Umgang mit anderen Religionen: Russen dürfen weiter Bhagavadgita lesen

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Dass Neue Religiöse Bewegungen es in manchen Ländern schwer haben, ist nicht nur am Beispiel Italien zu sehen, wo eine Liste mit 650 vermeintlich „satanischen“ Gruppen mediale Aufmerksamkeit erzeugt (vgl. Artikel „Des Teufels Netz„). Auch in Russland besteht ein schlechtes Klima für Neue Religionen. Deren angeblich 600.000 bis 800.000 Anhänger erleben ähnliche Stigmatisierungen wie in der vergleichbaren sogenannten „Sektendebatte“ im Deutschland der 1980er und 1990er Jahre vor dem Beschluss der Enquete-Kommission des Bundestages 1998: Die Bhagavadgita der Hare-Krishna-Bewegung (ISKCON) wäre beinahe indiziert worden, nachdem bereits die Schriften des Scientology-Begründers L. Ron Hubbard sowie „68 Publikationen der Zeugen Jehovas und 15 Werke des verstorbenen islamischen Theologen Said Nursi“ als „extremistisch“ eingestuft worden sind.

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Grafik von einer Petition der ISKCON gegen das Verbot ihrer heiligen Schrift.

Glaubt man den Angaben der Moskauer Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“, dann soll die Zahl der Mitglieder der Zeugen Jehovas in Russland von 30.000 zwischen 1991 und 1999 auf rund eine Viertelmillion angestiegen sein. Entsprechend veranschlagte eine Liste des FOCUS von 1998 etwa die Hare Krishna Bewegung (für Genaueres sei auf den Artikel „Die Lage ist unübersichtlich: Religiöse Sondergemeinschaften in Russland“ von Paul Roth, OWEP 4/2000 verwiesen). Hinzu kommen neue Gruppen mit starkem Zulauf wie die Kirche des letzten Testaments um Vissarion in der Taiga, vom SPIEGEL der „sibirische Christus“ genannt. Die Deutsche Welle bringt als Experten Pawel Kostylew von der philosophischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität. Dieser zweifelt an der Zahl, kann sich aber auch unter „Religion“ nur ein orthodoxes Christentum vorstellen:

Viele Angehörige wechselten so häufig ihre Sekten, dass sie mehrfach gezählt würden. Insgesamt sei die Lage ruhiger als in den 1990er Jahren. Neben den Zeugen Jehovas sind vor allem New-Age-Bewegungen stark in Russland. „New-Age-Vertreter vermischen eine Reihe unterschiedlicher Religionen. Auf der einen Seite glauben sie an Gott, auf der anderen an das Karma. Das wird wie ein Virus weitergegeben…“
Die einzige Impfung sei ein vernünftiger Religionsunterricht, glaubt Kostylew.
(Quelle: dw.de)

Die Ereignisse um religiöse Gruppen wie z.B. Ashram Shambala 2007/8 oder kriminelle Einzeltaten wie 2008 Morde unter Jugendlichen mit angeblich satanischem Hintergrund befördern ein gesellschaftliches Klima, welches – wie diese Russlandkorrespondenzartikel deutscher Medien – zu jenem logisch falschen Schluss verleiten, Neue Religionen wären grundsätzlich gefährlich und fortan über eine allgemeine „Sektengefahr“ zu sprechen.

Dass Russland Extremismus ausgerechnet von religiöser Seite fürchtet oder mit ihm die Schaffung z.B. von Infrastrukturen zur Zensur des Internets zu legitimieren versucht, zeigt folgende Meldung von Russland Aktuell aus dem August 2011:

In Russland gebe es etwa zehn grosse religiöse Sekten, erklärt der russische Innenminister Raschid Nurgalijew auf einer Innenministeriumstagung. Ein Problem für die innere Sicherheit sei auch, dass es 7.500 extremistische Internetseiten gebe. […] Besonders besorgniserregend sei die Tätigkeit von etwa zehn religiösen Sekten in Russland. In einigen Sekten blühe die Gewalt und Sektenmitglieder seien an Morden und Brandstiftungen an russisch-orthodoxen Kirchen beteiligt.
Welche Sekten Nurgalijew im Blick hat, wird von den russischen Agenturen nicht vermeldet. Die russisch-orthodoxe Kirche stuft auch konkurrierende Religionsgemeinschaften als Sekten ein.

Seit den Zeiten der „Atheismusforschung“ in der Sowjetunion (man vgl. auch „Persiflagen auf den christlichen Kult im frühen Bolschewismus als Grenzphänomen“, in: Zacharias: Satanskult und Schwarze Messe, 1964, S. 151f.) hat sich mit der Wende einiges geändert. Jetzt kann Atheismus als Weltanschauung wieder verdächtig machen, insgeheim kommunistischen Ideen nachzuhängen, so dass manche betont zur orthodoxen Kirche halten. Dennoch hat diese einige Schwachstellen für sich ausgemacht (vgl. Bercken: Die orthodoxe Kirche im postkommunistischen Russland, 1996):

Die Abschaffung der Sowjetunion als Staat und die politischen Folgen der liberalen Reformen danach drängten die Russisch Orthodoxe Kirche immer mehr in die konservative, nationalistische Ecke. In der freien Gesellschaft der Zeit nach 1991 ist die günstige Position, die die Russisch Orthodoxe Kirche in den Jahren 1988-1990 erworben hatte, in gewisser Hinsicht wieder geschwächt worden. Es ist religiöse Konkurrenz aufgekommen.

In erster Linie hatte sich ein grosser Teil der Orthodoxen Kirche in der Ukraine vom Moskauer Patriarchat losgesagt. […]
Zweitens hat sich die 1946 von Stalin aufgelöste «unierte Kirche» (Katholiken die den slawischen Ritus und die slawische Sprache behalten haben) in der Westukraine wieder konstituiert und nahm etwa dreitausend Kirchengebäude von der Orthodoxen Kirche zurück. […]
Drittens ist die «Russisch Orthodoxe Kirche im Ausland», die in den zwanziger Jahren während der Emigration entstanden war und sich dem Moskauer Patriarchat gegenüber immer feindselig verhalten hatte, nun nach Russland zurückgekehrt und gründete dort eigene Gemeinden, die faktisch dem Patriarchat weggenommen wurden.

Zum Schluss sind amerikanische und koreanische protestantische Kirchen und Sekten mit einem oftmals aggressiven und wenig ökumenischen Missionsfeldzug in Russland aufgekommen. Diese Missionsaktivitäten empfindet die Russisch Orthodoxe Kirche nicht nur als eine pseudochristliche Irreführung des Volkes, sondern auch als eine Untergrabung der national-kulturellen Identität des russischen Volkes.

Ein Gesetzesentwurf der Partei „Geeintes Russland“ aus dem Sommer 2010 wollte alternative Heilmethoden (ohne staatliches Diplom) unterbinden, um die 500 Menschen seien bereits durch „esoterische Rituale“ zu Tode gekommen, so schätzt angeblich das Gesundheitsministerium:

Der vierjährige Dima Kasatschuk hatte keine Chance. Mit dem Schrei „Du trägst Luzifer in dir!“ stürzte sich Anfang Juli in der ostrussischen Stadt Ussurijsk eine „Schamanin“ auf das Kind und begann mit der „Teufelsaustreibung“. Wenig später lag der Junge erdrosselt am Boden. Der tragische Tod ist kein Einzelfall, immer wieder sterben in Russland Menschen bei „Wunderheilungen“. Das Parlament in Moskau zieht jetzt die Notbremse: Der Staatsduma liegt ein Gesetzentwurf vor, dem zufolge bereits das öffentliche Werben für „okkult-mystische Dienstleistungen“ strafbar sein wird.

(Quelle: n-tv.de, 29. Juli 2010)

Sicherlich ist in dem Vielvölkerstaat grundsätzlich mit einer besonderen religiösen Vielfalt zu rechnen. Traditionelle Formen des sibirischen Schamanismus stehen neben neupaganen Gruppen (vgl. auch Victor A. Shnirelman: “Christians Go home”: A Revival of Neo-Paganism between the Baltic Sea and Transcaucasia (An Overview); in: Journal of Contemporary Religion, Vol. 17, No. 2, 2002, S. 197-211). Neben bereits erwähnten Gruppen sind Muslime, Buddhisten, Juden sowie diverse evangelische und andere Kirchen zu nennen, auch solche koreanischen christlichen Kirchen, welche Elemente der Mudang-Praxis integrieren (vgl. Mudangs, Weon-Buddhismus und Hananim – religiöser Pluralismus in Südkorea).

In der Politik, welche Russland im Umgang mit anderen Religionen pflegt, wird sich – so ist zu hoffen – noch etwas ändern. Bereits 2005 hat eine Studie des US-Außenministeriums zur Religionsfreiheit Russland auf eine Stufe mit Ländern wie Pakistan und die Türkei gestellt. 2007 wurde Russland vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu einer Geldstrafe von üppigen 6.000 EUR verurteilt, da einer staatlich nicht registrierten baptistischen „Evangelischen Christi Gnadenkirche“ ein Open-Air-Gottesdienst verboten wurde. Solche Schikanen finden sich in gesammelter Form unter „Christenverfolgung Russland“ in entsprechenden evangelischen Netzwerken, als einziges mehrheitlich selbst christliches Land in der dortigen Länderauswahl. Insofern ist der Umstand, dass die Bhagavadgita nicht verboten worden ist, ein gutes Zeichen für einen besseren Umgang Russlands mit religiösem Pluralismus in der nächsten Zukunft.

Christoph Wagenseil

Der Autor dankt den Hinweisen aus dem REMID-Netzwerk.

Nachtrag (April 2013): Nachdem im Juli 2012 das umstrittene Gesetz zur Internetzensur verabschiedet wurde, wurde der Zugang gesperrt zu Webadressen der Jehovas Zeugen wie jw.org, zu islamdin.com, zu Abu Hamid al-Ghazalis Nasihat al-muluk (Council for Kings),  ab Dezember „The Fortress of the Muslim“ (Said Wahf al-Qahtani), „Prophet Muhammad Mustafa“ (Osman Nuri Topbas), das wahabitisch-salafitische „The Book of Monotheism„, im Januar 2013 Webseiten mit Werken von Said Nursi,  im Februar u.a. der Internetsender Imam TV (vgl. Berichte von UNCUT, dt. bei netzpolitik.org). Die Liste lässt sich im Netz als „Federal List of Extremist Materials“ nachschlagen.

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Ein Kommentar:

  1. Pingback: Amnesty International Report 2012: Religionsfreiheit global im Vergleich « REMID Blog

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