Von Jugend, Radikalisierung und „Sektenberatungen“ nicht nur im Islam – ein Déjà-Vu

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Es war erst am 1. Dezember 2011, dass die Reformierten und Katholischen Zentralschweizer Kirchen und die Stadtmission die Aufhebung der Beratungsstelle Religiöse Sondergruppen und Sekten in der Schweiz beschlossen. Der Verein soll bis Ende Juni 2012 aufgelöst worden sein. Dazu heißt es im letzten Newsletter der kirchlichen Berater: „Heutige Menschen sind nicht weniger religiös als Menschen früherer Generationen. Sie machen sich einfach anders auf ihre persönliche Suche. Gefragt sind Angebote, die von Einzelpersonen angeboten werden oder solche, die mit wissenschaftlichem Anspruch in Erscheinung treten“. Also zum Beispiel REMID und für die Schweiz INFOREL. Auch dem „langjährigen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen“ der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Pfarrer Thomas Gandow, wird kein Nachfolger bestellt. Bereits 2010 verlor, wie die TAZ schreibt, Ursula Caberta ihre Dienststelle Arbeitsgruppe Scientology für „Antisektenkampf in Hamburg“. Ein eher bissiges Porträt der Berliner Tageszeitung erläutert, „ihre Auskünfte gingen mehr und mehr in Scientology-Beschimpfungen über“. Ihre Mitarbeiter sollen sich bereits vor der Auflösung der Gruppe „anderweitig orientiert“ haben.
Nun reagiert Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime (ZMD) auf die aktuelle Studie des Innenministeriums über Einstellungen junger Muslime: „Ganz konkret fordern wir zum Beispiel Sektenbeauftragte für den Islam, die entsprechend ausgebildet sind. Wir wollen Scouts in den muslimischen Gemeinden einsetzen – zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung – die aufklären über die Ideologisierung von Religionen“. Ob religionswissenschaftliche Expertise nicht doch eher von Nöten wäre, soll folgende Betrachtung der Studie über junge Muslime sowie einer Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung über den sogenannten Salafismus eruieren. Die Salafiyya bietet sich nämlich als Projektionsfläche dafür an, den (eigentlich christlichen) Anti-Sekten-Diskurs auf den Islam zu übertragen.

Für die, welche noch nichts von Religionswissenschaft wissen, dafür aber „Sektenberatungen“ kennen (obwohl diese seit 1998 in Deutschland dazu angehalten worden sind, nicht mehr von „Sekten“ zu sprechen oder sich so zu nennen): „Sekte“ ist eher ein Ausdruck innerreligiöser Polemik, als dass er sich als wissenschaftliche Kategorie eignen würde. Heute weiß man, dass die „Jugendsekten“ oder „Jugendreligionen“, von denen der Theologe Friedrich-Wilhelm Haack (1935-1991) sprach, eben einfach Neue Religiöse Bewegungen sind. Es ist der Normalfall der Geschichte, dass neue Religionen entstehen – und insbesondere diejenigen ansprechen, welche offen für Neues sind: die Jugend.

jugendsekten

Der Spiegel Nr. 29/1978 warnt vor der "neuen Droge Jugendsekten". Daneben zwei entsprechende Buchcover von 1991. Die Cover demonstrieren aber auch, dass hier vornehmlich andere "Radikalisierungen" befürchtet wurden.

So war die Jugend – ob man ihr nun „Sekten“ nachsagte oder anderes, z.B. einen Werteverlust, die Angst vor einem Abrutschen der „Subkulturen“ in Kriminalität und Drogenkonsum (vgl. Artikel „Aussteiger. Zur Geschichte eines Modewortes„) – immer schon prädestiniert für „Radikalisierung“ (zu einer aktuell angeblich überhaupt gewaltbereiteren Jugend vgl. ein Interview mit Prof. Wilhelm Heitmeyer in der ZEIT von 2007).

In der neuen Studie über Lebenswelten junger Muslime wurde denjenigen, die nach der Skala „Traditionelle Religion“ (S. 166) sich als „fromm“ erwiesen (gefragt wurde z.B. nach der Einhaltung der Gebete und den Moscheegängen), ebenfalls mit der Skala „Religiöser Fundamentalismus“ befragt (S. 159f. mit Anmerkung „Diese Skala liegt nur für religiöse Teilnehmer vor“). Sie besteht aus folgenden Items:

– „Menschen, die den Islam (für Nichtmuslime: das Christentum) modernisieren, zerstören die wahre Lehre.“
– „Ungläubige kommen in die Hölle.“
– „Der Islam (für Nichtmuslime: das Christentum) ist die einzig wahre Religion.“
– „Auf lange Sicht wird sich der Islam (für Nichtmuslime: das Christentum) in der ganzen Welt durchsetzen.“

Es ist also entscheidendes Kriterium, inwiefern ex negativo Toleranz zu anderen Einstellungen besteht. Man erfährt daneben z.B., dass 60,5% der Studienteilnehmer (der quantitativen Befragung) in Deutschland geboren sind, 14,5% in der Türkei, 12,4% in Afghanistan, Irak, Iran oder Pakistan usf. (S. 173). 61,9% gaben an, Sunniten zu sein, 9,1% Schiiten, 5,9% Aleviten, 6,2% Ahmadi, 15% gaben keine spezielle Richtung an (S. 174). Neben den erwähnten Skalen gab es laut S. 195 folgende Variablen (neben denen man aber z.B. auch eine Skala Autorität abfragte):

– Geschlecht, Alter
– berufliche Stellung (zum Beispiel Arbeiter, Angestellter, Beamter, Freiberufler etc.)
– beruflicher Status (zum Beispiel Schüler, Lehrlinge, Studenten, Hausfrauen/-männer, arbeitslos, Rentner)
– Haushaltsnettoeinkommen
– „Wie viele Jahre sind Sie zur Schule gegangen?“
– „Wie viel privaten Kontakt haben Sie mit Deutschen?“
– „Wie viel privaten Kontakt haben Sie mit Muslimen?“
– „Wie wichtig ist es Ihnen, erfolgreich zu sein im Leben?“
– Skala „Traditionelle Religiosität“
– Skala „Vorurteile gegenüber Juden“
– Skala „Vorurteile gegenüber dem Westen“
– Skala „Negative Emotionen“ gegenüber dem Umgang des Westens mit der islamischen Welt
– Skala „Religiöser Fundamentalismus“ [siehe oben]
– Demokratiedistanz – gemessen mit dem Einzelitem „Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe.“
– Akzeptanz ideologisch fundierter Gruppengewalt gemessen mit dem Einzelitem „Die Bedrohung der islamischen Welt durch den Westen rechtfertigt, dass Muslime sich mit Gewalt verteidigen.“

Wir führen diese Prüfungen jeweils getrennt für deutsche und nichtdeutsche Muslime durch.

Das Ergebnis, nach dem 78 Prozent der deutschen Muslime Integration „mehr oder weniger“ befürworteten, während 22 Prozent eher „eine zurückhaltende, die eigene Herkunftskultur betonende Haltung“ einnähmen (Artikel „Integrationsstudie: Bunte deutsche Muslim-Jugend“ der Frankfurter Rundschau), führt also nun in den Medien zu verschiedenen Blickwinkeln auf insbesondere jene Minderheit, mal mit größerer Betonung des „Nicht-Radikal-Seins“ der Mehrheit, mal mit sorgenvollen Empfehlungen für die so genannten Radikalen selbst. Interessant ist der Hinweis von Thomas Pany auf Telepolis, dass eventuell „ein ungewollter Sarrazin-Effekt“ vorliege, insofern die beiden Erhebungswellen der Studie genau so zeitlich durchgeführt wurden, dass die erste vor, die zweite nach der Veröffentlichung von „Deutschland schafft sich ab“ 2010 vollzogen wurde (vgl. auch Interview Islamophobie: Pauschale Ablehnung einer gesamten Religionsgemeinschaft hat mit Religionskritik nichts zu tun). Die Ergebnisse legen angeblich nahe, dass die deutschen Muslime den Grundtenor der Debatten „als Aufforderung zur Separation interpretiert“ haben.

Interessant ist die doppelte Befragung als „Übersetzung“ ins „Christentum“ für die Kontrollgruppe, wie oben beim Fundamentalismus-Beispiel. Es bleibt dabei letztlich unklar – vielleicht habe ich es aber auch nur nicht in den 700 Seiten der Studie gefunden – warum einerseits eine Zugehörigkeit zu einer Religion die Zielgruppe bestimmt, während die Kontrollgruppe „nicht-muslimische Deutsche“ (S. 606) die Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung repräsentieren soll. Warum diese dann als christlich gilt (so legt es ihre Variante der Itemformulierungen nahe), ist nicht ersichtlich. Ob ein Atheist mit muslimischen Elternhaus beim quantitativen Teil der Studie hätte mitmachen dürfen? Jedenfalls in den qualitativen Teilen (und im Fazit) taucht „Atheismus“ auf (vollständige Liste):

Einzig die Teilnehmerin der Familie 5 [eine alevitische Familie; Anm. Red.], zweite Generation, äußerte Gedanken, dass sie sich eher im Bereich des Atheismus sehe, jedoch war an anderen Stellen ein Zugehörigkeitsgefühl zur religiösen Gemeinschaft auch bei ihr erkennbar (S. 86).

[…]

Religiöse und religiös-fundamentalistische Foren: Ammar 114, Misawa und Way 2 Allah

[…] Gerade bei Way 2 Allah und Misawa finden sich auch einige Diskussionen mit Christen und Atheisten, die größtenteils sehr sachlich und unter dem Vorzeichen gegenseitigen Respekts geführt werden, allerdings ohne dass letztendlich eine Annäherung stattfindet (S. 453).

[…]

Ein Bewohner einer norddeutschen Großstadt, der sich selbst als Atheisten und Ungläubigen betrachtet, erzählt beispielsweise, wie seine Lehrerin in der Schule ihn in den ersten Unterrichtstagen sofort aufgefordert hat, doch einmal etwas über sich und seinen Glauben zu erzählen, und gleichzeitig sein ganzes Verhalten vor dem Hintergrund seines vermuteten Glaubens zu erklären versuchte. Er erklärte ihr daraufhin, dass er sich eigentlich nicht als Muslim sieht, was jedoch auf die – wahrscheinlich gut gemeinte – Verhaltensweise der Lehrerin keinen Einfluss hatte.
Enttäuscht stellt er fest, dass er, wenn er sich drei Tage nicht rasiert, von allen als Terrorist gesehen wird, obwohl er doch nicht einmal Muslim ist (S. 483).

[…]

Selbstverständlich sind der Islam und die Muslime ein Teil von Deutschland, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (siehe Einleitungskapitel), genauso wie es etwa auch Atheisten sind (S. 654).

An dieser Stelle machen manche Formulierungen stutzig, insofern sie manchmal so klingen, als ob notwendig immer ein vielleicht aufgrund sozial erwünschten Verhaltens abgeschwächtes Bild präsentiert würde, hinter dem die die Studie grundsätzlich interessierenden „Radikalisierungsprozesse“ sich vermuten lassen.

Zugleich bleibt die Frage, inwiefern ein Vergleich der Gesamtbevölkerung mit den Angehörigen einer Religion im Besonderen nicht in vielen Fällen ein grundsätzlich ähnliches Ergebnis erbracht hätte (zumindest in Hinsicht besonders religiöser Einstellungen), zumal in einem Land mit potenziell knapp einem Drittel Konfessionsloser (genau bekannt ist nicht, wie viele Konfessionslose z.B. atheistisch sind, man vgl. aber unsere Religionenstatistik). Mit einem Hinweis auf die Glaubensbasis der Evangelischen Allianz (seit 1846) sei zudem betont, dass einerseits solche Alleinvertretungsansprüche einer Religion (und das fragt die Skala „Religiöser Fundamentalismus“ ab) hierzulande auch existieren, andererseits sie – wie im genannten Beispiel – durchaus trotzdem keine Konflikte provozieren müssen. Der Bund christlicher Freikirchen bekennt sich u.a. „zur völligen Sündhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen, die ihn Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen“, oder „zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“. Das sind nur andere Formulierungen von „Ungläubige kommen in die Hölle“ und „Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe.“ Schließlich ist die letztendliche Bedeutung dieser Sätze nicht zu eruieren. Ob für Ungläubige gebetet werden soll oder man sie durch Erklärung der Heiligen Schrift vor ihrer Verdammnis bewahren möchte, ob es um Homeschooling oder (nicht mehr nötige) Kriegsdienstverweigerung geht – oder eben um Terrorismus bzw. allgemeine Gewaltbereitschaft. Letztlich angedacht ist im aktuellen Kontext insbesondere das Schlüsselitem der ideellen Unterstützung einer gewaltbereiten ideologischen Gruppe im Namen der Verteidigung der muslimischen Welt. Dieses ist insofern scheinheilig, da es in einer Umkehrformulierung nicht so viel Sinn macht. Den deutschen Nichtmuslime wurde die Frage in zweifacher Weise gestellt:

Ein statistischer Vergleich der durchschnittlichen Antworten der deutschen Nichtmuslime auf diese zwei Fragen liefert keine Unterschiede: Weder „Gewalt zur Verteidigung des Westens“ noch „zur Verteidigung des Islams“ ist für die deutschen Nichtmuslime akzeptabel (S. 263f.).

Ist die Situation z.B. „des Westens“ wirklich vergleichbar? War es nicht bislang immer nur eine (islamophobe, rechte) Randgruppe, welche von dieser Art Vergleichbarkeit ausging? Warum wird nicht auch hier sozial angepasstes Verhalten der Befragten vermutet? Auch wäre nicht davon auszugehen, dass es bei allen Gruppen deutscher Nichtmuslime einen religiösen (fundamentalistischen) Hintergrund für diese potenzielle Einstellung geben muss.

Unabhängig nun von der Einschätzung der Studie bringt sie religiöse Richtungen im Islam in den Blickpunkt, welche diesem sehr groben fundamentalistischen Muster nahe kommen. Schon vor Aiman Mazyeks Ruf nach islamischen „Sektenbeauftragten“ wurde z.B. die Salafiyya (auch Salafismus) als eine solche dargestellt. So z.B. in der Broschüre „‚Ich lebe nur für Allah‘. Argumente und Anziehungskraft des Salafismus“ (2011). Weder sie noch die Studie des Innenministeriums haben auch Religionswissenschaftler unter den Autoren. Erschienen in der Schriftenreihe „Zentrum Demokratische Kultur“ (ZDK) ist der warnende Ton zwar moderater als in z.B. der Sektendebatte der 1990er, aber die Muster sind ähnlich:

Zwar hält nur eine kleine radikale Minderheit islamistisch-fundamentalistischen Strömung auch die Ausübung von Gewalt zur Durchsetzung ihres Islamverständnisses für legitim. Aber auch die „moderaten“ Repräsentanten des Salafismus in Deutschland stehen für Positionen und Perspektiven, die als demokratiegefährdend gelten können – etwa wenn sie Andersdenkende und -lebende diffamieren und abwerten (S. 6f.)

Bereits die einzigen zwei religionsgeschichtlichen Seiten mit der Überschrift „Islamismus, Salafismus und Wahhabismus“ haben Raum für an Haacks „Jugendreligionen“ (oder „-sekten“) erinnernde Passagen:

In Deutschland und anderen „westlichen“ Gesellschaften sind es vor allem Jugendliche und junge Erwachsene (auch ohne Migrationshintergrund), die sich seit einigen Jahren zu salafitischen Predigern und den von ihnen offerierten, scheinbar einfachen Antworten hingezogen fühlen, die „der Islam“ auf alle Fragen zu geben scheint. Dabei greifen Salafiten oft Demütigungs- und Diskriminierungserfahrungen auf und versuchen auf dieser Basis, eine sich von der Umwelt abgrenzende Gemeinschaftsidentität mit eigenen, religiös interpretierten Werten und Normen aufzubauen. (S. 9).

Nicht zufällig entsprechen die angesprochenen Problempunkte oft vermeintlichen Definitionen von „Sekten“, wie sie in Vielzahl im Internet zu finden sind: Dichotome Weltsicht, Gehorsam gegenüber religiöser Autorität, „Ungläubige kommen in die Hölle“ [sic!], Ablehnung bzw. Einschränkung der weltlichen Macht und Gültigkeit der Gesetze, „[e]inige wenige Salafiten legitimieren Gewalt […]“ (S. 10f.). In solchen Sammlungen sind es häufig vage sozialpsychische Kategorien, deren Undeutlichkeit sich eher immer schon dafür eignete, den Begriff für treffsichere Polemik einzusetzen (zumal ohne soziologische Unterfütterung mit abgefragten Skalen entsprechender Art).

So kann das Kapitel „Geschichte und Strukturen des Salafismus in Deutschland“ der Broschüre als Fakten einleitend nur die Medienberichte über „hausgemachten Terrorismus“ bringen, um dann relativ schnell beim Konvertiten und ehemaligen Boxer Pierre Vogel alias Abu Hamza sowie dem zugehörigen Verein „Einladung zum Paradies“ anzukommen. Es folgen einige Biographien, z.B. die des ehemaligen (dann „bekehrten“) Gangsta-Rappers Abou Maleeq (alias Deso Dogg), dann ein Interview mit dem Konvertiten „Martin D.“ (24) „aus Norddeutschland“ (S. 23ff.; vgl. auch unseren Artikel „Das Missverständnis mit den Konvertiten„).

pierrevogel

Ein Screenshot der Webseite von Pierre Vogel befindet sich auf S. 14 der Broschüre über den Salafismus. Das Layout der Seite hat sich seitdem verändert. Im Video erklärt Abu Hamza, warum Boxen unislamisch sei (Bild zur Vergrößerung anklicken).

Die Autoren versuchen also den Spagat, den Islam als Weltreligion zu respektieren, indem sie parallel zum Verhältnis der Amtskirchen zu den „Sekten“ das Verhältnis des (akzeptierten / akzeptablen) Islams zu solchen Strömungen konstruieren. Dazu gehört auch der grundsätzliche Zweifel an der „echten“ Religionshaftigkeit des Beschreibungsobjektes (dem Äquivalent zur „Sekte“):

Eine wichtige Rolle im Salafismus spielen auch die vielen jungen Konvertiten. Das ist kein Zufall [!]: So dürften für viele von ihnen gerade die stark auf „Äußerlichkeiten“ fokussierenden salafitischen Strömungen attraktiv sein. Ist ihnen als „Neumuslime“ deutscher Herkunft doch oft daran gelegen, sich durch eine besonders strenge und von außen erkennbare Befolgung religiös begründeter formaler Vorgaben als Teil der Gemeinschaft auszuweisen (S. 30).

Diese (wiederum sozialpsychischen) Argumente haben oft eine lange Tradition, die bis zu den reformatorischen Streitigkeiten der Katholiken und Protestanten zurückgeht. Die Autoren der Broschüre warnen zwar vor „Alarmismus“ (S. 81), und betonen, die Jugendlichen müssten „in der Regel auch nicht ‚gerettet‘ werden“ (S. 84), doch ihr Ziel, „Jugendlichen ein werteorientiertes Islamverständnis zu vermitteln“ (S. 82), macht die angesprochenen Pädagogen nebenbei zu islamischen Theologen (die zu einem gemäßigten – nicht subalternen – Islam hinführen).

Nun ist es sicherlich das gute Recht eines Dachverbandes wie des Zentralrats der Muslime (vgl. zu den Dachverbänden des Islam unsere Statistik) für die ihm zugehörigen Gläubigen eine Beratungsstelle einzurichten oder z.B. klassisch Mission unter Jugendlichen zu betreiben, in Konkurrenz zur Salafiyya. Nur besteht eben ein Unterschied zu einer religionswissenschaftlichen Beratung. Das gilt für die „Sektendebatte“ genauso wie für Versuche, von ihr übernommene Kategorien an islamischen neuen Bewegungen festzumachen.

Christoph Wagenseil

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5 Kommentare:

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  3. Den in der Dezemberausgabe der WZB-Mitteilungen veröffentlichten Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 18.000 Moslems und Christen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Schweden zufolge stimmen nämlich 45 Prozent der türkischen und 50 Prozent der arabischstämmigen Sunniten in diesen sechs Ländern drei Aussagen zu, deren kumulative Bejahung [Migrationsforscher Ruud] Koopmans als Merkmal von Fundamentalismus sieht. Aleviten, die alle drei Aussagen bejahten, machen nur 15 Prozent ihrer Konfession aus.

    Die Aussage, dass zu den „Wurzeln“ ihrer Religion „zurückgekehrt“ werden sollte, stieß bei fast 60 Prozent der befragten Moslems auf Zustimmung. 65 Prozent meinten, sie würden eigene religiöse Vorschriften über die Gesetze des Landes stellen, in dem sie leben. Und 75 Prozent gaben an, dass es nur eine einzige Lesart ihrer Heiligen Schrift geben könne. Bei Christen lagen die Vergleichswerte mit 21, 13 und 18 Prozent deutlich darunter. Allen drei Aussagen stimmten aus dieser Gruppe lediglich vier Prozent zu. (zit. n. Telepolis)

    Der REMID-Artikel oben vom letzten Jahr beschreibt bereits Probleme des Fundamentalismusbegriffes und einer in manchen Aspekten komplexeren Methodik zur Erfassung desselben. Die in der WZB-Studie offenbar ausschließlich relevanten drei Aussagen zu „ad fontes“ (nach Luther: „zu den Quellen“), Gesetzestreue versus Gewissensfreiheit und schließlich Schriftverständnis sind erst recht kaum geeignet, aus ihnen allein religiösen Fundamentalismus ableiten zu wollen.

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