Was ist eigentlich „christlich“? Neue Antworten auf eine alte Frage

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In letzter Zeit – nach den brutalen Ereignissen in Norwegen – wurde eine Frage in vielen Blogs und Zeitungen virulent. Ist die Ideologie von Anders Behring Breivik ein Ausdruck von z.B. katholischem Fundamentalismus? Oder hat diese Gedankenwelt, wie der Soziologe Massimo Introvigne, OSZE-Repräsentant gegen Rassismus und antichristliche Diskriminierung, suggerieren möche, „nichts mit Christentum“ zu tun? Es wäre schön, wenn es möglich wäre, zu konstatieren, die Wahrheit läge irgendwo dazwischen. Zugleich ist es ungemein komplizierter. Während im religionswissenschaftlichen Sinn – was zu zeigen ist – die Frage letztlich kaum eine Antwort befriedigen können wird, ist auf der anderen Seite der Relevanz, welche „das Christliche“ im Denken Breiviks spielt, Rechnung zu tragen: Wird hier ein Begriff des Christentums als Kulturform entwickelt?

Introvigne in Paraphrase durch Bussola Quotidiana und Giuseppe Nardi betont zum Begriff des Fundamentalismus:

Der Ausdruck „fundamentalistischer Christ“ hat einen präzisen Inhalt. Er geht auf die Broschüren der Fundamentals zurück, die zwischen 1910 und 1915 in den USA veröffentlicht wurden. Es handelt sich um eine radikale Kritik an der liberalen protestantischen Theologie der historisch-kritischen Methode der Bibelauslegung und der biologischen Evolutionslehre. Ein Fundamentalist ist ein Protestant, der – zudem meist sehr antikatholisch –auf der wörtlichen Auslegung der Bibel beharrt und jeglichen hermeneutischen Ansatz, der den modernen Humanwissenschaften Rechnung trägt, ablehnt, und daraus ultrakonservative theologische und moralische Prinzipien ableitet (ebd.)

Dieser religionsgeschichtlichen Ableitung bzw. Engführung steht längst eine soziologische wie religionswissenschaftliche Ausweitung des Begriffes gegenüber. Andreas Grünschloß etwa unterscheidet als Kriterien Reaktivität, Selektivität, Moralischen Manichäismus bzw. Dualismus, Absolutismus und Unfehlbarkeit von Schrift und Tradition, Millenarismus und Messianismus, Gemeinschaft der Erwählten, scharfe Grenzziehung, autoritäre Organisationsstruktur, strikte Verhaltensvorschriften. Vorsichtiger klingt z.B. Wikipedia:

Fundamentalismus ist eine Überzeugung, die ihre Interpretation einer inhaltlichen Grundlage (Fundament) als einzig wahr annimmt. Fundamentalismus wird durch eine stark polarisierte Auslegung einer Letztbegründung umgesetzt.

Viele Religionswissenschaftler sehen aktuell den Begriff der „Sekte“ etwa für unpräzise und polemisch an. Die vielen im Internet kursierenden Definitionen einer solchen „Sekte“ stehen dem gegenüber. Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Kriterien von Grünschloß. Entsprechend verliert „Fundamentalismus“ außerhalb des Kontextes der Begriffsentstehung seine präzise Bedeutung. Das erwähnte Internetlexikon zitiert hierzu unter der Rubrik „umgangssprachliche Bedeutung“ den Historiker Hartmut Lehmann: „Bisher ist offen, ob der Begriff Fundamentalismus zu mehr taugt als zu Polemik“ (nach Hartmut Lehmann: Einführung, in: Ders. /Ruth Albrecht (Hrsg.): Geschichte des Pietismus, 4. Band: Glaubenswelt und Lebenswelten, Göttingen 2004, S. 11). Letztlich verbleibt die Bedeutung bei einem allgemeinen Begriff von traditionalistischer Gesinnung mit als radikal empfundener Perspektive.

Wo schon solche aus trans- oder innerreligiösen Polemiken („Sekte“, „Fundamentalismus“) erwachsenden Kategorien letztlich kaum zu Erklärungen taugen, verschärft sich diese Problematik bei inhaltlichen Bestimmungen einer emischen Innenwelt einer Religionsgemeinschaft.

Ein Impulsreferat zur Wochenendtagung von „Katholisch-Liberalem Arbeitskreis“ (KLAK) und „Evangelisch-Liberalem Gesprächskreis in Bayern“ (ELGB) fragte in Bamberg bereits am 3. und 4. November 2007: „WIE CHRISTLICH IST EUROPA? Über das Christliche im Abendland“. Schon diese Debatte größerer Innenweltenvertreter des Christentums kommt zu einem eher salomonischen Urteil in der eigentlichen Frage nach exakten Begriffen:

Wie sicher wissen wir überhaupt, was „das“ Christentum ist? Kann man wirklich einfach von „dem“ Christentum sprechen? Natürlich ist das Eigentümliche des Christentums immer an die Person Jesu Christi gebunden. Aber sein „Wesen“ und seine „Identität“ sind Resultat eines bisher über zweitausend Jahre fortdauernden Versuches, seine Identität und sein Wesen in wechselnden Situationen jeweils neu zu bestimmen. Schon zu Beginn seiner Geschichte ist der Terminus „Christentum“ (christianismos) eine Neu- und Gegenbildung zur Abgrenzung der christlichen Gemeinde gegen die jüdische Synagoge (iudaismos). Es gibt „Fundamentalia“ (im positiven Sinne!) des Christentums wie das trinitarische Gottesbild, die Christozentrik, die Soteriologie oder die Eschatologie, aber wer hier vorschnell von einem „gemeinsamen Wesen“ des Christentums sprechen will, muss auch bedenken:
– Die Identität des Christentums ist weithin „referentiell“, d.h. immer auf einen Kontext bezogen. Keine Interpretation des Christentums darf sich absolut setzen.
– Das Christentum kann immer nur von einem konfessionellen Standpunkt aus beschrieben werden (als katholisch, protestantisch, lutherisch, calvinistisch, orthodox, freikirchlich …).
– Es gibt nicht ein einziges „spezifisches“ Merkmal des Christentums, sondern nur ein „Ensemble von Merkmalen“.
– Innertheologisch ist zu beachten, dass das innerste Wesen des Christentums nur im Lichte des Glaubens selbst erhellt werden kann und es somit keine „Formel“ und keine „abstrakte Wesensdefinition“ des Christentums gibt. Das Wesentliche und das historisch Zufällige ist aus der „Aussenperspektive“ nicht immer leicht zu unterscheiden. (S. 2)

Dem Text sind Einflüsse aus religionswissenschaftlichen Überlegungen zu der Frage anzusehen, einschließlich des nachgesetzten letzten Punktes, von dem man meinen könnte, er wäre eben für Religionswissenschaftler geschrieben worden.  Mit der Methode des frühen Religionsphilosophen und Beförderer der Religionswissenschaft Rudolf Otto, der auf der achten Seite seines 1917 erschienenen „Das Heilige“ alle diejenigen zum Beenden der Lektüre aufrief, welche keine eigenen religiösen Erlebnisse vorzuweisen hatten, wird am Ende der Definition des Referats die Frage einer wissenschaftlichen Überprüfung entzogen.

Zugleich leitet zitiertes Referat dann aber zu der Frage nach Europa über. Auch wenn zugestanden wird, dass Europa und Christentum nicht gleichzusetzen seien (S. 4), wird als These formuliert: „Das Christentum stellt tatsächlich ein wichtiges identitätsbildendes Moment der europäischen Tradition dar“ (S. 5). Mehr noch: ein „Europa ohne Christentum“ wird mittels einer „Kontrastfolie“ der „Gegenüberstellung mit dem islamisch geprägten Morgenland“ modelliert. Eher abstrakt werden Unterschiede in Menschenbild, Zeitverständnis, Sicht auf Arbeit, Natur und Staat  (einschließlich einer Kultur des Widerstands im Sinne Bernard-Henri Levys) herausgearbeitet (S. 7). Sogar die „exzentrische Identität“ Europas (eine Neues erschließende Identität) nach Remi Brague (1993) wird hier angeschlossen (S. 8), etwa über die „Neugierde“:

Gerade Europa zeigte immer ein ausserordentliches Interesse für das Fremde. Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade die Europäer die ganze Welt bereist haben (auch hier kommt es in der arabisch/muslimischen und der chinesisch/japanischen Welt zu Selbstverschließungsbewegungen).

Was auf den ersten Blick wie eine Psychologisierung der Resultate des Kolonialismus unter gleichzeitiger Ignoranz seiner Rolle klingt, zeugt von einer Identitätsdebatte, die lange nichts mehr mit religionswissenschaftlichen oder innertheologischen Fragen um das Christliche zu tun hat.

Der Religionswissenschaftler, welcher aus eher genealogischen Interessen etwa über Universelles Leben schreiben kann, dass sie starke christliche Anteile haben (sowie z.B. esoterische, hermetische, hinduistische Elemente) bzw. eine christliche Neuoffenbarung darstellen, vertritt eigentlich kein identitätsbezogenes Anliegen. Die religionsgeschichtliche Verortung soll vielmehr erläutern, einordnen, verkürzen helfen. (Dennoch stammt auch sie vielleicht als Methode aus einer Praxis der Polemik an einer also quasi künstlich zusammengesetzten „synkretistischen“, „eklektischen“ Religionslehre bzw. der allgemeinen Religionskritik am Christentum).

So kämen auch Breivik (der eine neue christliche Kirche wünscht und sowohl Protestantismus wie Katholizismus kritisiert) christliche Elemente zu, entsprechend seine vermutlich starken Bezüge zur Johannismaurerei (auf dem S. 1512 in seinem Manifest eingefügten Foto in Freimaurer-Uniform trägt er die Schürze eines Meisters, erkennbar an der Zahl der Sterne) und sein nicht nur historisches Interesse an dem Templer-Orden des Mittelalters (und entsprechender Literatur des 11. bis 14. Jh.) sowie an den Theorien und Ideen der templerfaszinierten Hochgradmaurerei und einiger der diversen Neutemplergruppen vor seiner 2002 selbst in London gegründeten Knights Templar Europe bzw. „Arme Gefährten Christi von Salomons Tempel (PCCTS)“.

Doch so entscheidend ist dieses genealogische Verorten eigentlich nicht (man findet übrigens per automatischer Suche den Begriff „Jesus“ im Manifest mehr als 50mal, den „Holy Ghost“ allerdings nur an einer Stelle, S. 1117f., in einem „PCCTS, Knights Templar Oath – Initiation Rite“). Eher wirkt dieser Streit um die Herkunft von Breiviks Ideen wie ein Scheingefecht um den Sündenbock, sei es, dass man diesen eher christlich oder freimaurerisch / esoterisch / humanistisch … gestalten möchte. Demgegenüber sprach Die Zeit am letzten Wochenende von einem „rechten 11. September“: Es ist im Grunde verlogen, das Lied vom vereinzelten irren Amokläufer zu singen. Genauso wie die Versuche, ihn einem – wie auch immer gearteten – abseitigen religiösen (oder sonstwie ideologisch gefärbten) Lager zuzuschreiben.

Ohne den Autoren weiter oben zitierten Impulsreferates der bayrischen kirchlichen Arbeitskreise Islamfeindlichkeit unterstellen zu wollen, sie teilen doch  (in zwar chauvinistischer Tradition, aber ohne das narrative Element einer Bedrohung von innen) mit Breivik ein Konzept des Christentums als Kulturform. Blickt man auf die gestiegene Intoleranz in der Mitte der Gesellschaft und die steigende Medienpräsenz einer neuen islamophoben Rechten, erscheint beides in Hinblick auf zuvor Erläutertes nicht bloß als gesteigerter Ausdruck einer ansonsten sowieso bereits im Mainstream verankerten Kulturform-Konzeption von Christentum, sondern verweist zudem auf ein besorgniserregendes einseitiges Verständnis von „Kultur(en)“ im Allgemeinen.

Christoph Wagenseil

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4 Kommentare:

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