Religion und Arbeit: ein komplexes Verhältnis zwischen Vision und Ethik

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Eine interessante Randbemerkung äußert der Soziologe Jeremy Gilbert im Interview mit der taz. Es geht um die Armut in Großbritannien, im speziellen um einen Vergleich der aktuellen Ausschreitungen mit den Brixton Riots 1981. Damals existierten antirassistische Organisationen, „die die Belange der Randalierer politisch artikulieren konnten“. Heute seien die Jugendlichen jedoch sowohl von den Traditionen der Arbeiterbewegung als auch von den offiziellen politischen Institutionen ausgeschlossen. Nur religiöse Gruppen interessierten sich noch für sie.
Solchen Tendenzen gegenüber steht der soziologische Diskurs, auf Max Webers „Die protestantische Arbeitsethik und der Geist des Kapitalismus“ antworten bereits mit einiger Tradition Autoren verschiedenster Coleur – etwa Robert Hank z.B. mit „Arbeit. Die Religion des 20. Jahrhunderts. Auf dem Weg in die Gesellschaft der Selbständigen“ (1995).

Unabhängig ob dabei das Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsmitteln im Sinne marxistischer Theorien, ob ein damit oder mittels eines Konzepts der „toten Arbeit“ aus anarchistischem Milieu bestimmter Begriff der „Entfremdung“ angesprochen oder ob eher Walter Benjamins Fragment „Kapitalismus als Religion“ von 1921 („Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“) gefolgt wird, Arbeit kann als religiös legitimiert gedeutet werden (optional je nach persönlichem Geschmack mit oder ohne „quasi-„), Religion kann bezüglich ihrer Arbeitsethik untersucht werden (z.B. protestantisch, islamisch oder konfuzianisch) und in den Großen Erzählungen der Moderne kommt mancher Art Religion die Rolle des Gegenübers einer Welt der (modernen) Arbeit zu. Zudem die eines Davors und – offenbar – auch die eines Danachs.

Es ist eine Binsenweisheit: Mit der Aufklärung und der ihr inhärenten Tradition der Religionskritik (sowie Aberglaubens- und Schwärmerei-Kritik) gibt es eine semantische Dimension des Begriffes „Religion“, die man polemisch nennen könnte. Hier ist „Religion“ zunächst ein Abwertungsbegriff. Etwas sei irrational, voraufgeklärt, vormodern, antimodern, regressiv. Entsprechend beliebt sind daher auch Begriffe wie „Kultus“ (mit dem der Philosoph Walter Benjamin oben zitiert wurde).

Diese polemische Dimension des Begriffs sollte man nicht einfach ignorieren oder ausblenden, selbst wenn man selbst eher von der Perspektive her auf Religionen blickt, es handele sich z.B. um Sinnentwürfe und Weltmodelle. Genauso wenig sollte aber auch diese andere Seite außer Acht gelassen werden.

So dürfte kaum bekannt sein, dass Luthers Neubestimmung des Begriffs der „Berufung“, der unser Reden über den „Beruf“ bis heute mitprägt, auch das Thema einer Erzählung von Lorenz Diefenbach von 1872 war. In „Arbeit macht frei“ geht es um eine adlige Frau, „die Arbeit als eine Möglichkeit erfährt, die Einschränkungen ihrer Individualität durch Standesvorurteile und Geschlecht zu überwinden“. Der Schwerpunkt liegt – wohl in Tradition von Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ – auf einer Bildung des Charakters, allerdings als Vorbereitung für die spätere Ehe (sowie bei Wilhelm auf die spätere freiwillige Einkehr in ein bürgerliches Leben nach den von u.a. einer Theatergruppe geprägten „Lehrjahren“). Auch wenn Diefenbach sicherlich nicht an die Qualität der Vorlage herankommt, geht es doch um eine seit der Literatur um 1800 sich nicht nur im Bildungsroman entwickelnde Idee der „Individualität“ und „Selbstverwirklichung“.

Mit „Herkunft und Hintergrund der KZ-Devise“ beschäftigt sich Wolfgang Brückner in seiner Studie von 1998. Es ist nicht der einzige Versuch einer Kontinuitätsthese zwischen einem „säkularisierte[n] Erlösungsgedanke[n]“, herausgearbeitet aus dem ideengeschichtlichen Hintergrund der Aufklärungszeit, und der Verwendungsart solcher Parolen im Nationalsozialismus. Dieser letzten oft „zynisch“ genannten Konzeption von „Arbeit“ kommt dabei zu, auf einer antisemitisch begründeten Abwertung abstrakter Arbeit aufzubauen (entsprechend der Logik der Kritik der „entarteten Kunst“; manche im Katalog der aktuellen Berliner Ausstellung verzeichneten Originalfotos zeigen damalige Begleittexte der im Dritten Reich zur Abschreckung gezeigten Kunstwerke, die gar nicht so unvertraut erscheinen, etwa: „vom Steuerzahler teuer bezahlt“).

Die Stile der später zur „ästhetischen Moderne“ historisierten Avantgarde-Bewegungen um 1900 wurden mit der Kritik von den Nazis denunziert, z.B. gegenüber dem Expressionismus, „überintellektuell“ zu sein, ein Ausdruck „kranker Gehirne“ oder „freischwebender Geistexistenzen“. Die Künstler antworten wiederum auf ihre eigene Weise auf die klassischen Bestimmungen von Goethe und seinen Zeitgenossen. Der romantische Dichter Novalis mag hier die Stoßrichtung vorgegeben haben: Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ sei ein „fatales und albernes Buch […]. Es ist eine Satire auf die Poesie, Religion […] Wilhelm Meisters Lehrjahre oder die Wallfahrt nach dem Adelsdiplom. […] Wer ihn [den Roman] recht zu Herzen nimmt, liest keinen Roman mehr“ (Notizheft vom 11. Febr. 1800; HKA 3, 646 f). „Gegen Wilhelm Meister“ (Hervorh. im Orig.) konzipiert Novalis seinen „Heinrich von Ofterdingen“. Auf den berühmten Traum von der Blauen Blume des Protagonisten Heinrich folgt die sprichwörtlich gewordene Kritik des – jenen Antipol teilweise verkörpernden – Vaters: „Träume sind Schäume“.

Auch einige Literaturwissenschaftler deuten Goethes Bildungsroman mit Unbehagen. Sei es, aufgrund der „Disziplinierung des Helden, […] der Dämpfung seiner Emotionen und […] der Anerkennung eines auf pflichtmäßige Tätigkeit gegründeten Lebensethos“, bzw. da eben dieses Abarbeiten der unerfüllten Wünsche in dieser Konzeption eines „Umweges“ der Bildung auch wie ein Verlust von etwas, wie eine „Zerstörung“ (Heinz Schlaffer), verstanden werden kann. Die Tendenz der Konstruktion eines Gegensatzes  – einer Abzweigung – im Kontinuum der „Selbstverwirklichung“  verstetigte sich nach den von Goethe und Novalis mitbegründeten Thesen und Antithesen, z.B. in Gottfried Kellers „Grünem Heinrich“ (1844/45). Keller drückt sich 1850 selbst folgendermaßen aus:

Die Moral meines Buches ist: daß derjenige, dem es nicht gelingt, die Verhältnisse seiner Person und seiner Familie im Gleichgewicht zu erhalten, auch unbefähigt sei, im staatlichen Leben eine wirksame und ehrenvolle Stellung einzunehmen. Die Schuld kann in vielen Fällen an der Gesellschaft liegen, und alsann wäre freilich der Stoff derjenige eines sozialistischen Tendenzbuches. Im gegebenen Falle aber liegt sie größtenteils im Charakter und dem besonderen Geschicke des Helden und bedingt hierdurch eine mehr ethische Bedeutung des Romans. Unternehmung und Ausführung desselben sind nun nicht etwa das Resultat eines bloß theoretischen tendenziösen Vorsatzes, sondern die Frucht eigener Anschauung und Erfahrung. Ich habe noch nie etwas produziert, was nicht den Anstoß dazu aus meinem inneren oder äußeren Leben empfangen hat, und werde es auch ferner so halten; daher kommt es, daß ich nur wenig schreibe, und weiß wirklich gegenwärtig nicht zu sagen, ob ich je wieder einen Roman schreiben werde oder nicht. (zitiert nach ebd.)

Der Autor war 1842 als Maler gescheitert. Doch – um zurück in die Gegenwart überzuleiten – es ergibt sich das Bild eines dialektischen Einbezugs von gegensätzlichen (jeweils religiös aufgeladenen) Konzepten von Arbeit, welche bis heute diskursiv mächtig sind. Zwischen Vision und Ethik, „Ritual“ und „Therapie“ schwanken die Zuschreibungen einer Funktion an die Tätigkeit.

Dieser polyphone Sinndiskurs der Arbeit hat nun selbst wiederum ein Gegenüber. Das zeigt sich z.B. in einer aktuellen Variante der Weberschen These. Der Ökonom Horst Feldmann hat ca. 80 Staaten bzgl. ihrer Erwerbstätigenquote und ihrer religiösen Zusammensetzung untersucht und will überall bestätigt finden, dass protestantische Länder eine signifikant höhere Quote aufweisen (mit Ausnahme der ehemaligen DDR):

Im Mittel liegt die Erwerbstätigenquote, also der Anteil Arbeitender an der Bevölkerung, in protestantischen Ländern um sechs Prozent über der von Staaten, die durch andere Religionen geprägt sind, seien es nun Katholizismus, Islam, Shinto (Japan) oder Hinduismus. Bei Frauen ist die Quote sogar um elf Prozent größer. Da sie rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, kann man durchaus sagen, dass vor allem sie den Unterschied ausmachen (spiegel.de, 2007, ebd.)

Das Gegenüber meint diejenigen anderen Religionen, wo man es mit der Religion übertreibe, ihr zu viel Zeit widme, keine entsprechende Rolle des Selbst vorfinde, einen zu starken Asketismus (etwa auch vom Konsum, und seien es nur bestimmte „weltliche“ Güter) pflege etc.

Oder ex negativo meint das Gegenüber diejenigen Regionen, wo Zivilgesellschaft nahezu ausschließlich eben durch Religionsgemeinschaften „noch“ besteht. Bzw. wo bestimmte Menschengruppen nur „noch“ solche Ansprechpartner haben. Dabei erscheinen diese Anlaufstellen in der Debatte weniger als ein ebenso üblicher Ort von Arbeit bzw. Tätigkeit, sondern – wohl aufgrund der reproduktiven, „sozialen“ und/oder „missionarischen“ Qualität der Tätigkeiten eines solches Ortes und aus der Bevorzugung einer großindustriellen Perspektive – als Ausdruck eines wirtschafts- und arbeitsfreien Raumes.

Im Wortfeld der Arbeit und Tätigkeit wimmelt es also nahezu von Religionsbegriffen. Und das gilt nicht einmal nur für kapitalistische Gesellschaften – der über Goethe und Novalis nachgezeichnete Diskurs findet auch bei Marx und Engels seinen Kommentar:

Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden (Die deutsche Ideologie).

Die mehrfache Verflechtung von Religion und Arbeit (besondere Fälle wie die Arbeitsverweigerung aus religiösen Gründen ausgelassen) entstammt einem besonderen europäisch-amerikanischen Diskurs, der sich bereits mit dem Kolonialismus global ausbreitete. Selbst alternative Konzeptionen wie die Idee der Asian Values antworten im Diskurs und gehören zu ihm hinzu. Oder erhalten wie die Schenkökonomien des Tula-Tausches der Trobriander (Papua-Neuguinea) und des Potlatsch (z.B. der Tlingit, Haida, Tsimshian und Kwakiutl in Kanada) ihren Ort im Diskurs. Während eine gewisse Vorstellung von dem bestehen mag, was vor dem lauten Anschwellen dieses Diskurses (dessen erste Ausläufer Weber im antiken Christentum findet) gewesen sein mochte und wie es sich unterschieden haben könnte (und man glaubt Reservate davon auszumachen), verschließt sich der Blick über die Grenzen dieses Diskurses hinaus. Aber man kann – und das hat dieser Artikel versucht – so etwas wie seine „Logik“ herausarbeiten, die aus den teilweise antagonistischen (um nicht zu sagen: paradoxen) Inanspruchnahmen (etwa von Religiösem)  resultierenden Dynamiken aufzeigen und versuchen, so etwas wie eine Landkarte des Diskurses zu zeichnen.

Christoph Wagenseil

Arbeit. Die Religion des 20. Jahrhunderts. Auf dem Weg in die Gesellschaft der Selbständi

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3 Kommentare:

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