Gefangen im Sprachspiel: Der Religionsbegriff und die neuen Atheisten

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Es war eine Auszeichnung des frühen Ludwig Wittgensteins, den Begriff des „Sprachspiels“ völlig ohne Voraussetzungen einer unabhängig von den Sprechern bestehenden „Natur“ zu bestimmen. Man versuchte, den Schwebezustand, den man bei solchen Philosophien verspürte, abzuschwächen, indem Versuche unternommen worden sind, neben dem natürlichen auch das gesellschaftliche Sein des Menschen zu systematisieren und beide Seinsweisen auf verschiedene Weisen miteinander zu verbinden. Eine dieser Weisen führte zum Faschismus. In dieser Zeit institutionalisierte sich auch die Religionswissenschaft neben vielen anderen damals neuen Disziplinen. Doch wie aktuell sind auf solche Weise systematisierte Sprachspiele noch?

Wir hatten schon auf das Definitionsdilemma des Religionsbegriffes wiederholt hingewiesen. Sei es, über den Begriff der „Toleranz“ und deren Rolle in der europäischen Religionsgeschichte (vgl. Intoleranz steigt. Warum unser Toleranzbegriff ein Update braucht…), über den Begriff der „Magie“ (vgl. Zwischen den Stühlen – ein Gespräch über Magie), über den der „Arbeit“ und die polemische Dimension des Religionsbegriffes, sei es mittels der Auseinandersetzungen im Osterspiel Religion versus Wissenschaft oder in Aktualisierung des etymologischen Streits des christlichen Kirchenvaters Laktanz mit dem römischen Philosophen Cicero (vgl. Wiederlesen und Neuschreiben: das vielfältige Verhältnis von Religion und Text).

Wer etwas z.B. auf erwähnte Etymologien gibt, kann also weiter dem späteren Laktanz folgen (somit bleibt im Begriff der Religion der vielen hiesigen Lesern vertraute Bezug auf ein Höchstes Wesen mit dem Gedanken der „Rückbindung“) oder versuchen, den antiken Cicero zu denken, aber die Idee, Religion leite sich von „relegere“ (wiederlesen) ab, eben auf aktuell „lesbare“ Medienarchive anzuwenden.

Allerdings kann man auch grundsätzlich Etymologien für irrelevant oder spekulativ ansehen und sich auf historisch diachrone oder synchrone  Verwendungsweisen des Wortes konzentrieren. Allerdings würde man, in einem christlich dominierten Land, bei einem bloßem Mehrheitsvotum dennoch dasjenige hören, was auch in einem gebräuchlichen Kommentar des Strafgesetzbuches zu den entsprechenden Religion betreffenden Paragraphen zu lesen ist:

„§166 Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft

[…]

2. a) Abs. 1 betrifft sowohl kollektive wie individuelle Bekenntnisse (BT-Dr V/4094 S 29). Religiös ist ein Bekenntnis, wenn sein Inhalt durch den Glauben an ein höheres Wesen (oder an mehrere) geprägt ist, weltanschaulich, wenn es ohne Rückgriff auf ein göttliches Wesen die Welt im ganzen zu begreifen und die Stellung des Menschen in der Welt zu bestimmen sucht (Dippel LK 10-12 mwN). Gegenstand der Tat ist nur der Inhalt des Bekenntnisses; Beschimpfung ohne den erforderlichen Bezug zum Inhalt genügt daher nicht (aM  Koblenz NJW 93, 1808 und Sch/Sch-Lenckner 4). Darüber hinaus ist restriktive Auslegung insofern geboten, als nur essentielle Bestandteile des Bekenntnisses in den Schutzbereich fallen (Zipf NJW 69, 1944; Herzog NK 6; aM Eser aaO [vgl 1] S 828; Dippel LK 9; zw).

Dr. Karl Lackner u. Dr. Dr. Kristian Kühl: Strafgesetzbuch mit Erläuterungen, 23. Auflage, München 1999, S. 811.

Einerseits stiehlt man sich ein wenig aus der Bredouille, indem man Weltanschauungen gleiche Rechte zuspricht, andererseits wird mit der Formulierung „Glauben an ein höheres Wesen (oder an mehrere)“ schon der Vektor der Blickrichtung deutlich. Dieser ist auch deshalb schwierig, da eine z.B. polytheistisch genannte Tradition nicht notwendig selbst sich bzw. das Essenzielle ihrer Religion (eine Dopplung nicht sehr distinktiver Abstrakta) wie in vielen Traditionen des Christentums über Theodizee bestimmt sieht. Hier erfolgt die Kritik an ihr dann auch gerne weniger über das „Label“ Religion als vielmehr über das der „Magie“. Nicht die Götter werden angegriffen, sondern das Yoga, das Ritual, die medizinischen Ideen.

Ist nun der Buddhismus nach obigem Zitat eher eine Religion oder eher eine Weltanschauung? Vermutlich kommt manch einer zu merkwürdigen Urteilen, nach denen seine Fantasie von dem, was Zen-Philosophie sein könnte, ihn als Weltanschauung erscheinen lässt, während die Erinnerungen an eine Fernsehdokumentation über die tibetische Variante des Buddhismus eher die Religionskategorie ansprechen werden. Manch ein Literat um 1900 trennte daher auch zwischen „Philosophie“ und „Lamaismus“, ähnlich wie Lehrbücher heute noch gerne z.B. „philosophischen“ und „religiösen“ Daoismus unterscheiden. Der westliche Blick sondiert Bereiche, die im eigenen Kontext nicht diesen Trennungen gehorchen. Oder er rettet sich dadurch, dass er alle diese Nicht-Puristen in eine eigene Kategorie packt: die der Esoterik (vgl. aber auch unsere neue REMID-Kurzinformation zur Esoterik).

Von Prof. Rainer Flasche gibt es die These, dass es in Afrika ursprünglich (d.h. bis zu den jeweiligen Anfängen christlicher und islamischer Mission) keine Götter im strengen Sinn gegeben habe, insbesondere keinen Hochgott („Der adoptierte Gott„; in: Africana Marburgensia: Sonderheft. Volume 17 1998, S. 22-35). Vielmehr wurden vielschichtige Begriffe mit Göttern identifiziert, die mal eher Ahnen entsprechen, mal Kräften etc. Die Schule um Pater Wilhelm Schmidt, der sich für die These eines Urmonotheismus einsetzte, glaubte diesen überall auf der Welt wiederzuentdecken, und sei es als verschütteter Restglauben an einen Gott, der nicht mehr aktiv in das Kultgeschehen einbezogen wird. Teilweise müssen sich Szenen abgespielt haben, in denen die Missionare z.B. in den Himmel wiesen, um dann das Wort für „Himmel“, „Regen“, „Regenbogen“, „Wolke“ etc. als Namen des Hochgottes aufzuschreiben. In anderen Fällen handelt es sich um Afrikanisierungen von Allah oder Elohim (so bei den Pygmäen) oder den Gott der Weißen (z.B. „Jack“). Und dieser war manchmal schon da, weil auch bereits zu früheren Zeiten Missionsversuche erfolgten. Die Urmonotheismus-Apologeten bedachten diese Möglichkeit zu selten (oder erhofften lieber eine Art „natürlicher“ Gotteserkenntnis als Ursache).

Auch die Freimaurerei kann nur daher immer wieder darauf insistieren, selbst keine Religion zu sein, indem sie dem oben beschriebenen Muster der Verwendung des Religionsbegriffes dialektisch folgt:

„1. Die Freimaurerei selbst ist keine R[eligion],
2. sie ist nicht religionsfeindlich,
3. sie ist nicht atheistisch eingestellt,
4. sie ist ein Boden für alle Glaubensbekenntnisse. […]
Die zentrale Idee jeglicher Religion ist die Gottesvorstellung [sic!]. Der freimaurerische Gottesbegriff, symbolisiert als A. B. a. W. [Allmächtiger Baumeister aller Welten; Anm. Red.], gewährt den verschiedenen Auslegungen Spielraum.“

Eugen Lennhoff, Oskar Posner, Dieter A. Binder: Internationales Freimaurerlexikon. München 2003, S. 700-702, S. 701.

Heutige „evolutionäre“ Humanisten sehen das schon einmal anders, etwa eine Posteraktion der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) an deutschen Hochschulen:

„Unter den Titeln ‚Warum Religionskritik wichtig ist…‘ und ‚Wir brauchen ein wissenschaftliches Weltbild‘ hat Peder Iblher die von den studentischen Vertretern erarbeiteten Inhalte so umgesetzt, wie dies an Unis üblich ist: als Flipcharts.

Auf die Reaktionen der Universitätsverwaltungen kann man nur gespannt sein. Ähnlich wie bei der Buskampagne wird sich hier zeigen, ob weltanschauliche und religiöse Werbungen gleich behandelt werden. Bei den Studierenden dürfte die Reaktion leichter einzuschätzen sein, denn: ‚jung‘ und ‚gebildet‘ sind, laut Statistik, die besten Voraussetzungen nicht religiös zu sein.“ (ebd.)

Hier haben wir alle Begriffe beisammen, das zweite erwähnte Plakat gibt als Logik vor: „Etablierte Weltanschauungen (Ideologien, Religionen)…“ – „Ein wissenschaftliches Weltbild hingegen…“ – „Welche Rechten und Pflichten bringt dieses Weltbild?“. Jede dieser drei Überschriften wird mit Antworten unterhalb versehen. Erste Gruppe sei z.B. dogmatisch, ihr Weltbild geschlossen, habe ein unrealistisches Menschenbild und sei „unwissenschaftlich“, die zweite „hingegen“ sei da anders. Überraschender sind vielleicht die Vorschläge bei der dritten Spalte mit der Frage nach Rechten und Pflichten: „Eigennutz als grundlegendes Prinzip des Lebens wird anerkannt“, „Eigennutz lässt sich durch faire Spielregeln in humane Bahnen lenken“. Dabei scheint das „Evolutionäre“ an der gbs ein wenig durch (vgl. Kein Pfingstfest der Moral – über den Erfolg segrativer Thesen). Was daraus letztlich folgt, könnte mit dem Spruch darunter angedeutet sein: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren […] gbs-Vertreter“. Indem man sich als „Arzt oder Apotheker“ darstellt, wird alles zusammengefasst, was dem „wissenschaftlichen Weltbild“ entgegenstehe, kann man einfache Formeln finden wie „Religionen beruhen auf […] Aberglauben und Sinnestäuschungen“ oder sie „schaden der Persönlichkeitsentfaltung“ und man kann sie als das Irrationale pathologisieren, obwohl man gleichzeitig propagiert, ein solches wissenschaftliches Weltbild sei sich „der Grenzen der menschlichen Erkenntnis bewusst“, sei „flexibel & durch neue Erkenntnisse widerlegbar und reformierbar“.

Es muss kaum hinzugefügt werden, dass alle diese Ausdrücke wie z.B. auch die „Ideologie„, die „Religion“ oder der „Mythos“ ursprünglich nicht dieses polemische Element enthalten hatten, nach dem z.B. eine Ideologie nach Karl Popper eine deduktiv geschlossene Lehre sei, welche man weder verifizieren noch falsifizieren könne (was er an Faschismus, Marxismus und Psychoanalyse verdeutlicht wissen wollte). „Irrational“ werden sie nicht deshalb genannt, weil die Sätze ihres Sprachspiels etwaige logische Fehler enthalten, das ist nicht unbedingt der Fall. Es geht eigentlich nur um die Anfangssätze eines logischen Kalküls, die für das Kalkül voraussetzungslosen Prämissen. Man kennt das, manche sind bereits ermüdet von dem Hinweis der Gegenseite, dass z.B. Gott zwar nicht bewiesen, wohl aber auch nicht widerlegt sei.

Nun ist aber dennoch – trotz dieser Müdigkeit – kaum ein Ende des Redens über die „Irrationalen“ in Sicht. Vielmehr hat es sich verstärkt. Nicht, dass es darum ginge, etwas gegen eine „wissenschaftliche Weltsicht“ zu sagen, aber auch sie zeitigt in der Variante obiger Plakate z.B. innere Widersprüche. Und das nicht bloß, weil auch sie mal „dogmatisch“ oder „unrealistisch“ sind (immerhin sind sie „realistisch“ genug, nur die Anhänger von Christentum, Judentum und Islam ansprechen zu wollen mit der Aktion). Es hat mehr mit dem Unverständnis dessen zu tun, was mit den „Grenzen der menschlichen Erkenntnis“ angesprochen wurde.

Dabei ist dieser Umstand demjenigen vergleichbar, wo jemand davon spricht, er oder sie sei „ideologiefrei“. Es lässt sich daran auch leichter zeigen als an dem Begriff der „Religion“, der – auch wenn Religionswissenschaftler ihn inzwischen auf Fußballkultphänomene, Atheisten oder den Kommunismus anwendeten – doch für viele in z.B. oben zitierten Formen spezieller gefasst ist.

„Ideologiefrei“ wäre – denkt man Popper zu Ende – frei von deduktiven Schlüssen, insofern sie nicht in ein wiederholbares Experiment überführbar sind. Damit kann z.B. kaum ein Satz über die Historie ideologiefrei sein, der über die Bestandsaufnahme der überlieferten Text- und Sachkulturen hinausgeht. Und selbst diese kann schon Echtheits- und Authentizitätsideologien befeuern. Auch ein Parteiprogramm, das sich auf Werte und Normen bezieht, das mehr ist als ein Verzeichnis zufällig ausgewählter Wunsch- und Verfluchungssätze (wie man sie z.B. im römischen Isis-Tempel in Mainz auf diversen Tontafeln fand), ist immer in Ideologien verstrickt. Wie militant, gewaltfördernd, menschenunwürdig eine Ideologie ist, bleibt dabei eine ganz eigene Frage!

Und so streiten auch in den Wissenschaften Ideologien bzw. Schulen miteinander. Das wird verstellt durch die vornehmlich nur noch polemische Weise, mit welcher der Begriff der „Ideologie“ aktuell verwendet wird.

Es hat sich eine Rede- und Streitkultur entwickelt, welche nicht mehr benennt, was sie stört, sondern direkt auf Metaebenen ansetzt: „Judentum, Christentum und Islam stellen folgende Thesen auf: […]“ (gbs-Poster, a.a.O.). Außer vielleicht bei der auf dem Poster auch erwähnten Fortschrittsfeindlichkeit (die ziemlich pauschal auf jene großen Traditionsverbünde übertragen wird) ist kaum ein Bezug zu tatsächlichen Problemen im Zusammenleben mit genannten Gruppen erkennbar. Nicht einmal die sonst üblicherweise genannte Macht der Kirchen oder die „Kriminalgeschichte des Christentums“ tauchen auf.

Der Angriff auf der Metaebene führt zugleich dazu, dass der Streitkulturteilnehmer auf der anderen Seite auch erst mal geneigt sein könnte, ebenso zu reagieren. Es ergeben sich eher Situationen von unversöhnlichen Standpunkten; in anderen Worten: es wird Rechtfertigung damit eingefordert, dass die Bedingung ihrer Möglichkeit entzogen wird. Auf diese Weise erfolgen nur energische Kurzduelle von Totschlagargumenten. Auch ein Kompromiss ist in solchen Konstellationen von vorne herein ausgeschlossen. Eventuell handeln die erwähnten Teilnehmer dabei gerade auf irgendeine Weise nach der eigentlichen Überzeugung, dass nur zwei zur Tarnung umbenannte Glaubenssachen zur Debatte stehen, also demnach nur Tricks und geschickte Manöver zu einem Sieg führen können. – Auch wenn sie zeitgleich der Auffassung sein mögen, ihre jeweils eigene Glaubenssache sei die „in Wahrheit“ bessere, wissen sie um die jeweilige Unmöglichkeit eines abschließenden Beweises.

Was jemand glaubt, aus den ihm vorliegenden Sätzen insgesamt als Sinn sich erschließt, ist notwendig (und hoffentlich) immer mehr als ein Repertorium von Versuchsaufbau-Anleitungen bzw. Handlungsrezepten (auch Materialisten verbinden die Listen der Einzeldinge und Handlungsoptionen zu einem irgendwie sinnvollen Weltkonstrukt) . Wir leben in einer historisch gewachsenen Situation, in der wir manches des gewachsenen Traditionsgeflechts aus unterschiedlichen Gründen mit Namen wie „Mythologien“, „Religionen“, „Kunst“, „Philosophie“, „Ideologie“ oder wie auch immer benannten. Überall gibt es Kritisierenswürdiges darunter. Religionskritik ist auch durchaus wichtig. Allerdings sollte die Kritik an der Sache eines realen Problems ansetzen und nicht in schwindelnd abstrakter Höhe um metaphysische Sätze streiten (gleich ob um positiv formulierte wie „Gott gibt es“ oder ob um negativ formulierte wie „Gott gibt es nicht“).

Christoph Wagenseil

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12 Kommentare:

  1. Dr. Heinz-Jürgen Loth

    Wenn ich den Beitrag recht verstanden habe, dann will er die Richtung der Rede- und Streitkultur vorschreiben. Es soll nicht mehr auf der Metaebene argumentiert werden, Kritik sollte „an der Sache eines realen Problems ansetzen“. Wie real aber sind Aussagen der Religionen?
    In Daniel 8, 16f. und 9,21f. deutete der Engel Gabriel die endzeitlichen Visionen des Sehers Daniel. Nach Lukas 1, 26ff. verkündete Gabriel der Maria die Geburt Jesu, nachdem er zuvor die Geburt des Täufers Johannes offenbart hatte (Lukas 1, 19ff.). Etwa 600 Jahre später übermittelte der Engel Gabriel dem Propheten Muhammad die Verse des Korans und damit eine neue Religion.
    Wie wollen wir das auf eine Reihe bringen?
    Auch religiöse Hypothesen unterliegen den von Karl Popper geforderten empirischen Tests – und sind bislang durchweg wissenschaftlich falsifiziert worden. Punkt! Der beliebte Hinweis, Gott kann aber auch nicht widerlegt werden, ist fehl am Platze, da wissenschaftstheoretisch nicht begründbar.

    • Guten Morgen,
      der Ansatzpunkt bestand darin, wie ist ein aggressiver Atheismus analytisch einzuordnen? Normativ („sollte“) ist nur der Schluss.
      Alles andere Gesagte könnte eine möglicherweise breite Diskussion von Popper und Wissenschaftstheorie verursachen. Nehmen wir den Satz: „Auch religiöse Hypothesen unterliegen den von Karl Popper geforderten empirischen Tests – und sind bislang durchweg wissenschaftlich falsifiziert worden“.
      Bis zum Gedankenstrich entsprechen sich mein Text und Ihrer. Danach aber müsste ich in Analogie zu meiner obigen Argumentation darauf verweisen, dass Popper gerade Religionen ähnlich wie Marxismus oder Psychoanalyse als nicht falsifizierbar einschätzen würde (und deshalb nicht als wissenschaftlich). Ich wende aber ein, dass wir sehr viel auch wissenschaftliches Wissen eigentlich verwerfen müssten, und würde erneut versuchen zu zeigen, was das alles einschließe, etwa wieder mit dem Beispiel von historischen Sätzen (die Notwendigkeit eines gewissen Maßes an Deduktion und eben damit an still nicht hinterfragten Prämissen).
      Neu wäre, dass ich (und vermutlich sogar Popper) einwenden würde(n), dass es keine wissenschaftlichen Falsifikationen von gemeinhin religiösen Thesen gibt (etwa solche über das Wirken des Engels Gabriels, die Existenz Gottes). Gerade Kant zeigte bezüglich der Gottesbeweise ja bereits, dass eine Existenz Gottes (überhaupt Existenzaussagen) nicht falsifizierbar ist (bzw. Beweise und Gegenbeweise „funktionieren“). Anderes gilt freilich für solche religiöse Thesen, die gleichzeitig solche über historische Personen oder Ereignisse sind (oder über natürliche Effekte). Und doch, ich halte das für eine wissenschaftstheoretische Position.
      Zum normativen Schluss sei noch gesagt, dieser setzt an an der Schlussfolgerung aus dieser Position, dass bei einer solchen Situation ein Streit um diese Sätze unentscheidbar bleiben muss, er ist mit rationalen Mitteln nicht zu gewinnen (vielleicht aber zu schlichten). Insofern wäre eine Auseinandersetzung, soll sie denn zu Ergebnissen führen, mit anderen Sätzen (etwa über historische Verantwortung der Kirchen etc.) ratsam.
      Das alles müsste, deshalb der Konjunktiv, vermutlich ausführlicher erläutert werden, ich würde wohl Feyerabend sowie den Marburger Konstruktivismus (Peter Janich) zu Felde führen, mich aber auch tiefer auf Popper einlassen. Gerne lasse ich mich aber auch mit gutem Argument überzeugen.

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Loth, lieber Christoph,
    im Grunde stehen wir hier vor dem Problem der Wahl, von welcher Ebene aus Religionswissenschaftler religionskritische Organisationen betrachten. Betrachtet man sie selbst als (anti-)religiöse oder weltanschauliche Organisationen von der Meta-Ebene (wozu ich in der Regel tendiere) oder begegnet man ihnen auf Augenhöhe. Im Grunde ist das eine rein pragmatische Entscheidung.
    Ist eine solche Organisation Objekt des eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses, ist es ungerechtfertigt, sie aufgrund religionskritischer Aussagen, die solange sie nicht gegen die Grundrechte andere verstoßen, zu verurteilen. Behandelt man sie nicht als Objekt, sondern tritt man mit ihnen in einen Disput, müssen sie sich auch Kritik gefallen lassen, vor allem dann, wenn sie selbst einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, was die Giordano-Bruno- Stiftung tut.
    Wenn die Giordano-Bruno-Stiftung selbst auf Grund nicht vorliegender Beweise deduziert, die Engelserscheinung beim Propheten Daniel beispielsweise beruhe auf „Sinnestäuschungen“, ist dies ebenso eine unbewiesene Aussage. Wenn sie dann noch den Begriff „Aberglaube“ verwendet, tritt sie selbst in eine semantische Falle. Denn Aberglaube ist ein objektsprachlicher Begriff, mit dem Abweichungen von der offiziellen Lehre der eigenen Religion bezeichnet werden.
    Selbstverständlich darf und soll auch die Religionswissenschaft kritisch arbeiten, Aussagen religiöser Texte nicht automatisch für wahr nehmen und ihnen und den Sachverhalten, auf die sie Bezug nehmen, auf den Grund gehen. Jedoch finde ich, und da sind wir uns sicher alle einig, dass Religionswissenschaft, ja Wissenschaftlichkeit generell dort endet, wo wissenschaftliche Erkenntnisse zur Diskreditierung von Religionen benutzt werden.

  3. Vielleicht nur ein sehr kurzer Nachtrag zum Wort „Metaebene“:
    Ich meinte ursprünglich nur eine bestimmte Metaebene, und wollte gewiß nicht grundsätzlich das Betreten von Metaebenen und Abstraktion in Frage stellen. In der Logik des Artikels ging es um die Ebene, wo von „den Religionen“ gesprochen wird, als ob es sich um etwas handele, was sich durch den Begriff allein hinreichend bestimmen ließe und den Elementen dieser Klasse jeweils klare Eigenschaften zukämen. Die nicht abschließbare Diskussion um den Religionsbegriff in der Religionswissenschaft genügt als Hinweis, dass dies problematisch ist.
    Demgegenüber führte Herr Dr. Loth einen allgemeineren Begriff von „Metaebene“ ein, der vermutlich eher auf wissenschaftliche Analyse im Allgemeinen abzielt – und wenn er mich so verstand, dass ich diese grundsätzlich bedenklich machen wollte, ist hier doch der Impuls eines kritischen Einwandes verständlich. Dennoch gibt es abweichende erkenntnist- bzw. wissenschaftsheoretische Positionen.
    Dr. Nicolai Staabs Beitrag verwendet schließlich „Metaebene“ aus der besonderen Perspektive der Trennung von Objekt- und Analyseebene der Religionswissenschaft. Diese verzichtet für gewöhnlich ja nicht auf diese Metaebene, aber enthält sich der Wertung der religiösen Inhalte. Zugleich verwendet sie einen aufgrund besagter Diskussion erweiterten Religionsbegriff. Und folgt dem entsprechenden Wittgenstein-Zitat, das auch die normative Wendung des hiesigen Artikels am Schluss in anderen Worten anvisierte: wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

  4. Heinz-Jürgen Loth

    Sehr geehrter Herr Dr. Staab, sehr geehrter Herr Wagenseil,
    zunächst muss ich bekennen, dass ich die Ausführungen der gbs zu den Engelserscheinungen bei Daniel nicht gekannt habe. Ich hätte dann ein anderes Beispiel gewählt.
    Attraktivität und Plausibilität von religiösen Gemeinschaften sind sicherlich nicht von der Falsifizierbarkeit abhängig. Anders als in Deutschland haben in Südkorea Christentum und Buddhismus in den letzten Jahrzehnten ihre jeweilige Anhängerschaft gewaltig vermehren können. Und auch die Mudangs – hierzulande nicht ganz zutreffend als Schamanen bezeichnet – haben in diesem High-Tech-Land ihre Zahl nicht unbeträchtlich steigern können, insbesondere auch in der Megacity Seoul.
    Wittgenstein habe ich in meinem Kumina-Beitrag in der FS Udo Tworuschka ebenfalls angeführt, aber u.a. mit den Worten: „Jede Erklärung ist ja eine Hypothese.“ Das mit dem Schweigen kann ich jedoch nicht akzeptieren, da ich dann über die in Afro-Jamaica und Afro-Brasil
    beobachteten Trancephänomene nicht schreiben dürfte, weil ich nicht selbst in Trance gefallen bin (oder es aufgrund meiner westlichen Ausbildung nicht konnte).

  5. Sehr geehrter Herr Dr. Loth,
    ich finde es schön, dass eine kleine Diskussion entsteht!
    Ich denke nicht, dass Wittgensteins Satz für Feldforschungen bedeutet, dass man etwas Beobachtetes verschweigen müsse. Die Religionswissenschaft (soweit man hier eine einheitliche Tendenz sehen kann) tendiert doch eher dahin, Wittgenstein so zu lesen, dass man die Trance, welche man beobachtet (durchaus auch ohne selbst in entsprechende Zustände einzutauchen), nicht wertet. Man nimmt das religionseigene Deutungsmuster zur Kenntnis, ohne es einfach für wahr zu nehmen bzw. es mit einer alternativen Erläuterung abzutun (oder z.B. zu pathologisieren). Oder wie lesen Sie das „Schweigen“?

  6. Heinz-Jürgen Loth

    Sehr geehrter Herr Wagenseil,
    Hans Günter Holl schreibt in seinem Nachwort zur deutschen Ausgabe von Whiteheads „Prozeß und Realität“: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schreiben“. Ich teile also nicht den Fideismus Wittgensteins. Im Anschluss an Whitehead würde ich von der „fallacy of simple location“ sprechen: Keine Entität und kein Mensch sind eine Insel (vgl. schon John Donne: „No man is an Island, intire of it self…“. Beobachter und Beobachtetes sind miteinander verbunden und sind wiederum Teil eines kontinuierlichen Feldes, das nicht abgeschlossen ist und mit anderen Entitäten einen Nexus bildet. Prozesse und Relationen bilden das Universum (vgl. Quantentheorie).
    Das gilt m. E. auch für das Phänomen der Trance. In meinem o.g. Beitrag über Kumina in Jamaica musste ich mich also fragen, ob, und wenn ja, wo die religiösen Anschauungen und Rituale der Kumina-Queen eingeordnet werden können. Erst der Nexus zwischen Kumina und den afrikanischen Bakongo verleiht dann der Besessenheit/Inkorporation und Trance in der Kumina-Religion ihren authentischen Charakter. Das ist durchaus eine Wertung. Allerdings kann ich die Phänomene niemals vollständig beschreiben, allenfalls eine Annäherung an den Beschreibungsgegenstand anstreben. Im Gegensatz zu Wittgenstein gilt hier die „fallacy of perfect dictionary.“

  7. Sehr geehrter Herr Loth,
    danke für Ihre Antwort. Jetzt ist es an mir, zu gestehen, das Argument nicht ganz zu verstehen. Das liegt einerseits an meiner Unkenntnis von Kumina / Bakongo, andererseits von dem genaueren Inhalt der Arbeiten Whiteheads. Allerdings sehe ich Tendenzen, die ich mal versuche, zu umschreiben:
    Es liegt ja der gleiche Impuls in beider Autoren Schaffen: jedenfalls geht es zumindest auch um das Aufzeigen von Grenzen von Erkenntnis. Darum geht es bei der Idee, die hinter dem Begriff „Sprachspiel“ bei Wittgenstein steckt – eben dass man über das, was außerhalb des/der Sprachspiel(s/e) liegt, nichts aussagen kann. Darum geht es auch, wenn man weitere Täuschungsmöglichkeiten (fallacies) aufzeigt: die der Möglichkeit einer exakten Verortung sowie die des perfekten (semantischen) Lexikons. Insofern sehe ich hier weniger einen Widerspruch zwischen beiden Autoren, sondern vielmehr eine Aktualisierung Wittgensteins durch Herrn Whitehead. Zumindest lese ich das aus Ihrem Beitrag heraus, schließlich kann ich über seine tatsächlichen Ausführungen nicht urteilen.
    Andererseits ist die berechtigte Solipsismus-Kritik an der Sprachinsel, die einen Robinson Crusoe suggeriert (oder einen Kaspar Hauser), nicht notwendig im Umkehrschluss ein Freischein für das Vermuten unbewusst wirkender Brücken zwischen den Nicht-Inseln (den Menschen, Entitäten etc.).
    Den gleichen „Streit“ findet man tatsächlich im Kontext der Quantentheorie, inwiefern „nur“ von einer neuen Grenze des Wissen- und Messenkönnens oder eben auch von einer positiv deutbaren Nicht-Gültigkeit bestimmter Gesetze auf Quantenebene gesprochen werden kann. Ich will hier auch gar keine Antwort favorisieren.
    Und klar ist auch die „Übersetzung“ des Beobachtenden besonders prekär, weil nicht so viel Wahlmöglichkeit bei den Begrifflichkeiten besteht. Stellt man Etymologien einer fremden Sprache auf oder wählt ein Vokabular einer als ähnlich empfunden Religion (schon frühneuzeitliche Reiseberichte schwanken zwischen antiken und christlichen Beschreibungsstrategien). Und klar, man kann noch an weiteren Stellen Kritik an der Illusion eines perfekten Lexikons / Wörterbuch / Vokabulars üben (Polyphonie, Tod des Autors, Intertexutalität, uvm.).
    Für mich folgt aus alledem durchaus die Verstärkung meiner Tendenz, eher vorsichtig beim Urteilen diesbezüglich zu sein, und es ging ja um Urteile und Empfehlungen anfänglich: die Urteile der Giordano-Bruno-Stiftung über die (monotheistischen) Religionen und meine Empfehlung, Auseinandersetzungen, die man per se nicht gewinnen kann, vielleicht auf andere Weise fortzuführen (wie gesagt: Religionskritik muss sein dürfen!). Damit will ich aber auch nicht grundsätzlich z.B. Hypothesenbildung als solche unterbinden (das wäre ja auch eine Möglichkeit der Reaktion auf bisher Gesagtes). Soweit in der Hoffnung, an Ihrem Beitrag nicht völlig vorbeigeschrieben zu haben.

  8. Heinz-Jürgen Loth

    Sehr geehrter Herr Wagenseil,
    nach meinem Dafürhalten gehen Wittgenstein und Whitehead von unterschiedlichen Vorstellungen über Wirklichkeit aus. Whiteheads kosmologischer Entwurf geht von „wirklichen Entitäten/Ereignissen“ aus, die miteinander verbunden sind in einem extensiven Kontinuum von Raum und Zeit. Wittgensteins Sprachphilosophie hätte er wohl als Illusion abgetan, da für ihn Begriffe immer schon Abstraktionen sind. Aufgrund des prozessualen Charakters des Universums ist die Isolierung von Tatsachen bereits Abstraktion von der wirklichen Welt. Ebenda liegt nach ihm die Begrenzung des Erkennens, weil das Universum sich inzwischen wiederum prozessual verändert hat.
    Der Mensch ist integraler Bestandteil dieser Entwicklung und seine Erfahrung konstituiert sich immer wieder neu in Raum und Zeit. In der Rückschau wissen wir daher nicht wirklich, was z.B. die jüdischen Menschen im 2. Jh vChr dazu bewogen hat, von einem Engel Gabriel zu sprechen (siehe oben). Wir kennen nicht ihre Gefühle, Wertungen, Zwecksetzungen u.a. mehr.
    Insofern Erfahrung aus einer Prozessstruktur des Indivuums als Teil der Natur folgt, kann ich auch nicht wirklich wissen, warum jemand an Gott glaubt oder Agnostiker/Atheist wird. Denn jeder hat sein eigenes sich selbsterschaffendes Universums.
    Und damit stimme ich Ihnen am Ende zu, dass Agnostiker/Atheisten und glaubende Menschen glimpflich miteinander umgehen sollten.
    Übrigens, in den USA hat die Prozessmetaphysik Whiteheads zur Entstehung einer Prozesstheologie geführt, insofern er behauptet, dass Gott Teil der wirklichen Welt ist – als ein Gott des Werdens.

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