Vernetzt: Politik, religiöse Nicht-Regierungs-Organisationen und Globalisierung


Der insbesondere durch die Medienwahl und Spracheinschränkungen bedingte quasi-nationale Blickwinkel auf die Welt ist oft blind für globale Zusammenhänge. Das gilt auch für religiöse Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) bzw. überhaupt für die Grade internationaler Vernetzung religiöser Gemeinschaften einerseits wie für das Netzwerken in einer fernen „Diaspora“. Der Begriff, der ursprünglich die „Zerstreuung“ des Judentums nach der Zerstörung des Zweiten Tempels bedeutete, bezeichnet in den Arbeiten von Robin Cohen die gemeinschaftsstiftende Erinnerung an einen Migrationsbezug. Zu transnationalen religiösen NGOs insbesondere im Kontext der Vereinten Nationen – das ist der Forschungsgegenstand eines aktuellen Projektes des Instituts zur Erforschung der religiösen Gegenwartskultur der Universität Bayreuth -, aber auch zur Rolle von sogenannten „Migrantenvereinen“ für die Integration interviewte REMID den Leiter des Forschungsprojekts, Dr. Karsten Lehmann.

Im vergangenen Jahr waren Sie Research Fellow am Berkley Center for Religion, Peace, and World Aiffairs. Wie ist dieses Institut ausgerichtet? Gibt es einen besonderen Fokus?

Das Berkley Center ist ein Institut an der Georgetown University in Washington, DC. Es wurde 2006 gegründet und hat sich seitdem (neben beispielsweise dem Institute on Culture, Religion, and World Affairs an der Boston University) zu einer der zentralen US-amerikanischen Forschungseinrichtungen im Bereich Religion und Politik entwickelt. Gegenwärtig arbeiten am Center u.a.: Jocelyne Cesari (Program: Islam and World Politics), José Casanova (Program: Globalization, Religions, and the Secular), Thomas Banchoff (Program: Faith, Values, and Public Life), Katherine Marshall (Program: Religion and Global Development) und Thomas Farr (Program: Religion and US Foreign Polics / Religious Freedom Project).
Was die Ausrichtung der Arbeit angeht, so kann man diese wohl als sehr ‚washingtonian‘ beschreiben. Das Center ist als eine Institution gegründet worden, welche akademische Forschung und politische Debatten miteinander verbinden soll. Dementsprechend wird großer Wert auf ‚outreach‘ gelegt – sei es in Form einer sehr aufwendigen Web-Präsenz oder in der Form von öffentlichen Vorträgen und Seminaren, die am Center teilweise mehrmals täglich stattfinden. Jeder dieser Arbeitsbereiche ist auch personell sehr stark ‚unterfüttert‘. Ich kenne bislang keine vergleichbare Einrichtung, an der man so professionell arbeiten kann.

Religionen treten heutzutage global in Erscheinung (vgl. z.B. Interview „Globale Gurus“ mit Frank Neubert). In welcher Hinsicht war das immer schon so? Bzw. wie kann man die Entwicklung supra- und transnationaler religiöser Organisationen in diesen Zusammenhang einzeichnen?

Der Begriff der Globalisierung hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem hoch komplexen und auch widersprüchlichen Konzept entwickelt. Von Immanuel Wallerstein zunächst maßgeblich in Bezug auf ökonomische Prozesse entwickelt, haben sich inzwischen globalisierungstheoretische Perspektiven auf unterschiedlichste kulturelle Bereiche etabliert. José Casanova (Berkley Center) versteht unter Globalisierung beispielsweise sehr abstrakt einen Prozess der De-Territorialisierung, den er von Prozessen der Transnationalisierung (primär im Gefolge von Migrationsprozessen und Kulturkontakten) und der Internationalisierung (als der Entstehung eines neuen politischen Raums) unterscheidet.

Folgt man einem weiten Begriff von Globalisierung wie ihn etwa Ulrich Berner (Universität Bayreuth) vertritt, so blicken die damit beschriebenen Prozesse bereits auf eine sehr lange Geschichte zurück. Wenn man so möchte, kann man bereits die Ausbreitung des homo sapiens als einen ersten großen Globalisierungsschub betrachten. Dabei ist Globalisierung natürlich immer ein relationaler Begriff. Das Verständnis von ‚der Welt‘ oder ‚dem Globalen‘ hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder grundlegend verändert – und damit auch die empirische Grundlage dessen, was man als Globalisierung verstehen kann.
Von diesen grundsätzlichen Überlegungen abgesehen scheint mir aber weitgehender Konsens darüber zu bestehen, dass Globalisierungsprozesse um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert maßgeblich an Dynamik gewonnen haben (vgl.: Christopher Alan Bayly: Birth of the Modern World 1780-1914, Maldon / Oxford 2004). Dies gilt ganz sicher in Bezug auf die Etablierung internationaler Organisationen, die im Rahmen von Globalisierungsprozessen entstanden sind. Die Internationale Fernmeldeunion (1865), die Internationale Arbeitsorganisation (1919) oder der Völkerbund (1920) werden hier gemeinhin als erste Vorreiter angesehen. Religionen blicken in diesem Kontext auf lange Traditionen zurück. So kann man bspw. den Christlichen Verein Junger Menschen (1844), das erste Vatikanische Konzil (1869) oder den World Muslim Congress (1931) als Teile dieser Dynamisierung betrachten.

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Klicken Sie auf das Bild, um den Zeitungsartikel mit den Teilnehmern des World Islamic Congress 1931 in Originalgröße zu sehen.

Welchen Religionsgemeinschaften gelingt eine solche Form der Vernetzung bzw. Organisation besonders gut?

Bei der Beantwortung dieser Frage möchte ich mich vor allem auf mein aktuelles Forschungsprojekt – zur Etablierung von religiös affiliierten Organisationen als Religiöse Nicht-Regierungsorganisationen / RNGOs im Kontext der Vereinten Nationen / UNO – beziehen. Dabei kann man gut zeigen, dass bei der UNO zunächst die Organisationen aktiv wurden, die sich im Rahmen der römisch-katholischen Kirche verorteten. Fast ebenso schnell (wenn auch in kleinerer Zahl) haben sich erste protestantische Organisationen im UNO-Kontext etabliert. Erst später kamen Organisationen hinzu, die sich in einem jüdischen, muslimischen, buddhistischen oder hinduistischen Hintergrund verorten – beispielsweise die Art of Living Foundation, die Brahma Kumaris World Spiritual University, die World Fellowship of Buddhists, die International Muslim Relief Organization oder der World Muslim Congress.
Evelyn Bush (Fordham University) ist der Meinung, dass diese Unterschiede primär auf die jeweiligen organisatorischen Strukturen zurückzuführen seien. Tatsächlich können Differenzen bei den Symbolsystemen diese Unterschiede nicht hinreichend erklären. So besteht mit dem Konzept der umma [wörtl. ‚Gemeinschaft‘; Anm. Red.] im Islam natürlich bereits eine sehr lange Tradition, die durchaus als global bezeichnet werden kann. Diese wurde aber erst vergleichsweise spät in entsprechende Organisationsstrukturen (etwa bei der Organisation of Islamic Cooperation / OIC) umgesetzt. Als Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler sollten wir diese Aspekte also nie unabhängig voneinander betrachten.

Welche aktuellen Themen interessieren einzelne transnationale religiöse Organisationen?

Auch hier möchte ich mich zunächst auf die RNGOs beziehen. Diese Organisationen decken ein äußerst weites Spektrum ab. Gegenwärtig wird es wohl kaum einen Gegenstandsbereich geben, der irgendwie mit der Charta der UNO in Einklang gebracht werden kann und der nicht auch von Organisationen bearbeitet würde, die sich als religiös beschreiben. Kontroverse Themen wie Verhütung oder Mission liefern hier gute Beispiele. In ihrer Gesamtheit decken RNGOs hier quasi das gesamte Spektrum an möglichen Positionen ab.
Darüber hinaus gibt es natürlich auch Bereiche, die fast ausschließlich von religiös affiliierten Organisationen bearbeitet werden. Hier ist vor allem der Bereich des interreligiösen Dialogs zu nennen, in dem RNGOs wie der Temple of Understanding oder Religions for Peace / WCRP bereits seit Jahrzehnten aktiv sind. Hier ist interessant, dass das entsprechende Engagement seit etwa einem Jahrzehnt im UNO-Kontext auf zunehmende Resonanz trifft.
Noch spannender finde ich die Koalitionen zwischen religiösen und säkularen Organisationen. Im Bereich der Menschenrechte ist die NGO-Arbeit ohne solche Kooperationen bspw. kaum noch denkbar. Ähnlich ist es bei der Entwicklungsarbeit oder bei den Hilfsorganisationen. RNGOs wie World Vision, Caritas International oder Muslim Aid sind in diesem Bereich äußerst stark vertreten und arbeiten dabei in der großen Mehrzahl der Fälle mit anderen Organisationen zusammen.

Wie sehr berühren sich diese Phänomene mit den so genannten „Migrantenvereinen“, die Sie in Ihrer Dissertation als Medien der Integration erforscht haben? Kann man z.B. sagen dass sich die transnationalen Organisationen besonders um Diaspora-Gemeinden ihrer Religionen kümmern würden? Der Islam ist in Deutschland ja bspw. gleich durch diverse Dacherverbände repräsentiert.

Das sind natürlich gleich eine ganze Reihe unterschiedlicher Fragen. In meiner Dissertation ging es mir ja ganz allgemein um lokale Vereine von Zuwandererinnen und Zuwanderern und deren Etablierung als Ethnische Institutionen / EIs. Erst in den vergangenen Jahren habe ich mich dann vermehrt mit den religiösen Vereinen von Migrantinnen und Migranten auseinandergesetzt – auch hier vor allem auf lokaler Ebene – etwa in Frankfurt am Main, Berlin oder Leipzig.
Vor dem Hintergrund des bislang Gesagten würde ich heute den transnationalen Aspekt sehr viel stärker machen. Ich bin zwar noch immer der Meinung, dass beispielsweise der von mir vorgeschlagene Begriff der ‚community-Kirche‘ auf einen spannenden Phänomenbereich hindeutet (die umfassende Orientierung einer Religionsgemeinschaft an einer ethnischen Community und nicht der Aufnahmegesellschaft als ganzer). Aber selbst hier scheint mir eine systematische Begrenzung auf nationale Kontexte nicht mehr angebracht.
In diesem Sinne bestehen zwischen diesen Bereichen meines Erachtens durchaus Verbindungen. In meinen aktuellen Arbeiten spielen Migrantenorganisationen aber interessanterweise kaum eine Rolle. Das ist eine spannende Beobachtung, die ich gerade gar nicht erklären kann. Auch wenn Migration eine zentrale Triebfeder von Transnationalisierungsprozessen darstellt, sind Migrantenorganisationen bei der UNO kaum vertreten – zumindest nicht sub voce ‚Religion‘. Die religiöse Zuschreibung von Migranten, die wir aus dem lokalen und nationalen Kontext kennen scheint hier noch nicht wirkmächtig geworden zu sein.

Nun noch eine letzte Frage: Welches sind Ihre Pläne für die nähere Zukunft?

Natürlich denke ich, dass in der Arbeit zu transnationalen religiösen Organisationen sehr viel Potential steckt. Auf der empirischen Ebene wissen wir einfach kaum etwas über diese Organisationen und erst jüngst beginnen Religionswissenschaftler wie Jeremy Carrette (University of Kent) oder auch Grace Davie (University of Exeter) hier vermehrt aktiv zu werden. Auf systematischer, theoretischer Ebene hat Timothy Fitzgerald (University of Stirling) in seinem aktuellen Buch deutlich gemacht, wie die Arbeit zu diesem Phänomenbereich Grundkategorien des wissenschaftlichen Arbeitens in Frage stellen kann und welche Potentiale hier für die Religionswissenschaft entstehen.
Dabei finden sich solche Organisationen natürlich nicht nur im Kontext der UNO. Tatsächlich sind RNGOs sehr viel weiter verbreitet. Ich würde gerne mehr über ihre Entstehung wissen und über ihre konkreten Aktivitäten ‚on the ground‘ – wie sie es immer im Bereich der UNO nennen. Außerdem haben Sie natürlich auch völlig recht, dass die Verbindungen mit den Migrantenorganisationen quasi mit Händen zu greifen sind. – Ähnlich verhält es sich übrigens auch in Bezug auf New Religious Movements / NRMs. Es gibt also noch viel zu tun.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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