Aussteiger. Zur Geschichte eines einstigen Modewortes


Von „Neoprimitiven“ spricht Peter Mühlbauer angesichts der Gruppe(n?), die sich nach isländischen Vulkanen „Das Grollen des Eyjafjallajökull“ oder auch „Hekla“ nennen und laut ihrer Bekennerschreiben auf indymedia.org (man googele selbst) „die quälende und mörderische Normalität“ mit Anschlägen (vor wenigen Tagen auf Berliner Schienennetze) bestreiken möchten. Einerseits geht es um Themen wie Atomausstieg, Waffentransporte, Kapitalismuskritik („Alternativlosigkeit“), aber den zitierten Journalisten stört wohl im Besonderen die allgemeine Technikfeindlichkeit der anonymen Autoren: „Dabei sollen wir uns einfach an Ersatzscheiße gewöhnen, die zwischen uns Menschen installiert wird: Eben Handys, I-Phone, Internet, Mobilität“.  Der gewaltverherrlichende Text möchte dabei suggerieren, per „Entschleunigung“ müsse das „mörderische Spektakel“ erst gestoppt werden, damit nicht mehr gelte: „Aussteigen geht nicht“ .

Doch um was geht es eigentlich bei Aussteigern? Dieser Ausdruck ist in der Religionswissenschaft ja nicht gänzlich unvertraut.

Eine der älteren Verwendungen des „Aussteigens“ neben wörtlich aus Fenstern aussteigenden Dieben (oder aus Schiffen aussteigenden Passagieren, aus Gefängnissen aussteigenden Insassen) stammt laut dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm von dem romantischen Dichter Jean Paul:

„Für mich aber, Hesperus [die Sonne, Anm. Red.] bist du nun wol untergegangen – du zogest bisher neben dem Erdball wie mein Nebenplanet, wie meine zweite Welt, auf die meine Seele ausstieg, indeß sie den Körper den Stößen der Erde ließ – aber heute fällt mein Auge traurig und langsam von dir und dem weißen Blumenflor […] – und ich sehe uns alle von Kühle und Abend umgeben – weit von den Sternen abgerissen.“ (Jean Paul: Hesperus oder 45 Hundposttage. Eine Lebensbeschreibung, Vorrede zur ersten Auflage [Beschluß],  Sämmtliche Werke VII = 2. Lieferung, 2. Band, Berlin: Reimer 1826, S. XXVIIf.)

Erst mit den 1960ern wird es alltäglicher, in Straßen- und U-Bahnen ein-, um- und auszusteigen (oder es häufen sich zuerst entsprechende statistische Erhebungen, des Bundes wie der Verkehrsunternehmen), 1966 widmet sich ein Spiegel-Titel den „Gammlern„, für Literaturgeschichten des Schriftstellerverbandes der DDR im Aufbau-Verlag bietet sich der Begriff an, etwa um Rainer Maria Rilke zu beschreiben als „halbherzige[n] Aussteiger aus der Kleinbürgerwelt, der hoch hinaus will: ein Aufsteiger“ (Neuere Dt. Literatur, 1961, Bd. 9, S. 121).

Schließlich verwenden ihn Ernst Benz in seinem Werk „Patriarchen und Einsiedler“ zur Ostkirche 1964 (allerdings unter Bezug auf moderne Reisende, welche die Einsiedlerstätten aufsuchen), der Kulturkritiker Gerhard Nebel 1970 über „Gammler, Hippies, Rocker, Aussteiger“ und ihr angebliches Problem der Langeweile, bei welcher „neuerdings die Revolution als Ersatz für Marihuana oder LSD“ fungiere (Sprung von des Tigers Rücken, S. 202) sowie ein psychologischer Fragebogen von 1968 (Zeitschrift für differentielle und diagnostische Psychologie , Band 7), der als Item enthält: „Ich fühle mich zu Leuten hingezogen, die man heutzutage als ‚Aussteiger‘ bezeichnet“.

1970 baut auch Rolf Schwendter den Aussteiger in seine „Theorie der Subkultur“ ein. 1976 wenden Germanisten ihn zum ersten Mal auf Goethes Wilhelm Meister an. 1979 erschien Walter E. Richartz‘ „Der Aussteiger. Angestelltenprosa“ bei Diogenes in Zürich. Der Schriftsteller und Chemiker interessierte sich für den „utopischen Zustand“ und kritisierte die Tendenzen des Positivismus in den Wissenschaften als „fortgesetzte Verarmung der Anschauungsformen“ (vgl. ZEIT 31/1989, „Literaturchemie“). Zusammengefasst findet sich quasi als semantisch-diskursives Elixier dieser Begriffsgeschichte z.B. folgende Formel wieder in einer Ausgabe der österreichischen Zeitung „profil“ von 1980 (III, S. 26):

Jugendfragen (Subkultur: „Aussteiger“, Drogenproblem, Kriminalität)

Im Jahr 1979 erschien auch Horst-Eberhard Richters „Der Gotteskomplex. Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen„, der die Assoziationen weiter zusammenfügt und etwa auf S. 197 von den „jugendlichen Aussteigern in ihren esoterischen Gruppen“ spricht. 1980 warnen so auch die „Stimmen der Zeit“ (Bd. 198)  der Abtei Maria Laach: „Die Zahl der ‚Aussteiger‚ und der Drogenabhängigen wächst, die Schülerselbstmordrate steigt in beängstigender Weise“. Oder:

„Jugendliche Aussteiger aus bürgerlichen Familien bilden das Rekrutierungspotential der Sekten. Sekten-Gemeinschaften präsentieren sich als ‚Keimzellen des neuen Guten‘, können aber für den Einzelnen zur Hölle werden.“ (Der Phantastische Film 1980).

Irgendwo zwischen der Zuspitzung auf zwei Welten, eine der Etablierten und eine der Aussteiger, und dem Kalten Krieg, muss der Wechsel vollzogen worden sein, vielleicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. April 1980, deren Leitartikel „Kubas Aussteiger“ überschrieben war (zit. n. Blätter für Dt. und Internationale Politik, Bd. 25, S. 549, 1980). Oder auch andersherum vielleicht in der SED-Zeitung „Einheit“ (Bd. 35, z.B. S. 237, 1980), welche den Begriff auf diejenigen Staaten des „imperialistischen Blockes“ anwendete, welche sich dem „Brüsseler Raketendiktat“ verweigerten. Die Auseinandersetzung der zwei Systeme mit ihrem jeweiligen „Drüben“ machte den „Aussteiger“ zum einfachen Systemwechsler, zum Konvertiten.

Hinzukommt, dass 1978/9 bereits Reinhard Junge, der die Anfänge der Antifa-Bewegung im Westen mitprägte, mit Jürgen Pomerin in ihrem Buch „Die Neonazis. Vorwärts, wir marschieren zurück“ eine vergleichbare Begriffsübertragung populär machte:

„Und da gab es ‚Die Aussteiger‘. Junge Leute, die den Nazi-Banden den Rücken gekehrt haben. Die den schwierigen – und oft nicht ungefährlichen Versuch wagen, wieder in normalen Verhältnissen Fuß zu fassen…“ (S. 6).

Auch 1980 kam der von Stern-Chefredakteur Henri Nannen herausgegebene Band „Die himmlischen Verführer. Sekten in Deutschland“ auf den Markt. Es sollte noch um die zwanzig Jahre dauern, bis vermehrt Stimmen aus der akademischen Religionswissenschaft dem begrifflichen Spiel der Selbsthilfegruppen, Journalisten und kirchlichen Sektenbeauftragten kritisch entgegenhielten, dass diese Terminologie unsauber ist (statt von Sekten z.B. spreche man doch lieber von Neuen Religiösen Bewegungen). Zudem stehen wieder die „Aussteiger“ erster Ordnung im Fokus des Interesses: Es wird mit Anhängern Neuer Religionen gesprochen und nicht nur den Berichten ehemaliger möglicherweise Enttäuschter vertraut. Denn die ab 1980 umfänglicher werdende Anti-„Sekten“-Literatur, gegen welche sich die Wissenschaftler wenden, beginnt sich auf solche Berichte zu konzentrieren: die Aussteiger der Aussteiger.

Doch in der Zwischenzeit sind aus den „Gammlern“ allmählich z.B. „Punks“ geworden, Dark Wave und Gothic stehen neben Rap, Disco und Acid. Generation X, Yuppies und Friedensbewegung. Für einen neuen Konservativismus bleibt – wie in einem der obigen Zitate – vom Politischen der Aussteiger (die inzwischen Einsteiger geworden sind) nur der Begriff „Keimzelle“. Das Gegenüber des Normalen verschiebt sich dabei zunehmend in die Richtung eines metaphysisch Bösen:

Knapp kann festgestellt werden, daß vor allem in den späten 80ern und frühen 90ern des 20. Jahrhunderts in den USA zahlreiche Bücher erscheinen, die auf eine ernstzunehmende satanistische Bedrohung der Gesellschaft aufmerksam machen wollen. Auf der anderen Seite entstehen skeptische Schriften, die wenig oder keinen Wahrheitsgehalt in der antisatanistischen Literatur entdecken können und daher von einem modernen Mythos ausgehen. Wie dieser Mythos entstanden ist, versucht der Soziologe Jeffrey S. Victor in seinem Buch Satanic Panic nach zu verfolgen. Victor sieht einen einflußreichen Vorläufer in der Anti-Kult-Bewegung der 60er und 70er Jahre, die sich nicht gegen Satanisten sondern so genannte Jugendsekten wie Bhagwan oder Hare Krishna richtete.

(Anselm Neft: Antisatanismus in Deutschland. Ein Literaturüberblick,  erschienen in „Nicht alle Wege führen nach Rom. Religionen, Rituale und Religionstheorie jenseits des Mainstreams. Festschrift für Karl Hoheisel zum 70. Geburtstag. Herausgegeben von Oliver Krüger. Lembeck, Frankfurt am Main, 2007)

Und heute? Was ist übrig vom „Aussteiger“? Derjenige, der sich christlichen oder anderen Formen von Deprogrammierung aussetzt (oder nach Entführung dazu gezwungen wird), um wieder „normal“ zu werden? Oder auch derjenige, welcher einsteigt, und dort Praktiken sucht, sich zu dekonditionieren von Gewohnheiten einer kritisierten Kultur?


Der Aussteiger ist selbstbezogen. Er kreist um sich, er nimmt sich wichtig, zu wichtig. Ihm geht es allein um sein Heil. […] Er entsolidarisiert sich und gefällt sich in Systemkritik, dabei macht er es sich leicht, denn er verändert nicht die Welt, in der er lebt. […] Der Aussteiger ist materialistisch. Er will besitz- und ballastfrei leben. Kein Haus! Keine Frau! Kein Auto! Doch in seiner Askese ist der Aussteiger so materialistisch wie der Besitzanhäufer. […] Es gibt in unserem System kein fremdbestimmtes Subjekt, keine Fesseln der Konsumgesellschaft – niemand zwingt uns mitzumachen. Jeder kann den Fernseher ausschalten, das Fitnessstudio kündigen. […] Die meisten Südseegesellschaften gestatten weniger Selbstbestimmung als unsere „moderne Sklaverei“, die nur eine Enge kennt: die eigenen Zwangsvorstellungen. […]
Der Aussteiger ist unzufrieden. Wohin er auch reist, die Sehnsucht reist mit. Kaum da, drängt es ihn weiter – oder gar zurück. Er ist ein Mensch, unbegabt für Glück (Sandra Schulz und Dimitri Ladischensky: Plan B. Warum Aussteiger unbegabt fürs Glück sind, 27.12.2007, spiegel.de).

Er ist beinahe der Alte. Nur hat alles Spuren an ihm hinterlassen, sich eingebrannt. Der Teufel, die Nazis und die Keimzelle. Zurückbleibt ein Psychogramm eines Suchenden. Irgendwo wieder nahe beim anfänglichen Zitat des Romantikers Jean Paul. All das Um-, Ein- und Aussteigen der Sektenkritiker ist angesichts der üblich gewordenen Mobilität des (nicht nur) spirituellen Wanderers bereits zu normal geworden. Die Tage der statischen Metapher sind gezählt. Zumindest dort, wo nicht „unser[] System“ auf eine derart bestechende Weise konstruiert wird, dass neben diesem nur eine irrationale „Sehnsucht“ bestehen kann (oder ein vermutlich kriegspolitisches Programm im globalen Maßstab).

Christoph Wagenseil

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