Im Reigen der Propheten: Apokalypse in aller Munde

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Es grenzt nahezu schon an ein Wunder, dass man trotz der Allgegenwart von Untergangsprosa überhaupt noch erfährt, dass Harold Camping, seines Zeichens Prediger eines Family Radio, zum wiederholten Mal erfolglos den Weltuntergang in diesem Jahr, diesmal für den 21. Oktober, angekündigt hatte. Bzw. nach aktueller Lehre Campings stand der erste Termin für eine „Entrückung“ der Wenigen, während am zweiten die übrigen Menschen untergehen sollten. Angesichts der schon seit einigen Jahrzehnten populären Prophezeiung zu 2012 (wir nahmen diesbezüglich an einem Wettbewerb der Gesellschaft für Anomalistik [GfA] um einen wissenschaftlichen Artikel über dieses Thema teil) fragt man sich nach einem Blick in die Medien: Das soll noch ein Jahr lang so weiter gehen?

Man versucht sich zu erinnern, wie es begann. Dieser Grad an Geschwindigkeit, Affektiertheit und angeregter Panik, mit welcher Medien auf einen scheinbaren Höhepunkt zuarbeiten. War es Wikileaks? Die Wiederkehr der Weltwirtschaftskrise? Der arabische Frühling?  Fukushima?

Jedenfalls noch vor einem Jahr schien es eher darum zu gehen, Normalität zu beschwören. Heute liegt anderes in aller Munde: „Iran warnt Israel vor Apokalypse“ titelte gestern DiePresse.com, „Euro-Krise – Austritt Griechenlands kein Weltuntergang“ überschrieb vor zwei Tagen die BILD-Zeitung ein Interview mit Außenhandels-Chef Anton Börner, „Occupy FFM [Frankfurt am Main; Anm. Red.]: ‚Apokalypse verhindern‘ ‚Bewusstsein schaffen'“ findet sich auf finanznachrichten.de – „Alle News zu Aktien, Börse und Wirtschaft“,  Oliver Baroni stellt den neuen Campari-Kalender mit Modelfotografien für 2012 vor unter dem Titel „Milla, die Göttin der Apokalypse“, „Apokalypse mit Sahnehäubchen“ läuft gerade mit Lars von Triers Film „Melancholia“ im Kino; der venezolanische Präsident Hugo Chavéz sieht in den Präsidentschaftskandidaten der Opposition die „Reiter der Apokalypse“;  sogar der Fußball ist semantisch betroffen: „Krise in Wolfsburg: Magaths System-Absturz“, heißt es heute auf Spiegel online und man fragt sich, ob die Worte von Autor Lukas Rilke wirklich nur auf Sportereignisse bezogen sind:

Vor der Saison kaufte Felix Magath Spieler im Dutzend, statt Klasse setzte er auf Masse. In der Vergangenheit war er mit diesem System erfolgreich, nun droht der Absturz.

Auch in den Religionen und in der Wissenschaft ist dieses Thema en vogue. In Potsdam gibt es Gottesdienste zum Ende der Welt, vor kurzem fand in Frankfurt die dritte Endzeiten-Tagung zum Thema „Völker der Endzeit“ statt, als „Lob der Apokalyptik“ rezensiert Harald Walzer auf kultiversum.de einen Band „Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang“ mit Beiträgen u.a. von Peter Sloterdijk und Paul J. Crutzen.

Auf den Seiten der Evangelischen Kirche Deutschlands wird eine Predigt der Landesbischöfin von Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, wiedergegeben:

Dennoch blieben „so viele Fluten und Unheil“ auf der Erde. „Wir sehen in diesen  Monaten, wie unsere reichen Länder (…) in Schulden ersaufen. Wie Wirtschaften  und Länder unterzugehen drohen in Überschuldung. Wir sehen und erkennen so  klar, wie wir über unsere Verhältnisse leben und immer noch auf weiteres Wachstum  setzen – als gäbe es keinerlei Grenzen. Und wir sehen, wie die einen in immer mehr  Geld und Gütern schwimmen. Das sehen wir weltweit. Das sehen wir in unserem  Land“ so die Landesbischöfin weiter. Der „Kern des Unglücks“ liege in der gestörten  Gemeinschaft der Menschen. (Quelle: ekd.de)

Demgegenüber geht es bei KATH.net darum, ob die „[a]rabische Welt: Erst juden-, dann christenfrei?“ werde. Abgehobener diskutiert man im Forum der Deutschen Buddhistischen Union z.B. darüber, ob „Vipassanā = Negentropie“ sei:

„Es geht um die in den Palikanon-Reden ja recht häufig vorkommenden Begriffe der Weltenvergehungen – zusammenziehen – (Pāli: saṃvaṭṭa) bzw. Weltenentstehungen – ausdehnen – (vivaṭṭa).“ (Quelle: dharma.de).

Bei der Evangelischen Allianz Deutschlands wird der Generalsekretär der Europäischen Evangelischen Allianz (EEA), der Niederländer Niek M. Tramper, zitiert mit den Worten „Krisen führen oft zu geistlichen Aufbrüchen“, diese dienen als Sekundärtitel der Zeile „Europa: EEA: Evangelikale haben Hoffnung„. Der Artikel paraphrasiert:

Tramper nannte mehrere Hoffnungszeichen: Dazu gehörten die Erneuerungsbewegungen in den traditionellen Kirchen. Als Beispiel führte er den Alpha-Glaubenskurs an, der in der anglikanischen Kirche von England entstanden ist und inzwischen international in vielen Kirchen genutzt wird. In der römisch-katholischen Kirche trügen charismatische Bewegungen maßgeblich zur geistlichen Erneuerung bei. […] Hoffnung machen laut Tramper auch internationale christliche Gemeinden, in denen sich Einheimische und Zugewanderte versammeln: „Sie sind die am stärksten wachsenden Kirchen in Großstädten.“  (ebd.)

Die Pius-Bruderschaft gibt sich demgegenüber offen antisemitisch und bezieht die Prophezeiungen des Malachias auf eine Geste zwischen Papst Benedikt XVI. und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. Letzterer schenkte vor kurzem ersterem einen Olivenbaum, der  „das gemeinsame Streben nach Frieden und Brüderlichkeit zwischen den Völkern und Religionen repräsentiere“. Der Autor auf den Seiten der Pius-Brüder fürchtet dabei eine „Neue Weltreligion OHNE (und damit gegen) Christus“ und bettet seine heilsgeschichtliche Interpretation der Ereignisse (nach der die Verfinsterung der Wahrheit bereits unter Papst Johannes Paul II. begonnen habe) ein in eine von antijüdischen Klischees durchsetzte Kapitalismuskritik:

Überall stehen die Zeichen auf Zusammenbruch: Das Währungssystem steht vor der Implosion, nicht zuletzt wegen des Zinssystems, welches die Kirche immer verurteilt hat. (Aufgrund der exponentiellen Gewinnsteigerung der wenigen Reichen – was schon Karl Marx festgestellt hat – ist dieses System grundsätzlich nicht länger zu halten als etwa 80 Jahre, danach folgt eine Entwertung, z.B. in Form einer Währungsreform, oder die Karten werden ganz neu gemischt – das heißt: Krieg. Die Hochfinanz nennt diese Abfolge „the great game“, „das große Spiel“). […] Die Perversion der Geschlechtlichkeit zieht durch die Straßen des übersättigt-materialistischen Europas, in der Kunst breitet sich der Geist der Gotteslästerung aus (Piss-Christus, Blutorgien in Messgewändern). […]
Diese Papstweissagung kann dazu helfen, den Menschen wieder wachzurütteln. Daran zu denken, dass nicht der Mensch – der sich selbst an Gottes Stelle gesetzt hat – der Herr der Geschichte ist, sondern Gott allein. […]
Dass ganz andere Reiche untergegangen sind – von Sodom und Gomorrha bis zur „Hure Babylon“, von der Hochkultur der Ägypter bis zum Imperium Romanum und dem Philosophenreich der Griechen. Sie alle haben sich für unzerstörbar gehalten und waren doch nur Staub in den Äonen der Geschichte, die nur einer schreibt:

Gott der Herr. (Quelle: piusbruderschaft.de)

Allerdings sollte nicht übergangen werden, dass strukturell antisemitische Unterscheidungen von „(Hoch)finanzwirtschaft“ und vermeintlicher „Realwirtschaft“ nicht nur bei der Pius-Bruderschaft, sondern auch bei einzelnen Aktivisten der Occupy-Bewegung beobachtet wurden (vgl. telepolis: Zeitgeist statt Politik; dazu: Netz gegen Nazis: Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Web 2.0).

Auf den Seiten des humanistischen Pressedienstes (hpd) findet man einen Vergleich von Finanzblasen mit Religionen (man vgl. Blog-Artikel „Religion und Arbeit„), kombiniert mit der Aufforderung „Schluss mit der Retterei“, und man solle sich auf die „Regeln der Ökonomie“ – sowie „Anstand und Gerechtigkeit“ besinnen:

Finanzblasen und Religionen funktionieren schließlich nach demselben Prinzip. Beide versuchen, einen möglichst großen Abstand zur Realität zu gewinnen, um ihre Dogmen unangreifbar zu machen. Was bei der Religion “heilig” ist, ist in der Finanzwelt “systemrelevant”. Was diesen Status erreicht hat, muss geschützt werden, egal was es kostet, und egal, wie dumm und schädlich es ist. Also nur hehre Verblendung und nichts dahinter als noch mehr Verblödung. (Quelle: hpd; ebd.)

Auch hier wird ein Gegenüber von Finanzlobby und Ökonomie konstruiert. Reinhard Möller argumentiert auf den Seiten der „Bundeszentrale für politische Bildung“, Endzeitvisionen hätten einen gewichtigen Einfluss auf Konzepte des gewaltbereiten Islamismus.

Dass demgegenüber Astrologen den bereits genannten Prophezeiungen noch den Pluto beigesellen, der mal als Todesplanet, mal als großer Wandler bereits jetzt die Welten in Neigung bringe, ist nicht verwunderlich. Esoteriker versammeln sich in der Maya-Ruinenstadt Palenque und im südfranzösischen Bugarach. „Die Esoteriker, die die besten Plätze für den Weltuntergang haben wollen, kaufen das ganze Ackerland auf“, heißt es bei RP Online. Es scheint, als ob es mehrere disparte Welten gibt, in denen verschiedene Menschen aus nicht ganz identischen Gründen je nach „Film“ bzw. Klasse ähnliches tun, und sich sammeln.

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Holzschnitt aus der vorlutherischen Grüninger-Bibel (15. Jh.).

Die differenten Begründungsmuster haben gemeinsam, oft heilsgeschichtliche Stereotype zu reproduzieren (oder entsprechende Äquivalente entweder nach Hegel oder nach Marx). Nicht nur diejenigen, welche spirituell interpretieren, nehmen dabei als „System“ quasi die Natur, die Welt oder zumindest die Konsumwelt des Materialismus. Bei anderen handelt es sich eher um eine spezifische historische Gestaltung eines „Systems“, des Kapitalismus. Andere lösen eine moralische Form  ab, welche sie als „gute Wirtschaft“ der Welt der Bankster und Wucherer gegenüberstellen (mit der Tendenz einer Sündenbocksuche wie bei diversen Judenpogromen). Andere machen lokale Herrscher oder Regierungen oder Eliten verantwortlich bzw. suchen sich aus Gewaltherrschaften zu befreien.

Different ist auch, ob die Aufmerksamkeit mehr den Naturkatastrophen und Wetterschwankungen gilt, den sozialen Unruhen bzw. Missständen, den Krisengipfeltreffen oder dem Börsenticker. Schon in den altkymrischen „fünfzehn Zeichen der Apokalypse“ (9. Jh.) galt als ausgemacht, dass sie an einem Montag beginnen werde.

Christoph Wagenseil

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2 Kommentare:

  1. Während die Menschheit im Zuge des technischen Fortschritts mehr und mehr den Glauben an so spacige Helden wie dem Erzengel Gabriel samt seinem Entwickler GOTT verlor, geschweige denn an so lustige Gesellen wie Elfen, Gnome, Kobolde oder Ghouls noch einen Gedanken verschwendet, bringt der Computer (auf dem ich natürlich auch gerade diesen Text schreibe) mehr und mehr die Fantasie (und was ist Gott nun mal anderes?) in die Köpfe der Menschen zurück.

    Der Weihnachtsmann ist tot, hoch lebe IRON MAN! Ergo auch Lyra Listenreich oder Hagrid. Während Klaus und Aishe langsam vom Glauben abfallen, ermöglicht das Polygon ihnen wieder sich der Kindheit zu nähern und verträumt und jubelnd einen grünen Kumpen namens Shrek zuzuschauen.

    Das ultimative Drehbuch allerdings ist noch nicht geschrieben. Die in diversen, etwas düsteren Texten, den Ungläubigen warnende Geschichte der Apokalypse…

    Zuerst werden die vier Reiter losgeschickt. Pest nach Eurpa (da war er schon lange nicht mehr), Krieg in den nahen Osten (never change a running system) Hunger hält sich als Option Afrika offen und natürlich Tod, der definitiv der Globalisierteste von allen ist.

    weiter gehts hier:

    http://www.ontai.de/archives/119

  2. Pingback: Apokalypse sucht Zombies? Entsolidarisierung und Sündenbocksuche im Zeichen der Krise « REMID Blog

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