„Pyramiden“ im Dschungel – auf Forschungsreise in Guatemala

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Der Archäologe Achim Schulze berichtet von seinen Forschungsarbeiten im Rahmen eines DAAD-Auslandsstipendiums für Doktoranden. Der Marburger Absolvent der Vor- und Frühgeschichte beschäftigt sich in Unterstützung durch die Bonner Altamerikanistik mit der Vorklassik der Maya in Mesoamerika. Er selbst hat in den letzten 10 Jahren bereits mehrere Male die Länder mit den „Pyramiden im Dschungel“ bereist, wobei er den Begriff „Pyramide“ nicht besonders gerne hört. Neben Einblicken in die präkolumbianische Zeit vor der Conquista geht es um die Gegenwart der synkretistischen indianischen und/oder afroamerikanischen Religionen, die Zukunft der Altertumswissenschaften und die esoterischen Erwartungen mancher Maya-Touristen.

Herr Schulze, was ist Ihr Problem mit dem Begriff „Pyramide“?

Im Prinzip ist die Pyramide zunächst einmal nur eine geometrische Form. Hinter dem Begriff „Pyramiden“ in Bezug auf Bauwerke verbirgt sich jedoch ein Sammelsurium unterschiedlicher Konstruktionen aus allen möglichen Epochen und Erdteilen. Auch deren Funktion war wohl individuell unterschiedlich, obwohl es natürlich schon Überschneidungen gibt. Das Problem ist, dass hier oftmals Äpfel mit Birnen verglichen werden, um Hypothesen über Atlantis, Mu oder irgendein anderes Sagenreich zu untermauern, die Außerirdischen dürfen bei solchen Konzepten auch nicht fehlen. Bei solchen Ansätzen geht es zumeist ums Geld. Wie skrupellos einige Personen diese Ideen ausschlachten hat der Fall von Visoko (die „bosnische Pyramide“) erschreckend deutlich gemacht.
Besonders gern werden die echten Pyramiden von Gizeh mit den Maya-„Pyramiden“ verglichen, obwohl diese Bauwerke architektonisch nicht sehr viel miteinander gemein haben. Obwohl sich mittlerweile herausgestellt hat, daß die Sakralbauten der Maya weitaus häufiger als Grabstätten genutzt worden sind als allgemein angenommen, so war deren primäre Funktion doch wohl die eines Tempels. Man sollte ebenfalls beachten, dass die Bauweise der Maya-Pyramiden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus der Notwendigkeit heraus entstanden ist, die Wohn- und Gemeinschaftsbauten vor Überschwemmungen zu schützen. Die Technik der Maya Plattformen übereinander zu errichten, um eine erhöhte Wohnfläche zu erhalten, war also wohl ursprünglich einmal eine praktische Angelegenheit.

Im archäologischen Kontext Vor- und Frühgeschichte gibt es bzgl. Religion ja dieses Sprüchlein: „Was der Archäologe nicht kennt, er gerne kultisch nennt…“. Andere projezieren moderne Schamanen in prähistorische Zeiten. Was kann man eigentlich wissen?

Natürlich ist es immer schwierig Gegenstände aus archäologischen Kontexten zu deuten, deren Funktion nicht eindeutig bestimmt werden kann. In einigen Fällen wird dann auch mal das hineininterpretiert, was der Forscher gerne darin sehen möchte. Gerade kultische Interpretationen werden gerne genutzt, wenn ein Archäologe nicht sagen möchte, dass er schlicht und einfach nicht weiß, wofür ein Gegenstand genutzt wurde. Ich habe jedoch auch die Erfahrung gemacht, dass jedweder Interpretationsansatz die Gefahr einer Überanstrengung des Fundmaterials zugunsten bestimmter Ideen in sich birgt. So werden beispielsweise in meinem Feld (die Frühe und Mittlere Vorklassik Mesoamerikas) sehr viele Nachweise für die Existenz von frühen Ranggesellschaften angestrengt. Das führt dann auch mal dazu, dass das Fundmaterial nur in diesem Kontext interpretiert wird. Man deklariert z.b. ein Gebäude als „Eliteresidenz“, obwohl letztlich das Fundmaterial nicht gerade eindeutig ist und eine Interpretation als Tempel genauso möglich, bzw. sogar viel einleuchtender erscheint. Auch in Europa gibt es übrigens ebenso den umgekehrten Fall, wie z.B. die in der Urnenfelderkultur auftauchenden Mond- oder Stieridole, welche lange Zeit als Feuerböcke interpretiert worden sind. Hier ist man also, vor allem aufgrund der Fundkontexte, von der profanen zur kultischen Deutung gekommen und nicht umgekehrt.

Religion hat definitiv immer eine wichtige Rolle in menschlichen Gesellschaften gespielt, aber vor allem in der Vorgeschichte sind die Glaubensinhalte oft nur schwer rekonstruierbar.

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Der Archäologe Achim Schulze zwischen Tempelgebäuden im mesoamerikanischen Dschungel.

 

Wir haben zwar eine große Anzahl von Nachweisen für religiöse Aktivitäten in prähistorischen Gesellschaften, aber man muss natürlich mit dem Begriff „Schamanismus“ vorsichtig umgehen, da dieser in der Völkerkunde sehr klar auf bestimmte Gruppen in Sibirien begrenzt ist. Auf der anderen Seite kann man „schamanistische“ Praktiken jedoch in relativ vielen religiösen Kontexten finden, und es ist schwer diese unter einem andern, ähnlich prägnanten Begriff zu fassen. In Europa tut man sich jedenfalls immer noch relativ schwer mit der Verwendung dieser Bezeichnung und unser Wissen über religiöse Praktiken der Vorgeschichte ist nicht sonderlich ausgeprägt. Das hängt sicherlich auch mit der schwierigen Geschichte der ethnologischen Theorien (man denke da nur an Gustav Kossinna) in der Archäologie im 20ten Jahrhundert zusammen.

Im Fall der Altamerikanistik sieht es ja ein wenig besser aus. Hier gibt es mehr und vielleicht bessere Augenzeugenberichte – sowie tw. die Traditionen der Nachfahren der Maya, Azteken, etc.?

Die religiösen Traditionen in Mesoamerika (z.b. Olmeken, Zapoteken, Azteken, Maya) sind eng miteinander verwandt und gehen fließend ineinander über, auch wenn sie sich nicht direkt aufeinander übertragen lassen. Die Wurzeln einiger dieser Traditionen lassen sich bis in die Frühe Vorklassik (ca.1600 v.u.Z.) zurückverfolgen, wie z.B. der Figurenkult und die Verehrung bestimmter Tiere – hier sehen wir möglicherweise bereits die Ursprünge der Naguale.

Einige Archäologen sehen vor allem in der frühen Vorklassik Hinweise auf „Schamanismus“ – man bezieht sich hier vor allem auf Tonfiguren von mit Fellen bekleideten Personen, die Masken tragen. Andere Figuren zeigen Personen, die Kapuzen mit Tierohren oder sogar komplette Felle tragen. Diese Figuren kann man sicherlich in einem kultischen Kontext sehen, auch wenn unser Wissen über das Wesen der frühen mesoamerikanischen Religion ebenfalls sehr gering ist. Ähnliche Persönlichkeiten erscheinen jedoch auch noch in späteren Darstellungen bis zum Ende der Klassik, in den meisten Fällen tragen sie Jaguarfelle. Es muss sich hierbei jedoch nicht in jedem Fall zwingend um „Schamanen“ handeln, so ist beispielsweise auch eine Interpretation als Krieger denkbar. Unser Vorteil ist, dass wir es hier mit einer kontinuierlichen Entwicklung bis zur Konquista zu tun haben. Auch heute noch gibt es indigene Gruppen in Guatemala und Chiapas, die unter ihren oberflächlich katholischen Riten alte Traditionen weiterführen – obwohl wir natürlich nicht den Fehler machen dürfen diese mit der antiken Religion gleichzusetzen. Die religiösen Praktiken Zentralamerikas haben unbestreitbar eine starke Metamorphose während der letzten Jahrhunderte durchlaufen und einiges, was man heute in indigenen religiösen Handlungen findet, ist wohl das Resultat exogener Einflüsse, wie z.b. des Christentums oder des Voodoo (vgl. REMID-Kurzinformation „Afroamerikanische Religionen„).

Die Verwendung halluzinogener Drogen ist wohl auch bereits sehr alt, in Mesoamerika gibt es hierfür relativ gute Nachweise. Der Fundort Cuello im zentralen Tiefland erbrachte beispielsweise Nachweise von einer großen Menge organischer Überreste von Aga-Kröten (Bufo marinus) für ca. 700 v.u.Z., was möglicherweise ein Hinweis auf deren Zucht ist. Auch die häufige Darstellung von Kröten auf Schalen und Tellern aus kultischen Kontexten Funktion deutet in dieselbe Richtung.

Auf die Verwendung von Pilzen gibt es nur indirekte Hinweise, wie eine Reihe vorklassischer Figuren mit „Pilzhüten“ und die sog. „Pilzständer“. Hier kommen wir jedoch wieder auf die erste Frage zurück, denn diese als „Pilzständer“ bezeichneten Keramiken in Pilzform werden zwar häufig als Kultgegenstände interpretiert, könnten jedoch genausogut einen praktischen Nutzen gehabt haben.

Ihr Forschungsgebiet der Präklassik der Maya hat Sie aktuell nach Guatemala geführt. Worum geht es?

Die Forschungen zu meiner Doktorarbeit sind vor allem auf die Erforschung der Wurzeln der mesoamerikanischen Kulturen, inbesondere der Maya ausgerichtet. Vor allem was die ethnische Herkunft der Maya angeht, weiß man bisher nur sehr wenig. Und wir stoßen hier gleich auf mehrere Probleme. Zunächst einmal muss man nämlich den Begriff „Ethnie“ definieren, und hier kollidieren bereits die unterschiedlichen Ansichten miteinander. Man kann zahlreiche Aspekte anführen, wie Sprache, technische Traditionen (vor allem Keramik), Religion oder Identifikation, von welchen jedoch keiner wirklich imstande ist eine „Ethnie“ zu beschreiben. Daher können Begriffe wie „Maya“ oder „Olmeken“ je nach Kontext ganz unterschiedliche kulturelle Aspekte umfassen, die sich nicht notwendigerweise auch überschneiden. So können z.B. Gruppen derselben Sprachfamilie unterschiedliche Keramik produzieren oder umgekehrt. Die Religion wiederum kann etwas sehr Einheitliches sein und ist weder an Sprache, noch an bestimmte technische Traditionen gebunden. Eine Reihe von Archäologen sieht die Zugehörigkeit zu einer Ethnie deswegen allein in der Identifikation der Individuen mit dieser begründet – und hier stoßen wir an die Grenzen der archäologischen Nachweisbarkeit.

Bei den Olmeken im engeren Sinne handelt es sich eigentlich um eine eng umrissene Gruppe an der Golfküste von Mexiko. Ihre Einbettung in einen in diesen Gesamtmesoamerika umfassenden religiösen Kontext, der durch eine ziemlich einheitliche Symbolik, Ikonographie und Bildhauerkunst geprägt ist, veranlasst jedoch einige Archäologen dazu von einer „olmekischen Mutterkultur“ zu sprechen. Die Verfechter der „Mutterkulturhypothese“ unterschlagen die klar erkennbaren regionalen Unterschiede und machen alle Kulturgruppen, die über Repräsentationen des olmekischen Stils verfügen, zu Mitgliedern derselben Sprachfamilie, einige sehen diese sogar als zum selben Herrschaftssystem zugehörig. Andere Forscher sprechen von einem olmekischen Stil, welcher in meinem Forschungsgebiet an der Pazifikküste von Guatemala in Abgrenzung zum Maya-Stil gesehen wird. Hierbei handelt es sich um eine klar umreißbare stilistische Unterscheidung, die keinerlei Aussagen zur ethnischen Deutung macht

Die Definition unterschiedlicher „ethnischer“ Gruppen der Frühen und Mittleren Vorklassik orientiert sich allerdings häufig (vor allem im Kontext der Mutterkulturhypothese) an linguistischen Rekonstruktionen, die an der Verteilung der Sprachgruppen zur Zeit der Konquista festgemacht sind. So werden die „Olmeken“ als Mixe-Zoque sprechende Gruppe definiert, obwohl sich dies im Prinzip nicht nachweisen lässt. Carlos Navarette betont bei jeder Gelegenheit, daß eine Identifikation der vorklassischen Bevölkerung von Chiapas mit Mixe-Zoque sprechenden Ethnien rein willkürlich getroffen wird – es könnte sich ebensogut um Maya handeln. Im Prinzip muss man sogar annehmen, dass unter dem Begriff „Olmeken“ Maya und Mixe-Zoque sprechende Gruppen vermischt werden, da – wie gesagt – der relativ einheitliche olmekische Stil von Zentralmexiko bis in das guatemaltekische Hochland verbreitet ist. Dieser olmekische Stil konstituiert ganz klar das Substrat, aus welchen sich der spätere Maya-Stil entwickelt, auf der anderen Seite geht er jedoch auch den anderen mesoamerikanischen Kulturen wie den Zapoteken (Oaxaca) oder Teotihuacan (Zentralmexiko) voraus. Man muss also davon ausgehen, dass die sog. „Olmeken“ in vielen Regionen Guatemalas im linguistischen Sinne wohl bereits „Maya“ gewesen sind, während dies wohl nicht für die „Olmeken“ Zentralmexikos und Oaxacas gilt.

Ein wichtiger Teil meiner Arbeit beschäftigt sich daher mit dem Versuch eine genauere Definition der Olmeken und frühen Maya zu schaffen.

Was läßt sich über die Religionen dieser präkolumbischen Kulturen Mesoamerikas wie den Olmeken, Mixteken, Azteken sowie – vielleicht im Kontrast – den Maya sagen und kann man neben den Grundzügen zeitliche Veränderungen / Entwicklungen ausmachen?

Eine Reihe von Archäologen sieht im Wechsel vom olmekischen Stil zum Maya-Stil, also im Übergang von der Mittleren zur Späten Vorklassik, ebenso eine Veränderung der „Ideologie“, wobei ich den Begriff „Religion“ bevorzuge. Man kann hierbei vor allem eine Veränderung in der skulpturalen Kunst und der Ikonographie feststellen, andere kulturelle Aspekte bleiben jedoch in der vorangegangenen stilistischen Entwicklung verwurzelt. Fest steht jedoch, daß mit dem Ende der Mittleren Vorklassik (zwischen 400 und 300 v.u.Z.) Veränderungen stattfinden, die zu einer Diversifikation der Stile in den unterschiedlichen Regionen führen, in welchen zuvor der olmekische Stil dominierte.

Wie bereits gesagt sind die Grenzen zwischen den mesoamerikanischen Kulturen fließend, aber es gibt prägende Unterschiede, die sich insbesondere in den Namensbezeichnungen von Gottheiten, aber auch in den Inhalten von Erzählungen und rituellen Praktiken finden. Der mesoamerikanische Regengott existiert beispielsweise in verschiedenen Formen (und unter verschiedenen Bezeichnungen) in allen mesoamerikanischen Kulturgruppen und hat seine Wurzel in einer „olmekischen“ Gottheit.

Auch die Motive des Popol Vuh lassen sich – wenn auch in teilweise stark unterschiedlichen Fassungen – bei fast allen mesoamerikanischen Kulturgruppen finden. Inhalte des Popol Vuh lassen sich ebenfalls bis in die Vorklassik zurückverfolgen.

Ein weiteres berühmtes Beispiel sind Opferrituale, wobei sicherlich die oft zitierten Herzopfer, welche ja auch in Mel Gibsons Film „Apocalypto“ auftauchen, kein verbindendes Element konstituieren. Diese spezielle Art des Menschenopfers ist zwar für die Azteken durch spanische Überlieferungen belegt, für die klassischen Maya allerdings bislang nicht nachgewiesen. Lediglich ein postklassischer Fund, eine goldene Scheibe aus Chichen Itza zeigt die Darstellung eines Herzopfers, sie ist jedoch zweifellos als Ergebnis des toltekischen Einflusses in dieser Epoche zu werten.

Man kann also im allgemeinen schon eine ausgeprägte religiöse Diversität in den unterschiedlichen Kulturen Mesoamerikas ausmachen, diese sind jedoch durch eine Reihe von fundamentalen Gemeinsamkeiten miteinander verwoben. Die Gemeinsamkeiten basieren wohl auf einer gemeinsamen „Ursprungsreligion“, welcher sich sicherlich nicht zuletzt im „olmekischen Stil“ manifestiert. Es existierte möglicherweise (zumindest zeitweise) sogar eine direkte maritime Verbindung zum südamerikanischen Kontinent, wie zahlreiche Hinweise aus der Ethnobotanik und Archäologie nahelegen, dieser Ansatz wird jedoch immer noch in der europäischen und US-amerikanischen Archäologie weitgehend abgelehnt, obwohl einzelne Forscher immer wieder darauf verweisen.

Durch den Einfall der europäischen Conquista haben sich diese Religionen stark transformiert?

Es ist davon auszugehen, dass bereits der Übergang von der Klassik zur Postklassik eine solche Transformation bedingt hat, diese ist jedoch nicht mit den Folgen der Conquista vergleichbar. Die erzwungene Übernahme des Christentums hat in vielen Bereichen die alten Religionen nicht nur transformiert, sondern fast vollständig verschwinden lassen. Man muss bedenken, dass katholische Geistliche peinlichst genau darauf bedacht waren sämtliche Erinnerungen an die alten Religionen aus der Welt zu tilgen. So wurden die Bücher der Maya fast vollständig verbrannt, die Tempel und Kultgegenstände zerstört und die religiösen Zeremonien verboten. Dennoch ist es allen Anstrengungen vor allem der katholischen Kirche zum Trotz nicht gelungen die Religion der Maya vollständig verschwinden zu lassen. Es existieren noch zahlreiche indigene Gruppen, die durch katholische Riten nur schwach verschleierte Traditionen aus vorkolumbianischer Zeit weiter praktizieren. Dies geschieht sowohl in den Gemeinden und Kirchen als auch an antiken Fundorten. Vor allem in Chiapas und Guatemala finden sich Gemeinden, die Opfer- und Reinigungsrituale pflegen und auch Ruinen als „Orte der Ahnen“ schützen. Man hat es hier jedoch immer mit synkretistischen Formen der Religion zu tun, die sich nicht direkt mit den präkolumbianischen Bräuchen gleichsetzen lassen.

Daneben ist ja nicht erst seit dem 20. Jahrhundert neo-indianische Religiosität im Kommen. Ich denke da sowohl an christlich-indianische Exodus-Bewegungen im 18. / 19. Jh. als auch an indianisch-afrikanischen Synkretismus oder westlich aufbereiteten „Medizinrad-Schamanismus“…

Man kann eine große Reihe von Synkretismen in Zentralamerika ausmachen, was wohl nicht zuletzt auch der Eigenart der mesoamerikanischen Religionen zuzuschreiben ist, die im Gegensatz zum Christentum keinen Absolutheitsanspruch erheben. Aber auch der Katholizismus trägt diese Tendenzen in sich, daher sind Vermischungen mit anderen Religionen eine logische Folge.

Die rezenten religiösen Bräuche in Mittelamerika unterscheiden sich daher wohl stark von der Religion der Klassik und auch der Postklassik. Man kann allerdings festestellen, dass auch klassische Rituale, vor allem sog. autosacrificios [Eigenblutopfer; Anm. Red.] – möglicherweise auch von moderenen Forschungsergebnissen inspiriert – vereinzelt (wieder) praktiziert werden.

Es ist schwierig zu sagen, wo genau die Grenzen liegen, denn wie bei jeden Synkretismus sind die Inhalte stark miteinander verwoben. Bei der in Guatemala vielerorts verehrten Figur Rilaj Mam (u.a. auch Maximon oder San Simon genannt) handelt es sich beispielsweise um einen präkolumbianischen Nagual der Tz´utujil Maya, der mit einer christlichen Heiligenfigur verbunden wurde. Ein anderes Beispiel für eine solche Verschmelzung ist die Santa Muerte, deren Verehrung Gerüchten zufolge auch mit Menschenopfern verbunden sein soll.

Es gibt jedoch auch andere Formen des Synkretismus, beispielsweise afrikanische Einflüsse in Form von Voodoo, wie sie in Tak´alik Ab´aj für die letzten Jahrhunderte nachweisbar sind. Möglicherweise gibt es auch andere, weitaus ältere Einflüsse, deren Diskussion jedoch nach wie vor ein Tabu darstellt. Einige Archäologen halten beispielsweise einen Einfluss aus China während der Mittleren Vorklassik für möglich. Hinweise hierauf gibt es in der Linguistik, aber auch im archäologischen Material, wie das vereinzelte Vorkommen von Keramik aus reiner Kaolinerde in dieser Epoche und die Verwendung von grüner Jade, deren Beginn jedoch früher anzusetzen wäre.

Traurigerweise sind die christlichen Geistlichen in Zentralamerika noch immer sehr damit beschäftigt auch die letzten Überreste der alten Kulturen auszuradieren. Immer wieder rufen Missionare und Geistliche zur Vernichtung von nicht-christlichen Kultobjekten auf und stellen die alten Traditionen als Teufelsanbetung dar. Das Problem der kulturellen Unterdrückung indigener Gruppen durch christliche Kirchen in Mittelamerika ist also keinesfalls ein vergangenes Phänomen. Die neuerdings immer stärker werdenden evangelikalen Bewegungen stellen jedoch mittlerweile eine weitaus größere Bedrohung dar als die katholische Kirche.

In jüngerer Zeit lassen sich vor allem Einflüsse aus der New-Age-Bewegung feststellen, die oftmals auf obsoleteten Vorstellungen über die klassischen Maya oder sogar reiner Phantasie (z.b. Dänikens Lehre von den Außerirdischen) basieren. In Erwartung des „Endes“ des Maya-Kalenders kann man vor allem in Mexiko eine starke Zuwanderung „esoterisch veranlagter Persönlichkeiten“ feststellen, die sich vor allem an symbolträchtigen Orten wie der Maya-Stadt Palenque sammeln. Der Hype um den Maya-Kalender und das Jahr 2012 stellt eine beklagenswerte Kulmination von unterschiedlichen kommerziellen und esoterischen Bestrebungen dar und verstellt den Blick auf die real existierenden Probleme in Mexiko und Guatemala.

Einen besonderen Reiz haben für viele die Themen Menschenopfer und Kannibalismus. Bei beidem gibt es inzwischen Theoretiker, die behaupten, dass es etwa weder einen endogenen Kannibalismus als etablierte Kulturtradition überhaupt, noch Menschenopfer, hier je nach Autor auf die Maya und/oder Azteken beschränkt und ohne universalen Anspruch. Ein mexikanischer Psychologe, der Nachfahre beider Gruppen ist, bestritt etwa neulich auf einer Art Workshop, dass es Menschenopfer bei den Maya und Azteken gegeben habe. Was sagt die aktuelle Altamerikanistik dazu?

Diese Meinung wird vor allem in Deutschland gerne vertreten, da man durch den Rassismus des Dritten Reiches sehr sensibel geworden ist im Umgang mit ethnologischen Theorien.

Ich denke, die Archäologen sind sich bei diesem Thema jedoch relativ einig: Menschenopfer lassen sich in vielen mesoamerikanischen Kulturen in verschiedener Form nachweisen, auch wenn deren Ausmaß in den spanischen Quellen wohl maßlos übertrieben wird. Wir haben aber auch relativ viele archäologische Quellen, die Menschenopfer belegen, vor allem in Darstellungen, aber auch sterbliche Überreste von wahrscheinlich geopferten Personen, die möglicherweise sogar rituellen Kannibalismus belegen. In welcher Regelmäßigkeit solche Opferungen aber stattgefunden haben, ist dagegen weniger gut belegbar, ebenso ist es schwierig zwischen „echten“ (rein religiös motivierten) Menschenopfern und rituellen Hinrichtungen (politisch motiviert) zu unterscheiden.

Relativ sicher kann man wohl sagen, dass die sog. „Menschenopfer“ in Mesoamerika wohl vielfach eine Vermischung von religiösen und politischen Handlungen darstellten und nicht selten in Verbindung mit kriegerischen Handlungen auftraten. Die Opfer waren in vielen Fällen wohl Gefangene. Schriftlich belegt sind vor allem die ritualisierten Hinrichtungen von Herrschern oder Adligen durch die Anführer verfeindeter Gemeinden. Ein sehr berühmter Fall ist der des Königs Uaxaclahun Ubak K´awil (besser bekannt als „18 Kaninchen“) von Copan, der 738 u.Z. im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen des Vasallenstaates Quirigua durch dessen Herrscher K´ak` Tiliw Chan Yopaat enthauptet wurde.

Inwieweit diese Praktiken in Verbindung mit dem Ballspiel standen, ist nach meinem Wissen jedoch kaum bekannt. Ein Hinweis darauf findet sich in der Erzählung der Heldenzwillinge des Popol Vuh, in welcher einer von diesen, Hun Hunajpu nach einem verlorenen Ballspiel gegen die Todesgötter von diesen enthauptet wird. Ob dies jedoch ein Hinweis auf real das praktizierte Ballspiel ist bleibt fraglich, denn auch symbolische Inszenierungen sind hierbei möglich. Ich persönlich habe ebenso meine Zweifel an einem kompetitiven Charakter des Ballspieles mit dem Ziel der Opferung der Gewinner oder Verlierer, kann dies jedoch nicht ausschließen.

Ein weitaus weiter verbreiteterer Brauch als die Opferung von Gefangenen, Sklaven, Ballspielern oder „Auserwählten“ ist dagegen das sog. autosacrificio, welches seinen Ursprung wohl in den schamanistischen Bräuchen der Mittleren Vorklassik (die „olmekische“ Epoche) hat. Hierbei handelt es sich um Selbstopfer, bei welchen der Opfernde sich mit einem spitzen, scharfen Gegenstand, häufig ein Rochenstachel, an Ohren, Zunge oder den Genitalien sticht oder schneidet. Das austretende Blut wird mit Papieren aufgefangen und rituell verbrannt. Auf klassischen Darstellungen erscheint in dem entstehenden Rauch eine Visionsschlange, deren Rachen ein Krieger (Vorfahr?) entsteigt. Nach der gängigen Interpretation werden durch diesen Ahnen Prophezeiungen für die Zukunft an den Opfernden weitergegeben. Diese von Männern und Frauen durchgeführten Rituale wurden wohl vor allem von den Herrschenden praktiziert, um die eigene Position zu rechtfertigen.

In Ihrer Forschung spielen an einer Stelle auch die Mormonen (Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage) eine Rolle?

Ich arbeite momentan in einer der mormonischen Kirche unterstellten archäologischen Einrichtung, deren initiale Motivation der Nachweis einer historischen Wahrheit des Buches Mormon war. Im Laufe der Jahre hat man sich jedoch von diesen Vorstellungen weitgehend verabschiedet, da ein solcher Nachweis nicht erbracht werden konnte. Man ist daher dort peinlichst darauf bedacht keine Parallelen zwischen der kulturellen Entwicklung in Mesoamerika und den Inhalten des Buches Mormon zu ziehen, obwohl einzelne Forscher privat durchaus solche Ziele verfolgen, wie im Internet veröffentlichte Dokumente belegen. Ich sehe jedoch momentan hierin keine direkte Beeinflussung der dort betriebenen Forschungen, zumal die Stiftung momentan aus finanziellen Gründen um ihr Überleben kämpfen muss – ein Problem, mit dem auch andere Institute, u.a. auch in Deutschland konfrontiert sind. Zu weiteren Einzelheiten kann ich mich aufgrund der aktuellen Situation vor Ort jedoch nicht äußern.

Um die Altamerikanistik ist es in Deutschland derzeit schlecht bestellt? Es gibt nur noch ein Institut in Bonn?

Die Zentralisierungsbestrebungen der deutschen Regierung haben nicht nur in der Altamerikanistik einen Kahlschlag nach sich gezogen, sondern in allen Bereichen der Archäologie. Man kann nur hoffen, dass in der Zukunft wieder mehr Interesse an der Altertumsforschung besteht und man nicht dem Trugschluss erliegt, die Qualität der Bildung müsse an ihrer Kommerzialisierbarkeit gemessen werden.

Danke für das Interview.
Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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