Zwischen Prometheus, Kreuz und Amirani – Kunst, Mythos und Religion in Georgien

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Dominik Irtenkauf studierte Deutsche Philologie, Philosophie und Komparatistik in Münster und ist freischaffender Autor von Prosa- und Sachtexten. Er beschäftigt sich vorwiegend mit Kunst- und Kulturphilosophie, Medientheorie, Hermetik und Avantgarde sowie Musik jeder Richtung. Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Literatur gestalten sich bei ihm fließend. In seinen Texten macht sich eine besondere Vorliebe für artistische und mythologische Sujets bemerkbar. Er verfasste Literatur sowie journalistische Beiträge in diversen Zeitungen, neben Black Metal Theory ist ein wichtiges Thema für ihn das Land Georgien. Zu seinen Reiseerfahrungen interviewte REMID den Autoren.

Herr Irtenkauf, Sie kommen gerade erst wieder aus Georgien?

Ja, das stimmt. Die Eindrücke sind noch brandfrisch. Vor einer Woche landete ich wieder in Deutschland. Ich war nun zum dritten Mal in dem kaukasischen Land und diesmal für knapp 6 Wochen. Vor allem recherchierte ich zu lokalen Musikszenen und untersuchte die Verbindung der einmaligen Landschaft dort mit einem möglichen Inspirationspotenzial. Mich bewegt das Interesse nach einer fortwirkenden Befruchtung der Künste, aber auch der Diskurse Georgiens durch das eigene kulturelle Erbe. Das interessiert insbesondere auch in Hinblick auf 70 Jahre Fremdherrschaft durch das Sowjetsystem.

Ursprünglich war es ja ein Kurzstipendium, das Sie nach Georgien führte. Wie kam es dazu und welche Rolle spielte dabei die georgische Mythologie?

Also, das MUSA-Stipendium war vom georgischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft ausgeschrieben, und ich wurde von einem sehr guten Studienfreund darauf hingewiesen. Da mich die Mythologie zu dieser Zeit (Sommer 2006) und auch heute noch fasziniert, habe ich mich mit Georgien als einem mir bis dato unbekannten Land beschäftigt. Im Lauf meiner Recherchen stieß ich auf den Prometheus-Mythos, der im kaukasischen Gebirge seinen göttlichen Abschluss erfuhr. Bekanntlich wurde der Halbgott laut mancher Quellen an einen Felsen im Kaukasus angeschmiedet, um seiner ewigen Strafe zugeführt zu werden. Das Gremium hat mein Konzept, die Spuren dieser Mythologie in der sogenannten „Krisenregion“ Kaukasus aufzuspüren, überzeugt und ich wurde eingeladen, 2007 drei Monate im Land zu verbringen.

Aber es geht nicht nur um einen mythischen Anschluss an den europäischen Prometheus-Mythos, sondern auch um spezifische Besonderheiten des georgischen Kulturerbes?

Ja und nein. Meine Arbeit zu Georgien ist keine ausschließlich wissenschaftliche, vielmehr essayistische, d.h. ich suche nach Anknüpfungspunkten, die es mir ermöglichen, das je Spezifische der beiden Kulturen, der deutschen und georgischen, zu vergleichen. Dabei geschieht die Amalgamisierung längst. Das Konstrukt einer chirurgisch trennbaren Mythologie in diesem speziellen Fall meiner Recherchen ist nicht aufrecht zu erhalten. Vor allem das Beispiel der Argonautensage und die Suche nach dem Goldenen Vlies beweist die enge Kollaboration zwischen Georgien und Griechenland. Ob erzwungen oder freiwillig, das ist (noch) nicht endgültig bewiesen.
Prometheus‘ georgischer Doppelgänger namens Amirani taucht seit dem 19. Jahrhundert vor allem in Sagen und Märchen auf, d.h. er hat bereits den Abstieg vom Mythos in die Folklore hinter sich gebracht. Es existieren eigentlich keine Textzeugnisse, die das mythische Milieu Amiranis zur Sprache bringen. Doch muss ich an dieser Stelle einräumen, dass meine Georgischkenntnisse nach wie vor zu dürftig sind, um den ganzen Textbestand erfassen und verstehen zu können. Ich bin kein ausgebildeter Kaukasiologe, sondern Komparatist. Die Übersetzungsproblematik betrifft nicht nur die mythischen Zeugnisse der georgischen Literatur, sondern vor allem auch zeitgenössische Autoren, doch dazu später mehr.
Ich stehe am Ufer des Tergi (ein georgischer Fluss, der für die Literatur des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielte und nicht unweit des Berges liegt, an den angeblich Prometheus verbannt wurde) und warte auf die Übersetzer. Dabei kann ich wenigstens den passierenden Georgiern mein Dilemma verständlich machen: Me mtschirdeba tardshemani.

Welche Rolle spielt Religion / spielen Religionen im heutigen Georgien? Bzw. wie lässt sich diese Arbeit am Mythos mit aktuellen (auch säkularen) Identitätsdiskursen bzgl. Georgien erläutern?

Eine sehr wichtige, und das seit dem 4. Jahrhundert nach Christus, mit einigen – systembedingten – Unterbrechungen. Georgien definiert sich durch seine Zugehörigkeit zum orthodoxen Christentum und das Martyrium der Heiligen Schuschanik nimmt im literarischen Bewusstsein der Bevölkerung eine wichtige Rolle ein. Dieser Text ist in der Tat der älteste überlieferte Text in georgischer Sprache. Momentan werden an den Grenzen Georgiens (nach Russland und zur Türkei) große orthodoxe Kirchen gebaut, ganze Komplexe, um – so könnte man es kultursymbolisch interpretieren – das Land nach außenhin nicht nur militärisch oder zollamtlich, sondern vor allem auch spirituell zu verteidigen. Doch diese Sicht ignoriert den Toleranzgedanken Georgiens: in der Region Adscharien mit dem Zentrum Batumi am Schwarzen Meer lebt eine nicht unbedeutende Anzahl von Muslimen und liegt an der Grenze zur Türkei. Georgien versteht sich jedoch durchaus stark durch seinen orthodoxen Glauben geprägt, was auch in der Politik ihren Niederschlag findet. So besuchen der Staatschef und andere hohe Politiker die orthodoxen Gottesdienste zu bedeutenden Kirchenfesten, wie Ostern und Weihnachten z.B. Solch eine staatstragende Rolle hat der Islam in Georgien nie besessen, wenn man von den Fremdbesatzungen durch Perser und Araber absieht.  Vielmehr dienen die Kirchen an der Grenze als eine Respektsbezeugung, die auch von den anderen Nationen geachtet werden sollte. Ich habe von Georgiern gehört, dass Russland die Grenze zum Nordkaukasus immer weiter ins georgische Grenzland hineinverschiebt und so sein eigenes Territorium Stück für Stück vergrößert. Um dem Einhalt zu gebieten, wird nun eine Kirche an die Grenze gebaut. Russland teilt ja nicht vieles mit Georgien, aufgrund des letzten kriegerischen Konflikts im Jahr 2008, aber zumindest den Glauben.
Akaki Zereteli, ein Poet des 19. Jahrhunderts, hatte ein Prometheus-Gedicht geschrieben, das ein wenig an Goethes Werk erinnert. Genau wie Amirani, der georgische „Prometheus“, sieht sich Georgien von einem übermächtigen Gegner eingeschlossen. Im Amirani-Mythologem wird die überbordende Kraft eines Mannes angesprochen, der nicht so recht weiß, wohin mit seinen Kräften. Dies führt dann zu scheinbar sinnlosen Scharmützeln, aber auch zur Tötung eines Drachen. Amirani ist ein Held, dem erst seine Heldenhaftigkeit eingebläut werden muss. Er lernt, Verantwortung zu übernehmen.
Russland fällt immer noch häufig in den Gesprächen mit Georgiern. Die Identität sehnt sich nach Europa und überspannt die Kluft nicht so sehr durch Mythologie, als durch Teilnahme an der globalen Popkultur. Der Anteil der wirklich Literatur lesenden Leute in Georgien ist auch nicht proportional größer als in Deutschland oder anders ausgedrückt: wer sich mit mythologischen Konzepten auseinandersetzt, macht das, weil er oder sie ein akademisches und/oder künstlerisches Interesse besitzt. Ob aber eine bewusste Arbeit am Mythos in weiten Teilen der Bevölkerung geschieht, bezweifle ich. Georgische Identität wird aktuell durch die Geschichte des eigenen Landes und die Traditionen gebildet, wobei in manchen Teilen auch die orthodoxe Religion eine Rolle spielt. Ein großer Teil des künstlerischen und akademischen Milieus hat diese Traditionen in ein weitgehend säkulares Weltbild integriert.

Ein besonderes Interesse Ihrerseits betrifft ja auch die aktuelle Kunst in Georgien bzw. den kulturellen Austausch.

Da sieht es frostig aus, denn ohne Geld lässt sich nicht mal eine ernstzunehmende literarische Zeitschrift verlegen. Der Durchschnittslohn erlaubt es nicht, einen beträchtlichen Teil des Geldes für künstlerische Werke auszugeben. Auch Musikgruppen haben meist nur die Möglichkeit, bezahlte Konzerte zu spielen, wenn sie folkloristischen Pop spielen, zu dem man beruhigt essen und trinken kann, und der auch auf die Pauschaltouristen einen genuin georgischen Eindruck macht.
Dennoch sind die Poesie und auch Malerei sehr lebendig in Georgien und verfügen über eine eindrückliche Geschichte. Mein sehr guter Freund Dato Barbakadse, der auch im mischwesen verlag aus München letztes Jahr seinen neuesten Band „Wesentliche Züge“ veröffentlichte, hat mich seit 2007 immer wieder mit neuen Kontakten zur Kunstszene Georgiens versorgt und seitdem haben sich vielfältige Beziehungen ergeben. Bei meinem letzten Aufenthalt fiel mir Esma Oniani auf, die leider 1999 bereits verstarb, jedoch mit ihrer Poesie hoffentlich bald auch in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Zudem sind ihre Gemälde bereits im europäischen Ausland zu sehen gewesen. Auch Koba Arabulis Arbeit mit georgischer Mythologie verdient größere Aufmerksamkeit. Hier stellt sich eben nur das altbekannte Problem: die mangelnde Verbreitung der georgischen Sprache. Die Lage ist angesichts fähiger Übersetzer jedoch nicht hoffnunglos. Besonders Herr Barbakadse beweist mit seinem Projekt „Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts in georgischer Übersetzung“, dass eine Verständigung trotz finanzieller Engpässe möglich ist. Das andere Problem der georgischen Kunstszene ist, dass jeder jeden kennt und persönliche Animositäten zuweilen die professionelle Arbeit verunmöglichen. Das sage ich jetzt auch bewusst denjenigen, die mich eventuell der fortwährenden Kontakte zu bestimmten Personen bezichtigen. Es ist klar, dass die journalistische Aufarbeitung meiner Georgienaufenthalte selektiv ist. Wie sollte sie auch anders sein? Es gibt immer was Neues zu entdecken: meine neueste Entdeckung sind zum Beispiel die Alternative Rock-Bands Rema und Z For Zulu aus Tbilissi.

Können Sie – aufgrund der fortdauernden Beziehung zu diesem Land – Dynamiken, Tendenzen ausmachen? Wohin bewegen sich die Diskurse dieses Landes?

Bislang fehlt in Georgien ein selbstkritischer Diskurs. Solange sich dieser nicht etablieren kann, um dann selbstreflexiv subversiv zu werden, sehe ich das Land im ständigen Kreiseln um sich selbst verfangen. In Gesprächen mit kritischen Leuten wird der Wunsch geäußert, nicht nur Peripherie Europas oder Asiens zu sein, doch werden beinahe alle Medien von Regierungsseite finanziert und kontrolliert.

Wie bereits erwähnt, fehlt das Geld für unabhängige Publikationen. Zur Finanzierung ist man von sogenannten Businessmen (dieser Begriff wird auch in der georgischen Sprache benutzt) abhängig. Über die Dynamiken und Tendenzen des Landes habe ich in einem Manuskript zu georgischen Bildenden Künstlern geschrieben, das momentan von Verlagen geprüft wird. Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Künstler, die sich für das Ausland öffnen, an Perspektiven dazu gewinnen, weil der Kaukasus selbst dringend einen kulturellen Austausch mit Europa und auch anderen Kontinenten benötigt. Bedingt durch die Sowjetunion blieb bis 1991 der Kontakt immer nur sporadisch. Giwi Margwelaschwili schrieb in seinem Buch „Kapitän Wakusch“ eindrücklich von den Problemen in diesem „Sprechzimmer“, wie er die verschiedenen kulturellen Milieus nennt.

Es stellt sich die Frage, wie sich Georgien aus der Isolation befreit. TV-Werbung spricht von Millionen Touristen, die im Sommer 2011 in das kleine Land kommen sollen, doch bislang sieht man nur vereinzelt Grüppchen von Sandalenträgern, um deren Hälse Fotokameras baumeln. Der große Flow steht also noch aus. Spaziert man durch die Hauptstadt, sieht man abbröckelnden Putz, denn der ökonomische Schaden ist auch nach 20 Jahren Unabhängigkeit noch deutlich zu sehen. Andererseits werden die Gelder zuweilen für nicht nachvollziehbare Aktionen ausgegeben. Manchmal scheinen mir die Diskurse ein wenig zerfahren: es wird auf die georgische Eigenheit gepocht, und zugleich der Schulterschluss mit Europa gewünscht. Ein Kompromiss muss dann aber eingegangen werden, weil sonst das Land und dessen Kultur in einer anstrengenden Zerreißprobe endet. Ohne eine unabhängige Presse und eine selbstkritische Infrastruktur der Medien fehlt die nötige Freiheit, sich von überkommenen Traditionen zu lösen und einen Neuaufbruch zu wagen. Es wäre schlimm für das Ansehen georgischer Kultur im Ausland, wenn sich der Eindruck einschliche, Georgien produziere alle Kunst nur für den Eigengebrauch. Manche Musikgruppen spielen sehr nahe am europäischen Vorbild, in einer Galerie hing eine 1:1-Kopie zu Gustav Klimt. Das sollte nicht Standard werden! Georgien befindet sich um Umbruch und deshalb ist ein Besuch des Landes jedes weitere Mal sehr spannend. Vielleicht hilft es, aus echter Freundschaft zu den Menschen sehr kritisch zu werden, denn eine georgische Eigenart ist es, nur im Pathos über die eigene Geschichte und die Freunde zu sprechen, also Kritik häufig nicht auszusprechen, sondern stattdessen den diplomatischen Weg zu wählen. In einer Kultur führt das jedoch, meiner Meinung nach, zu (harmonischem) Stillstand.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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Ein Kommentar:

  1. Interessanter Artikel! Ich werde da noch mal genauer recherchieren!

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