„In Sekten“? Religiöser Nonkonformismus als Auslöser kultureller Dynamik – aktuelle Ansätze in der Religionsforschung


„In Sekten“ (die zoologische Assoziation ist gewollt) war 1993 der Titel einer Broschüre der CDU. „Sektierer treten auf, Gurus und Scharlatane[,] und verführen die Menschen, die stets nach etwas Neuem suchen“ (Reinhard Horst: Christus unsre Hoffnung, Göttingen 2006, S. 7) – trotz der selbst randständigen Herkunft dieses aktuellen Zitats spiegelt es doch weiterhin ein gängiges Bild über Neue Religionen wider. Der Satz hätte auch in diversen konventionellen Zeitungen stehen können. Und das, obwohl auch schon eine Enquete-Kommission des Bundestages 1998 (Drucksache 1310950) empfahl, den Begriff „Sekte“ nicht mehr zu verwenden, da er immer eine Wertung enthalte. „Ein Religionswissenschaftler sieht keine prinzipiellen Unterschiede zwischen Amtskirchen und Sekten“, brachte ein Jahr zuvor die ZEIT („Religion darf Unsinn sein“, 1997). Auch die Erforschung von Religionen, das meint insbesondere die Religionswissenschaft, hat sich seitdem entwickelt. Ein interdisziplinäres Graduiertenkolleg in Leipzig, von dieser Disziplin initiiert, widmet sich religiösem Nonkonformismus und kultureller Dynamik. REMID interviewte PD Dr. Thomas Hase von der Leipziger Religionswissenschaft zur Rolle z.B. der Sektendebatten und der von ihnen kritisierten Gemeinschaften im Vergleich zu historischen Beispielen der Nicht-Anerkennung von Normen, zur methodischen Ausrichtung der beteiligten Disziplinen und zur Methodologie der Religionswissenschaft.

In Leipzig arbeiten Sie als stellvertretender Sprecher am Graduiertenkolleg „Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik„. Worum geht es? Was ist Nonkonformismus?

Das ist eine gute Frage. Eine der Aufgaben des Kollegs besteht darin, hier Antworten zu finden. Natürlich haben wir im Einrichtungsantrag (das Kolleg wird von der DFG gefördert) den Stand unserer Überlegungen mitgeteilt. Dabei haben wir aber bewusst darauf verzichtet, eine feste Ausgangsdefinition zu formulieren. Man muss sehen: Das Kolleg ist interdisziplinär. Zwar haben schon die Antragsteller zehn unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen vertreten. Dennoch war uns von Anfang an klar, dass sich mit den zu erwartenden Stipendiaten aus vielleicht noch ganz anderen Fächern unser Horizont enorm erweitern würde. Unsere Zurückhaltung hinsichtlich der zentralen Kategorie des Kollegs war nicht ohne Risiko. „Kann man denn ein Graduiertenkolleg zum Thema Nonkonformismus erfolgreich durchführen, ohne zu wissen, was genau denn unter Nonkonformismus verstanden werden soll?“ – eine solche Frage von Seiten der DFG-Gutachter wäre ja völlig berechtigt gewesen. Nun ja, offensichtlich ist es so, dass die Argumentation im Antrag die Gutachter überzeugt hat.

Unsere vorläufige Bestimmung von Nonkonformismus lautet ungefähr so: Es gibt in der Welt der Religionen vermutlich überall (ob das stimmt, wäre zum Beispiel noch zu klären!) Spannungen zwischen den Weltbeschreibungen und Verhaltensnormen, welche die Repräsentanten eines – sagen wir mal – religiösen Establishments vorgeben einerseits, und andererseits den Meinungen und Praktiken bestimmter Individuen und Gruppen, welche diesen Vorgaben einfach nicht folgen wollen. Letztere verhalten sich nonkonform. Das kann aus den unterschiedlichsten Gründen passieren, es kann sich in unterschiedlichsten Formen äußern und vor allem: die unterschiedlichsten Konsequenzen nach sich ziehen. In den einzelnen Dissertationsprojekten des Kollegs wird schon jetzt die große Bandbreite der Varianten sichtbar, in denen sich jene Spannungen zwischen Konformität und Nonkonformität empirisch niederschlagen.

In theoretischer Hinsicht wichtig erscheint mir die konfliktartige Austragung dieser Spannungen. Es ist ja zu vermuten, dass deviante Überzeugungen nicht immer nach außen getragen werden. Man kann seine Ansichten auch für sich behalten oder nur im kleinsten Kreise Gleichgesinnter kommunizieren. Dann ist nicht viel an kultureller Dynamik zu erwarten. Andererseits: Wenn Nonkonformität offen bekundet oder praktiziert wird, kann es zur konfliktartige Austragung dieser Spannungen kommen: Der Abweichende kritisiert oder protestiert. Die Hüter der Konformität sanktionieren den Abweichler. Im Extremfall eskalieren die Spannungen zwischen Konformität und Nonkonformität in gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Sie sprechen von Nonkonformität. Unterscheiden Sie zwischen Nonkonformität und Nonkonformismus?

Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es hilfreich sein kann zwischen diesen beiden Begriffen zu unterscheiden. Nonkonformität meint den Verstoß gegen bestehende Normen. Der Nonkonformist geht einen Schritt weiter: Er übertritt die Regel nicht nur, er leugnet die Geltung dieser Regel. Die Nicht-Anerkennung bestehender Normen ist ein wichtiges Merkmal des Nonkonformismus. Nehmen Sie Martin Luther. Der hat ja nicht nur gegen die Normen der Römischen Kirche verstoßen. Er kam zu der Ansicht – und äußerte die auch – dass diese Normen falsch sind. Luther war ein Nonkonformist, der sich dann natürlich bald zu einem Hüter der neuen evangelischen Orthodoxie wandelte, als er sich gegen die Nonkonformisten in den eigenen Reihen wandte. Sie sehen, das nonkonformistische Feld ist oft sehr dynamisch.

Was zeichnet gerade religiösen Nonkonformismus aus?

Man kann sich ja aus den verschiedensten Beweggründen heraus die Ansprüche einer religiösen Institution ablehnen oder gar dagegen aufbegehren. Ich denke, dass die Motivlage entscheidend ist. Wenn jemand seine Opposition religiös begründet, dann tendiert diese Haltung zum religiösen Nonkonformismus. Sehr oft wird Kritik an religiösen Institutionen aber auch mit ganz säkularen Argumenten geübt. Wenn ein deutscher Katholik, ich meine ein „durchschnittlicher“ deutscher Katholik, die Vorschriften der einschlägigen Enzykliken zur Sexualmoral missachtet, dann verhält er sich eindeutig nonkonform in Bezug auf die normativen Ansprüche seiner Kirche. Bekanntlich ist das der Regelfall. Sind die deutschen Katholiken deshalb religiöse Nonkonformisten? Wohl kaum. Die Übertretung wird ja in der Regel kaum reflektiert und schon gar nicht theologisch begründet. Die kirchlichen Vorgaben sind den meisten einfach egal! Die Hälfte der deutschen Katholiken steht der Kirche distanziert gegenüber oder bezeichnet sich als nicht-religiös – ich beziehe mich hier auf eine jüngst veröffentlichte Broschüre der Deutschen Bischofskonferenz, die entsprechende Zahlen einer Allensbach-Erhebung zitiert [man vgl. Artikel zur Untersuchung des Allenbach-Instituts von 2009 sowie zu einer des Sinus-Instituts 2011; Anm. Red.].
Das führt mich aber zu einem wichtigen Punkt: Religiöse Nonkonformisten sind zunächst einmal Menschen, die über eine ausgeprägte religiöse Identität verfügen. Sowas ist ja nicht jedem gegeben. Denken wir an Max Weber: Er hielt sich selbst und die meisten seiner Mitmenschen für religiös „unmusikalisch“. Im Zusammenhang mit den protestantischen Sekten sprach er mal von einer „Ernsthaftigkeit“ in religiösen Dingen, die „wir“ uns so in der Regel gar nicht mehr richtig vorstellen könnten. Religiöse Virtuosen gibt es in Deutschland wohl nicht mehr all zu viele. Jedenfalls – das ist jetzt eine Vermutung – ist die gegenwärtige Gesellschaft der Bundesrepublik wohl ein eher tristes Terrain für Wissenschaftler, die sich der Erforschung des religiösem Nonkonformismus widmen. Umso spannender, wenn man dann doch fündig wird!

Vielleicht kann man das an zwei Beispielen festmachen? Nehmen wir den radikalen Pietismus und auf der anderen Seite die sogenannten Neuen Religionen.

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Einen Eindruck von der Vielfalt des Nonkonformismus im England der Bürgerkriegszeit vermittelt dieser Einblatt-Druck aus dem 17. Jh.: Die Jesuiten stehen an erster Stelle. Aus: A Catalogue of the Severall Sects and Opinions in England and other Nations: With a briefe Rehearsall of their false and dangerous Tenents. London: R.A., 1647. (Klicken Sie zur Vergrößerung auf das Bild).

Der Radikale Pietismus ist ein gutes Beispiel. Im ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert gab es an vielen Orten in Europa und Nordamerika Personen und Gruppen, die eigene Antworten auf für sie drängende religiöse Fragen fanden. Bei den Trägern dieser Bewegung (wobei ich nicht sicher bin, ob man von einer Bewegung sprechen kann) finden wir all die Merkmale, die ich gerade angesprochen habe: Eine starke Religiosität, d.h. eine allumfassende Vorstellung davon, wie die Welt beschaffen sei, die dann, wenn sie in Konflikt mit den Ansprüchen der Kirche gerät, eben nicht zurückgestellt wird. Um es konkret zu machen: Die radikalen Pietisten haben sich den Vorgaben der Kirche widersetzt, wo es nur ging, weil sie die Kirche und ihre Vertreter für völlig korrumpiert hielten. Man mied den Gottesdienst, vor allem nahm man nicht am Abendmahl teil. Manche ließen ihre Kinder nicht taufen. Das allein war schon unerhört und wurde streng geahndet.

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Der Begründer des Christentums war ein Nonkonformist, der seinem Unbehagen auch mit Gewalt Ausdruck verlieh. (Rembrandt Harmenszoon van Rjin: Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel, 1635, Radierung, ehem. Sammlung J. de Bruijn, heute Connecticut College Wetmore Print Collection).

Freie Distribution der Visual Resources Library des Connecticut College.

Es gab aber nicht nur passiven Widerstand. Manche der radikalen Pietisten gingen zu offenen Protestaktionen über: Sie beschimpften die Geistlichen auf der Straße, lärmten sonntags vor den Kirchen, manche gingen gar hinein, übertönten den predigenden Pfarrer und erzählten den Anwesenden, was für eine Heuchelei da gerade abgehe. Was die Studentenbewegung 1968 mit ihren „go-ins“ oder „sit-ins“ in den Hörsälen der Universitäten praktizierte, hatten religiöse Nonkonformisten schon 250 Jahre zuvor ausprobiert! Und das war kein dumpfes Protestgehabe. Die Pietisten waren überzeugt, dass sie richtig handelten. Das ist gut nachvollziehbar. Die Leute haben ja die Bibel gelesen. Alles was sie taten, alles, wogegen sie sich wandten, konnten sie glasklar aus den Texten des Neuen Testaments begründen. Ich muss hinzufügen, dass es nicht in erster Linie darum ging, wogegen man ist. Der Begriff des Nonkonformismus kann den Eindruck erwecken. Es ist aber so, dass die Pietisten vor allem für etwas eintraten. Sie wollten die „wahre Kirche“ nach dem Vorbild der ersten Christen herbeiführen. Sie wollten ihr „Seelenheil“ und das „Seelenheil“ ihrer Mitmenschen bewahren. All dem standen nach ihrer Überzeugung die Verhältnisse ihrer Zeit entgegen. Und da konnte es dann keine Kompromisse geben. Weil sie ohne wenn und aber für etwas waren, und zwar aus religiösen Gründen, wurden sie zu religiösen Nonkonformisten.

Ich denke also, dass die Personen und Gruppen, die wir unter dem Begriff des Radikalen Pietismus fassen, eindeutig unter die Kategorie des religiösen Nonkonformismus fallen. Bei neueren religiösen Gruppen oder Bewegungen, die sich auch in Spannung mit ihrer Gesellschaft befinden, ist das oft schwieriger. Hier muss man genau hinschauen. In unserem Graduiertenkolleg forschen mehrere Doktorandinnen und Doktoranden zu solchen Gemeinschaften, etwa zur Osho-Bewegung, zu jüdischen Splittergruppen in den USA oder zur aktuellen Situation Neuer Religionen in Deutschland und Frankreich. Diese Arbeiten sind von besonderer theoretischer Relevanz für unser Kolleg, weil sie die Frage nach den Bedingungen für religiösen Nonkonformismus aufwerfen. Kann es in relativ säkularen, pluralistischen Gesellschaften religiösen Nonkonformismus geben? Man ist geneigt, die Frage mit Nein zu beantworten. Schließlich kann der religiöse Freischärler in so konstituierten Gemeinwesen nicht mehr mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Hier sind wir im Kolleg dabei, unsere Begrifflichkeit zu schärfen: Die konflikthafte Austragung religiöser Differenzen findet ja auf den unterschiedlichsten Ebenen der Gesellschaft statt. Sanktionen werden nicht nur von der Kirche oder vom Staat verhängt. „Unerwünschte“ Religionen erfahren auch in pluralistisch verfassten Gesellschaften die Missbilligung ihres sozialen Umfelds, wenn sie etwa in der Presse denunziert oder ihnen Räume für Versammlungen vorenthalten werden.

Ich vermute aber, wie gesagt, dass religiöser Nonkonformismus bei uns eher unwahrscheinlich ist. Aber es gibt ihn. Man muss genau hinschauen, welche Normen im konkreten Fall übertreten werden. Und natürlich die Frage stellen, wo genau und in welchem Umfang die Geltung bestimmter Normen geleugnet wird. Bei vielen Neuen Religionen ist es ja so, dass sehr grundlegende Normen, die in unserer Gesellschaft gelten, auch wenn sie nirgendwo fixiert sind, abgelehnt werden. Das wird in den Sektendebatten ganz deutlich. Man wirft den sogenannten Sekten fast nie religiöse Irrtümer vor. Eine solche – also theologische – Debatte über Neue Religionen würde in der Bundesrepublik nicht funktionieren. Die Zeugen Jehovas „dürfen“ also durchaus glauben, dass in nicht allzu ferner Zeit die bestehende Weltordnung durch Gottes Wirken beendet wird. Sie „dürfen“ aber nicht glauben, dass es falsch ist, zur Wahl zu gehen oder seine Kinder an Geburtstagsfeiern ihrer Freunde teilnehmen zu lassen. Es gibt in der Bundesrepublik keine Wahlpflicht und auch kein Gesetz, das Eltern verpflichtet, ihre Zöglinge zu Geburtstagsfeiern zu schicken. Trotzdem sind es solche Überzeugungen der Zeugen Jehovas, die in den Sektendebatten immer wieder vorgetragen werden. Dann ist die Rede davon, dass die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder eingeschränkt würden, was ihnen schade. Es gibt also gewisse Vorstellung von der richtigen und guten Entwicklung eines Kindes. Diese gesellschaftliche Norm wird von vielen Zeugen Jehovas nicht nur übertreten, sondern als falsch erachtet.

Genannte Beispiele stellen zudem ja die historische Debatte um Schwärmerei und Aufklärung (vgl. Artikel „Intoleranz steigt. Warum unser Toleranzbegriff ein Update braucht“) in einen Vergleich mit modernen Sektendebatten. Kann man hier bzgl. der kulturellen Dynamik grundsätzliche Unterschiede im Diskurs um nonkonformistische Phänomene feststellen?

„Schwärmerei und Aufklärung“ – sehr schön. In der Tat, das ist ein wichtiger Punkt. Die Debatte um religiöse Devianz hat sich in den vergangenen Jahrhunderten verändert. Ich sagte bereits, dass es hilfreich ist, die Motivlagen zu unterscheiden. Religiöser Nonkonformismus ist Nonkonformismus aus religiösen Gründen. Umgekehrt ist die Auseinandersetzung mit den religiösen Nonkonformisten keineswegs immer religiös motiviert. Ich denke sogar, dass es immer eine Gemengelage aus religiösen und anderen – sagen wir ruhig: säkularen Motiven gegeben hat. Schon im alten Rom hat man sowohl religiös als auch säkular (zum Beispiel ökonomisch) für oder gegen die Christenverfolgung argumentiert. Nach meiner Beobachtung verhält es sich so, dass in Mitteleuropa seit der Reformation in der Auseinandersetzung mit religiösen Nonkonformisten mehr und mehr säkulare Argumente angeführt werden. Wir haben ja an dem Beispiel der Zeugen Jehovas gesehen, dass die Kritik an ihnen überhaupt nicht mit religiösen Argumenten vorgetragen wird. Schon in der Antike hat man den „Sekten“ vorgeworfen, die öffentliche Ordnung zu gefährden. Dieses Argument –in all seinen Facetten – ist nach meiner Einschätzung im Laufe der Neuzeit immer mehr in den Vordergrund der Diskussion gerückt worden. Sie erwähnen die Spätaufklärung. Die Debatten um „Schwärmerei“ sind ja in den zahlreichen Aufklärungszeitschriften des ausgehenden 18. Jahrhunderts sehr gut dokumentiert. Man warf den „Sekten“ vor, die Vernunft, zu der jeder fähig sei, zu untergraben und damit die Unmündigkeit des Menschen zu perpetuieren. Diese Argumentation begegnet uns auch heute noch.

3_001046H_001

Religiöse Devianz wird sanktioniert: Versammlungsverbote wie dieses aus dem Kurfürstentum Sachsen wurden um 1700 vielerorts erlassen. Einige dieser Verbote blieben bis in das 19. Jahrhundert in Kraft. Abdruck: Von dem Hoch-Löblichen Chur-Sächsischen Befehl ... wider derer so genandten Pietisten Conventicula oder Privat-Zusammenkünfften ... 1690.

Scan aus dem Verzeichnis der Drucke des 17. Jahrhunderts, VD17 3:001046H.

Ist es wirklich so, dass, obwohl, wie es auf den Seiten des Kollegs heißt, „Nonkonformisten in der Regel gesellschaftliche Außenseiter“ seien, sie insofern quasi Pioniersarbeit leisten, indem „sie ein diffuses Feld von alternativen Formen der Lebensführung und Weltdeutung besetzen“? Man könnte das so verstehen, dass sie notwendig innovativ oder progressiv wären.

Das ist ja gerade das Spannende! Es ist ohne Frage so, dass der religiöse Nonkonformismus ein enormes Potential für kulturelle Dynamik in sich trägt. Zunächst ist natürlich zu sagen: Religiöse Innovation hat eine sehr kurze Halbwertzeit. Neue Religionen sterben wie die Fliegen! Das ist flapsig formuliert, aber ich denke, das trifft den Punkt. Versuchen Sie mal, eine neue Religion zu gründen. Sie sind ja auch Religionswissenschaftler, sie müssten also wissen, wie das geht. Vor ein paar Jahren gab es mal in der ZEIT einen Artikel, der – in polemischer Absicht freilich – dieses „Geschäftsmodell“ vorgestellt hat. Natürlich wissen Sie es besser als der Autor der ZEIT [man vgl. zum Thema die ZEIT-Artikel „Die Himmelsgucker schauen in den Abgrund“ von 1984 und „Wissen über Glauben“ von 1995; Anm. Red.]. Das geht eben nicht so leicht. Vermutlich werden jedes Jahr auf dieser Welt hunderte von Neuen Religionen gegründet – damit meine ich, dass ein Stifter oder eine Stifterin tatsächlich eine Anhängerschaft um sich und seine oder ihre neue Botschaft scharen kann. Damit sind sie schon weiter gekommen als Sie und ich es je schaffen würden. Aber nur eine (wenn überhaupt) dieser Neugründungen wird es schaffen, sich über einige Jahre, geschweige denn: Generationen zu erhalten.

Umso faszinierender ist es für den Religionshistoriker, dass es in der Geschichte immer wieder passiert, dass Neue Religionen entstehen und eben nicht von der Bildfläche verschwinden. Um auf den Nonkonformismus zurückzukommen: Die heutigen großen, d.h. weltweit vertretenen Religionen, nehmen wir in chronologischer Reihenfolge den Buddhismus, das Christentum und den Islam, sind allesamt in soziologischen Konfigurationen entstanden, die eindeutig unter die Kategorie des religiösen Nonkonformismus fallen. Und jetzt komme ich zur kulturellen Dynamik: Gemeint ist damit die dynamisierende, verändernde Wirkung, die von diesen nonkonformistischen Neugründungen ausgegangen ist. Nota bene: kulturelle Dynamik! Wir meinen im Kolleg nicht nur die religiöse Veränderung. Die wird ja niemand bestreiten. Der Punkt ist aber, dass ganze geographische und kulturelle Räume, ganze Gesellschaften transformiert wurden: Gesellschaftsordnungen, Staatsformen, Sprache, Philosophie, Wissenschaft, Kunst. Wenn in Ägypten heute Arabisch gesprochen wird, hat das damit zu tun, dass vor 1400 Jahren in Mekka ein Kaufmann eine für sein Umfeld unglaubliche und unerhörte Botschaft verkündete, welche die Geltung der bestehenden religiösen, aber auch sozialen und politischen Ordnung radikal leugnete.

Das Kolleg ist inter- bzw. transdisziplinär ausgerichtet „[d]urch das Zusammenwirken von Religionswissenschaft, Religionssoziologie,  regionalwissenschaftlichen und historischen Disziplinen“. Diese Methodenwahl scheint nicht zufällig. Das Konzept des religiösen Nonkonformismus wirkt eher so, als ob es darauf angewiesen ist, gerade soziologische mit regional- und geschichtswissenschaftlichen Herangehensweisen zu kombinieren?

Ja, das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Initiative für das Kolleg von Religionswissenschaftlern ausging. Wir vertreten ja die Position, dass religionswissenschaftliche Forschung auf zwei Füßen steht: der empirischen Forschung (ob historisch oder gegenwartsbezogen) und der systematischen, also theoriegeleiteten Reflexion der Ergebnisse. Das passiert immer gleichzeitig oder anders gesagt: man kann die beiden Schritte nicht trennen. Nun ist es so, dass Nonkonformismus ein theoretischer Begriff ist. Theoriebildung ist aber kein Selbstzweck. Ich will mal so sagen: Religionsgeschichte ist das Fundament der religionswissenschaftlichen Arbeit. Religionsgeschichtsschreibung (wie Geschichtsschreibung überhaupt) ist aber bei genauem Hinsehen nur die Addition von Etappen der Veränderung. Ich will nicht zu theoretisch werden: Der Punkt ist, dass Religionsgeschichte religiösen Wandel bedeutet. Wenn wir aber religiösen Wandel untersuchen wollen, müssen wir die Faktoren kennenlernen, die religiösen Wandel stimulieren. Nach unserer Überzeugung ist der religiöse Nonkonformismus hier mit an erster Stelle zu nennen.

Und dann kommen die anderen Fächer ins Spiel. Denn das, was wir uns hier vorgenommen haben, ist keine Sache der Religionswissenschaft allein. Das ist ganz wichtig: Das Kolleg ist kein religionswissenschaftliches Unterfangen! Wir haben ein interdisziplinäres Graduiertenkolleg eingerichtet. Die Universität Leipzig bietet dafür ein hervorragendes Umfeld. Zunächst einmal – darauf zielte ja Ihre Frage – hatten wir das Glück, auch die Kultur- und Religionssoziologie einbinden zu können, was den theoretischen und methodischen Horizont des Kollegs enorm bereichert. Somit sind wir in systematischer Hinsicht ganz gut aufgestellt. Was die empirische und historische Untermauerung des Forschungsprogramms angeht, profitieren wir von der Vielzahl der regionalwissenschaftlichen Fächer, die es in Leipzig gibt. Die sind deshalb so enorm wichtig, weil ja die Gefahr besteht, dass unsere theoretischen Vermutungen in Sachen Nonkonformismus nur Verallgemeinerungen ganz bestimmter historischer Konfigurationen – etwa der christlichen Sektengeschichte – bleiben. Mit den Indologen und Afrikanisten in unserem Kolleg zum Beispiel diskutieren wir eifrig die Frage, ob unser theoretisches Konzept auch in kulturellen Kontexten funktioniert, die eine wenig ausgeprägte Staatlichkeit und/oder eine große religiöse Pluralität aufweisen.

Was ist dann die Rolle der Religionswissenschaft? Wie begründet sich ihre zumindest strukturell für Außenstehende so erscheinende Schlüsselfunktion? Bringt sie auch weitere Methoden mit ein?

Die Religionswissenschaft hat ja einen ausgeprägten – mitunter belächelten – Hang zur wissenschaftstheoretischen Selbstreflektion. Das hat mich in meiner Studienzeit sehr fasziniert. Ich finde es wichtig, dass man die Grundlagen und vor allem die Grenzen wissenschaftlichen Tuns offen diskutiert und habe selbst sehr davon profitiert. Ich denke auch, dass das Graduiertenkolleg davon profitiert. Die systematischen Fächer – und das ist wie gesagt nicht nur die Religionswissenschaft, sondern auch die Kultur- und Religionssoziologie – haben natürlich eine wichtige Funktion, einfach deshalb, weil unsere Fragestellung zu weiten Teilen eine systematische ist. In gewisser Hinsicht hat der Religionswissenschaft sicher eine Art Schlüsselfunktion inne. Schließlich geht es um Religion. Eine Hierarchie der Fächer gibt es bei uns aber nicht. Religionswissenschaft ist eine Wissenschaft wie alle anderen Wissenschaften, die sich mit Geschichte, Gesellschaft und Kultur befassen. Wir unterscheiden uns lediglich durch unseren Gegenstandsbereich. Das ist dann auch die Antwort auf ihre Frage: Es gibt keine religionswissenschaftliche Methode. Wir arbeiten historisch-philologisch, sozialwissenschaftlich, wie auch immer, je nach Fragestellung. Wir haben da nichts Eigenes im Angebot. Das, was wir mal hatten, die Religionsphänomenologie, hat das Fach an den Rand des – wie man heute so schön sagt: wissenschaftlichen Diskurses – gebracht. Das hatte mit Wissenschaft nicht mehr viel zu tun. Ich will es mal so zusammenfassen: Es gibt ein spezifisches religionswissenschaftliches Erkenntnisinteresse und damit zusammenhängend eine religionswissenschaftliche Methodologie. Diese Methodologie schließt bestimmte Methoden aus. Das Schöne ist, dass es in unserem Graduiertenkolleg über solche grundsätzlichen Fragen weniger Dissenz gibt, als man ihn manchmal mit Kollegen des eigenen Fachs hat. Die Rolle der Religionswissenschaft im Kolleg besteht nach meiner Einschätzung vor allem darin, die zentrale systematische Kategorie des Projekts im Auge zu behalten, weil diese nun mal aus einem religionswissenschaftlichen Diskussionszusammenhang entstanden ist.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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9 Kommentare:

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  4. Manfred Bachert

    Bei meiner religiösen Einstellung kommt mir, wie in diesen Beitrag erwähnt, Martin Luther sehr nah. Ich glaube an Gott und seine wunderbare Schöpfung, die Sendung des Erlösers usw. aber verteufele die falsche Darstellung des Christentum.In meinem Herzen lebt ein anderer Gott, der Liebe, der die Menschen nicht straft sondern sie gewinnt und sie zu das macht, was sie einmal im Ursprung waren: Geistige Wesen, Mitarbeiter seiner ruhmreichen Schöpfung wo Liebe und Versöhnung herrscht. Ich freue auf das nächste Leben in einer höheren Stufe wo mehr Licht und Klarheit mir entgegen kommt.

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