Devotionale Fitness – Körperideale in evangelikaler Perspektive

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Mönchsaskese und Martyrium, Krankheit und Schmerz – in solche Richtungen gehen für gewöhnlich die Assoziationen, wenn es um den Umgang mit dem Körper im Christentum geht (vgl. z.B. Die Christen und der Körper. Aspekte der Körperlichkeit in der christlichen Literatur der Spätantike; hrsg. von Barbara Feichtinger und Helmut Seng, 2004).  Sport dagegen galt nach Pius XI. in seiner Enzyklika über die christliche Erziehung der Jugend (Divini illius magistri, 31.12.1929) als problematisch; er kritisierte „die Überschätzung des Sports, die auch im heidnischen klassischen Altertum die Entartung und den Niedergang echter körperlicher Erziehung zur Folge hatte“ (zitiert nach Pater Rolf Hermann Lingen: Katholische Kirche und Sport). Anders sieht es allerdings bei einer aus Amerika kommenden Bewegung innerhalb des evangelikalen Spektrums aus. Wir interviewten Martin Radermacher zu diesen Formen devotionaler Fitness. Er arbeitet am Seminar für Allgemeine Religionswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und promoviert zu devotionaler Fitness im Kontext des US-amerikanischen Evangelikalismus.

Devotionale Fitness dürfte für viele hierzulande noch ein Fremdwort sein. Was hat es damit auf sich?

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Ein Ratgeber für christliche Frauen zu "total fitness". http://www.fit4faith.com

„Devotionale Fitness“ verwende ich als Sammelbegriff für eine vielfältige Palette von Praktiken und Vorstellungen, die man zum Beispiel unter Titeln wie „Exercise with Purpose“, „My Body – His Temple“, „Jesus Body – Workout & Healthy Lifestyle“, „Gospel Fitness Workouts“ oder „Tune Up Your Temple“ findet (vgl. Youtube: Bod4God und Losing 2 Live, Body Gospel). Gemeinsam ist diesen Programmen, dass sie in einem dezidiert christlichen Kontext die Perfektionierung des Körpers im Hinblick auf Fitness und Gesundheit als wesentlichen Bestandteil eines gottgefälligen Lebens betrachten. Dies wird in Form von Fitness- und Aerobic-Kursen umgesetzt, die auf Gewichtsverlust und/oder Muskelaufbau abzielen. Meist, aber nicht ausschließlich, sind diese Programme im evangelikalen Kontext verankert und erheben den Anspruch unmittelbar biblisch legitimiert zu sein. Beliebte Grundlagen sind zum Beispiel: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst“ (1 Kor 6,19; EÜ) oder „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“ (Philliper 4,13; EÜ).

Wie lässt sich dieses Phänomen in die amerikanische Religionslandschaft einordnen?

Devotionale Fitness ist ein relativ junges Phänomen, das in den USA seit Mitte des 20. Jahrhunderts greifbar wird. Evangelikale Gruppen und Gemeinden zeigen, wie in anderen Bereichen auch, die Fähigkeit, ‚die Sprache der Gesellschaft zu sprechen‘ und greifen gesellschaftlich akzeptierte Körperideale auf, um sie aus einer evangelikalen Perspektive heraus neu zu artikulieren. Devotionale Fitness spielt sich sowohl innerhalb als auch außerhalb von Kirchen und Denominationen ab. Institutionell reicht das Spektrum von Einzelpersonen, die ihr Programm über Webseiten und YouTube vertreiben, bis hin zu Organisationen, die landesweit und international aktiv sind. Im Vergleich zu ’säkularen‘ Fitness- und Abnehmprogrammen handelt es sich um ein verhältnismäßig kleines Phänomen, doch innerhalb evanglikaler Kreise scheint es sich um einen regelrechten Trend zu handeln.

Hat es von da bereits in andere Länder ausgestrahlt?

Größere Organisationen im Feld, wie Body & Soul Fitness oder Weigh Down Ministries, sind stolz darauf, auch in Europa und Afrika erste Gruppen gegründet zu haben. Dies entspricht ihrem Wunsch nach Evangelisation und wird strukturell oft von persönlichen Netzwerken innerhalb der US Armee getragen. Auch in Österreich und Belgien gibt es solche Ableger – in Deutschland bin ich bisher weder auf ähnliche noch organisatorisch verwandte Gruppen gestoßen. Fragmente ideell verwandter Konzepte sind aber auch hierzulande auffindbar, zum Beispiel in der Sportarbeit des CVJM oder in bestimmten Formen christlicher Exerzitien. Davon abgesehen sind Produkte, Bücher, DVDs und Internetseiten US-amerikanischen Ursprungs oft weltweit zugänglich und werden auch außerhalb der USA konsumiert.

Sie haben auch Feldforschungen vor Ort durchgeführt. Wie sind Ihnen Vertreter der devotionalen Fitness begegnet? Was waren Schlüsselerlebnisse?

Einige Kontaktpersonen haben schlechte Erfahrungen mit Pressevertretern gemacht und waren daher nur eingeschränkt oder gar nicht zu Interviews oder teilnehmenden Beobachtungen bereit. Die große Mehrheit der Akteure im Feld war aber sehr entgegenkommend. Ich konnte zahlreiche informative Gespräche führen und selbst an Fitnesskursen teilnehmen. Diese Erfahrungen ‚am eigenen Leib‘ gehören zu den Schlüsselerlebnissen meiner Feldarbeit. Es war äußerst interessant zu sehen, wie die Idee Gott „mit seinem Körper zu ehren“, in körperliche Aktivität übersetzt wird. Außerdem hätte ich ohne die Feldforschungen nicht erfassen können, wie solche Fitnesskurse in die persönlichen Lebensgeschichten der Teilnehmer eingebettet werden.

Gibt es Gender-Aspekte innerhalb der Praktiken und Lehren der devotionalen Fitness?

Viele Gruppen der devotionalen Fitness wurden und werden von Frauen gegründet und geleitet. Dies mag daran liegen, dass der Diskurs um Schlankheit und Gewichtsverlust immer noch weiblich konnotiert ist. Männliche Akteure sind mir seltener begegnet. Damit bricht die devotionale Fitness übrigens in aufschlussreicher Weise mit einem ihrer historischen Vorläufer, der „Muscular Christianity„. Das ist eine Bewegung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (ab 1860) in England und den USA aufkam, und sich ausschließlich an junge Männer richtete, die man mit ‚männlichen Aktivitäten‘ wie Sport und Wandern in die Kirchen zurückholen wollte.

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Abbildung aus dem Roman von Frank Noyes Westcott: Hepsey Burke. Mit Illustrationen von Frederick R. Gruger. New York 1915.

Es scheint ja insbesondere eine eigene Ikonographie, ein Design, zu sein, welche(s) mit den Erfolg dieser Richtung begründet. Oder irre ich mich da?

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Screenshot der Homepage von Bod4God (von 2007).

Die latente Ikone der devotionalen Fitness ist das medial tausendfach reproduzierte Bild des schlanken, wohl geformten Körpers, der als Idealbild des ‚gesunden‘ Körpers kommuniziert wird. Schlankheit und gutes Aussehen stehen in der Selbstbeschreibung aber im Hintergrund und werden bestenfalls als willkommene Nebeneffekte gutgeheißen. Man muss hierzu beachten, dass die Akteure selbst sich hüten würden, von ‚Ikonen‘ zu sprechen. Eine der ersten Warnungen, die ich in fast allen Programmen finden konnte, ist die vor Idolatrie (Götzendienst). Weder das eigene Spiegelbild noch jeder andere menschliche Körper dürfe zum Objekt der Verehrung werden. Das einzig legitime Vorbild sei Jesus, der „in solch großartiger körperlicher Verfassung war, dass er 40 Meilen weit gehen konnte“ wie Steve Reynolds, Begründer von Bod4God, schreibt.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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Ein Kommentar:

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