Weg von den Hinterhöfen. Interview mit Ahmadiyya-Gemeinde in Marburg

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Wie bereits schon einmal angekündigt, sollen im REMID-Blog neben Wissenschaftlern und Vereinen, die sich mit Religionen beschäftigen, auch religiöse Gemeinschaften selbst zu Wort kommen. Folgendes Interview mit der Marburger Ahmadiyya-Gemeinde ergänzt dabei das Projekt der lokalen Religionsforschung von Hermann Ruttmann: „Vielfalt der Religionen am Beispiel der Glaubensgemeinschaften im Landkreis Marburg-Biedenkopf“ von 1995. Die seit 2009 in Räumlichkeiten in der Bunsenstraße ansässige Gemeinde konnte damals noch nicht in das Projekt eingebunden werden. 2005 zählte REMID 50.000 Ahmadiyya-Gläubige bzw. 244 Gemeinden in Deutschland, religiöse Flüchtlinge aus Pakistan stellen einen größeren Anteil. Kamran und Saadat berichten über das Leben als Angehörige einer muslimischen Minderheit in Deutschland.

Sie haben seit 2009 diese Räumlichkeiten in Marburg. Das war ein wichtiger Schritt für Ihre Gemeinde?

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Die Räume der Marburger Ahmadiyya-Gemeinde an der Ecke Bunsenstraße / Uferstraße

Kamran: Ja. Auf jeden Fall. Es war so, dass wir zuvor nur einen kleinen Raum hatten, in den nicht alle Gäste hineinpassten. Jetzt mit dem leicht erreichbaren Zentrum ist das anders. Jetzt können wir auch die Stadt einladen, am 3. Oktober gab es einen Tag der offenen Tür.

Saadat: Es geht uns darum, weg von den Hinterhöfen nach vorne in die Öffentlichkeit zu kommen. Wir planen auch einen Moscheebau in Marburg. Unsere Suche nach einem Grundstück hatte aber bisher noch keinen Erfolg.

Da es Differenzen zwischen orthodoxen Islamrichtungen und der Ahmadiyya gibt (etwa die Fatwa der „Islamischen Weltliga“ 1974), besteht ein Interesse an jeweils eigenen Gebetsräumen (vielleicht wie bei evangelischen und katholischen Kirchengemeinden). Die sunnitische Marburger Omar-Ibn-Al-Khattab-Moscheegemeinde plant bereits seit einigen Jahren den Bau eines neuen Sakralgebäudes.

2009 gab es anlässlich Eurer neuen Räumlichkeiten einen Artikel in der Oberhessischen Presse, der die Ahmadiyya als „Reformbewegung“ des Islam vorstellte. Wie seht ihr das? Erläutert doch bitte den Gedanken der Reform.

(Koransuren-Angaben werden im Folgenden durch Links auf das Projekt koransuren.de gesetzt, welches eine Ahmadiyya-Übersetzung von Maulana Sadr ud-Din sowie die als wissenschaftliche Standardausgabe geltende von Rudi Paret und die in sunnitischen Moscheeverbänden Deutschlands häufig empfohlenen von Muhammad Ahmad Rassoul und von Moustafa Maher [Azhar-Übers.] nebeneinanderstellt.)

Saadat: „Reform“ meint eine Erneuerung des Ursprünglichen. Dieses Ursprüngliche ist sozusagen verkrustet. Es hat sehr viele Veränderungen mit der Zeit gegeben. Insofern streben wir einen Urislam an. Konkret heißt das, dass wir Apostasie ablehnen, den Begriff „Jihad“ legen wir so aus, dass er nicht mit dem Schwert, sondern mit der Feder zu führen ist: es geht um eine innere Auseinandersetzung. Es geht um die Idee des Prophetentums: wir gehen davon aus, dass dieses niemals abbrach und auch heute Propheten erscheinen können. Insofern geht es auch um Jesus Christus, von dem wir nicht nur, wie auch im sunnitischen Islam, glauben, dass er nicht am Kreuz gestorben ist (vgl. Sure 4, Vers 157f.), sondern dass er in den Kaschmir auswanderte.

Wie ist das Verhältnis der Ahmadiyya zu den verschiedenen (orthodoxen) muslimischen Dachverbänden? Zu anderen Moscheegemeinden vor Ort? Zum interreligiösen Dialog?

Kamran: Es gab hier in der Gemeinde mal einen Studenten, der sich um überregionale Themen kümmerte. Leider ist er weggezogen nach seinem Studium. Es gibt gelegentlich Kontakt mit der Orientbrücke [Omar-Ibn-Al-Khattab-Moscheegemeinde; Anm. Red.]. Beim „Runden Tisch der Religionen“ sind wir bisher nur als Gäste involviert.

Saadat: Von uns aus gab es allerdings einige Programme in den letzten Jahren. Etwa den „Tag der Religionsstifer“ in Marburg am 17. März 2010 mit vortragenden Vertretern der evangelischen Kirche, der buddhistischen und jüdischen Gemeinde und vom Vorsitzenden der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland. Oder in Frankfurt eine Friedenskonferenz. Auch gab es gemeinsame Veranstaltungen mit Ahmadiyya aus Wetter und Frankenberg. Auch gibt es eine Islam-Ausstellung der Ahmadiyya, welche durch das deutschsprachige Gebiet tourt (z.B. siehe man ein Video von Bremen).

Wie sieht es aus mit dem Verhältnis zur Religionswissenschaft?

Saadat: Wir versuchen, unseren Jugendlichen auch Ansichten anderer Religionen nahezubringen. Da gibt es besondere Themenabende bei unserer Jugendorganisation Khuddam-ul-Ahmadiyya [für junge Männer; Anm. Red.].

Leider sind Intoleranz und Islamfeindlichkeit in Deutschland angestiegen. Wie bekommen Sie das zu spüren?

Saadat: Man bekommt es zu spüren, und man fühlt sich bei einigen Dingen benachteiligt. Ein solches Thema ist der Moscheebau. Da werden Bürgerbewegungen organisiert, um gegen neue Moscheen zu protestieren. Wir versuchen dann aufzuklären und oft stellt sich dabei heraus, dass vieles eigentlich gar nicht gestimmt hat, was die Leute sich über uns vorgestellt haben.

Deswegen machen wir auch Veranstaltungen zu Fragen wie „Gehört der Islam zu Deutschland?“ oder „Kopftuch – ein politisches Symbol?“.

Allerdings was den Staat und auch die jeweilige Stadt angeht, wurden wir immer sehr willkommen geheißen. So auch hier in Marburg. Wir haben auch ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis. Zudem kommen auch andere Muslime, auch zum Beten.

Kamran: Unsere Gemeinde hier in Marburg selbst besteht aus ungefähr hundert Personen, die zum Teil auch im Umkreis von Marburg leben. Die nächsten Ahmadiyya-Gemeinden sind in Wetter, Gießen und Friedberg.

Was ist euch wichtig für die nächste Zukunft?

Saadat: In einigen Bundesländern konnte ja bereits islamischer Religionsunterricht eingerichtet werden. Inzwischen gibt es auch Konzepte für einen Lehrplan in Hessen. Vorschläge von DITIB und von unserer Gemeinde wurden eingereicht.

Wo wir bei Einrichtungen wie Religionsunterricht sind, wie sieht es denn mit anderen Sozialbereichen aus? Etwa dürfte Muslime im Altersheim doch immer mehr ein aktuelles Thema werden?

Saadat: Was Altersheime betrifft, ist man doch im Allgemeinen noch eher im Familienmodell. Alle kümmern sich um alle. Die Jugendorganisation der Frauen wie die der Männer machen Aktionen, auch in Krankenhäusern oder in Polizeistationen. Es werden etwa von den Frauen Blumen verteilt oder Weihnachtskarten. Als besonderes Ereignis gab es mal eine Baumpflanzaktion der Älteren Herren. Auch als ein Zeichen für die Umwelt.

Wie ist denn das Verständnis von Umwelt und Umweltschutz bei euch?

Saadat: Man sollte seine Umwelt schützen! Schließlich ist es ja unsere Mitwelt. Es gilt der respektvolle Umgang mit Menschen wie Pflanzen und Tieren.

…Und wie ist es mit den Naturwissenschaften? Im Bereich christlicher Strömungen gibt es z.B. Auseinandersetzungen mit biologischen Theorien, etwa Kreationismus versus Darwinismus.

Kamran: Wir glauben, dass Gott die Welt erschaffen und sich selbst überlassen hat. Er hat die Dinge entwickelt, welche die Wissenschaft beschreibt. Die sechs Tage der Schöpfung verstehen wir aber symbolisch. Es ist logisch, dass die dort beschriebenen Dinge eine gewisse Zeit in Anspruch genommen haben. Nach dem Koran entspricht ein Tag Gottes sehr vielen Menschenjahren (z.B. Sure 22:47).

Wie sieht es aus mit der Anerkennung anderer heiliger Schriften?

Saadat: Als Muslime hat man an alle Propheten zu glauben. Wie es im Koran heißt, es wurden zu jedem Volk Propheten geschickt (Sure 16:36).

Kamran: Nur die Lehren haben sich im Laufe der Zeit verändert.

Gibt es etwas, was Ihr unseren LeserInnen auf den Weg geben möchtet?

Saadat: Liebe für alle, Hass für keinen.

Kamran: Das ist ja auch das Motto der Ahmadiyya Muslim Jamaat.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

Omar Ibn Al-KhattabOmar Ibn Al-Khattab

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Ein Kommentar:

  1. Pingback: Gleiche Rechte für alle Religionen und Weltanschauungen: Mit offener Religionspolitik kann Deutschland international zum Vorbild werden – REMID Blog

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