Wessen Geistes Kind? Neue Religionen, alte Traditionen und die Crux des Systematikers

Print page

Es war ausgerechnet ein Gewaltverbrechen, welches letztes Jahr in den Medien vorübergehend die Frage virulent machte, was eigentlich christlich sei – also z.B. ob die neue christliche Kirche, welche ein Anders Behring Breivik in seinem Manifest einfordert, tatsächlich als eine neue Form von Christentum zu werten sei (vgl. Blogartikel „Was ist eigentlich christlich? Neue Antworten auf eine alte Frage“). Allgemein gültiger waren die dabei zitierten Aussagen eines ökumenischen Impulsreferates: „Das Christentum kann immer nur von einem konfessionellen Standpunkt aus beschrieben werden (als katholisch, protestantisch, lutherisch, calvinistisch, orthodox, freikirchlich …)“; „es gibt nicht ein einziges ’spezifisches‘ Merkmal des Christentums“. Das Problem der Einteilung, unterdrückt man nicht gänzlich den Willen zur Systematisierung, stellt sich genau genommen bei jeder Neuen Religion. Der neutrale Religionswissenschaftler hat es dabei noch schwerer als solche, die „spezifische“ (wesentliche) Merkmale einer Weltreligion zu kennen glauben.

Wenn man die Schlussfolgerungen aus der Betrachtung der Frage, was christlich sei, ernst nimmt, besteht phänomenologisch – von den Inhalten her – keine Möglichkeit, die „Christlichkeit“ z.B. einer Lehre zu bestimmen. Auch wenn beispielsweise das Bekenntnis von Nicäa von 325 u.Z. als dasjenige Bekenntnis gilt, welches die weiteste Gültigkeit im Spektrum christlicher Kirchen und Gemeinschaften haben mag, der Religionswissenschaftler muss auch mit den Christengruppen umgehen, welche jenseits davon bestehen. Er kann dabei nicht einfach z.B. die Konfessionskunde seiner eigenen Kirche (z.B. der lutherischen) übernehmen und die Ausschlüsse nachsprechen, mit welchen von den Kirchen dafür Beauftragte Religionsgemeinschaften aus dem Gebäude eines akzeptierten Weltchristentums herausdefinieren – aus nachvollziehbaren Gründen, eine besondere Identität bewahren zu wollen.

Wir verwechseln also emische und etische Perspektive. Während dabei der Ansatz, die Selbsteinschätzung einer Religionsgemeinschaft ernst zu nehmen, durchaus verfolgenswert ist, ist die Übernahme der Abwertung einer Religionsgemeinschaft durch eine andere – und sei es nur die Behauptung, das sei kein Christentum mehr – sehr problematisch.

Der Artikel verwies auch bereits auf eine dritte Möglichkeit, neben Selbsteinschätzung und inhaltlich-phänomenologischer Bestimmung: Der Forscher schaut auf genealogische Verhältnisse der Lehren. Sein System soll ja auch nur der Übersichtlichkeit dienen, so geht es darum historische Prozesse zu analysieren, um über eine Kontextualisierung Unterscheidungen vorzuschlagen.

Ebenso kann man argumentieren, dass es sinnvoll sei, grundsätzlich auf Kategorisierungen dieser Art zu verzichten. Möglicherweise ragen sie nämlich immer und notwendig in die emische „Innen“-Perspektive hinein. Allerdings müsste eine solche Verzichtserklärung nicht allein in Hinsicht der Zuordnung einer Gruppe zu einer „Weltreligion“ erfolgen (zur Entstehung dieser ebenfalls problematischen Kategorie vgl. Artikel: „Wer zählt was? Statistiken aller Religionen der Welt und ihre Probleme“), sondern lässt sich parallel genauso für besagte größere Einheiten, die „Weltreligionen“ z.B., entwickeln – ja, überhaupt bezüglich der Frage, was eine Religion im Unterschied zu einer Nicht-Religion sei (und unabhängig von bloß staatlich-bürokratischen Vorgaben oder solchen bestehender Religionsgemeinschaften; man vgl. den Artikel „Gefangen im Sprachspiel – der Religionsbegriff und die neuen Atheisten“). Zwar kann eine Gruppe als Körperschaft des Öffentlichen Rechts – als eine Religions- bzw. Weltanschauungsgemeinschaft – anerkannt werden, wie kürzlich die Missionierende Kirche der Kopimisten in Schweden (vgl. z.B. Filesharer sind offiziell eine religiöse Gemeinschaft). Oder eine „weichere“ Anerkennung durch das Grundrecht auf Religionsfreiheit (GG Art. 4) bewirkt zumindest eine Einstufung als schützenswert bzw. garantiert, nicht verboten zu werden. Letztere Frage ist bei Scientology z.B. ungeklärt; der radikal rechte Bund für (deutsche) Gotterkenntnis (auch nach dem Heeresführer und seiner Frau „Ludendörffer“ genannt) im Gegenzug erhielt 1947 aufgrund dieses Religionsprivilegs nach dem Krieg die Erlaubnis zur Wiedergründung und ein Verbot als verfassungsfeindliche Organisation wurde 1977 genau deshalb wieder aufgehoben, da das Verbot gegen die Religionsfreiheit verstieß (das Religionsprivileg wurde 2001 nach dem 11. September aufgehoben, danach ist bislang kein Verbotsantrag bzgl. des Bundes für Gotterkenntnis erfolgt). Demgegenüber besteht allerdings keine Möglichkeit bislang, sich innerhalb der Religionswissenschaft auf eine bestimmte Eingrenzung des eigenen Gegenstandes zu einigen. Inhaltlich-essenzialistische Konzepte gelten als überholt; „genealogische“ Überlegungen zum „Ursprung der Religion“ münden schnell in eine spekulative funktionalistische Naturgeschichtsschreibung – und mit der arbiträren Möglichkeit, X-Beliebiges nach der Anleitung der gesetzlichen Vorgaben staatlich als Religion anerkennen zu lassen, wollen viele doch der Selbsteinschätzung nicht unbedingt trauen. Selbst der atheistische Religionsforscher scheint einen heiligen Ernst für wichtig zu nehmen, so dass erwähnte Anerkennung – die Kopimisten betonen keine Religionsparodie zu sein und es ernst zu meinen – gar größeren Widerstand hervorruft, als wenn die sich selbst offen als Religionsparodisten verstehenden Anhänger des fliegenden Spaghettimonsters erwirken, dass ihre religiöse Kopfbedeckung – ein Nudelsieb – auf dem Führerscheinbild erscheinen darf.

Ein völliges Aufgeben von Kategorien würde an dieser Stelle zum Schweigen verbannen.

Will man dennoch über Religionen auch sprechen können, gilt es also Prozesse, die zu Religionsbildungen führen, zu spezifizieren. Sie sind notwendig „prekäre“ Kategorien, Behilfsmittel.

1. Stifterreligionen

Am leichtesten dürfte es zu akzeptieren sein, bestimmten (Welt)Religionen, die auf einen Religionsstifter zurückgehen, auch diesen Status zuzuordnen. Übergangen wird dabei der notwendig „synkretistische“ Aspekt einer solchen Religionsgründung. So wie das Christentum Elemente früherer Religionen (nicht nur des Judentums) aufweist, das Judentum des Moses auf Religionen seines Kontextes Bezug nimmt oder z.B. der Sikhismus insbesondere Hinduismus und Islam in eine neue Synthese bringt, entscheidet sich der Forscher in diesen Fällen also dafür, der Selbsteinschätzung, etwas Neues zu sein, folgen zu wollen. Man verwirft also mögliche Alternativen, das Christentum eher als Neue Religiöse Bewegung innerhalb des Judentums zu betrachten – oder es in die Mysterienreligionen der Antike einzuordnen. Zugleich ist es eher praktischen Gründen und solchen der Konventionalität geschuldet, dass hier über Jahrhunderte gefestigte Konzeptionen weiterhin gepflegt werden. Und das, obwohl solche „Modelle“ letztlich genauso auf einer einstigen „emotionalen“ parteilichen normativen phänomenologisch-inhaltlischen Entscheidung weniger Gelehrter beruhen wie im Falle „synkretistischer“ Neuer Religionen der Gegenwart mit synchron bestehender sie analysierender Religionswissenschaft.

2. Heilige Texte (Schriftreligionen)

Diese besondere Rolle des Stifters bzw. die stärkere Bereitschaft jener ersten Art der Entscheidung zu folgen hängt allerdings auch mit der Herkunft erwähnter Disziplin der Religionswissenschaft aus der christlichen Theologie zusammen. Ähnliches gilt für Heilige Texte. Auf diese Weise erfuhren Hinduismus, Daoismus und Shinto (sowie die Religionen einiger versunkener Kulturen) durch den Westen eine Art Würdigung. Dies ist allerdings prozessual einer bestimmten historischen Phase geschuldet, welche mit der Entdeckung dieser Schriften ab dem 18. Jahrhundert einherging. Allerdings sind diese Begriffe nicht sehr eindeutig. Etwa die indische Verfassung zählt entgegen dem westlichen Verständnis von Hindu-Religionen auch Buddhisten, Jainas und Sikhs zum „Hinduismus“ (nicht aber z.B. Christen und Muslime). In China und Japan wiederum muss der Forscher zur musealen Isolation einer solchen Religion mit der Pinzette z.B. Tempeleinrichtungen auseinanderpflücken, um die verschiedenen Artefakte in jeweils nur einer einzigen solchen Religion gewidmeten Vitrinen neu zu sortieren. Der konstruktive Aspekt einer solchen Kategorialisierung erscheint intuitiv stärker. Da der Ausgangspunkt hier ein spezifischer Textkorpus ist, verschwimmt die Kategorie mit fortschreitender Textferne, seien es schwer einzuordnende Spezialtexte oder eine Orthopraxis, die nur entfernt in Bezug zu den Texten der Religion steht (oder gestellt werden kann), oft dasjenige, was früher als „Volksreligion“ bezeichnet worden war und von einer sogenannten „Hochreligion“ abgegrenzt wurde.

3. Der Mythos der „Naturreligionen“

Der dritte Typ eines Prozesses der Kategorialisierung besteht in der irrtümlichen Annahme des Fehlens von Prozesshaftigkeit. Dort, wo die europäischen Kolonialisten keine aufgeschriebene Geschichte vorfanden, vermuteten sie Einblicke in die Ursprungsphase der Menschheit. Den vorgefundenen Kulturen wurde jegliche Entwicklung abgesprochen. Als Sklaven der Kolonialisten mussten sie vermeintlich unberührte Natur bewirtschaften.
Meistens stehen hier neben regionalen, oft ethnienspezifischen Formen unmittelbar Kategorien kontinentaler Dimension, z.B. „afrikanische Religionen„. Im Glücksfall lassen sich auch religiöse Gruppierungen entlang bestimmter linguistisch konstruierter Sprachgruppen vornehmen (vgl. Ethnologue: Languages of the World; es ist zu beachten, dass dieses linguistische Projekt sich als Vorarbeit für eine optimierte Bibelübersetzung in entsprechende Ethniensprachen bzw. Mission versteht).

4. Sonderfall Schamanismus

Ein besonderer Fall ist der Schamanismus-Begriff. Neben seinem regionalen Bezug nach Sibirien waren es phänomenologische und in erwähnter Hinsicht hier problematisch spekulative Gründe (Mircea Eliades Konzept eines „Urschamanismus“; vgl. demgegenüber unsere Kurzinformation sowie die Artikel zu Guatemala und Korea), diesen als besondere Praxis zu isolieren und in Form eines heute „weit“ genannten Schamanismus-Begriffes auf z.B. die altamerikanischen Religionen zu übertragen. Wo die Konstruktion eines sibirischen Schamanismus als Kategorie noch leichter plausibel wirkt, bietet jede der weiteren Übertragungen verständlich Anlass zu Zweifeln.

5. Konzilien backen Christentümer

Wie bereits bei den Überlegungen zur ersten Sorte Kategorialisierung angedeutet, ist der günstigste Fall, dass alle Parteien sich darauf einigen können, etwas sei eine neue Religion – das Christentum also kein Judentum mehr, das Judentum noch kein Christentum etc. Schwieriger wird der Fall, wenn beide Gruppen von sich behaupten, z.B. jeweils das wahre Christentum zu vertreten, zudem sich darin einig sind, dass die jeweils andere es nicht tue, unvollständig sei oder Irrtümliches hinzugenommen habe. Zudem kann eine besondere Lehre oder Praxis nur vorübergehend geächtet sein, wieder integriert werden etc. Hier beginnen Überlegungen zur Motivation eine Rolle zu spielen.Während mittelalterliche Mystiker durchaus schonmal Kritisches ansprachen, aber in dem meisten Fällen keine Reformation der Kirche von Grund auf einforderten, gilt für den Protestantismus wie auch schon für die Hussiten der Ausspruch Martin Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders!“.

442px-Nicaea_icon

Ikone des Ersten Konzils von Nicäa. Kaiser Konstantin entrollt den Text der ersten Hälfte des Nicänischen Glaubensbekenntnisses.

Der Reformationsanspruch stünde im Gegensatz zu denjenigen Prozessen, welche mittels Konzilien und Synoden Häresien bestimmten. Während letztere eine vorfindliche Vielfalt sortierten und mitunter weltliche Herrscher sich biographisch über die Konstruktion eines Haeresiarchen ausgestalteten, dessen Verurteilung und Verfolgung seiner Anhänger zur Tugend stilisiert wurde, erlaubt ersteres das Hintergehen einer vorhandenen und als monolithisch interpretierten Traditionseinheit.

So „entstanden“ z.B. (nachdem manches bereits zuvor geklärt worden war, etwa der Ausschluss der Gnostiker durch die Festlegung des Kanons der Bibel bis ins 4. Jahrhundert) als eigenständige (bzw. ausgeschlossene) christliche Kirchen nach 325 u.Z. (1. Konzil von Nicäa) der Arianismus, nach 431 u.Z. (Ephesos) der Nestorianismus (Assyrische Kirche des Ostens, Thomaschristen in Indien), 451 u.Z. (Chalcedon) die altorientalischen oder orientalisch-orthodoxen Kirchen (auch: „monophysitisch“), 553 (2. Konzil von Konstantinopel) Origines und z.B. die Lehre der Apokatastasis (Allversöhnung statt ewige Verdammnis am Ende der Zeiten), 680 (3. Konzil von Konstantinopel) die Syrisch-Maronitische Kirche von Antiochien. Das „morgenländische Schisma“ 1054 von der damaligen griechischen Kirche des Ostens verlief in weniger geordneten Bahnen, der Konflikt erstreckt sich genauer eigentlich von der Mitte des 10. bis ins 16. Jahrhundert, als ein Wechsel in der Politik Roms im Umgang mit den Ostkirchen erfolgt.

Diese Form des einseitig erzwungenen Auseinandergehens setzt sich fort: Das Dritte Laterankonzil verurteilt 1179 die Katharer (Albigenser) und Waldenser, beim Vierten 1215 wurde neben einem Verbot von „Irrlehren“ des Joachim von Fiore der Umgang mit „Ketzern“ neu geregelt. 1414-18 in Konstanz wurden die Lehren von John Wyclif, Jan Hus und Hieronymus von Prag verurteilt, welche gelegentlich als Vorboten oder eigentlicher Beginn der Reformation angesehen werden.

Schließlich entstanden beim Ersten Vatikanischen Konzil 1869/70 die Altkatholiken. Eine besondere Rolle spielt die Priesterbruderschaft St. Pius X., welche das Zweite Vatikanische Konzil 1962-65 (z.B. Öffnung zur Ökumene, Religionsfreiheit) ablehnt. Zudem kann auch der entgegengesetzte Fall auf diese Weise eintreten, eine Union oder Reunion zweier zuvor getrennter Kirchen.

Lange Geschichte, kurzer Sinn: auf diese Weise entfaltet sich im Christentum eine stammbaumartige Struktur. Übersehen wird dabei gerne, dass es immer schon Innovationen durch einzelne religiöse Experten und damit auch regionale Sonderentwicklungen gegeben hat (local turn). Der besonders harte Fall der Verurteilung bedingt dabei eine besondere Form der Pluralisierung. Diese kommt zwar nicht nur im Christentum vor, stellt aber auch nicht den Regelfall der Differenzierung dar.

6. Reformationsansprüche

Die Ablösung von einer „alten Kirche“, die als Selbstanspruch nichts Neues zu verkünden beabsichtigt, sondern ad fontes (zu den Quellen) einer Religion zurückgehen will, ist das Motiv der Reformation. Der Prozess kehrt die Konzilienlogik um. Gemeinsam ist das Medium des Bekenntnisses, nun mit einem zweiten Teil der Kritik.

Doch wieder ist da ein unerhört inhaltliches Kriterium, welches um so mehr vage wirkt, desto weiter man sich historisch von z.B. Luther entfernt. Man kann auf Strukturen wie Freikirchen oder konfessionskundliche Beurteilungen wie „Sondergemeinschaften“ schauen, zudem kann man die Herkunft des Stifters einer solchen Denomination und seiner Ideen betrachten. So lassen sich Linien ziehen, etwa von der anglikanischen Kirche über den Puritanismus und die Dissenters hin zu den Baptisten am Anfang des 17. Jahrhunderts. Von dort kommt man über die Adventisten Anfang des 19. Jahrhunderts nicht nur zu den Siebenten-Tags-Adventisten der Gegenwart, sondern auch über die Bibelforscherbewegung zu den Zeugen Jehovas.

7. Innerreligiöse Neuoffenbarung

Zwar entstammte auch Joseph Smith, der Begründer der Mormonen, einem protestantischen Milieu, doch integriert er Neuoffenbarungen sowie Elemente anderer Traditionen wie z.B. der Freimaurerei. Diskussionen um die „Christlichkeit“ der Mormonen finden gar Eingang in die Wikipedia (Version vom 24. Januar, inzwischen wurde der Absatz „Bezug zum Christentum“ getilgt):

Die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage bezeichnen sich selbst entschieden als Christen[11][12] und sehen sich selbst durch die Offenbarungen Joseph Smiths im Besitz der ursprünglichen christlichen Glaubensinhalte. Sie sind daher einer Wiederherstellungsbewegung zuzurechnen, die nach eigener Überzeugung ein Urchristentum bewahren. Demgegenüber verweisen die großen christlichen Kirchen darauf, […]
Die mormonischen Kirchen haben auch nie das Bekenntnis von Nicäa – mit Ausnahme der Gemeinschaft Christi [13] – anerkannt. Die großen christlichen Kirchen halten die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage daher nicht für eine christliche Religion, sondern für eine „eigenständige, synkretistische Neu-Religion“[12] und erkennen ihre Mitglieder nicht als getaufte Christen an. […] Dagegen hielten 2007 52 % der US-Amerikaner Mormonen für Christen, während 31 % dies verneinten.[17]

[11] Mormonen.de: Häufig gestellte Fragen
[12] Horst Reller (Hrsg.): Handbuch religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen. Im Auftrag der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, 2000,. S. 425.
[13] Steven Shields: Divergent Paths of the Restoration, 2001. S. 68.
[17] Pew Research Center Summary of Findings: Public Expresses Mixed Views of Islam, Mormonism

(Quelle: Wikipedia, Versionsgeschichte 24.1.2012)

Jürgen Osterhammel (Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts – München 2009; S. 1270) wird ebenfalls zitiert mit der Wendung, es handele sich um „die amerikanischste unter allen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts“.
Leicht erkennt man den polyphonen Aufbau des Textabschnitts, könnte auch ohne genaue Überprüfung in der weiteren Versionsgeschichte unterschiedliche Autoren den Sätzen zuordnen. Dogmatische (zum größten Teil im Zitat weggelassene) Argumente stehen einer Selbsteinschätzung als Christen gegenüber, welche zudem einen reformatorischen Anspruch formuliert. Besonders mag diese protestantische Domination auch deshalb sein, weil Smith nicht wie William Miller (1782–1849), der als baptistischer Prediger die Adventisten begründete, bereits vor der Innovation ein religiöser Experte einer Denomination war. Smiths Eltern waren eher einfache Bauern und Händler. Jedoch selbst wenn der Vater Zimmermann gewesen wäre, solcherlei ist ein Scheinargument.

Das Universelle Leben macht sogar explizit, dass es vor das 2. Konzil von Konstantinopel 553 u.Z. zurückgehen möchte, welches Origines und die Lehre von der Präexistenz der Seele (vom Universellen Leben als christlicher Reinkarnationsglaube verstanden) als Irrlehre verurteilte (siehe oben). Zugleich beruht diese Gemeinschaft auf den Neuoffenbarungen der Gabriele Wittek (geboren 1933). Dass es ein reformatorisches Selbstverständnis auch bei dieser Gruppe gibt, zeigt das „Glaubensbekenntnis der Urchristen„, welches strukturell wie das Augsburger Bekenntnis nach den positiven Aussagen entsprechende Absagen bringt, mit deutlichen Anleihen an das Original.

Ein anderer Fall ist die Lorber-Bewegung (Jakob Lorber lebte von 1800-1868 und empfing das „Große Evangelium Johannes“ u.a.). Wie der Quietismus in Frankreich des 17. Jahrhunderts ist diese sich als überkonfessionell verstehende Gemeinschaft in einem katholischen Milieu entstanden. Trotz des Anerkennens ähnlicher Bewegungen quer durch alle Religionen verstehen die Lorberianer sich als Christen. Im Gegensatz zu den Mormonen besteht kein besonderer Bezug zur Reformation oder zu einem Urchristentum, vielmehr wird „einfach“ eine Nicht-Abgeschlossenheit der Offenbarung behauptet. Die Anhänger sind auch häufig noch Mitglied in ihrer Herkunftskirche und sehen darinnen keinen Widerspruch, sondern betonen vielmehr ihre Rolle als gutes Exempel.

470px-Lorber1

Eine Abbildung des Begründers aus den Briefen Lorbers, erschienen im Neu Salems Verlag 1931.

Ein weiteres Beispiel einer dann nicht mehr protestantisch begründeten christlichen Innovation mittels Neuoffenbarung ist die Vereinigungskirche. Sun Myung Moon entstammte einer presbyterianischen Familie in Nordkorea, bevor er am Ostersonntag 1935 eine Christusvision hatte. Versuche einer Zusammenarbeit mit etablierten Erweckungskirchen Koreas scheiterten in der Anfangsphase. Zudem fehlt völlig der Bezug zur Reformation.

Bei diesem Typ Christentum (Lorber-Bewegung, Vereinigungskirche) spielt der Prozess der Konzilien keine Rolle mehr. Diese Neuoffenbarungen sind theoretisch bereits durch ältere Beschlüsse ausgeschlossen. Sie gehen jenseits der Bekenntnisse, wie sie von den Konzilien oder später auch durch die Reformatoren formuliert worden sind. Ihre Autorität liegt in der Neuoffenbarung. Hinzu kommt ein anderer Umgang der Herkunftskirchen. Statt juridischer Verurteilung und Verfolgung werden heute „Sektenbeauftragte“ eingesetzt bzw. einfach Ignoranz geübt.

8. Hermetik und Western Esotericism: zwischen „dritter Konfession“ und „universeller Religion“

Dieses Gebiet verdient sicherlich eigene Betrachtungen. Es fußt wiederum in der auch für die Anfänge der Reformation angesetzten Umbruchszeit. Das „Corpus Hermeticum„, dem mythischen Hermes Trismegistos zugeschriebene Traktate, galt vorübergehend als älter wie die Bibel. Hermetisch begründet wurden Astrologie, Alchemie und Magie (sowie eine christliche Variante der aus dem Judentum rezipierten Kabbala). Während andere z.B. Jacob Böhme (1575-1624) mit einem weiten Pietismusbegriff (im engeren Sinn beginnt diese Bewegung erst im späten 17. Jahrhundert) zu fassen suchen, wird seine Mystik oder Theosophie in der Rezeption durch Hermetiker relevant. Auch die Rosenkreuzer-Gruppen, welche sich nach Erscheinen einiger Manifeste zu Beginn des 17. Jahrhunderts alle Jahrhunderte wieder neu gründen, rezipieren häufig Böhmes Schriften. Zugleich zeigen sie als Beispiel gut, wie Hermetik und allgemein „Western Esotericism“ – inspiriert durch die Idee einer „Generalreformation“ – zwischen einer Art dritten Konfession des Christentums (der Begriff meint sonst gerne Konfessionslose innerhalb der deutschen Debatte) und einer Neureligion mit universellem Anspruch schwanken. Dieser universelle Anspruch setzt sich schließlich bei der 1875 beginnenden Theosophischen Gesellschaft der Madame Blavatski (vgl. unsere Kurzinformation Esoterik) durch.

Ein Sonderfall ist hierbei der Paganismus, der zwar die Lücken einer (re)konstruierten Überlieferung der Hexen (vgl. Interview zu Wicca), Kelten, Germanen mit Hermetik auffüllt, und Elemente der Kategorien 3 und 4 (oft global gleichgültig) ergänzt. Der Anspruch kann ein universelles Heidentum sein wie auch eine „nationale“ Ausformung desselben – gemäß der Idee, zu dem Glauben der eigenen Ahnen zurückfinden zu wollen, welchen sie vor ihrer Christianisierung pflegten.

9. Die „moderne“ Situation: Das Beispiel Christian Science

Ähnlich wie bei den Mormonen gibt es bei der Christlichen Wissenschaft Kontroversen um ihre „Christlichkeit“ (vgl. auch unsere Kurzinformation). Nicht allein dem Namen nach verstehen sich die Christlichen Wissenschaftler selbst als Christen. Und es ist möglich eine Linie von den amerikanischen Erweckungsbewegungen eines Protestantismus des 19. Jahrhunderts über den Heiler und Mesmeristen Phineas Quimby (1802-1866) und die Neugeist-Bewegung zu Mary Baker-Eddy, der Begründerin von Christian Science, zu ziehen. Allerdings kann man argumentieren, dass Quimby eher dem hermetisch-esoterischen Paradigma zugehöre. Auch das Selbstverständnis des Phineas Parkhust Quimby Research Centers ist nicht christlich, sondern eher universell: es geht um „Divine Science, Unity, Religious Science“. Entsprechend konnte er auch außerhalb des Christentums rezipiert werden, z.B. von der Seichō-no-Ie (wörtlich: Haus des Wachstums oder Heim des unendlichen Lebens) in Japan.

Phineas_Parkhurst_Quimby

Porträt von Phineas Parkhurst Quimby.

Das allerdings gilt nicht für Christian Science. Mary Baker Eddy, die als 17jährige bereits eine erste Konversion zu den Kongregationalisten vollzog, ging es durchaus ums Christentum:

“to commemorate the word and works of our Master, which should reinstate primitive Christianity and its lost element of healing.”

Um das Wort und die Werke unseres Herren (oder Lehrmeisters) in Erinnerung zu bringen, welche erlauben, das ursprüngliche Christentum und sein verlorenes Element des Heilens wiederherzustellen. (Übs. Red.)

(Quelle: marybakereddylibrary.org)

Damit wird erneut ein reformatorischer Anspruch formuliert. Er ist sogar deutlicher wie bei anderen vorigen Beispielen, insofern keine Neuoffenbarung hinzukommt, sondern – was auch übliche Praxis protestantischer Denominationen wäre – ein Kommentar zur Heiligen Schrift, eine neue Lesart. Dennoch bewegt sich Christian Science – wie in manchen Punkten auch das Universelle Leben – auch im hermetischen Sujet einer dritten Konfession, allerdings beide jeweils in positivem Bezug zu einem ursprünglichen Christentum.

10. Sonstiges: Sollbruchstelle „Wissenschaft“

Wie das Beispiel Christian Science zeigt, ersetzen wissenschaftliche Diskurse allmählich die Rolle der Konzilien. Ob nun eine Lehre als „Pseudowissenschaft“ in die Welt der Religionshaftigkeit gerät oder ob mittels wissenschaftlich gedachter Methoden ein widerspruchsfreies System konzipiert wird, welches die Welten von Wissenschaft und Glauben reuniert. Dieser universelle Charakter ist demjenigen der Hermetik und Esoterik vergleichbar. Allerdings macht es einen Unterschied, inwiefern der Impuls aus einer „Generalreformation“ oder Theosophie erfolgt und vielleicht tendenziell eher eine Universalreligion anstrebt, oder ob eine „wissenschaftliche“ Wahrheit im Fokus des Interesses steht, welche nebenbei das Problem mit den Religionen „erklärt“. Letzteres ist zum Beispiel eher bei der Scientology Kirche (man vergleiche unsere Kurzinformation) sowie bei Ufo-Religionen und der Prä-Astronautik (man vergleiche das entsprechende Interview) der Fall. Zudem kann hier eigentlich nur mehr von Anleihen aus dem hermetisch-esoterischen Gebiet gesprochen werden.

Fazit

Es wird deutlich geworden sein, dass alle besprochenen zehn kategorialen Unterscheidungen immer „prekär“ bleiben werden, da sie auf inhaltlich bestimmte historische Kontexte zurückgehen (entweder sind sie essenziell begründet oder fußen auf entsprechenden Debatten, die eskalierten; will man nicht bei einigen historischen Fällen ausschließlich politische Motive anbringen). Der Religionswissenschaftler kann allerdings nicht einfach den Kirchen folgen und dogmatische Modelle zugrunde legen, was noch und was nicht mehr Christentum sei. Zugleich sollte er diejenigen ernst nehmen, die nicht mehr Christentum sein möchten. Er darf ja durchaus hinzukommende Elemente aus anderen religiösen Traditionen benennen. Zwar dürfte dieser Artikel sich in seiner Länge noch einmal verdoppeln, wollte man z.B. die taqiya oder andere Umgangsweisen mit Pluralität in der Welt der Religionen global in die Betrachtung einschließen (auf diese „weise Vorsicht“ der Schiiten wird im Interview zur Islamophobie kurz eingegangen). Insgesamt dürfte das Spektrum der Religionen in Deutschland allerdings bis auf wenige Ausnahmen (z.B. manche neue Religionen aus Japan) erschlossen worden sein.

Auch wird erkenntlich, dass diese Kategorienbildungen einem religionsgeschichtlichen Interesse folgen. Völlig auf Kategorien zu verzichten, würde Religionsgeschichte mindestens methodisch völlig verändern. Es mag zwar nicht nur aus pragmatischen Gründen nicht sinnvoll erscheinen, andererseits ist die Systematik mit methodisch fragwürdigen Mitteln begründet, wenn diese auch oft intra- wie transreligiösen Trennungsprozessen entsprechen, die letztlich Tatsachen schufen. Gerade deshalb kann sie eigentlich nur scheitern, wo es um Neue Religionen geht und solche Prozesse noch nicht abgeschlossen sind. Und obwohl einige der hier besprochenen Beispiele für manche noch „neue Religionen“ sein mögen, sind besagte Prozesse bei ihnen doch bereits historisch.

Christoph Wagenseil

Teilen Sie diesen Artikel:
Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInShare on TumblrShare on Reddit

4 Kommentare:

  1. Auf die Frage, Was ist eigentlich christlich? muss man die ganze Vorgeschichte sowie auch das, was noch kommen soll in Betracht ziehen. Das Christentum ist aus dem Judentum gekommen, hatte sich aber dann in viele Splittergruppen aufgeteilt und muss nun wieder von neuem in dem Urchristentum gesucht werden bzw. sich neu orientieren. [….]
    So ist die Geschichte des Christentums abgerundet.

    Die Redaktion behält sich vor, Beiträge zu kürzen. So naheliegend es auch sein mag, die eigene Denomination als „Abrundung“ z.B. der Geschichte des Christentums zu betrachten und darstellen zu wollen, ist der Blog des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes nicht der richtige Ort dafür.

  2. Pingback: Märchen und Magie zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Eine Kritik « REMID Blog

  3. Pingback: Trendreport: Pluralisierung und Newcomer bei den Religionen und Weltanschauungen in Deutschland « REMID Blog

  4. Pingback: Religion und Vorurteil von A bis Z « REMID Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.