Ihr Kinderlein kommet? Religiosität und Familienideal als Faktor der Demographie

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In den meisten Religionen, so klingt es fast schon banal, spielen Familie und damit Fortpflanzung irgend eine Rolle. Bezüglich westlicher Industrieländer gilt aber seit dem so genannten „Pillenknick“, dass zumindest auf einmal für erheblich mehr Menschen als zuvor die theoretische Möglichkeit besteht, aus dem Kindersegen eine Frage der Wahl zu machen. Dr. Carsten Ramsel ist der Frage nachgegangen, inwiefern Religion als Faktor einen Einfluss auf die Demographie haben könnte und hat in einer qualitativen Untersuchung seine Hypothesen mittels Diskussionen in 15 verschiedenen religiösen Gruppen unterschiedlichster Coleur überprüft. REMID interviewte ihn zu seiner Studie.

Wie kam es zu der Idee „Deutschland und seine Kinder“ als Frage der Religiosität zu untersuchen?

Als ich 2006 mit meiner Dissertation begann, war der demographische Wandel – also sinkende Geburtenzahlen einerseits und eine steigende Zahl älterer Menschen andererseits – eines der medialen Hype-Themen. Doch das meiste, was ich las, war ideologisch motiviert. Außerdem spielte die Religiosität der Personen in der gesellschaftlichen Diskussion um sinkende Kinderzahlen überhaupt keine Rolle. Als Religionswissenschaftler hat mich das natürlich geärgert. Wenn die Religiosität oder Religionszugehörigkeit einer Person für die Reproduktion eine Rolle spielte, so sagte ich mir, möchte ich dafür eine Erklärung anbieten. Und wenn nicht, habe ich mich geirrt.

Wie beurteilt der Forscher das Ergebnis?

Ich ging natürlich mit großen Erwartungen in dieses Forschungsvorhaben. Als erstes fiel mir auf, dass es nur wenige Daten gab. Nur für die letzten 30 Jahre haben wir zuverlässige Informationen über den Zusammenhang von Reproduktion und Religiosität. Aus diesen Daten eine demographische Theorie der Religiosität zu entwickeln, gestaltete sich schwierig.
Zweitens, merkte ich schnell, dass selbst renommierte Kolleginnen und Kollegen, die sich schon viel länger mit Demographie beschäftigten als ich, zwar gute Ideen hatten, welche reproduktiven Faktoren eine Rolle spielen könnten, aber dies meist nur unzureichend begründeten.

Ich konzentrierte mich also zunächst darauf, zu klären, welche reproduktiven Faktoren eine Rolle spielen. Ich konnte zeigen, dass in den letzten 30 Jahren das reproduktive Verhalten mit der Religiosität einer Person in einem statistischen Zusammenhang stand und dass religiöse Menschen durchschnittlich mehr Kinder hatten als nicht-religiöse. Viele Personen in meinem Umfeld waren davon überzeugt, dass pro- und kontranatalistische Einstellungen der Religionsgemeinschaften der Grund dafür seien. Aufgrund meines Studiums der Religionswissenschaft wusste ich aber, dass die Religionsgemeinschaft, der jemand angehört, zu groß ist, um die Einstellung religiöser Menschen zur Reproduktion maßgeblich zu beeinflussen. Ich ging daher davon aus, dass es die religiösen Gruppen vor Ort sein müssten, die diese Normen bestimmten und dass diese Normen verschieden von den Normen der Religionsgemeinschaft sein könnten, aber nicht zwangsläufig sein müssten. Anhand der 15 Gruppendiskussionen stellte ich dann zu meiner Überraschung fest, das einiges dafür spricht, dass gesellschaftliche Normen die Anzahl der Kinder in einer Familie bestimmen. Die Personen verglichen immer wieder die heutigen Kinderzahlen mit früheren Zeiten oder anderen Gesellschaften. Religiöse Menschen haben mehr Kinder als nicht-religiöse; und dies könnte daran liegen, dass Kinder zur Persönlichkeit religiöser Menschen gehören. Eine Frau sprach davon, dass es sie in eine Glaubenskrise geführt hätte, hätte sie kein weiteres Kind bekommen und ein anderer „beichtete“, dass er nur ein Kind habe, obwohl doch drei Kinder ideal seien.

Eine andere demographische Theorie der Religiosität postuliert ein „Paradox der Gleichzeitigkeit“. Können Sie das bitte für unsere Leserinnen und Leser erläutern?

Gerne. Inglehart und Norris, die auch die Daten der World Values Surveys erhoben, beobachten in der Welt eine ständige Säkularisierung.

Gleichzeitig sahen sie auch eine Erstarken der Religion „in ihrer traditionellen Form“. Für einen Religionswissenschaftler ist das kein Paradox, sondern sogar eine wahrscheinliche Entwicklung. Wenn es in einer Gesellschaft so etwas wie Säkularisierung gibt, dann ist es möglich, dass sich religiöse Menschen unter Druck gesetzt fühlen und diesen Druck widerstehen, indem sie sich gegenüber dem Rest der Gesellschaft abgrenzen, religiös fundamentalere Positionen vertreten, Religiosität und Religion „traditioneller“ verstehen. Genauso wäre es denkbar, dass alle mäßig Religiösen inzwischen säkularisiert sind und dass der „harte Kern“ übrig bleibt oder die Gesellschaft nur noch ihn wahrnimmt.

Inglehart und Norris machen für die sinkende Kinderzahl in den Industriestaaten eine gestiegene existentielle Sicherheit bei gleichzeitig abnehmender Religiosität verantwortlich. Sie sind also von der alten Auffassung überzeugt, dass wenn es den Leuten schlecht geht, sie sich zur Religion hinwenden und mehr Kinder bekommen. Für Deutschland gilt diese Erklärung nicht. Sehr vereinfachend gesprochen, ist es hier gerade umgekehrt, nur wer existentiell abgesichert ist – gemessen am Einkommen – bekommt auch Kinder.

Sie nehmen Daten von ALLBUS, ISSP und EVS / WVS und entwickeln aus diesen Thesen, die Sie anhand von 15 Gruppengesprächen verschiedener Religionsgemeinschaften überprüfen. Dabei sind zweimal Islam, einmal Bahaí’í, zweimal Jehovas Zeugen, einmal das Lectorium Rosicrucianum, viermal die katholische, zweimal die lutherische und je einmal eine baptistische und eine Siebenten-Tags-Adventisten-Kirche sowie eine Freie Christliche Gemeinde. Warum entschieden Sie sich für diese Auswahl? Sind – vielleicht mit Ausnahme der Rosenkreuzer – nicht vornehmlich solche religiöse Gruppen in die Wahl gefallen, von denen man auch erwarten würde, sie wären mit Kindersegen intensiver beschert?

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Verteilungskorrelationen nach den Daten von ALLBUS 1992 & 2002 links, rechts von EVS/WVS 1981, 1990, 1999, 2006 und 2008 (Ramsel, a.a.O., S. 32).

(Verwenden Sie die Tastenkombination STRG und + [Plus] bzw. STRG und – [Minus] zum Vergrößern bzw. Verkleinern. STRG und 0 [Null] bringt die Normalansicht zurück. Beim Microsoft Internet Explorer drücken Sie die ALT-Taste anstelle der STRG-Taste.)

Gegenfrage: Glauben Sie wirklich, dass die Normen einer Religionsgemeinschaft auf das Verhalten seiner Mitglieder Einfluss hat? In den katholischen Gruppen artikulierte sich massiver Widerstand gegen die „von oben“ vorgegebenen Normen. In anderen Gruppen war das anders.

Ich vermute, kleinere Gemeinschaften könnten durchaus normtreuer sein als die deutschen Katholiken…

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Kinderzahl nach Religionsgemeinschaft in den Daten von ALLBUS, ISSP und EVS/WVS (Ramsel, S. 69f.). Man beachte das gelegentlich angegebene n (Zahl der Datensätze).

(Verwenden Sie die Tastenkombination STRG und + [Plus] bzw. STRG und – [Minus] zum Vergrößern bzw. Verkleinern. STRG und 0 [Null] bringt die Normalansicht zurück. Beim Microsoft Internet Explorer drücken Sie die ALT-Taste anstelle der STRG-Taste.)

Wenn Sie von „Auswahl“ sprechen, klingt das für mich so, als ob Sie denken, ich hätte mir die religiösen Gruppen aussuchen können, die sich beteiligten. Ganz so einfach war es nicht. Es war leicht, katholische Gruppen dazu zu bewegen, an der Diskussion teilzunehmen. Die Personen waren auch sehr auskunftsfreudig. Doch obwohl ich in einer Region mit überwiegend lutherischer Bevölkerung forschte, konnte ich solche Gruppen kaum dazu bewegen teilzunehmen, und die Ausreden waren teils abenteuerlich. Eine Erklärung dafür habe ich nicht. Es war allerdings immer dann besonders einfach, eine Gruppendiskussion durchzuführen, wenn mich Bekannte den Gruppen empfahlen oder ich meine wissenschaftlichen Absichten deutlich machen konnte.

Um nun auf ihre zweite Frage einzugehen, könnte ich rückblickend sagen, dass sich umgekehrt nur jene Gruppen beteiligt haben, die sich auch für das Thema interessieren und die, welche sich interessierten, waren auch gerne bereit Auskunft zu geben. Die Ansprechperson des Lectorium Rosicrucianum war jedenfalls sehr verwundert, als ich ihn anrief.

Doch noch etwas anderes möchte ich in diesem Zusammenhang betonen. Üblicherweise generieren qualitative Methoden – wie die der Gruppendiskussion – nur Thesen. Ich habe versucht mit dieser Methode Thesen zu überprüfen. Und obwohl ich weiß, dass 15 Gruppendiskussionen ein bescheidener Anfang sind, konnte ich doch zeigen, dass es ein solches Vorgehen grundsätzlich möglich ist. Die Möglichkeiten der Generalisierung sind zwar stark eingeschränkt, aber wenn sich noch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem Thema annähmen, sehe das in Kürze sicherlich besser aus.

Warum wurden nicht auch Atheisten, Konfessionslose oder z.B. Buddhisten befragt?

Ich hoffte, dass eine buddhistische sowie eine jüdische Gruppe sich an der damals geplanten Diskussion beteiligt hätte, aber leider kam sie dann nicht zu Stande. Außerdem befragte ich nur Personen, die sich regelmäßig treffen und die Möglichkeit haben, über reproduktive Normen zu sprechen. Atheistinnen und Atheisten, sowie Konfessionslose, sind seltener wie religiöse Menschen organisiert. Und in Gruppen, die sich regelmäßig sehen und in denen es Atheistinnen und Atheisten sowie Konfessionslose gibt – wie z.B. in meinem Sportverein – diskutieren wir nicht über Kinder. Der eine hat sie, der andere nicht.

Was für Schlussfolgerungen ziehen Sie für die Demographie aus Ihrer Arbeit?

Wie ich zuvor schon erwähnte, haben wir verlässliche Daten für die letzten 30 Jahre. Das ist etwa eine Generation. Auf dieser Grundlage eine demographische Theorie der Religiosität zu entwickeln oder gar Aussagen über den Zusammenhang von Religiosität und Evolution zu treffen, halte ich schlichtweg für wissenschaftlich unredlich. Und auch wenn sich dies schlechter vermarkten lässt, ist meine Aussage bescheidener. Ich halte die Religiosität einer Person in der Gegenwart in diesem Land für einen reproduktiven Faktor unter anderen. Wie groß dieser ist, erforsche ich gerade. Religiöse Menschen haben häufiger Kinder als nicht-religiöse Personen und sie haben häufiger mehr Kinder. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Kinder heute häufiger zur Persönlichkeit religiöser Menschen gehören als bei nicht-religiösen Menschen. Deswegen haben religiöse Menschen häufiger Kinder als nicht-religiöse. Der Forschungsbedarf ist allerdings noch sehr groß.

Was sind Ihre weiteren Forschungsvorhaben?

Selbstverständlich würde ich gerne zur Reproduktion religiöser Menschen weiterforschen, aber dazu fehlt mir derzeit das Geld. Außerdem wäre es sinnvoll in dieser Frage interdisziplinär zusammenzuarbeiten. Ich habe dazu ein paar Ideen, die ich verfolge, aber es gibt noch nichts Konkretes.

In meiner Dissertation blieb die Frage unbeantwortet, wie groß der reproduktive Faktor der Religiosität (im Vergleich zu anderen reproduktiven Faktoren) ist. Hierzu werde ich wohl im nächsten Jahr etwas veröffentlichen. Auch zu den philosophischen Grundlagen der Religionswissenschaft gibt es noch einiges zu sagen, aber das ist ein weites Feld und in anderen Ländern scheint man dort schon weiter zu sein als in Deutschland. Ein weiteres Thema, für das ich mich gerade beginne zu interessieren, ist die Religionskritik in anderen Kulturen. Seit der griechischen Antike ist die Kritik an Religion(en) in Europa belegt. Die Motive waren teils politisch, teils rational. Aber wie sieht dies in anderen Kulturen aus?
Werden dort die gleichen „Argumente“ angeführt? Darf die Satire auch in anderen Kulturen alles? Oder ist die Religionskritik ein europäisches Phänomen?

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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