Wie steht’s mit der Offenheit für Religionen in Großbritannien? – Die Baroness, der Papst, die Jedi-Ritter und die Medien


Betrachtet man die deutschsprachigen Medien (soweit sie von Google News erfasst werden), ist der Artikel “Wir stehen an der Seite des Papstes” von Thomas Pany auf Telepolis der einzige deutschsprachige Artikel über den Papstbesuch einer britischen Delegation, der nicht in einem explizit katholischen Medium erschienen ist. Baroness Sayeeda Hussain Warsi, die erste weibliche muslimische Ministerin Großbritanniens, hatte in ihrer Rede – überfliegt man die deutschen wie die englischen Titelzeilen der Presse – eine “militante Säkularisierung” kritisiert (aber es geht auch um “Säkularismus“), sie trage einen “Kampf fürs Christentum” zum Vatikan etc. Zwar antwortet sie auf eine Rede Benedikts XVI., welche dieser bei seinem Besuch im Vereinigten Königreich 2010 hielt, und spricht mit ihm einen Repräsentanten des Christentums an, doch in ihrer Rede geht es um Allgemeineres: Sie spricht nicht allein vom christlichen Glauben. Insgesamt ist mit Warsi zum dritten Mal ein Muslime Minister – der britische Pluralismus wirkt auf den ersten Blick integrativer als anderswo. Die Rezeption der diversen Agenturmeldungen über Warsis Rede im Ausland drückt aber eher Erstaunen und Missverständnisse aus. Was hat es mit diesem Plädoyer für Offenheit auf sich? Inwiefern geht dieses Medienereignis den Religionswissenschaftler an?

Baroness_Warsi_Official

Baroness Sayeeda Hussain Warsi.

Bild unter Open Goverment Lizenz v.1.0.

Sicherlich ist eine Identitätsdebatte in Europa für den Religionswissenschaftler bereits im Allgemeinen ein spannender Untersuchungsgegenstand (vgl. auch Islam und Europa – ein jahrhundertelanger Diskurs). Insofern lassen sich auch folgende normativen Passagen der Rede Warsis analysieren:

I will be arguing for Europe to become more confident and more comfortable in its Christianity. The point is this: the societies we live in, the cultures we have created, the values we hold and the things we fight for all stem from centuries of discussion, dissent and belief in Christianity.

Ich möchte dafür argumentieren, dass Europa mehr in sein Christentum vertraut und es ihm darin behagt. Es geht darum: Die Gesellschaften, in denen wir leben, die Kulturen, die wir geschaffen haben, die Werte, welche wir hochhalten und die Dinge, für die wir kämpfen, sie alle stammen aus Jahrhunderten der Diskussion, der Abkehr vom und des Glaubens ans Christentum. [Übersetzung C.W.]

Es geht also auch um ein kulturelles Erbe, wenn man genau liest unter Integration der religionskritischen Seite, des Humanismus wie der Antike-Rezeption. Im Grunde ist es die gleiche Argumentation wie beim Eurozentrismus, nur nicht als Versuch einer delegitimierenden Kritik, sondern als Plädoyer für ein anderes Selbstverständnis. Für ein solches liegt allerdings der Fokus doch auf der “Christianity”, von der aus die besondere Traditionsgemengelage Europas gedacht wird. Problematisch mag man sehen, dass nur monotheistische Religionen von Warsi aufgelistet werden, sie scheint hier aber allgemein zu sprechen:

For me, one of the most worrying aspects about this militant secularisation is that at its core and in its instincts it is deeply intolerant. It demonstrates similar traits to totalitarian regimes – denying people the right to a religious identity because they were frightened of the concept of multiple identities. [...]
If people understand that accepting a person of another faith isn’t a threat to their own, they can unite in fighting bigotry and work together to create a more just world.

Für mich ist einer der traurigsten Aspekte der erwähnten militanten Säkularisierung derjenige, dass sie in ihrem Kern und in ihren Instinkten zutiefst intolerant ist. Sie zeigt ähnliche Züge wie totalitäre Regime, welche den Menschen das Recht auf eine religiöse Identität verweigern, da sie sich vor einem Konzept pluralistischer Identität fürchten. [...]
Wenn die Menschen verstehen, dass das Akzeptieren des anderen Glaubens einer Person keine Bedrohung für sie selbst darstellt, dann können sie gemeinsam gegen Intoleranz (Engstirnigkeit, Fanatismus, Bigotterie) kämpfen und an einer gerechteren Welt arbeiten.

Sie greift also Benedikts Kritik an “Säkularismus” auf (“the rising tide of secularism”) – als einer Ideologie, wie sie bereits vor über hundert Jahren als Apologetik einer Unterstützung / Steigerung des entsprechenden Transformationsprozesses (worin auch immer der beim jeweiligen Autor besteht) von zumeist kirchlichen Vertretern festgestellt worden war. Der Anschluss an den Papst ist näher zu betrachten: Bei ihr fehlt die Formulierung vom “extremistischen Atheismus” genauso wie das spezielle Demokratieverständnis des Oberhaupts der katholischen Kirche, welches nach der Argumentation der Reden beim Englandbesuch wie vor dem deutschen Bundestag am 22. Sept. 2011 die moralischen Prinzipien einer säkularen Vernunft nur in Form eines die entsprechenden Werte begründenden Glaubensfundaments “stabil” vorstellen kann (man vergleiche zu den Begriffen Ethik, Ethos und Moral kritisch das 1. Kapitel von: Judith Butler: Kritik der ethischen Gewalt. Frankfurt am Main 2002). Soweit muss Warsi auch gar nicht gehen, ihr geht es um Forderungen des vollständigen Entfernens von Religion aus der Öffentlichkeit (“complete removal of faith from the public sphere”), denen sie zu begegnen sucht. Ihre Rede ruft sogar nach dem Religionswissenschaftler:

For a number of years I have been saying that we need to have a better understanding of faith in our country.

Seit einigen Jahren wiederhole ich, dass wir ein besseres Verständnis von Religion in unserem Land brauchen. [Übers. C.W.]

Sie spricht auch als Muslima in einem Land, in welchem der Religionsunterricht von den verschiedenen Religionsgemeinschaften gemeinsam getragen wird, inklusiv und nicht exklusiv nach Konfessionszugehörigkeit aufgeteilt wie in den meisten deutschen Bundesländern (vgl. Wanda Alberts, „Integrative Religious Education in Europe. A Study-of-Religions Approach.“, Berlin 2007). Aufgrund der Rolle Großbritanniens im Kolonialismus leben in England größere Minderheiten an Muslimen, Hindus und Sikhs, deren Religionsgemeinschaften im Fall des Religionsunterrichtes alle aktiv einbezogen werden. Allerdings scheint es je nach Sozialmilieu und Gebiet unterschiedliche Konstellationen zu geben, wer dies in entsprechend umfassender Form kennenlernt und wer eher nicht. Es ist sicherlich auch eine andere Situation als mit einer neutralen Religions- und Weltanschauungskunde wie in den skandinavischen Ländern. Das interreligiöse Modell könnte hier einen Nachteil haben, denn 50,7% sollen nach dem British Social Attitudes Survey von 2009 (Nr. 3421) “keine Religion” (no religion) angekreuzt haben. Bei dem Census von 2001 erreichte eine Internetkampagne gar, dass 390,000 Bürger (0.7 %) als Religion “Jedi Knight” (die Jedi-Ritter aus dem Star-Wars-Universum) angaben. Ähnliches geschah im gleichen Jahr in Australien. Man nahm diese plötzlich hervortretende Massen begeisternde Religion als “Farce” bzw. Parodie wahr und rechnete die Jedi zu den Nichtgläubigen. Hier zeigt sich allerdings auch die Seite des Religionsunterrichtes der Übrigen bzw. aus ihrer Perspektive:

Der Ofsted Report on Religious Education (RE) in schools (2007) konstatiert, dass es ein Problem gebe mit sogar unzureichendem Wissen von RE bei den Lehrkräften auf der Primary School und auf anderer Ebene beim Auswählen der richtigen Spezialisten [z.B. Vertreter von Religionsgemeinschaften; Anm. Red.] auf der Secondary School. Nur für wenige scheint das ein Problem zu sein, RE gilt als einfaches Fach, die Stunden werden oft für andere Dinge zweckentfremdet. [...]
Nach einer Umfrage von 2003 konnten nur 55% der englischen Bevölkerung die Namen der vier Evangelisten sagen, Immerhin 60% wussten den Namen des Heiligen Buches der Muslime: den Koran [Übers, C.W.]

In Deutschland könnte ein nach dem Selbstverständnis (und nicht nur nach der formalen Zugehörigkeit) fragender Census ähnliche Werte erzielen, doch genau weiß niemand, wie groß die Parteien “religiöse Gleichgültigkeit”, “diffus esoterische Religionsbricolage” (freundlicher ausgedrückt: kreative Spiritualität), ein “zunehmend selbstbewusst werdender Islam” und “kämpferischer Atheismus” sind – die Begriffe entstammen der Gegenwartsbetrachtung von Heiko Erhardt, Pfarrer aus Wetzlar, im Materialdienst der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen, Nr. 2/12, S. 75ff., aus einer Rezension des im REMID-Blog auch bereits angesprochenen Buches des Verlegers Dr. Heinz-Werner Kubitza: “Der Jesuswahn” (vgl. Religion versus Wissenschaft – ein Osterspiel).

Die “neuen Atheisten” machen ratlos. “Ob es allerdings sinnvoll ist”, so der Rezensent, “das Gespräch mit den ‘neuen Atheisten’ zu suchen, möchte ich nach Lektüre dieses Werks [Jesuswahn] bezweifeln” (S. 77). Auch der Religionswissenschaftler muss sich entscheiden, ob er sie als bloßen weiteren Gegenstand auf der Ebene der Diskurse um Religion(en), wie ihn der Religionswissenschaftler untersucht, wahrnehmen möchte, oder ihnen auf der eigenen Ebene als normativ alternativ ausgerichtete Konkurrenz der Religionenforschung begegnen sollte (vgl. Artikel und Diskussion “Gefangen im Sprachspiel – der Religionsbegriff und die neuen Atheisten“).

Im Kontext der Rezension mag man es vielleicht noch als Kompliment an den Autor Kubitza betrachten, sich offenbar einer argumentativen Auseinandersetzung mit ihm nicht gewachsen zu fühlen, insgesamt würde eine solche Sondierung der Diskurse wie der Lebenswelten (in letzter Konsequenz dann vergleichbar mit der entsprechenden Situation neuer Religionen) in der Tat das befördern, was vielleicht Baroness Warsi vor Augen hatte: Religion sei nicht nur marginalisiert, sondern gelte bereits allgemein als verächtlich, als “hobby of oddities, foreigners and minorities” (sie zitiert damit den Erzbischof von Canterbury). Sie fürchtet Konflikte in der Zukunft.

Ungeschickt ist, dass sie wie der Papst Totalitarismusvergleiche macht. Auch bringt ihre Art, religiösen Identitäten eine Qualität zuzuschreiben, welche “soziale Gerechtigkeit” befördern könne, sowie die Betonung der Rolle des Christentums ihr die übliche religionskritische Entgegnung ein, sie sei “sonntäglich” (Pany) naiv und zeichne Religionen mit einer rosa Brille. Doch man versteht sie ein wenig miss, wenn man wie Patrick Wintour im Guardian zwar ironisch lobt, sie betone, keine Theokratie einführen zu wollen, ihrem Konzept aber eine implizite Ablehnung des Multikulturalismus unterstellt. Heiko Erhardt will kein Gespräch suchen. Baroness Sayeeda Hussain Warsi will genau das, unabhängig von ihren Vorstellungen über religiöse Identitäten und Wirklichkeiten (“divinity”).

Der “neue Atheismus” ist an und für sich nicht militant, es sei denn man wolle Aktionen wie die VatiLeaks bzw. solche von Anonymous hinzurechnen, welche dem Vatikan mafiöse Taktiken unterstellen und sich selbst einreihen in ein globales Geschehen von Bewegungen, welche auf diverse Weisen für jeweilige Vorstellungen von mehr Gerechtigkeit “kämpfen” (man vgl. auch unseren Artikel über Hacker). Segregativ und darüberhinaus hetzerisch kann ein “neuer Atheismus” sein, insofern die jeweilige mehr oder weniger begründete Ablehnung von “Religion(en)” nicht notwendig einem abgerundetem unvoreingenommenen Bild “der Fakten” entspricht – als ob z.B. nicht gesagt werden könnte: So wie mit Religion Gewalt legitimiert werden kann, kann mit ihr zum Frieden gefunden werden etc. Hinzu kommen bei jenen neuen Kritikern populärwissenschaftliche Versionen der Theorie der autoritären Persönlichkeit, Vorstellungen von einer kulturellen Evolution sowie Laiendiagnosen im psychologischen Stil. Hier wird gerne ein spezielles, einseitiges Bild von Religion(en), Religiosität, Spiritualität gezeichnet. Stereotypisierungen eignen sich eher für überzeugende Rhetoriken.
Insofern ist doch tatsächlich – auch religionswissenschaftliche – Aufklärungsarbeit zu leisten, dass, wo schon eine kritische Auseinandersetzung eingefordert wird, diese zumindest sachlich geführt werden könnte. Alles andere ist nichts weiter als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Christoph Wagenseil

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3 Kommentare zu diesem Artikel.
  1. Hans-Peter:

    Ich ergänze mal einen Hinweis auf einen aktuellen Artikel bzgl. Privatisierung der Schulen in England.

    Gruß, HP

  2. Religion und Öffentlichkeit am Beispiel der Medienberichterstattung zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage « REMID Blog:

    Ob es bei der Deutschen Bank um den Ackermann-Nachfolger Anshu Jain und seine Herkunftsreligion, den Jainismus, geht oder um aktuelle US-Präsidentschaftskandidaten – auf einmal spielen die auf diese Weise ins Gespräch kommenden Religionen in den Medien eine Rolle. Während die Medien auf diese Weise Privates in das Blickfeld des öffentlichen Interesses erheben, spielen Religionen als öffentlicher Akteur selbst zunehmend eine marginaler werdende Rolle – zumindest äußern Vertreter der Religionen solche Wahrnehmungen mit Besorgnis [...]. REMID möchte zu diesem Fragenkomplex eine Artikelserie starten, die mit interessanten Beiträgen aus verschiedenen Perspektiven das aktuelle Verhältnis von Religionen und Öffentlichkeit erörtert. [...]

  3. Peter:

    Bei der Zensus-Befragung in England und Wales gaben mehr als 6.000 Bürger Heavy Metal als ihre Religion an. (Metal-Hammer).

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