Islamophobie: Pauschale Ablehnung einer gesamten Religionsgemeinschaft hat mit Religionskritik nichts zu tun

Print page

Während die schwarz-gelbe Regierungskoalition ihre ursprünglichen Pläne zur Kürzung der Programme gegen Rechts zurücknehmen will, kritisieren konservative Stimmen „Symbolpolitik“ oder streiten um die Extremismusklausel (welche auch manche Kooperationspartner beim Kampf gegen Rechts betrifft). Alle Erklärungen und Absichten angesichts der aktuellen Rechtsterror-Debatte sollten sich aber nicht allein auf altbekannte Milieus wie die Neonazi-Szene oder ein neu zur Diskussion stehendes NDP-Parteiverbot konzentrieren: So verwundert es kaum, dass wenige jetzt Thilo Sarrazin ins Gedächtnis rufen, der letztes Jahr mit seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ demonstrierte, dass rechte Positionen in Bezug auf den Islam viel tiefer in der Gesellschaft verwurzelt sind. Wir interviewen dazu den Buchautor und Religionswissenschaftler Florian Illerhaus.

thilobuch

Kritik kommt ja von „kritein“, „unterscheiden“. Sie sprechen von „so genannten Islamkritikern“. Hier im Blog wurde bisher bzgl. entsprechenden Personen oft von Islamophobie oder islamablehnender Haltung gesprochen. Wo liegen die Probleme beim Begriff „Islamkritik“?

Der Begriff „Islamkritiker“ ist mittlerweile als Selbstbezeichnung von Muslimenfeinden besetzt worden, bei denen von differenzierender Kritik am Islam keine Rede sein kann. Religionskritik wird von der Mehrheit der Menschen durchaus berechtigt als positive Errungenschaft der Aufklärung betrachtet. So genannte „Islamkritiker“ wollen in dieser Traditionslinie der historischen Aufklärer gesehen werden. Selbstverständlich ist eine den Idealen der Aufklärung verpflichtete Kritik an bestimmten Ausprägungen des Islam genauso legitim und notwendig wie konstruktive Kritik gegenüber jeder anderen Religion. Eine pauschale Ablehnung einer gesamten Religionsgemeinschaft hat aber mit Religionskritik nichts zu tun.

Der traurige Erfolg von Sarrazins Buch hängt mit einer stillschweigenden Intoleranz gegenüber Andersgläubigem sowie Rassismus zusammen, deren Verbreitung in der Mitte der Gesellschaft die von Ihnen auch zitierte Heitmeyer-Studie sowie die Pollack-Studie (vgl. Blog-Artikel Intoleranz steigt) deutlich machen. In Anschluss an Schiffer & Wagner (Antisemitismus und Islamophobie. Ein Vergleich; 2009) sprechen Sie (S. 75) davon, Sarrazin „religionisiert“ die Integrationsdebatte – was meint das genau?

Sarrazin führt – reale und von ihm lediglich unterstellte – soziale Zustände auf die (angenommene) Religionszugehörigkeit der betreffenden Menschen zurück. So bezeichnet er alle Menschen (und deren Kinder und Enkel), die aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika nach Deutschland einwanderten als „muslimische Migranten“, völlig unabhängig von deren tatsächlichen religiösen Überzeugungen.

Durch seine einseitig negative Darstellung der von ihm konstruierten Gruppe schürt er immer wieder Vorurteile und Ressentiments gegen „Muslime“ und verfestigt diese so zu Feindbildern. Sarrazins politische Handlungsanweisung, Immigration aus den benannten Regionen generell zu unterbinden macht deutlich, dass er das Feindbild „Muslime“ instrumentalisiert, um eine letztlich ethnisch begründete Einwanderungspolitik zu fordern. Daher ist es meiner Ansicht nach berechtigt bei Sarrazins „Thesen“ von Rassismus zu reden (z.B. nach dem Definitionsvorschlag von Wolfgang Benz: Die Protokolle der Weisen von Zion. 2007. S. 22.).

Häufiger finden sich direkte Anleihen zu antisemitischen Ansichten oder strukturell vergleichbare Argumentationsmuster. Wie beurteilen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Antisemitismus und Islamophobie?

Wolfgang Benz, der langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, schlägt vor, den historischen Antisemitismus paradigmatisch als Vergleichsebene für Muslimenfeindlichkeit und andere Varianten Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit heranzuziehen. Die Singularität der Judenfeindlichkeit, die mit der Shoa in schrecklichsten Verbrechen mündete, wird durch den Vergleich nicht relativiert, sondern gerade dieser stellt sicherlich den größten Unterschied zur Muslimenfeindlichkeit dar. Tatsächlich sind allerdings viele Argumente, die in der heutigen Debatte benannt werden, nahezu identisch mit denen, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gegenüber Juden angeführt wurden. Besonders deutlich wird dies beim Vorwurf der Tierquälerei, beim Schächten oder wenn gegen den Bau repräsantativer Moscheen polemisiert wird. Auch der Vorwurf der unbedingten Schrifthörigkeit ist wie heute gegen Muslime früher gegen Juden vorgebracht worden.

Die taqqiya oder „heimliche Vorsicht“ der Schiiten in Verfolgungs- oder Bedrängungssituationen durch Sunniten werten Sie in ihrer Umdeutung durch die Anti-Islam-Autoren (S. 65ff.) in Anschluss an Bahners 2011 (Die Panikmacher) als die „wirkungsvollste Parole der Islamkritik“. Bitte erläutern Sie das.

Die von Ihnen richtig beschriebene Bedeutung von „taqqiya“ in muslimischer Theologie wird durch so genannte Islamkritiker verzerrt und maßlos übertrieben dargestellt. In den Vorstellungen einiger wird die Leugnung der religiösen Überzeugung in Situationen der Lebensgefahr – dieses Phänomen kennen auch andere Religionen – zur unbedingten Handlungsanweisung für alle Muslime im Umgang mit Nichtmuslimen stilisiert.

Der „taqqiya-Mythos“ ist ein beliebtes Versatzstück geschlossener muslimenfeindlicher Zirkelargumentationen. Es ist ein typisches muslimenfeindliches Topos, dass Muslimen vorgeschrieben sei Andersgläubige zu belügen, um geheime Ziele voranzutreiben. Liberale Muslime lügen in der verzerrten Weltsicht der Verschwörungsgläubigen über ihre tatsächlichen Motive, die sich mit denen der Islamisten jedoch angeblich decken. Konfrontiert mit dem Vorwurf der „taqqiya“ bleibt für den Beschuldigten keinerlei Möglichkeit zur Entlastung: Denn mithilfe des Täuschungsvorwurfs können so genannte „Islamkritiker“ Muslimen noch die absurdesten Dinge unterstellen; wenn der Beschuldigte den Sachverhalt leugnet, bestätigt dies die Anhänger des taqiyya-Mythos in ihrem Glauben an dessen Verlogenheit. Eine solche Argumentation ist innerhalb der Annahmen der Verschwörungstheoretiker logisch nicht mehr zu durchbrechen, da jegliche Reaktion als Bestätigung der eigenen Annahmen angesehen wird.

Bei REMID beobachtete ich in letzter Zeit die Tendenz, sich bei Anfragen an uns nicht für die Inhalte des Islams zu interessieren, aber für Zahlenverhältnisse (bei manchmal deutlichem islamablehnenden Hintergrund der Frage; vgl. Interview auf scilogs.de). „Wissenschaftlichkeit“ scheint in dieser Debatte eine besondere Rolle zu spielen, auch Ihr Buch muss einige Seiten verwenden, um die offenbar existierende These einer Wissenschaftlichkeit Sarrazins zu widerlegen. Wieso hält sich diese Ansicht so hartnäckig? Was für ein Verständnis von Wissenschaft liegt hier vor?

Thilo Sarrazin missbraucht die Wissenschaft, indem er sie als Referenzebene für seine muslimenfeindliche Agitation heranzieht, um seine „Thesen“ mit dem Anschein von Faktizität zu umgeben. Die vielen Zahlen, die große Anzahl an Fußnoten und die umfangreichen Anhänge des Sarrazin-Textes sollen Wissenschaftlichkeit suggerieren, um den Autor unangreifbar zu machen. Wenn man allerdings in seinen Quellen nachschlägt, stellt man fest, dass Sarrazin oftmals falsch zitiert oder fehlerhafte, bzw. veraltete Daten verwendet. Offensichtlich ignoriert Sarrazin ihm unpassende Befunde und sucht lediglich Bestätigungen für die eigene vorgefasste Meinung.

Dies könnte auch ein Grund dafür sein, weshalb Sarrazins Behauptungen in Teilen der Gesellschaft Zustimmung finden. Vorurteile gegenüber Muslimen sind in Deutschland schließlich nachweislich weit verbreitet. Es erstaunt insofern nicht, dass viele Menschen lieber das Märchen von Sarrazins „harten Fakten“ glauben, als sich mit den tatsächlichen Stand der Wissenschaft auseinander zu setzen.

Es scheint häufig auch ein Bezug zu rechten Autoren aus einem neonationalsozialistischen Milieu zu bestehen (NPD-Umfeld, Holocaust-Leugner, bekannte Antisemiten). Andererseits finden sich aber auch Autoren aus einem neueren rechten Feld, dem wohl auch der Norweger Anders Behring Breivik zugerechnet werden kann (vgl. Blog-Artikel Was ist eigentlich christlich?). Lassen sich Unterschiede zwischen beiden Feldern herausarbeiten? Und wie lässt sich Sarrazin hier positionieren?

Die norwegischen Terroranschläge sind wohl die Verbrechen eines Einzeltäters, andererseits geht Breivik in weiten Teilen seiner Ideologie durchaus konform mit einem Großteil der europäischen Muslimenfeinde. Das Schüren von Überfremdungsängsten, die Verbreitung der Verschwörungstheorie der schleichenden Islamisierung Europas und die Verortung der Schuld an dieser fiktiven Bedrohung bei „Multikulti-Verfechtern“, „Linken“, „politischen Eliten“, den „Mainstream-Medien“ usw. eint die von Ihnen angesprochenen Gruppierungen und Personen.

Man muss sich aber auch hier vor Pauschalurteilen hüten und beachten, dass die angesprochenen Gruppen teils untereinander tief zerstritten sind. Allianzen werden oft innerhalb des Internet geschlossen und aufgekündigt und sind von außen oft nicht auf den ersten Blick ersichtlich oder nachvollziehbar. Deutsche Rechtspopulisten bemühen sich mit mäßigem Erfolg von Neonazis zu distanzieren, auch Breivik grenzt sich in seinem Pamphlet stark vom Nationalsozialismus ab. Thilo Sarrazin gilt in diesen Kreisen als Held und Verfechter der Meinungsfreiheit. Er selbst möchte sich augenscheinlich aber weder von der NPD noch von anderen rechten Parteien vereinnahmen lassen, obwohl beispielsweise PRO immer wieder mit seinen Thesen zu werben versucht. Auf der anderen Seite bedient sich Sarrazin bei Propaganda-Material neurechter Gruppierungen wie „Pax Europa“ oder muslimenfeindlicher Internetseiten wie www.derprophet.info.

Wichtig ist für solche Autoren wie Sarrazin die Rede von „Gutmenschen“, „Multikulti-Ideologen“ sowie vom „Tabu“ (man vgl. S. 31f. und S. 44f. in Ihrem Buch). Worauf fußen deren Annahmen, da seien einige „zu gut“ und „tabuisieren“ so etwas wie eine ungute „Wahrheit“?

Sarrazin bedient sich in seiner Wortwahl des kontextuellen Umfeldes: Das seit Jahren medial zugespitzte Feindbild der „Muslime“ wird somit verknüpft mit politischen Vorstellungen. Die von Ihnen angeführten Worte sind chiffrierte Kampfbegriffe, die beispielsweise von Besuchern einschlägiger Blogs assoziativ entschlüsselt werden. Ein Beispiel hierfür ist die abwertende Bezeichnung „Gutmensch“, die spätestens seit der Sarrazin-Debatte in politischen Diskussionen etabliert ist. Im muslimenfeindlichen Diskurs wird suggeriert, dass Kritiker der Verschwörungstheorie „Islamisierung Europas“ schlicht und naiv seien, realitätsblind und somit nicht ernstzunehmen. Durch diese Art von Codierung wird eine inhaltliche Auseinandersetzung mit so genannten Islamkritikern praktisch unmöglich, es handelt sich um rhetorische Immunisierungsstrategien unliebsame Kritiker zu diskreditieren. Man behauptet das Gegenteil der tatsächlichen Zustände sei Realität: Die Deutschen seien übermäßig fremdenfreundlich, Journalisten berichteten stets nur wohlwollend über Muslime und Migranten würden strukturell übervorteilt. Keine dieser Annahmen ist objektiv haltbar. Solche Rhetorik hat das Ziel Misstrauen zu säen und die Gesellschaft zu spalten.

Über eigenwillige Geschichtsbilder haben wir bereits gesprochen. Neben Bezügen zu einem „christlichen“ oder „jüdisch-christlichen Abendland“ (vgl. dagegen Blog-Artikel Islam und Europa – ein jahrhundertelanger Diskurs) finden sich bei den islamophoben Autoren auch Bezüge zur Aufklärung. Was ist das für ein Bild der Aufklärung, welche man durch „Multikulti“ gefährdet sieht?

Der Topos der „Aufklärung“ hängt eng mit dem der „Religionskritik“ zusammen. Besonders deutlich wird dies beim vielfach beschworenen Konzept der „jüdisch-christlich-abendländischen Tradition“ der Aufklärung. Historisch gesehen waren allerdings gerade die christlichen Kirchen entschiedene Gegner der Aufklärung. Vollends paradox íst die Vereinnahmung der Juden für diese von „Islamkritikern“ konstruierte Traditionslinie. Der Zweck des Konzeptes dieser Vereinnahmungen besteht wiederum darin Muslime rhetorisch auszugrenzen. Gleichzeitig wird hier eine imaginierte goldene Vergangenheit postuliert und sich auf diese rückwärtsgewandte Utopie – eine Zeit ohne Muslime in Deutschland – bezogen. Dies ist ein klassisches Merkmal fundamentalistischer Weltanschauungen.

Ich danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

Teilen Sie diesen Artikel:
Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInShare on TumblrShare on Reddit

11 Kommentare:

  1. „Eine pauschale Ablehnung einer gesamten Religionsgemeinschaft hat aber mit Religionskritik nichts zu tun.“

    Etwas, die abrahamitischen Religionen im Gesamten, das von Grund auf erstunken und erlogen ist, kann sehr wohl im Ganzen abgelehnt werden. Warum soll ich Gruppen und Einzelpersonen, die an Engel, Satan und Geister glauben und die für diese brachiale Rückständigkeit Respekt einfordern nur kritisieren dürfen?? Macht es einen Unterschied den Glauben und die Rituale an Hirngspinste per Messlatte zu unterscheiden: light ist gut, hardcor darf abgelehnt werden?? Die „geradenoch“ erlaubte Kritik wirkt vorgeschrieben: Ihr dürft meinen Glauben kritisieren aber diese Linie nicht überschreiten, andernfalls könnten meine religiösen Befindlichkeiten Schaden nehmen und ich müsste den Staatsanwalt bemühen. Gewonnen hätte dann das induzierte Irresein.

  2. Das ist doch scheinheilig, Herr Hans.
    Was wollen Sie denn mehr Ablehnendes tun neben dem Kritisieren? Gewalt und Diffamierung sind immer ein Fall für den Staatsanwalt.

    • Dann wollen wir mal hoffen, dass das „nicht für Voll nehmen“ von Menschen und Vereinen die Engel, Götter und andere Hirngespinste glauben anbeten zu müssen (in der Masse geglaubt nennt man es Religion), nicht schon wieder die weisungsgebundene Staatsmacht aktiviert um inquisitorische wie peinliche Gesetze Marke „Müllhaufen der Geschichte“ aus der vergilbten Schublade zu kramen. Beleidigten Leberwürsten unter den Hirngespinsteverehren sei empfohlen anstatt die Justiz mit albernem Beleidigtsein zu belästigen, jene Mächte zu bemühen mit denen man vorgibt täglich in Kontakt zu stehen. In diesem Sinne.

  3. Die Redaktion bittet die Teilnehmer der Diskussion, beim Thema zu bleiben. Dieses ist nicht allgemeine Religionskritik (man siehe dafür z.B. den Artikel „Gefangen im Sprachspiel – die Neuen Atheisten und der Religionsbegriff„).
    Rückbezüge zum tatsächlichen Inhalt des Interviews werden gerne gesehen.

  4. Pingback: Von Jugend, Radikalisierung und “Sektenberatungen” nicht nur im Islam – ein Déjà-Vu « REMID Blog

  5. Pingback: (Ludwig Trepl) Landschaft & Oekologie

  6. Pingback: Studie über Junge Freiheit: Christentum und Islamfeindlichkeit statt Heidentum « REMID Blog

  7. Pingback: “Eine exorbitante Entwicklung rassistischer Angriffe”: Forschungsbericht zur Kontinuität und Aktualität einer Ideologie « REMID Blog

  8. Pingback: “Polemik gegen die Schwerkraft”? Religionskritik am Beispiel eines neuen Kompendiums « REMID Blog

  9. Pingback: Mittendrin: Rechtspopulistische Parteien in Mittelosteuropa « REMID Blog

  10. Pingback: Darf man den Islam kritisieren? « REMID Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *