Vielfalt und Perspektiven im Judentum: Haskala, Konversion, Migration

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In der Zusammenarbeit mit den Religionen vor Ort hat Maria Mahler das Projekt „REMID lädt ein“ entwickelt. Zudem forscht die Religions- und Kulturwissenschaftlerin seit einiger Zeit in der Marburger jüdischen Gemeinde. REMID interviewte sie zum zeitgenössischen Judentum in Deutschland. Dabei ist ein besonderes Anliegen, nicht allein aus der Perspektive der Bekämpfung von Vorurteilen gegenüber dem Judentum zu berichten, sondern das aktuelle jüdische Leben in Deutschland in den Mittelpunkt zu stellen (man vergleiche zur Problematik die Pressestimmen zu der  neuen Zeitung „Jewish Voice of Germany“ und deren Selbstverständnis).

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Die Neue Marburger Synagoge in der Liebigstraße.

Judentum ist ja nicht gleich Judentum. Vielleicht beginnen wir mit einer Erläuterung für unsere LeserInnen, wie sich das Judentum in Deutschland differenzieren lässt. So weiß nicht jede(r), dass es nicht nur den Zentralrat der Juden in Deutschland gibt oder was der Ausdruck „halachische Juden“ meint (laut Webseite gibt es in der sich als traditionell verstehenden Marburger Gemeinde 360 halachische Juden)…

Allgemein gibt es die Unterscheidungen  zwischen ultraorthodoxen, orthodoxen, konservativen und liberalen Gemeinden bis zu Reformgemeinden, mit mehreren Abstufungen dazwischen (man beachte zur Geschichte des liberalen Judentums auch die jüdische Aufklärung um 1800, die Haskala).  In anderen Ländern gibt es, besonders in größeren Städten, eine orthodoxe, eine liberale Gemeinde usw. In Deutschland ist die Situation eine andere: Nach 1945 wurden Einheitsgemeinden gebildet, in der die verschiedenen Ausrichtungen sich unter einem Dach zusammenfinden. Damit auch Orthodoxe in die Gemeinden gehen können, wurden die Gemeinden de facto orthodox, was am Deutlichsten beim Gottesdienst oder den Koschergesetzen zu sehen ist. Mittlerweile gibt es in manchen Städten, z.B. Berlin, wieder verschiedene Gemeinden.

Insgesamt wird die Zahl der Juden in Deutschland vor 1933 auf ca. 500.000 geschätzt.  Aktuell sind es um die 200.000 Juden laut REMID-Statistik, davon 104.024 in Gemeinden, die dem Zentralrat der Juden zugehören. Mit den nicht-halachischen Juden und weiteren, nicht in Gemeinden registrierten Juden zusammen, schätzt der Vorsitzende der Marburger Gemeinde, dass es wohl 250 000 bis 300 000 Juden in Deutschland gibt.

Neben dem Zentralrat existiert z.B. die Union progressiver Juden, die aber weniger Mitglieder hat und auch in der Öffentlichkeit weniger präsent ist. Hier sind reformjüdische und liberale Gemeinde vertreten.

Die Halacha ist das jüdische Gesetz. Nach diesem ist man jüdisch, wenn man ein jüdische Mutter hat. In der ehemaligen UDSSR galten dahingegen auch die Kinder von jüdischen Väter als jüdisch. Der Umgang mit nicht-halachischen Juden ist je nach Gemeinde unterschiedlich. Hier in Marburg sind auch nicht-halachische Juden willkommen, dürfen aber z.B. nicht zur Toralesung gerufen werden. Konversion (Giur) ist im allgemeinen möglich, es hängt von der Ausrichtung der Gemeinde ab, ob diese leichter fällt, sie erschwert oder nicht zugelassen wird.

Das Judentum in Marburg hat – wie in vielen Städten Deutschlands – eine Geschichte mit vielen Brüchen…?

Jüdisches Leben in Deutschland hat eine wechselvolle Geschichte, es gab Progrome und Vertreibungen, aber auch friedliche Koexistenz und Dialoge. Das kann man auch auf Marburg übertragen (vgl. z.B. das Faltblatt zu jüdischem Leben in Marburg, Link führt zu PDF):

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Modell der einstigen Synagoge in der Universitätsstraße Marburg, welche in der Zeit des Nationalsozialismus zerstört wurde.

Erste Juden gab es vermutlich im 13. Jahrhundert in Marburg, 1317 wird die Synagoge am Schlosssteig urkundlich erwähnt. Vermutlich fanden Vertreibungen Mitte des 14. Jh. wegen der Pestepidemie statt, bis ins 17. Jh. folgen keine Belege mehr. Erst Ende des 17. Jh. sind vier jüdische Familien nachweisbar, dann eine Synagoge bis 1720 am Schlosssteig/Mainzer Gasse, im 18./19. Jh. gibt es ca. 90 Juden in Marburg, organisiert in der Synagoge in der Langgasse. Nach der Annexion von Hessen 1866 durch Preußen erfolgt ein schnelles Anwachsen der Gemeinde und 1897 die Eröffnung der Synagoge in der Universitätsstraße.  1905 hat die Gemeinde 382 Mitglieder. 1938 wird im Pogrom die Synagoge zerstört, 1941 gab es Transporte nach Riga, 1942  nach Lublin und Theresienstadt. Marburg wurde „judenrein“. 1946 lebten vorübergehend viele Displaced Persons in der Stadt, die aber wieder wegzogen. Bis 1956 existierte ein Gebetsraum in der Schulstr. 15, danach hatte die Gemeinde keine Räumlichkeiten mehr, bestand aber als „Briefkastengemeinde“ bis 1971. Dann kam die Gemeindeaktivität zum Erliegen bis zur Neugründung 1989 unter Amnon Orbach.

Für die heutige Situation ist die Zuwanderer- (Kontingentregelung) und die deutsche Situation nach der Schoah von zentraler Bedeutung.

Eines der wenigen außerakademischen Stellenangebote für Religionswissenschaftler ohne Bekenntnispflicht betraf um 2007 eine jüdische Gemeinde. Gefordert wurden neben dem Abschluss in Religionswissenschaft oder Judaistik Kenntnisse in Hebräisch und Russisch. Die Situation stellt also mindestens eine Herausforderung für jüdische Gemeinden dar?

Wenn man die Statistik z.B. der Zentralwohlfahrtstelle betrachtet, dann erkennt man schnell, dass Zuwanderer, nicht nur aus der UDSSR, einen großen Teil ausmachen. Beispielsweise gab es 1989 in Marburg 30 Gemeindemitglieder, 2010 waren es bereits 341. Dieses Verhältnis ist z.B. in der jüdischen Gemeinde Frankfurt anders, dort  ist es etwa pari, d.h. die Hälfte einheimisch, die andere zugewandert. Diese Aufteilung, ebenso wie andere Einflusse, erschwert den Vergleich der Gemeinden in Deutschland.

Was für ein Judentum bringen die Migranten aus Ex-Sowjet-Republiken eigentlich mit?

Knapp gesagt könnte man von einem ethnisierten Judentum sprechen. Mit einem jüdischen Elternteil, egal ob Mutter oder Vater, wurde im Ausweis „Yevrei“ vermerkt. Der Begriff beschreibt die ethnische Zugehörigigkeit im Sinne der sowjetischen национальность (Natsionalnost), losgelöst von der Religionszugehörigkeit („Iudei“; vgl. hierzu Julia Bernstein: „Sag mir, warum ist du immer noch das Schweinefleisch?“ In: Religion, Migration und Gesellschaft. Hrsg. von Mechtild M. Jansen. Hessische Landeszentrale für politische Bildung. Bad Homburg v d Höhe: VAS, 2010, S. 122). Mit diesem Vermerk im Ausweis ging Antisemitismus einher, bei gleichzeitiger Einschränkung der Ausübung von Religion, Pflege der Sprache(n) u.ä. Diese Einschränkungen betreffen aber auch andere Minderheiten (vgl. Blogartikel zu Russland) und deren Traditionen.

Als religiöse Juden verstehen sich nach Studien die wenigstens Migranten, sie haben zum größten Teil eine atheistische Einstellung. Für die Gemeinden bedeutet dies eine Gratwanderung zwischen Vermittlung der jüdischen Religion und dem Einbeziehen von kulturellen, z.B. russischen Einflüssen.

Vor kurzem wurde in der Nähe von Marburg ein jüdischer Friedhof in Roth mit Hakenkreuzen und umgedrehten Kreuzen geschändet. Auch aktuelle Studien gehen von einem mindestens latenten Antisemitismus bei 20% der deutschen Bevölkerung aus (Studie „Expertenkreis Antisemitismus“; vgl. auch letzte Ausgabe „Deutsche Zustände“). Wie gehen die Gemeinde, aber auch die Stadt mit dieser Situation um?

Während meiner kleinen Feldforschung ging es mir v.a. um die allgemeine Situation, was mir bei Veranstaltungen auffällt oder was für die von mir befragten Personen wichtig ist. Antisemitismus war nur ein Thema am Rande. Es ist für sie auch eher ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches nicht nur die jüdischen Gemeinden betrifft. Im Allgemeinen sehen sie einen Bildungsauftrag, um Vorurteile abzubauen und über das Judentum zu berichten, z.B. durch Führungen und Vorträge.

Dabei sollte man nicht nur in extreme Richtungen schauen. Nach Monika Bunk, stellvertretende Vorsitzende von der Marburger Synagoge, gab es auch bei Kindern aus der gebildeteren Schicht antisemitische Vorurteile.

Schon seit 2005 besteht die neue Synagoge in der Liebigstr. 21a. Aktuell wird eine Gedenkstätte gebaut für die alte Synagoge, welche in der Pogromnacht von der Bevölkerung durch Anstiftung der Nazis zerstört wurde. Für diese wurde ein besonderes Ausstellungskonzept entwickelt?

Das Gelände wurde der jüdischen Gemeinde wieder übereignet, mit der Stadt wurde ein Garten des Gedenken geplant. Die Planungen laufen unter der Leitung der Stadt, aber es findet ein ständiger Dialog mit dem Vorstand der Gemeinde statt. Die meisten anderen Mitglieder haben wenig oder keinen direkten Bezug zu der ehemaligen Synagoge,  auch weil (fast) niemand mehr einen direkten Bezug zu der ehemaligen Synagoge hat.

Welche gesellschaftlichen Themen hatten in Ihrer Feldforschung vor Ort eine Relevanz? Was sind aktuelle theologische Dispute? Was beschäftigt die Gläubigen?

Das Thema der halachischen Juden, was oben angesprochen wurde, ist ein Diskussionsthema unter vielen. Von theologischen Debatten zur aktuellen Tora-Passage während des Schabbat bis hin zu Zukunftsfragen wird alles Mögliche diskutiert. Bei Fragen nach der Aktivität mancher Mitglieder oder bei Nachwuchssorgen hat die jüdische Gemeinde im Grunde ähnliche Problemfelder wie andere Religionsgemeinschaften oder Vereine. Auch die allgemeine Problematik, eine Minderheit zu sein, wurde diskutiert. Ganz aktuell war die Dominanz von Weihnachten in der Öffentlichkeit und im Bezug dazu auch der unterschiedliche Umgang mit Chanukka:

Die Zuwanderer aus der ehemaligen UDSSR wünschen sich z.B. immer eine größere Feier, während Chanukka traditionell z.B. eigentlich eher ein im kleineren Kreis zu Hause gefeiert wird. Auch das hat sich durch die Lubavitcher Chassidim etwas geändert, da diese immer große Chanukka-Leuchter öffentlichkeitswirksam entzünden. Aber nach der Tradition ist Chanukka ein rabbinisches und eher kleineres Fest. Es gibt auch kein spezielles Werkverbot.  In Amerika (USA) hat das zum Begriff „December-Dilemma“ geführt (aktuell läuft dazu in den USA eine Theaterproduktion mit gleichem Namen), der auch in Europa oft übernommen wird.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

und weiteren, nicht in Gemeinden registrierten Juden,

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2 Kommentare:

  1. Man vgl. 120! Altersbilder im Judentum, Interview mit Maria Mahler, Sept. 2013.

  2. Pingback: Bis 120! – Altersbilder im Judentum – REMID Blog

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