen werden (bei den Voyages des Jean de Mandeville wechseln sich solche Zeiten permanent bis ins 19. Jh. ab; bis heute streitet die Forschung, ob er nicht doch selbst zumindest bis Ägypten reiste). Die Zeiten, dass vor „Lesesucht“ oder „Lesewut“ gewarnt wird, sind dabei eigentlich vorbei. Das gilt allerdings nicht, wenn diese Texte im Internet stehen (vgl. auch den Blog-Artikel „Des Teufels Netz – Italien und interreligiöse Toleranz“). Zudem kennt der Religionswissenschaftler entsprechende Praxen bzgl. Neuer Medien oder eben bestimmter Texte, sie apologetisch auszuschließen oder auf eine bestimmte Weise einzuschätzen. Etwa durch Rückgriff auf die Bibel, z.B. Epheser 2,2: „in welchen ihr weiland gewandelt habt nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft [d.h. also auch über z.B. Radiowellen; Anm. C.W.] herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens“. Dies ist auch abstrakter möglich, z.B. durch den Verweis auf den „Geist der Isebel“ (man vgl. dem Folgenden gegenüber aber auch die moderate Lesung auf den Seiten der EKD):

„Der Geist der Isebel steht für die politische Macht, die sich die Mächte des Baal (Okkultismus) zu nutze macht, um die Macht in den einzelnen Nationen zu erhalten und zu bewahren“ (Cica-Ministries, Bibelarbeit von Pastor Geo Fernández)

oder:

Die Geister von Isebel, Bileam und der Hure verstärken und ermutigen Rebellion in der Schule und in den Medien, sexuelle Unmoral in der Unterhaltungswelt, in Werbung und Mode, Pornographie, Pädophilie, Homosexualität, Abtreibung und radikalen Feminismus. Wir stehen sehr hinter Feminisierung, wenn es um unterdrückte Frauen in der muslimischen Welt geht, in Afrika oder Asien. Wenn Feminismus aber dann zu einem aggressiven Programm verkommt, wo es nur darum geht die Struktur der Familie und die Werte der Ehe zu zerstören, dann wird es schädlich für Frauen und zerstörerisch für die ganze Gesellschaft (Revive Israel Ministerien, Artikel von Asher Intrater 2008)

Fernliegender  als die „konservative“ Interpretation der eigentlich zwei biblischen Figuren namens Iselbel (1 Kön 16,29-34, Offb. 2,20) als Ausdruck eines Prinzips der Moderne, des religiösen Pluralismus oder des Feminismus mögen manchen solche Inanspruchnahmen heiliger Texte erscheinen wie der Rekurs der afrobrasilianischen Umbanda auf alttestamentarische Formeln israelitischer Rauchopfer oder die Deutung der Rastafarians u.a. einer Stelle aus der Beschreibung des Heiligen Jerusalems in der Apokalypse des Johannes (Offb. 22,2-3) als göttlichen Hinweis auf Marihuana:

„2. Mitten auf ihrer Gasse auf beiden Seiten des Stroms stand Holz des Lebens, das trug zwölfmal Früchte und brachte seine Früchte alle Monate; und die Blätter des Holzes dienten zu der Gesundheit der Heiden.
3. Und es wird kein Verbanntes mehr sein. […]“.

Nun sind gerade die Offenbarung des Johannes wie auch das Buch des Propheten Daniels mit seiner Traumanalyse beliebte Beispiele für „dunkle Texte“, deren Autoren durch moderne Kritik gerne psychologisiert werden. Zumindest kann man von einer besonderen Textsorte sprechen. Ohne jetzt die Lehre vom vierfachen Schriftsinn zu bemühen oder andere Praxen der Exegese haben gerade etwa Traumtexte schon in emischer Perspektive einen symbolischen Sinn. Darüber hinaus sind es die Traditionen der Kommentare und Leseanleitungen, mit welchen die religiösen Eliten einen Rahmen sowie eine Gewohnheit vorgeben, wie die Torah, die Bibel, der Koran oder die Bhagavadgita zu lesen sind. Verlässt man diesen Rahmen, gibt es möglicherweise kaum einen zwingenden Grund, eine Stelle ausschließlich als auf eine bestimmte Weise symbolisch zu lesen und eben nicht z.B. als realhistorisch, futurologisch prognostisch, empirisch deskriptiv.

Eine bestimmte religiöse Neubewegung benötigt dabei oft nur einen alternativen symbolischen (oder auch quasi-empirischen) Schlüssel, um eine Gegen-Tradition zu errichten, – in der paganen Hexenreligion Wicca sprechen manche von „herstory“ statt „history“. So kann mit dem „richtigen“ Schlüssel („Methode“) im Buch Hesekiel bzw. Ezechiel 1,1-28 (u.ä.) auch die Beschreibung eines außerirdischen Raumschiffes zur „wahrscheinlichen“ Interpretation werden (neben Däniken, welcher diese „Methode“ in „Erinnerungen an die Zukunft“ 1968 grundlegend beschreibt, diese „Anwendung“ zuerst bei: Josef F. Blumrich, Da tat sich der Himmel auf, Düsseldorf 1973).

Nun heißt das gerade nicht, dass es beliebig sei, was man in Texte „hineinliest“ (wie der satirische Vorwurf der anfangs zitierten Zeichentrickserie lautete). Es kann aber für den Religionswissenschaftler nicht darum gehen, einem Schlüssel / einer Methode eine andere gegenüberzustellen und damit selbst als Theologe der Religion, dessen Text er bearbeitet, aufzutreten. Andererseits ist er selbst auf eigene Interpretationskünste angewiesen und versucht, editorisch oder analytisch mit den Lesern wie Autoren einer Religion (und sicherlich nicht nur in ihrer explizit textuellen Dimension) umzugehen – er produziert notwendig Texte über die heiligen Texte anderer und ihre Leser.

So gilt es beispielsweise wahrzunehmen, dass eine Boulevardzeitung wie „Weekly World News“ (vgl. den Artikel von Danny Kringiel in der Rubrik „einestages“ bei Spiegel online vom 13.7.2011), mit zum großen Teil fiktiven Schlagzeilen über Ufos, „uneheliche Kinder von Werwölfen oder Farmer, die zwei-Meter-Schmetterlinge mit der Flinte erlegen“, bis in die 1990er sowohl eine Leser-Zielgruppe unter Studenten und anderen Gebildeten als Satire-Magazin als auch einen „Kern[bestand] der Käufer aus einfachen Arbeitern, die wirklich an Außerirdische, Geister und Dämonen glauben wollten“, erreichte (ebd.).

Während manche der Interpreationsmethoden wie bestimmte kabbalistische oder der sensus mysticus heute der emisch religiösen Perspektive allein zugehören, kennt die philologisch akademische Praxis eine Vielzahl von Methoden, von der textimmanenten oder -transzendenten über solche wie die psychoanalytische oder marxistische mit einem strukturalistischen Paradigma hin zu Poststrukturalismus, Dekonstruktion und Antihermeneutik. Hinzu kommen die Interpretationen, welche bei der Edition oder Rekonstruktion des Textes bereits ansetzen, ihn zu transkribieren, zu übersetzen, zu emendieren, normalisieren usf. Interessiert die besondere Gestalt einer Textfassung zu einer bestimmten Zeit in einer Region? Oder gilt einem potenziell nicht überlieferten Original der forschende Blick? Entgegen dem Wandel durch Schreiber, Kopisten, Übersetzer, Kompilatoren, Drucker, Editoren? Oder geht es einem mehr um die gerade dadurch gegebene neue Breite eines Textkontinuums?

Oder um eine Untersuchung des jeweiligen Umgangs mit textuellen Traditionen (ein neuer möglicher Forschungsgegenstand wäre hier die Missionerande Kopimistsamfundet in Schweden, Missionierende Kirche des Kopimismus)…

Alles das scheint jedoch zumindest in seiner Quantität nicht mehr weiter ein besonderes Steckenpferd der Religionswissenschaft zu sein, die stattdessen lieber mit sozialwissenschaftlichen Methoden versucht, diese Probleme um den Text zu umgehen oder auszublenden. Das mag zum Teil dem praktischen Problem geschuldet sein, dass die neuen Studiengänge Bachelor und Master es erschweren, nebenbei z.B. eine außereuropäische Fremdsprache (und Orientierung in entsprechenden Texttraditionen) zu erlernen. Oder es hängt damit zusammen, dass die entsprechenden Hilfswissenschaften seit Kürzungen und Schließungen nicht mehr zur Verfügung stehen. Zum Teil liegt es auch daran, dass den Methoden der Philologien ein gewisser Anruch des Altmodischen angedichtet wird. Dabei wird getreu der Southpark-Satire ignoriert, dass auch Texte im Internet oder abgetippte Interviews Texte sind, die philologischen Methoden unterzogen werden können.

Zugleich darf diese Kritik aber auch nicht vor der eigenen Person haltmachen. Als Nebenfächler lernte ich keine außereuropäische Fremdsprache, neben dem Schullatein und – durch mein Hauptfach bedingt – Mittelhochdeutsch gibt es nur sehr dilettantische Vokabellisten des Altgriechischen, Chinesischen oder des Sanskrit. Daneben gibt es einige paläographische Lesevermögen bis ins europäische Mittelalter zurück sowie einige Querlesetechniken für fremdsprachliche westeuropäische Texte verschiedener historischer Stufen. Auch sozialwissenschaftlich bin ich methodisch nicht der Versierteste, dennoch sollte der Methodenpluralismus nicht aus strukturellen Gründen zu Kosten bestimmter, z.B. philologischer Methodensets reduziert werden. Insofern ein kleines Plädoyer für den Text und seine Lesarten!

Christoph Wagenseil

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2 Kommentare:

  1. Guter Blog, gefaellt mir sehr gut. Auch nette Themen.

  2. Pingback: Gefangen im Sprachspiel: Der Religionsbegriff und die neuen Atheisten « REMID Blog

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