Wer zählt was? Statistiken aller Religionen der Welt und ihre Probleme


REMID bietet eine inzwischen häufig zitierte Internetstatistik zu den Religionsgemeinschaften Deutschlands an, die auf eigenen Auswertungen religionswissenschaftlicher Arbeiten sowie auf Veröffentlichungen von Mitgliederzahlen z.B. der großen christlichen Kirchen beruht. Wir erhalten allerdings auch Anfragen aus der Rubrik lokaler Religionsforschung, solche zu anderen Ländern und eben die nach der Religionsverteilung weltweit. Diese Fragen gehören bislang nicht zum Service von REMID. Die Ergebnisse einer Recherche zu dieser letzten Frage nach der Weltverteilung geben aber Anlass, kritisch nachzufragen, warum hier wer zählt – und welche Interessen mit den verschiedenen möglichen Lösungen der Frage: Wann gehört jemand zu einer Religion? zusammenhängen.

Auf den ersten Blick scheint es für Deutschland einfacher zu sein. Christliche Kirchenzugehörigkeit besteht mit der Taufe und geht als bürokratisches Datum in diverse Bescheinigungen ein, welche unser Leben regeln. Zumindest im klassischen Fall eines römischen Katholizismus. Neben der Exkommunikation besteht zudem die Möglichkeit des Kirchenaustritts, wenn auch unter der nötigen Ignoranz derjenigen theologischen Stimmen, die behaupten, dass die durch die Taufe vollzogene innere Veränderung des Eintritts nicht durch einen Akt des Austretens aufgehoben werden könne. Und im Prinzip gilt diese Ausweis-Religiosität parallel für alle Religionen, die als Körperschaften des öffentlichen Rechtes entsprechende Rechte in einem Bundesland Deutschlands einnehmen.

Doch schon hier ist Vorsicht zu walten. Zwar fallen z.B. die Ausgetretenen der katholischen Kirche sowie der (lutherischen, unierten und reformierten) Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) aus unserer Rechnung, aber manche Religionsgemeinschaft kann auch anders mit dem vielleicht nicht anerkannten Austritt umgehen. Schwieriger ist es, wenn man nicht den Schritt des Austritts vollzieht und parallel einer Wahlreligion beitritt oder eine eigene Spiritualität aufbaut. Zudem, wenn diese Wahlreligion etc. keinen Einfluss auf die eigenen Ausweis-Data hat oder nicht derart abgrenzende Rituale wie eine Taufe oder Initiation kennt, fallen immer mehr der üblichen Kriterien. Für uns sind Behilfsformen in Deutschland, dass sehr viele Neue Religionen als Vereine organisiert sind. Manche wie die Deutsche Buddhistische Union oder auch mit verschiedenen Zusammenschlüssen der Islam versuchen Dachverbände zu gründen und damit den rechtlichen Weg zu beschreiten, eine Körperschaft des Öffentlichen Rechtes zu werden. Daneben gibt es in Deutschland weitere Zahlen: Auflagenstärke von religionsinternen Zeitschriften / Medien, Besucherzahlen bei religiösen Festen etc.

Schwieriger sieht es in anderen Ländern aus und gerade dort, wo entsprechende Behörden wegfallen – und zudem die Frage der Religionszugehörigkeit um so schwieriger zu klären ist. Von Japan heißt es, dass die Zahlen der Religionsanhänger zusammengerechnet ein Fünffaches der Bevölkerung ergeben, da jede(r) JapanerIn in an die fünf Religionsgemeinschaften involviert sei. Auch ergeben sich dort „pluralistische“ Trends, etwa ein Shinto-Geburtsfest, eine christliche Hochzeit und eine buddhistische Verabschiedung aus dem Leben zu kombinieren. Gleiches konnte man aber auch schon bezüglich Mehrfachzugehörigkeit für einzelne Vertreter pietistischer Strömungen und Zirkel in deutschen Gebieten des 18. Jh. sagen und gilt erst recht für viele z.B. neopagane Richtungen wieder reaktivierten Kelten-, Indianer-, Germanen- und Schamanentums der Gegenwart.

Schließlich gilt außerhalb Europas den Interessen gerade außerstaatlicher Akteure nachzugehen, welche sich zu zählen anschicken. Nicht nur christliche Gruppen könnten in ihrer Missionsbemühung daran interessiert sein, dem Christentum als solchen oder mindestens der eigenen Denomination besondere Erfolge nachzuweisen. Dafür muss man nicht einmal bloß Assoziierte (wie z.B. die zufälligen einmaligen Besucher eines Festes) miteinrechnen, oft genügt es, eben die auch einer christlichen Kirche Zugehörigen eben nicht einer „traditionellen“ Religion z.B. Afrikas zuzurechnen, unabhängig davon, wie intensiv noch Reste derselben gelebt werden, eine Religionsgemeinschaft dieser anderen Religion ebenfalls besucht wird etc.

Aber selbst das ist nicht alles. Es fängt viel früher an: bei den Kategorien der Einteilung. Welche Neue Religion (im Volksmund oder in der Theologie polemisch auch oft „Sekte“ genannt) gehört auch zum Christentum? Was ist mit Jehovas Zeugen oder dem Universellen Leben? (man vgl. den Blog-Artikel „Was ist eigentlich christlich?„, in welchem schon einmal gefragt wurde, wie mit einer Religion umzugehen ist, die Christliches und z.B. Hinduistisches verbindet).

Es gilt also, die Geschichte der Einteilungen nachzuvollziehen, das Zustandekommen ihrer Tradition des Zählens zu befragen, um schließlich einen Blick auf aktuelle Zählungen zu werfen. Etwa in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts konnte man Folgendes lesen:

Und weil der Name: Religion, insgemein auch dem Dienste der falschen Götter pfleget gegeben zu werden; wohl schwehrlich aber ein Volck gewesen oder noch seyn wird, welches, ob es noch so barbarisch, grausam und wilde, auch gar keine äusserliche Wissenschaft des geoffenbahrten göttlichen Wortes und Willens hat, sich nicht, um einen Gott zu verehren und ihm einen Dienst abzustatten, auf eine Offenbahrung, Tradition oder Sage gründen, auch deßfalls seine besondere Theologie, Priester und Gottesdienst haben solte: […]

Der Unterscheid derselben [der Religionen] besteht darinn, daß die Heyden […] kein Wort Gottes [haben], die Juden (nemlich die heutigen) halten nur ein Stück desselben, wie es in dem Alten Testamente enthalten, die Mohametaner [d.i. der Islam] ein erdichtetes an statt des wahrhafftigen […]

Etliche haben überhaupt gerechnet, daß, wo man alle Völcker des Erdbodens in Ansehung der Religion in dreyßig Theile eintheilete, 19 davon Heyden, 6 Mohametaner und bloß 5 der Christlichen Lehre zugethan würden befunden werden“ (Zedler-Universallexicon, Bd. 31, 1732, Sp. 443ff.)

Der Ansatz, Religionen nach ihrer Wahrhaftigkeit (und diese mittels Aufrechnen des Vorhandenseins heiliger Texte)  einzuteilen, ist natürlich alles andere als aktuell. Der Begriff der Wahrhaftigkeit kann in diesem Kontext nur innerhalb einer Religion „theologisch“ eine Rolle spielen, nicht in einer religionswissenschaftlichen Analyse. Dennoch schreibt sich eine solche Kategorialisierung eventuell fort in dem besonderen Blick auf die heiligen Texte. So wie bereits hier dem Islam über das Vorhandensein einer heiligen Schrift ein eigener Status eingeräumt wird (und der anonyme protestantische Autor des Artikels macht noch nicht einmal Monotheismus als Kriterium scharf, da es sowieso nur missverstandenen falschen Gottesdienst am wahren Gott gäbe und er darin den Ausdruck einer „natürlichen Religion“ sieht, im Sinne einer physikotheologischen Erkenntnis Gottes durch die Natur). Auffällig ist natürlich auch, dass jeder Region nur eine Religion zugesprochen wird, sie national oder ethnisch gedacht wird.

statistik1732

Entsprechend waren es auch heilige Texte, welche bestimmten Religionen zunächst mit ihrer Entdeckung einen besonderen Status als Religion verliehen. Die Entdeckung eines weltweiten Buddhismus nach 1800 etwa und die damit von der Theologie (und Indologie) entwickelte neue Begrifflichkeit der „Weltreligion“ als eines neu verstandenen Wettbewerbs zweier universalistischer Reformbewegungen, die jeweils aus einer rassistisch gedachten Herkunftsreligion abgeleitet gedacht wurden. Im sprachwissenschaftlich hergeleiteten „Semitischen“ folgt auf das Judentum das universelle Christentum und im Indo-„Arischen“ folgt auf den Hinduismus der Buddhismus (vgl. Tomoko Masuzawa: Invention of World Religions, 2005, S. 138ff.).

Diese Umorientierung weg vom Islam als „Hauptrivalen“ hin zum Buddhismus hat auch statistische Gründe, wie 1891 Pierre D. Chantepie de la Saussaye in seinem „Manual of the Science of Religion“ demonstriert (vgl. Masuzawa, S. 138, Anm. 23), indem er z.B. Otto Hübners periodische „Geographisch-statistische Tabellen  aller Länder der Erde“ von 1884 (vgl. Bsp. von 1902) auswertete:

statistik1880

Betrachtet man allerdings Hübners Quellen (im Bsp. S. VI/VII), handelt es sich zumeist um behördliche Publikationen, Afrika z.B. muss man unter den Kolonien europäischer Mächte suchen, Ausnahmen sind lediglich China und Japan, die arabische Welt taucht in der Quellenbibliographie gar nicht erst auf; die Schätzung ihrer Bevölkerung dürfte besonders prekär sein. Das Vorwort erwähnt den glücklichen Umstand einer Volkszählung in Indien von 1900, während in China die Bevölkerung um 27 Millionen im Vergleich zum Vorjahr nach unten zu korrigieren war. China und Japan scheinen u.a. in dieser Hochschätzung der Einfachheit als buddhistisch gewertet worden zu sein, vielleicht auch um das Moment einer Rivalität stärker zu machen.

Wendet man ein ähnliches Verfahren, das offenbar die am stärksten vertretene Religion eines Landes zur Hochrechnung diesem Land gänzlich zuordnet, heute wieder an, ergibt sich ein anderes Bild. Bei Pippa Norris und Ronald Inglehart (Sacred and Secular: Religion and Politics Worldwide, Cambridge University Press 2004, S. 49) wurden nur 20 Länder von 190 als buddhistisch gezählt, China wiederum offensichtlich den „Anderen“ zugeschlagen:

statistik2004Für die Grafik wurden, um der Hübner-Methode gerecht zu werden, die Millionenzahlen von Norris & Inglehart aus der Nationalstaaten summierenden Statistik „Soziale und ökonomische Indikatoren der ‚Weltreligionen'“ entlehnt und in Prozenten dargestellt. Konfessionslose existieren auf diese Weise allerdings gar nicht.

Anders sieht es bei der populärsten Quelle solcher Zahlen aus. Seit 1982 publiziert der Theologe David B. Barett die „World Christian Enyclopedia“ als Hilfe zur Mission (die trotz des Namens nicht nur das Christentum zählt). Deren Zahlen werden auch in der Encyclopædia Britannica wiedergegeben, auf ihnen basieren Überarbeitungen wie die der sich neutral nennenden Organisation Adherents.com und wahrscheinlich auch teilweise die des CIA World Fact Book, das seine Quellen nicht näher benennt. Die deutsche Wikipedia nennt diese Statistik gleich in zweifacher Ausführung in offenbarer Unkenntnis der gemeinsamen Quelle – und daneben die Deutschlandstatistik von REMID.

statistik2007

Die Rubrik „Sonstige“ gab es bei Adherents.com nicht, sie addiert die Zahlenangaben zu allen Religionen ab Punkt 9 der Adherents-Liste (Sikhismus mit 23 Millionen) bis 22 (Scientology mit 500.000) zu 96 Millionen. Ansonsten zeigt die erneute Prozentualisierung der absoluten Zahlen durch mich leichte Abweichungen zur Grafik des Quelldienstes. Afrikanische traditionelle Religionen und Diaspora wurde, wie wohl auch in der Quelle, als Teil der „primal-indigenious“ Religionen begriffen. Da die 22 gelisteten Religionen als „98%“ von den Autoren von Adherents.com verstanden  werden, kann die Differenz nicht allein auf dem Faktor unbekannter Sonstiger beruhen.

Das erwähnte CIA World Fact Book hingegen veranschlagt erheblich mehr „andere Religionen“ (allerdings unter Einschluss der chinesischen Religionen):

Christian 33.35% (of which Roman Catholic 16.83%, Protestant 6.08%, Orthodox 4.03%, Anglican 1.26%), Muslim 22.43%, Hindu 13.78%, Buddhist 7.13%, Sikh 0.36%, Jewish 0.21%, Baha’i 0.11%, other religions 11.17%, non-religious 9.42%, atheists 2.04% (2009 est.)

Aus der Religionswissenschaft kann noch Ninian Smarts „Atlas of the world’s religions“ (1999, S. 12f.) hinzugenommen werden, da er eigene Hochrechnungen anzustellen scheint. Allerdings ist er ein wenig veraltet:

statistik1999

Auch hier wurden absolute Zahlen in Prozente umgesetzt.

Wie man an den Vergleichen erkennt, sind die Schwankungen auch dahingehend unterschiedlich, um welche Religion es geht. Das Christentum kann auf behördliche und eigene Zensusinstrumente setzen, und je nach Länderpraxis gibt es auch für andere zumindest einigermaßen stabile behördliche Erhebungen. Ansonsten bleiben diese Zahlenspiele – denn es müssen immer komplizierte Hochrechnungen angestellt werden, die bei failed states notwendig „kreativ“ werden müssen und auch bereits beim quantitativ wirkmächtigen Faktor China zu unterschiedlichsten Ergebnissen kommen – fragwürdig und verraten in manchen Fällen eher etwas über den Statistiker.

Christoph Wagenseil

Der Autor dankt den Hinweisen aus dem internen REMID-Netzwerk.

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7 Kommentare:

  1. Pingback: Märchen und Magie zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Eine Kritik « REMID Blog

  2. Matchie Menster

    Also ich bin Schüler und muss ein Referat über Religion im 19. Jahrhundert machen. Ein Freund, der das mit mir machen muss, hat die Statistik von 1880 aus gedruckt. Ich war stutzig und hab mir gedacht:“Was, 35% Buddhisten? Nicht möglich!“ und hab dann den zugehörigen Text gelesen.
    Man findet sowieso so wenig, da bin ich froh dass es hier anständige Statistiken und anständige Erklärungen gibt!

  3. Man vgl. World Religions Dataset: Global Religions Dataset (2013; Data Collection 2009-12) der Association of Religion Data Archives (ARDA), [f]unded by The John Templeton Foundation and the University of California, Davis“. Quellen sind die World Christian Encyclopedia, die „World Christian Database“ des Center for the Study of Global Christianity („The World Christian Database [WCD] is based on the 2600-page award-winning World Christian Encyclopedia and World Christian Trends, first published in 1982 and revised in 2001“), das CIA World Fact Book und einige weitere Quellen (s. „List of Principal Sources“).

  4. Seit 2013 sind die Bahai sowie die Ahmadiyya Muslim Jamaat in Hessen Körperschaft des Öffentlichen Rechts.

  5. Der neue Amnesty International Report 2012 ist vor kurzem erschienen: “Amnesty International beleuchtet in seinem Report die Menschenrechtslage des vergangenen Jahres in 155 Ländern. In 101 Staaten dokumentierte die Organisation Folter und Misshandlung durch die Sicherheitskräfte sowie in 91 Staaten Einschränkungen der Meinungsfreiheit.” (Pressemitteilung vom 24. Mai). In 35 Länderberichten finden sich Hinweise auf Einschränkung der Religionsfreiheit, elf behandeln sie in einem eigenen Kapitel (ohne die besondere Situation in Nigeria, die ausführlich ebenfalls im entsprechenden Länderbericht behandelt wird). Von den Ländern sind vierzehn christlich dominiert (davon vier orthodox, die übrigen abgesehen von Namibia und Fidschi katholisch), dreizehn muslimisch, zwei buddhistisch und Nepal hinduistisch (ohne China, Nord- und Südkorea, Vietnam und Bosnien-Herzegowina). Unter den Betroffenen finden sich ebenfalls am häufigsten Christen (insbesondere Jehovas Zeugen und Evangelikale), Muslime (insbesondere Ahmadiyya, Ahl-e Haqq, Derwische und Sufis), Buddhisten, Hindus, Bahai und Falun Gong. […]

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