Heilige Medien: Von der Teufelsbibel bis zur Tempel-App

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Die Zeichen haben längst die Starre steinerner Monumente hinter sich gelassen, Rechnungen bzw. andere ökonomische Texte sind handlicher geworden als etwa VAT 12770, eine sumerische Cuneiform im Vorderasiatischen Museum Berlins aus Fara (Periode ED IIIa, ca. 2600-2500 v.u.Z.). Inzwischen erlauben mobile Endgeräte, dass man z.B. jederzeit in der Lage ist, die nächstliegende Moschee zu finden (zumindest im United Kingdom und in Nordamerika; entsprechend gibt es einen buddhistischen „Temple Finder“) oder sogar weltweit Restaurants mit „halal food„. Abgesehen von der dabei relevanten GPS-Ortungsfunktion des mobilen Endgerätes – wie unterscheiden sich solche Medien von den weniger Handlichen? Wie viel Inhalt steckt in der Medienrevolution? Was bedeutet diese für heilige Texte? Können virtuelle Orte heilig sein?

Der Legende nach hatte ein Mönch zur Buße seiner Sünden versprochen, alles Wissen dieser Welt in einer Nacht in einem großen Kodex zu vereinen. Jedoch, als er sah, dass ihm dies alleine nicht gelingen würde, schloss er einen Pakt mit dem Teufel, dass er ihm bei der Fertigstellung dieses Opus magnum helfen möge. Der Codex Gigas ist eines der umfangreichsten Bücher der Welt; die Offenbarung des Johannes unterbricht eine Serie von Seiten, der Text zweispaltig auf dunklem Hintergrund in heller Schrift ausgeführt, auf Blatt 289 recto ziert ein großes Konterfei des Teufels die Seite. Mit der Legende fest verknüpft ist das Manuskript spätestens, seitdem es im Besitz Rudolphs II, König von Böhmen, war. Entstanden sein wird sie wohl während der Wanderschaft der Handschrift aus dem 13. Jahrhundert durch die Klosterbibliotheken zuvor.  Möglicherweise handelt es sich um eine Kritik an der dem Ablass ähnlichen Praxis, etwa einen fleißigen Kopisten von Texten in einer entsprechenden Klosterwerkstatt nach seinem Tode dadurch vor der ewigen Verdammnis zu retten, dass man mit den von ihm als Schreiber kopierten Manuskripten als Beweisen einen Prozess um die Seele des verstorbenen Mönches führt (Ordericus Vitalis: Historia ecclesiastica, 12. Jh.).

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Auf Blatt 289 recto des Codex Gigas sieht der Leser eine Illustration des Teufels.

Die Teufelsbibel enthält neben der Heiligen Schrift Isidor von Sevillas Etymologiae, Flavius Josephus Geschichte der jüdischen Altertümer (Antiquitates Judaicae), Cosmas von Prags Chronik von Böhmen, verschiedene Traktate über Geschichte, Etymologie und Physiologie, einen Kalender, eine Liste von Brüdern des Klosters, Wunder und andere lokale Aufzeichnungen. Die Etymologiae des Isidor von Sevilla ist dabei selbst bereits ein ähnliches Unterfangen zu Beginn des Mittelalters (560 bis 636/650), alles bekannte weltliche und geistliche Wissen seiner Zeit enzyklopädisch zusammenzufassen. Den Ausgangspunkt bilden die Sieben Freien Künste Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie. Es folgen die Lehrinhalte der Fakultäten Recht und Medizin, um eine allgemeine Einschätzung der Bücher als Medien folgen zu lassen, bevor das „sonstige Wissen“ inhaltlich erschlossen wird. Zwar geht es im Liber VI offiziell um Bücher und kirchliche Regelwerke (De Libris et Officiis Ecclesiasticis), aber es finden sich auch Abschnitte zu Textsorten aller Art – wie etwa Landkarten, Texte zum Kalenderwesen – oder zu den Bibliotheken der „heidnischen“ Alten. Die Gliederung der Bücher setzt also neu an und ordnet die Welt von Gott aus über Engel und Heilige (Buch VII), die Kirche und die Sekten (Buch VIII mit Absätzen über das Judentum, Häresie, Sibyllen, Magier und das Heidentum), Sprachen, Völker, Reiche (Buch IX), Wörter, Namen, Begriffe (Buch X) hin zum Menschen (Buch XI) und den Tieren (XII).  Die übrigen acht Bücher der Etymologiae widmen sich praktischen Dingen von der Einteilung der Welt über Organisationsformen des Gemeinschaftslebens hin zu den Fertigkeiten des Handwerks.

Auch wenn mit dem Buchdruck solche opulenten Nachschlagewerke weite Verbreitung fanden, stellen sie eine bestimmte Form der Mediennutzung dar. Dem eher systematischen Versuch Isidor von Sevillas steht der eher additive Codex Gigas gegenüber, beide Sammlungen repräsentieren einen Typ des Nachschlagewerkes, der mitunter praktische Formen  genauso integrieren kann wie eher unveränderlich „starre“ heilige Texte. So wie die Teufelsbibel den Text des Alten und Neuen Testamentes enthält, finden sich über die Etymologiae auch eine Weltkarte in berühmter mittelalterlich üblicher T-Form und Tabellen für die Kalender-Berechnung.

Die Gliederung bzw. in späteren Lexika das z.B. alphabetische Register geben dabei eine Ordnung vor. Letzteres kann dabei funktional mit der modernen Suchmaschine verglichen werden. Etwa das Zedler Universal-Lexicon als maßgebliches Kompendium des 18. Jahrhunderts bietet auf diese Weise Querverweise und auch Phrasen. Sicherlich mögen diese in der digitalen Version des Lexikons noch ein wenig leichter gefunden werden, doch – will man nicht bibliomantisch zufälligen Seitenaufwürfen nachgehen – verbleibt man durch die eigene Auslese bestimmter Stichwörter und der in den Artikeln vorgefundenen Querverweise in einem bestimmten „Netz“ von Inhalten. Wie im heutigen Internet kann man sich auf solche Weise nur auf den „Seiten“ einiger weniger Autoren (im Zedler-Lexikon anonym) bewegen, die möglicherweise bestimmte Positionen bevorzugen etc. (das Zedler-Lexikon ist zwar insgesamt protestantisch und bestimmten Formen der Aufklärungsphilosophie verpflichtet, es lassen sich aber durchaus auch in Einzelfragen unterschiedliche Parteinahmen differenzieren).

Anders arbeiten diejenigen Wissenssammlungen, welche zugleich eine Ordnung ihres Wissens probieren, sei es wie bei Isidor beschrieben oder wie in der „Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“ (1751-1780). Ein Schaubild „Systême Figuré des Connaissances Humaines“ unterteilt grundlegend entsprechend der damals beliebten Vermögenspychologie der Aufklärung in Memoire, Raison und Imagination, also in Geschichte, Philosophie und Poesie. Allerdings gibt es bei den ersten beiden Bereiche des Vermögens, welche nicht von der Klammer der Disziplin gedeckt werden. Von der „Physique particulaire“ schließt Philosophie etwa nur ein, was als Teil der Zoologie den Menschen direkt mitbetrifft.

Solche Ordnungen haben Nachteile. Sie repräsentieren deutlicher eine bestimmte Lehre. Im Internet heute findet dieser Prozess nicht unbedingt so statt, dass er von einer Reflexion begleitet würde, welche die Herkunft solcher Kategorien der Einteilung als eurozentrisch, okzidentalistisch etc. bedenkt. So finden sich Einteilungen wie in dem Webkatalog onlinestreet.de auch in Foren religiöser Gemeinschaften nicht-westlicher Provenienz (man vgl. zu einem Forum der Yeziden: Transnationalität und Identität am Beispiel der Nutzung Neuer Medien):   Computer, Freizeit, Gesellschaft, Gesundheit, Internet, Kultur, Medien, Online-Shops, Spiele, Sport, Wirtschaft, Wissen, Wissenschaft, Zuhause bzw. nach Regionen („Religion und Spiritualität“ ist im Beispiel eine Unterkategorie von Gesellschaft). Obwohl diese Ausdrücke alle sehr allgemein klingen, beerben sie das Prinzip der enzyklopädischen Ordnung und geben eine bestimmte westliche Struktur vor. Praktisches Wissen um Gesundheit z.B. wird dabei genauso einem Sektor „Wissen“ entzogen wie die professionalisierte „Wissenschaft“. Vorbilder sind auch Sparten in Zeitungen sowie Beschriftungen von Regalen in Buchhandlungen. Ebenso bietet es sich im Internet an, eben dieses aus dem Sektor „Medien“ zu exkludieren und z.B. „Online-Shops“ noch einmal besonders zu separieren So zufällig manche dieser Entscheidungen des Services „Onlinestreet“ wirken mögen, so treffsicher orientieren sie sich an den Klickgewohnheiten der User. „Religion“ scheint eher weniger unter „Wissenschaft“ oder auch nur „Wissen“ vermutet zu werden. Der Durchschnittsnutzer erwartet unter „Kultur“ auch eher Kunst-Unterkategorien wie Stilepochen oder Division besonderer Einzelkünste. Allerdings kommt es so auch zu Unterkategorien wie „Alternativ“ unter Gesundheit oder „Anomalien und Alternative Wissenschaften“ unter Wissenschaft.

Auf ähnliche Weise kann man neben der Stichwortsuche sogenannte „Apps“ (Applikationen, Anwendungen) für ein Smartphone erreichen. „Wissen“ bietet sich hier auch als Surrogat eines passiven Nachschlage-Archives an, als Nachrichten, Ebook-Sammlungen auch heiliger Texte (neben der Bibel und dem Koran finden sich insbesondere viele Apps zu Hinduismus und Sikhismus, aber es gibt auch das Buch Mormon oder das Liber Al vel Legis) oder kleinteiliger als tagesgerechte Predigt, religiöser Spruch, Wicca-Zauberspruchsammlung etc. Zu Göttergestalten bestimmter Mythologien gibt es gesonderte Nachschlagewerke, genauso wie zu symbolischen Reihen wie z.B. den hinduistischen Yantras (hier dann auch mit mantischer Funktion).

Über die Möglichkeiten einer einfachen oder komplexen Darstellung hinaus gehen kleine Programme, die z.B. astrologische Horoskop-Berechnungen erlauben. Interaktiv wiederum bestehen Anwendungen wie die des eher scherzhaften Täufer-Programms:

Taufe deine Angehörigen, deine Freunde und sogar dich selbst. Sie verdienen es.

Diese App macht Sie zum Täufer von derzeit neun unterstützten Religionen und Glauben: Katholisch, Evangelisch, Hinduismus, Buddhismus, Islam, Judentum, Orthodox, Atheismus, FSMismus.

Für Taufen werden keine weiteren Gebühren erhoben.

Es ist mit dieser App möglich Menschen und sogar Haustiere gegen ihren Willen zu taufen. Wir vertrauen Ihnen. Missbrauchen Sie nicht die Macht, die Ihnen diese App verleiht.

Features:

– Derzeit sieben unterstützte Religionen
– Tauf-Zeremonie inklusive
– Optional: Audio FX
– Komplett lokalisiert in 4 Sprachen (Englisch, Spanisch, Deutsch, Russisch)
– Unterstützt alle Android Display-Auflösungen und dpi.

Weniger scherzhaft scheint der Markt um Apps zum Heilen gemeint zu sein. Hier wie auch bei z.B. „Chat Healing in Jesu Name“ (Faithforhealing.com) besteht die Möglichkeit für Menschen, die z.B. vom Glauben abgefallen sind (sich für alternative religiöse Ideen geöffnet haben), zu beten oder sie zu „heilen“. Neben religiösen Handlungen bieten quasi-interaktive Programme entsprechend Ersatz für ganze Tempelbesuche wie beim „iZen Temple“ oder einem App zur Erstellung eines eigenen Buddha-Schreins, beim „Lord Shiva Temple“ gibt es zudem eine Mantra-Funktion (entsprechend existieren solche Tempel-Apps für Ganesha, Hanuman, Sai Baba etc. – zu Sai Baba vgl. unseren Artikel über globale Gurus).

Dieser Anwendungsbereich von Medien ist nicht neu. Schon die Landkarte als symbolische Repräsentation stellt einen Anfang solcher virtuellen Räume dar. Gerade religiöse Handlungen bieten sich für eine solche Umsetzung nicht nur in Neue Medien an – ob das Medium nun einen Ort darstellend evoziert oder wie beim Buchorakel eine antwortende religiöse Instanz imitiert. Vielmehr handelt es um eine Seite jedweder Medien, die nur im „Sektor“ der Religionen besonders deutlich in Erscheinung tritt. Insofern gibt es medien- wie religionswissenschaftlich Einiges zu untersuchen.

Christoph Wagenseil

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3 Kommentare:

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