Ressource oder Wachstumsblase Bildung? „Religiöse“ und utopische Aspekte eines besonderen Konzeptes


Betrachtet man den sogenannten „Verbraucherpreisindex für die Bundesrepublik Deutschland„, haben die meisten Graphen eine spätestens seit 2005 steigende Tendenz. Das meiste wird teurer, „Bekleidung und Schuhe“ pendeln seit den 1990ern auf dem gleichen Niveau, ähnlich gibt es bei „Freizeit, Unterhaltung und Kultur“ langfristig kaum Veränderung. Rasant abstürzend aus vergleichsweise schwindelnden Höhen verliert sich die „Nachrichtenübermittlung“. Dagegen klettert das „Bildungswesen“ in solche Höhe empor, alle anderen Graphen weit hinter sich lassend.
Daneben steht etwa „Am schwarzen Berg“ von Anna Katherina Hahn, das Werk erhielt die Auszeichnung einer Nominierung für den Leipziger Buchpreis 2012 unter der Rubrik „Belletristik“. Die Jury nennt den Roman um Peter und Mia im Stuttgart des Jahres 2010 eine „gnadenlose Milieustudie des alltäglichen Lebens zweier Familien mit den Gewohnheiten und Verzweiflungen einer akademischen Mittelschicht“. Moritz Bassler nennt das Buch in der TAZ gar einen „metabildungsbürgerliche[n] Roman„. Das „ganze bürgerliche Bildungskonzept“ rücke „im Verlauf der Lektüre in ein neues, durchaus unerwartetes Zwielicht“. Viele Rezensenten sehen das (tragisch endende) Seelenleben eines idealtypischen „Wutbürgers“ dargestellt, „bürgerliche Bildung“  erscheint gar als idealistisch-humanistischer Religionsersatz – symbolhaft repräsentiert durch die schwäbische Romantik eines Eduard Mörike, aus dessen Gedicht „Die Elemente“ der Titel entlehnt ist („Am schwarzen Berg da steht der Riese…“).

712px-Preisindex_brd_09

Bild von Stefan Silies, Statistisches Bundesamt unter Creative Commons CC-BY-3.0 Lizenz. Klicken Sie zur Vergrößerung auf die Grafik.

Nun hat der Roman den Preis nicht gewonnen. Vielleicht zurecht, glaubt man denjenigen Rezensenten, welche gerne in die polemische Häme über etwa grün-bürgerliche „Leistungsverweigerung“ mit einstimmen, der Roman eignet sich zu gut als Konstruktion für eine ideologische Debatte. Zugleich bietet er das tragische Arkanum intensiver literarischer Verweise und Anspielungen für den Kenner, als ob die Autorin sich selbst auf die Bühne stellen wollte, hin- und hergerissen zwischen dem Modell des bildungsbürgerlich idealistisch gestimmten Versagens von Peter und dem Modell Mias, irgendwie zwischen Karrierehoffnung und ein wenig Emanzipation. Sie verlässt Peter schließlich für einen Fernsehredakteur mit Haus im Tessin. Die andere Variante besteht darin, zu sagen, „Am Schwarzen Berg“ sei „ein Seismograf für soziale Veränderungen“ (Judith von Sternburg in der Berliner Zeitung). Erwähnter Bassler fragt: „Oder gehört gerade dieser Art von Exzentrik die Zukunft, weil sie Baumhäuser baut statt einen neuen Tiefbahnhof mit Shopping-Mall?“. Freilich kann man auch einfach wie Ulrich Greiner in der ZEIT dem Buch seine Literarizität absprechen: „Aber die Menschen ihrer Geschichte kommen uns nicht nahe, sie berühren uns nicht, es gelingt ihr nicht, sie plastisch zu machen, es sind Karikaturen, mehr nicht. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht.“

800px-Protestplakat_S21_am_Bauzaun_-_99

Protestplakat am Bauzaun im Schlosspark in Stuttgart vom 30. Oktober 2010. Aufschrift: "Stuttgarter Schlosspark, 30.9.2010. Lehrstunde in Demokratie”. Am 30. September 2010 eskalierte ein Einsatz der Polizei gegen die Demonstranten von Stuttgart 21.

Bild von Sarang unter Public Domain.

Die Rede von einer „Ersatzreligion“ ist immerzu polemisch. Hier wird das Wörtchen Religion zu einer bloßen Abwertung (vgl. Artikel Der Religionsbegriff und die Neuen Atheisten). Ähnliches findet man zuhauf: „Ratingagenturen haben einen nahezu religiösen Status bekommen“, so Wilhelm Rasinger, Präsident des Interessensverbandes für Anleger, „Geburt einer Weltreligion. Und der Markt ist Gott geworden“ lautete bereits 2006 der Titel einer Kolumne von Alois Weber auf Spiegel online. Dass das Verhältnis von Religion und Arbeit aber durchaus komplexer ist, wurde bereits in einem anderen Artikel angesprochen. Das idealistische oder utopische Element, mit welchem „Arbeit“ aufgeladen sein kann, gilt in einem vielleicht noch umfassenderen Sinn auch für „Bildung“. Aus diesem Element resultiert auch eine ethische Seite der „Arbeit“ wie der „Bildung“.

Allerdings ist „Bildung“ in diesem besonderen Sinn ein Produkt des deutschen Idealismus und nicht identisch mit sonstigen Konzepten von z.B. „Education“:

„Sobald man aufhört, eigentlich Wissenschaft zu suchen, oder sich einbildet, sie brauche nicht aus der Tiefe des Geistes geschaffen, sondern könne durch Sammeln extensiv aneinandergereiht werden, so ist Alles unwiederbringlich und auf ewig verloren.“
(Wilhelm von Humboldt: Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, Berlin 1810, S. 251; oder: Schriften zur Politik und zum Bildungswesen. In: Werke, Bd. IV, S. 257f.)

Entstehung der „kritischen Funktion“ der Bildung

Eine moderne Fassung bringt der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann in seiner 2006 erschienenen „Theorie der Unbildung“:

„Bildung hatte einst mit dem Anspruch zu tun, die vermeintlichen Gewißheiten einer Zeit ihres illusionären Charakters zu überführen. Eine Gesellschaft, die im Namen vermeintlicher Effizienz und geblendet von der Vorstellung, alles der Kontrolle des ökonomischen Blicks unterwerfen zu können, die Freiheit des Denkens beschneidet und sich damit die Möglichkeit nimmt, Illusionen als solche zu erkennen, hat sich der Unbildung verschrieben, wieviel an Wissen sich in ihren Speichern auch angesammelt haben mag.“ (S. 175).

Der Begriff „Unbildung“ antwortet dabei auf das Konzept der „Halbbildung“ aus der „Dialektik der Aufklärung“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Dieses Werk, von den Autoren im unmittelbaren Angesicht der Schrecken des Nationalsozialismus geschrieben, lohnt sich etwas länger zu zitieren:

So verhängnisvoll wohnt die Bereitschaft zur falschen Projektion dem Geiste ein, daß sie, das isolierte Schema der Selbsterhaltung, alles zu beherrschen droht, was über diese hinausgeht: die Kultur. Falsche Projektion ist der Usurpator des Reiches der Freiheit wie der Bildung; Paranoia ist das Symptom des Halbgebildeten. Ihm werden alle Worte zum Wahnsystem, zum Versuch, durch Geist zu besetzen, woran seine Erfahrung nicht heranreicht, gewalttätig der Welt Sinn zu geben, die ihn selber sinnlos macht, zugleich aber den Geist und die Erfahrung zu diffamieren, von denen er ausgeschlossen ist, und ihnen die Schuld aufzubürden, welche die Gesellschaft trägt, die ihn davon ausschließt. Halbbildung, die im Gegensatz zur bloßen Unbildung das beschränkte Wissen als Wahrheit hypostasiert, kann den ins Unerträgliche gesteigerten Bruch von innen und außen, von individuellem Schicksal und gesellschaftlichem Gesetz, von Erscheinung und Wesen nicht aushalten. […]
Die obskuren Systeme heute leisten, was dem Menschen im Mittelalter der Teufelsmythos der offiziellen Religion ermöglichte: die willkürliche Besetzung der Außenwelt mit Sinn, die der einzelgängerische Paranoiker nach privatem, von niemand geteiltem und eben deshalb erst als eigentlich verrückt erscheinendem Schema zuwege bringt. Davon entheben die fatalen Konventikel und Panazeen, die sich wissenschaftlich aufspielen und zugleich Gedanken abschneiden: Theosophie, Numerologie, Naturheilkunde, Eurhythmie, Abstinenzlertum, Yoga und zahllose andere Sekten, konkurrierend und auswechselbar, alle mit Akademien, Hierarchien, Fachsprachen, dem fetischisierten Formelwesen von Wissenschaft und Religion. Sie waren, im Angesicht der Bildung, apokryph und unrespektabel. Heute aber, wo Bildung überhaupt aus ökonomischen Gründen abstirbt, sind in ungeahntem Maßstab neue Bedingungen für die Paranoia der Massen gegeben. (Kapitel Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main 2003, S. 205f.).

Nicht nur das Bildungskonzept selbst erscheint mindestens idealistisch aufgeladen. Auch das in dieser Definition eines kritischen Denkens vorgestellte Gegenüber eines „fetischisierten Formelwesen von Wissenschaft und Religion“, ob in Gestalt sogenannter „Sekten“ oder als „einzelgängerische[r] Paranoiker“, dürfte den Religionswissenschaftler interessieren. Auch da diese Zeilen in einem Kapitel stehen, welches „Elemente des Antisemitismus“ herausarbeitet. Aus der Perspektive eines – so die Autoren – „fortschrittlichen Bewusstseins“, welches aber auch oft einfach Kulturpessimismus gleichzukommen scheint.

1849_-_karikatur_die_unartigen_kinder

Karikatur “Die unartigen Kinder” von 1849. Die Aufschriften lauten “Pressefreiheit, Petitionsrecht, Freies Versammlungsrecht, Redefreiheit und Clubrecht. Auf der Karte im Hintergrund steht “Preussen”. Adorno et al. entwickelten in der Berkeley Studie zum autoritären Charakter die sogenannte F-Skala. Diese besteht aus folgenden Subskalen: Konventionalismus, Unterwürfigkeit, Aggression, Anti-Intrazeption (Abwehr des Subjektiven, Sensiblen, Fantasievollen), Aberglaube und Sterotypie, Machtdenken und "Kraftmeierei", Destruktivität und Zynismus, Projektivität, "übertriebene Beschäftigung mit sexuellen Vorgängen".

Allerdings bedurften die Bildungsanstalten – und das meint jetzt insbesondere alles, was nicht direkt oder nicht allein Ausbildung für einen spezifischen Beruf ist – nach dem Ende des Dritten Reiches in Deutschland Reformen. Gerade den Schulen und den Lehrern kam eine besondere Rolle bei der Vermittlung der nationalsozialistischen Ideologie zu. An den Universitäten betraf die Reformnotwendigkeit sowohl Natur- wie Geisteswissenschaften. Neben Rassenkunde in der Biologie oder „Deutscher Physik“ gab es eine „Verehrungsgermanistik“, indologische „Arier“-Begeisterung oder Verpflechtungen von Historikern, Volkskundlern etc. in „Ahnenerbe“-Projekte (vgl. auch Fritz Heinrich: Die deutsche Religionswissenschaft und der Nationalsozialismus. Eine ideologiekritische und wissenschaftsgeschichtliche Untersuchung. Petersberg 2002).

Bildung durchdringt seitdem auch im Allgemeinen nicht mehr allein die Humboldtsche „Tiefe des Geistes“ (ein idealistisches Schauen der Dinge durch ein genieartiges Subjekt), sondern muss ein kritisches Element enthalten (man vgl. auch Kurt Rudolph: Die ‚ideologiekritische‘ Funktion der Religionswissenschaft, im Original 1978 in der Zeitschrift Numen sowie eine Ausgabe der Zeitschrift für junge Religionswissenschaft von 2007 mit Beiträgen, welche das Plädoyer Rudolphs kritisch aktualisieren). In den Geisteswissenschaften spielten dabei – und dies international – neue Methodenentwürfe, die gerne unter dem Sammelbegriff „Strukturalismus“ gefasst werden, eine Rolle:

Eine radikale Neubewertung des vor allem von Martin Broszat und Hans Mommsen [in der Geschichtswissenschaft] vertretenen „strukturalistischen“ Ansatzes ist der zweite Aspekt in Bergs Studie [Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung. Göttingen 2003] , der Beachtung verdient. Im Allgemeinen bescheinigt man den Strukturalisten zumindest, die bis in die Mitte der sechziger Jahre allzu Hitler-zentrische Nationalsozialismus- und Holocaustforschung durch den Blick auf die Strukturen des Regimes ein gutes Stück vorangebracht zu haben, auch wenn mittlerweile auch die Schwächen dieses Ansatzes stärker betont werden. Bei Berg erscheint der „Strukturalismus“ hingegen als „Mitläufer“-Interpretation, deren Anfänge in den fünfziger Jahren zu finden seien. [Die Historiker] Mommsen und Broszat hätten diese Interpretation dann lediglich akademisiert. Dass ein strukturbezogener Ansatz immer Gefahr läuft, individuelle Handlungsspielräume zu vernachlässigen, liegt auf der Hand. Aber der Gegensatz zwischen einer „richtigen“ (Raul Hilberg) und einer „falschen“ (Mommsen, Broszat) Version des „Strukturalismus“ ist konstruiert; die Elemente, die Berg bei Hilberg lobt, finden sich auch in den Studien von Mommsen. (Rezension „Von Strukturalisten und anderen Apologeten“ von Philipp Stelzel auf literaturkritik.de).

Es ist zweifelsohne nicht der Raum, um alle neue Methodenvorschläge und philosophischen Konzepte anzusprechen, die sich auch außerhalb der Geschichtswissenschaft formierten. Ein weiterer Sammelbegriff sei aber erwähnt: Relativ zeitgleich antworteten diverse Autoren auf strukturalistische Ansätze. Sie werden gerne unter „Poststrukturalismus“ subsumiert.

Wissenschaftstheoretisch ließe sich die Bewegung insgesamt überspitzt so zusammenfassen, dass zunächst überall das geniehafte Subjekt auszuschließen war. Das gilt für die Rolle der Autorität nicht nur im Zitat als Argument in einer wissenschaftlichen Arbeit als auch für die methodische Orientierung an eben solchen Subjekten. Auf beides antworten die Strukturalisten mit sogenannten „sozialen Tatsachen“. Die Orientierung erfolgt an Kollektiven, seien es Milieus, Klassen, Schichten, Gesellschaften. Der Einbezug mathematischer Methoden erzeugt dabei „Repräsentativität“. Insofern kann an manchen Universitäten die Soziologie in einer Studienordnung festgeschrieben haben, auf eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichtet zu sein, oder eine Ethnologie bzw. Anthropologie, dass sie sich als Anwalt der bedrohten Völker und Kulturen verstehe.

Die antwortenden „Poststrukturalisten“ – das wäre nun der dritte Schritt der vereinfachten Skizze – kritisieren überhaupt die Möglichkeit, objektive Aussagen zu machen. Soweit haben sie auch ihre Kritiker verstanden. Man ist sofort erinnert an ein ganzes Feld von Begriffen mit der Vorsilbe „Post-„, in der Mitte des Feldes sieht man den Begriff „Postmoderne“.

Den zweiten Teil der Antworten kennen nicht so viele: neue Methodenvorschläge, um die Bedingungen der Möglichkeit von „Wahrheit“ etwa in „Diskursen“ (Michel Foucault) zu untersuchen – oder als différance, die auf eine Spur verweist, auf die permanente Verschiebung des Verweisens im Text, außer dem nichts ist und den es zu dekonstruieren gilt (Jacques Derrida). Allerdings gibt es auch unter den Epigonen solcher Autoren selbst einige, die gerne z.B. „Diskursanalyse“ oder „Grounded Theory“ als Lizenz zum freien Philosophieren begreifen – wie die Kritiker es im sozusagen andauernden Positivismusstreit nennen. Trockener klingen die Eingangszeilen des Artikels zur qualitativen Sozialforschung auf Wikipedia:

Unter qualitativer Sozialforschung wird in den Sozialwissenschaften die Erhebung nicht standardisierter Daten und deren Auswertung verstanden. Besonders häufig werden dabei interpretative und hermeneutische Methoden als Analysemittel verwendet. (Version 23. Februar 2012 um 18:34 Uhr)

Es geht also auch um einen Methodenstreit. Einem eher naturwissenschaftlichem Modell, das Daten nach standardisierten Verfahren aus einer Empirie erheben möchte, steht ein eher geisteswissenschaftliches Modell gegenüber, das sich in einem Pluralismus vieler Methodenvorschläge darstellt. Hier dominieren „interpretative und hermeneutische Methoden“. Methodologisch besteht ein Unterschied in der Erkenntnistheorie.

Die naturwissenschaftlich Orientierten tun sich in der Regel schwer, nicht doch einen gewissen Naturalismus beizubehalten, so dass z.B. auch manch radikaler Konstruktivismus (Ernst von Glasersfeld, Heinz von Förster) mit der „Autopoiesis des Gehirns“ wiederum der Biologie Wahrheit einräumt, um mit ihr die Bedingungen der Möglichkeit von Wahrheit zu erklären. Etwas Natur bleibt also immer objektive Wahrheit. Es gibt Fakten, die man empirisch untersuchen kann.

Die andere Seite wiederum tendiert zu monistischen Konzepten, d.h. ein favorisierter Gegenstand der Wahl erhält die Position eines Ersten Wertes, das Fundament eines philosophischen Gebäudes. Dabei löscht sich in einer Art negativen Dialektik ein mögliches oppositionelles Gegenüber aus. Ein Textbegriff, der keine Nicht-Texte zulässt (wie man Derrida lesen könnte), ist eigentlich kein deutlicher Begriff mehr. Ein Religionsbegriff, der keine Nicht-Religionen unterscheiden lässt, könnte ebenso seine begriffliche Schärfe eingebüßt haben. Andersherum ist diese letztlich auf Aristoteles zurückgehende Definition des Begriffs auch wiederum als Teil eines Wahrheiten produzierenden Systems verstehbar und dekonstruierbar als ein durch die Art des logischen Denkens in Gegensätzen konstruierter Motor einer Metaphysik des Phallogozentrismus:

„Die Annahme von der Widerspiegelung der Realität im Geist, der das autonome Subjekt sprachlichen Ausdruck verschafft, wird von Derrida als ‚logozentrische Illusion‘ entlarvt. Das abendländische Denken basiere demnach auf einem ‚Logozentrismus‘, oder, wie Derrida auf der Grundlage von Lacans Theorie des Phallus als des zentralen Bedeutungsträgers formuliert, ‚Phallogozentrismus‘.

Dieses System ordne die Welt durch binäre, hierarchische Oppositionen, wie Geist/Natur, Subjekt/Objekt, Selbst/Anderes, Mann/Frau. Die hierarchische Beziehung zwischen den beiden Gliedern der Oppositionen beruhe auf Konstruktionen, die jweils einen Begriff als ursprünglich und zentral, den anderen als abgeleitet und marginal setzten.“ (Irene Sigmund-Wild: Anerkennung des Ver-rückten: Zu Luce Irigarays Entwurf einer Ethik der sexuellen Differenz. Marburg 2011, S. 30).

Bildungskonzepte unterscheiden sich je nach Milieu und Generation

Die erwähnte allmähliche kritische Wendung der Wissenschaften ergab auch neue Studienobjekte: Gender Studies, Queer Studies & Politics, Postcolonial Studies, Disability Studies, Animal Studies. Vielleicht kann man sogar die Hermetic Studies hinzurechnen, insofern auch sie einen Gegenstand zu erschließen suchen, der bislang als marginal vernachlässigt worden war. Das bedeutet aber auch, dass „Bildung“ generationenabhängig Verschiedenes bedeutet, je nach dem gerade an den Universitäten erreichten Stand der Diskussion bzw. dem, was davon von den entsprechend geprägten LehramtsstudentInnen an die Schulen weitergetragen wurde. Oder in den Medien ankommt. Manche geisteswissenschaftlichen Debatten sind aktuell in Fachjournale verbannt. Wissenschaftssparten der großen Zeitungen bringen selten Geisteswissenschaften. Auch in den Kulturbereich geraten sie nur in bestimmten Fallsituationen gehäuft.

Insofern gibt es viele Milieus, in denen eher die naturwissenschaftliche Position im Methodenstreit – bewusst oder unreflektiert – getragen wird. Diese stellt die geisteswissenschaftliche Seite (oder Teile von ihr) als pseudowissenschaftlich und ideologisch dar. Besonders zu nennen ist hier die sogenannte Sokal Affäre. Alan Sokal, Physikprofessor an der New York University, reichte 1996 einen Artikel „Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity“ in die Zeitschrift „Social Text“ ein, welche als Kollektiv seit 1979 um „kreative Verknüpfungen zwischen Kritischer Theorie und politischer Praxis“ bemüht ist (Zitat: Selbstdarstellung). Der Artikel erscheint, der Autor erklärt ihn im Nachhinein zur Parodie, die einen postmodernen Sprachgestus nachäffe. 1997 folgt ein Buch mit Jean Bricmont „Eleganter Unsinn“ („Impostures Intellectuelles“ im Original). Die Autoren symphatisierten dabei mit der politischen Linken, doch würde postmoderne Philosophie ihre Fähigkeit zu wirkungsvoller Gesellschaftskritik schwächen. Andersherum gilt, was sogar ein Rezensent der „Welt“ als Einschränkung seines Lobs formuliert:

Dass ein gewisser dekonstruktivistischer Jargon imitierbar ist, wie Alan Sokal es mit seinem „Social Text“-Artikel gezeigt hat, spricht nicht notwendigerweise gegen alles in diesem Jargon Gesagte. (Quelle: Ulrich Woelk, welt.de 1999: „Hermeneutik der Quantengravitation“).

sokal

Das Cover der englischen Ausgabe erinnert nicht zufällig an populäre Publikationen, die vor Neuen Religionen als "Sekten" warnen.

Aber auch für viele Religionswissenschaftler dürften manche der hier im Artikel angebrachten Zitate bereits zu „kritisch“ klingen. Andererseits darf man auch durchaus „kritisch“ sein gegenüber der Verwendung von psychologischen und psychoanalytischen Vokabeln nicht nur bei Adorno und Horkheimer. Oder gegenüber ihrer Abwertung spezifischer Formen moderner Religiosität.

In manchen Milieus gilt den Kritischen zudem der Ideologie-Vorbehalt, insofern „Kritik“ notwendig Bezug nimmt auf realexistierende Verhältnisse und damit „politisch“ ist. So entsteht aufgrund der kritischen Dimension ein grundsätzlicher Widerspruch jüngerer Bildungskonzepte zur Ausrichtung der Wissenschaft im bürgerlichen Konzept nach Humboldt und Immanuel Kant. Auch hier stoßen Generationen und Milieus aufeinander. Freie Wissenschaft soll eine „ideologiefreie“ Veranstaltung sein, nicht durch fremde Zweckinteressen bestimmt. Gerade das sollte Universitäten von Fachhochschulen unterscheiden. In einem solchen Konzept gibt es allerdings noch absolute Wahrheiten im Sinne des 19. Jahrhunderts. Überhaupt die Vorstellung, etwas könne frei von Ideologie bzw. interessegeleitetem Handeln sein, das nicht notwendig auf Annahmen über die Welt beruht, gilt nicht erst unter Postmodernen eigentlich als naiv.

Doch zurück zum Anfang: Es ist das Bildungswesen, das sich enorm verteuert. Studiengebühren mögen ein Teil davon sein. Aktuell erheben sie nur noch sehr wenige Bundesländer. Auch nach dem Höhepunkt 2008, bei dem obige Grafik endet, erreichte der Graph des Bildungswesens auch 2011 wieder die 130er Marke und stand im Februar 2012 bei 123,9 (Harmonisierte Verbraucherpreisindizes, Deutschland. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden Februar 2012). Universitäten konkurrieren mit einer großen Zahl an privaten Einrichtungen. Es ist auch die Zeit der Excellence Cluster. Daneben besteht ein staatlich geförderter Markt an Angeboten zur Weiterbildung, Ausbildungsbegleitung oder Umschulung. Hinzu kommt allmählich ein gesellschaftliches Klima der Krise und Massenarbeitslosigkeit gerade unter den Jüngeren nicht nur in Europa.

Auch wenn es um Bildung im Allgemeinen ging, handelte der Artikel doch zu guten Teilen von den Geisteswissenschaften und ihren Methoden. Schließlich steht beides in Zusammenhang, produzieren doch jene Wissenschaften diejenigen Inhalte, welche als Bildung in den Schulen neben Biologie, Chemie, Physik und Mathematik vermittelt werden. Aus ihnen resultieren die Theorien der Bildung. Zudem gilt „Bildung“ doch als eine wichtige Ressource nicht nur in der „Entwicklungspolitik“.

Welche „Bildung“ bzw. „Kompetenzen“ eigentlich gefragt sind, darüber besteht zwar eine rege Debatte, allerdings zumeist innerhalb z.B. fachdidaktischer Kreise. Die gewöhnlichen Vertreter geistes- (aber auch natur-)wissenschaftlicher Fächer an den Hochschulen nehmen an solchen Debatten nur im Ausnahmefall teil. Sicherlich sind auch solche Lehrplan-Dispute der falsche Ort für Erörterungen der methodischen Verfasstheit von Wissenschaften, dennoch berühren sich auch diese Themen notwendig – nicht nur in der SchülerInnen zu vermittelnden Kompetenz „Kritikfähigkeit“. Die utopischen („politischen“, „religiösen“) Aspekte der Bildungskonzepte (an welchen das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften hängt) machen mehr aus als einzelne „Kompetenzen“. Doch jede Generation hat ihre eigenen Antworten auf die Frage nach der genauen Ausgestaltung einer kritischen Persönlichkeit – bzw. wie Bildung aussehen sollte und inwiefern sie integraler Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft sein muss. Zugleich ist jedem Bildungskonzept ein Gegenbild des falschen Umgangs mit Wissen inhärent (wie wir oben bei Humboldt, Adorno usw. sahen). Überhaupt ist „Bildung“ ein Alternativmodell zu religiösen bzw. traditionellen Formen der Erziehung. Gerade deshalb kommen ihr utopische Aspekte zu, die spätestens seit den Erfahrungen mit dem Dritten Reich auch eine kritische politische Dimension einschließen.

Ein Verzicht auf „Bildung“ oder eine bloße Fortführung des Namens kann durchaus bedeuten, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten auch wieder unter dem Deckmantel der Wissenschaft (oder der Kunst) verbreitet werden können.

Und das sollte nicht der einzige Grund sein, über das eigene Verständnis von Bildung und über ihre kritische Funktion zu reflektieren. Auch warum eine Gesellschaft sie sich leisten können sollte.

Christoph Wagenseil

Teilen Sie diesen Artikel:
EmailFacebookTwitterGoogle+LinkedIntumblrReddit

5 Kommentare:

  1. Pingback: Ein Versuch über Rudolf Ottos „Das Heilige“ « REMID Blog

  2. Vielleicht ein interessanter Hinweis zum Thema:
    http://www.heise.de/tp/artikel/37/37355/1.html

    Unternehmen lassen Qualifikationen von jedem fünften Mitarbeiter brach liegen
    Silvio Duwe 28.07.2012
    Eine Studie der Uni Hohenheim führt die These vom Fachkräftemangel wieder mal ad absurdum

    Das Wehklagen der Arbeitgeber ist allgegenwärtig. Es gebe, so ist nahezu täglich zu lesen und zu hören, in Deutschland einen dramatischen Fachkräftemangel, verursacht durch die sinkende Zahl der Schulabgänger und das altersbedingte Ausscheiden vieler erfahrener Fachkräfte aus dem Berufsleben. […] Doch eine neue Studie zeigt, dass die jungen Fachkräfte bereits in den Betrieben angekommen sind – und sich dort bei Arbeiten weit unter ihrer Qualifikation langweilen….

  3. Pingback: Eine kleine Geschichte vom Sinn des Lebens « REMID Blog

  4. Vielleicht dazu erhellend im Online-Spiegel:
    Hochschulkultur: Wie Unis Genialität verhindern. Ein Gastbeitrag von Klaus P. Hansen

    „Für Denker sind Unis heute eine feindliche Umgebung. An einer modernen Hochschule ist es heute nahezu unmöglich, sich vertiefendes Wissen anzueignen. Aus Professoren werden Manager und Bürokraten. Gelehrtheit und Genialität sind so zum Aussterben verurteilt.“

    Das ist vielleicht die andere Seite der „Bildungsblase“…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *