Der „arische“ Jesus und „arteigene Religion“: Neue Studie zu einem spirituellen deutschen Sonderweg


Die Wiederbelebung sogenannter „heidnischer“ Religionen setzte zwar gleichzeitig mit der Entwicklung der Nationalismus-Idee ein, doch ist das aus christlicher Perspektive konstruierte Konzept des Paganen ebenso offen für Universalisierungen. So unterscheiden sich frühe Versuche keltischer Orden in Anlehnung an die Freimaurerei in England stark von heutigen populären Bewegungen wie Wicca, modernen Schamanismus oder den meisten ethnisch konstruktiven Formen von Paganismus (keltisch, germanisch, slawisch, römisch, griechisch usf.). Entsprechend speziell sind biologistisch-rassistische Konzepte sogenannter „arteigener Religion“ im deutschsprachigen Raum vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit des Nationalsozialismus. Als interdisziplinäre Arbeit zwischen Neuerer Geschichte und Religionswissenschaft entstand an der Universität Hannover Jörn Meyers‚ Studie „Religiöse Reformvorstellungen als Krisensymptom? Ideologen, Gemeinschaften und Entwürfe ‚arteigener Religion‘ (1871-1945)“. REMID interviewte den Autoren.

Beginnen wir vielleicht mit möglicherweise für die LeserInnen notwendigen Erläuterungen: Was ist Ariosophie bzw. „arteigene Religion“?

Der Begriff „Ariosophie“ leitet sich von „Arier“ und „Weisheit“ (gr. sophía) ab. Diese „Weisheit der Arier“ zeigt sich auch im allgemeineren Begriff „arteigen“, wo es – verkürzt gesagt – darum geht, dass sich Religion national, d.h. an ein bestimmtes Volk („Rasse“, „Art“) gebunden, vorgestellt wird. Wir befinden uns mit dem ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert in einer Zeit, in der auch im gebildeten, mittelständischen Bürgertum in solchen Kategorien gedacht wurde. Die Annahme einer vermeintlichen historischen Kontinuität machte es dann möglich, „deutsch“ mit „germanisch“ und „arisch“ gleichzusetzen.

Ein besonderer Teil Ihrer Arbeit widmet sich dem „Deutschchristentum“. Das beginnt bei allgemeiner verbreiteten Vorstellungen und reicht bis hin zu spezifischen Bewegungen?

Ja, so kann es formuliert werden. Denn die Ursprünge der „arteigenen Religion“ finden sich bei Menschen, die christlich sozialisiert worden sind und sich aus diesen Vorstellungen nicht ohne weiteres lösen konnten – selbst wenn sie wollten. Die meisten „Artreligiösen“ verstanden sich trotz aller Kritik am Kirchenchristentum als Christen. Ihr „Christentum“ musste nun mit den „arteigenen“ Elementen verbunden werden, was z.B. dazu führte, Jesus zum Arier und überzeugten Antisemiten zu erklären, der mit den Idealen eines Frontsoldaten – Kampf und Aufopferung für sein Volk – ausgestattet wurde. Die spezifisch deutschchristliche Bewegung innerhalb der christlichen – besser: der protestantischen – Kirche(n) entstand dann aber erst später, um ca. 1920, auch als Reaktion auf den verlorenen Ersten Weltkrieg.

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Zeitgenössische Buchcover zu "arteigene Religion" und "Deutschchristentum": Waler Baetke, Arteigene germanische Religion und Christentum. In: Der Weg der Kirche, herausgegeben von Georg Burghart & Ernst Sellin, Leipzig & Berlin: de Gruyter 1936. Propaganda-Heft "Gottglaube - Deutscher Glaube", herausgegeben von Wolfgang Kumm, bearbeitet von Oskar Zschocke, Erfurt: Verlag Sigrune 1941, 28 Seiten.

Ihre Arbeit trägt im Titel die Frage „Religiöse Reformvorstellungen als Krisensymptom?“. Sie ziehen Verbindungen zurück zur Romantik, überhaupt zur Aufklärung und ihrer Religionskritik. Geht es Ihnen um eine „Dialektik der Aufklärung„?

Nun, mit einer philosophischen „Dialektik der Aufklärung“ oder der „Kritischen Theorie“ allgemein befasst sich die Arbeit nicht. Es ging mir eher darum zu zeigen, dass die Idee des „Arteigenen“, was auch die eigene Vormachtstellung, die angenommene (zunächst geistige und kulturelle) Überlegenheit des und der Deutschen, impliziert, bereits bei Vertretern der Romantik zu finden ist. Dieses Motiv kann bei Fichte oder Herder, bei „Turnvater“ Jahn und v.a. bei Ernst Moritz Arndt im Rahmen seiner „nationalen Befreiungstheologie“ im Kampf gegen die Franzosen gesehen werden. Diese Einflüsse führten dann auch im Kaiserreich zu dem „kaiserlichen Nationalprotestantismus“, zum „Heiligen Protestantischen Reich Deutscher Nation“.

Sie beschränken sich in Ihrer Arbeit auf bestimmte Formen des Neuheidentums, wie es bis in die Zeit des Dritten Reiches entstanden war. Wie sähe ein grober Vergleich mit z.B. keltisch-druidischen Neureligionen Englands aus oder mit heutigen Formen des Neuheidentums germanischer oder anderer Prägung in Deutschland

Ich scheue mich ein wenig, die Neuheiden von „damals“ mit denen von „heute“ zu vergleichen, da andere Rahmenbedingungen vorherrschten und wir seit 1945 wissen, zu was Volkstums- und Rassenideologie führen können. Dennoch kann eine begrenzte Kontinuität gesehen werden, da einige Gruppen, unter anderen Namen, bis in die Gegenwart existieren. Beispiele sind u.a. die Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung, die auf den ariosophischen Neu-Templerorden zurückgehende Deutsche Kirche oder Ludendorffs Bund für Gotterkenntnis.

Die größeren heutigen Gemeinschaften aber fußen z.B. im Fall von Eldaring oder dem Verein für Germanisches Heidentum (VfGH) auf der isländischen Ásatrú-Richtung (1970er Jahre). Bei Neu-Kelten oder -Slawen sieht es ähnlich aus. Sie entstanden im Kontext der Neuen Sozialen Bewegungen und sind eher unpolitisch-links einzuordnen. Dennoch gibt es auch Überschneidungen mit rechten Ideen, trotz Distanzierungen.

Welche Rolle kommt in der NS-Zeit der Religionswissenschaft sowie dem Interesse an anderen Religionen zu?

Die zeitgenössische Religionswissenschaft konnte auch politisch sein, gar keine Frage. Ich verweise auf Jakob Wilhelm Hauer in Tübingen und die Deutsche Glaubensbewegung. Das Interesse an anderen Religionen bestand eher im Sinne eines konstruierten Dualismus – dem „Judäo-Christentum“ wurde die indoarische Weltanschauung, wie sie aus den hinduistischen Quellen entnommen worden war, entgegengesetzt. Ebenfalls stieg das Interesse am Islam an, vermutlich auch, weil man in den Muslimen Verbündete im Kampf gegen die Juden sehen wollte. Aber wie gesagt, Basis für dieses Interesse bildete der eigene ideologische Standpunkt und nicht zwangsläufig ein objektiver Erkenntnisgewinn.

Es kam auch zum vermehrten Auftreten von sogenanntem „Okkultismus„. Was bedeutet dieser im Kontext der „Krise der Moderne“?

Das Interesse am Okkultismus hängt eng mit den Krisen der Zeit zusammen, hier wurde nach Erklärungen und Lösungen gesucht. Denn auf die soziale, politische, ökonomische Verunsicherung seit der Industriellen Revolution, auf Proletarisierung und Armut, Verstädterung, Umweltverschmutzung, dazu Kapitalismus, Globalisierung und Migration, der Beginn der Demokratisierung und die Emanzipation von Frauen und Minderheiten etc. hatten weder die Politik noch die alten Eliten, noch die christlichen Kirchen eine Antwort. Letztere steckten selbst in der Krise, da u.a. durch die Evolutionstheorie die biblische Überlieferung aus naturwissenschaftlicher Sicht angreifbar war und über die Geisteswissenschaften alternative, außereuropäische Religionen in den Blick gerieten. Manche Menschen versuchten, Wissenschaft und Religion zu einen – egal ob in Form eines Monismus oder auf eine solche Weise wie bei den Theosophen und Freidenkern / Freireligiösen. Ein Ansatz, der sich auch bei Mathilde Ludendorff und den Ariosophen wiederfindet, die auf all jenes, darunter Esoterik und Okkultismus, zurückgreifen.

Auch der Biologie kommt in dem Sujet, das Sie untersuchen, eine problematische Rolle zu. Beispielsweise Mathilde Ludendorff, deren Gruppe unter dem Namen „Bund für Gotterkenntnis“ bis heute besteht, beschäftigte sich mit Philosophie und Medizin. Ihr „Triumph des Unsterblichkeitswillens“ (1921) konstruiert eine eigene Theorie der Evolution als Verfallsgeschichte. Am Anfang steht der perfekte unsterbliche Einzeller, am Ende durchbricht der Arier mit Hilfe eines „Schönheitstriebs“ die allgemeine Dekadenz. Wie verbreitet waren solche Ideen?

Biologie und verwandte Naturwissenschaften wurden radikal im sozialdarwinistischen Sinne verstanden, kombiniert und erweitert etwa um die Rassenkunde. Ziel war jeweils, ob bewusst oder unbewusst, die eigene Überlegenheit „wissenschaftlich“ zu beweisen und, etwa mittels Eugenik-Maßnahmen („Rassenhygiene“), den Fortbestand des eigenen Volkes, der eigenen Art und Rasse, zu sichern; denn andere Völker und Länder wurden als gefährliche und existenzbedrohende Konkurrenten gesehen.

Mathilde Ludendorff, studierte Medizinerin (Schwerpunkt Psychiatrische Medizin) und auf ihre Art auch Frauenrechtlerin, nimmt bei den „Artreligiösen“ meines Erachtens eine organisatorische und politische Sonderstellung ein, der Bund für (Deutsche) Gotterkenntnis wurde im Dritten Reich ab 1937 als Dritte Konfession neben Protestantismus und Katholizismus offiziell anerkannt. Inhaltlich ist ihre Theorie, gespeist von okkult-theosophischen Vorstellungen, sicher etwas speziell, aber auch hier gilt im Kern: es ist der deutsch-germanisch-arische Mensch, die „Lichtrasse“, deren Angehörige als mit den besten Fähigkeiten ausgestattet gedacht werden und – sofern sie „artgerecht“ leben und Fremdeinflüsse meiden – über die „Selbstschöpfung zur Vollkommenheit“ wieder zurück zu Gott bzw. zu ihrem göttlichen Ursprung kehren könnten.

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72 Teilnehmer eines Workcamps an der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen demonstrierten am Karfreitag 2008 in Dorfmark gegen ein Treffen des rechtslastigen, deutschvölkischen Vereins "Bund für Gotterkenntnis" Ludendorff e.V.

Bild von „Fotograf“ (indymedia.org) unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 2.0.

Wie war eigentlich das Verhältnis der teilweise heterogenen Gruppen untereinander?

Obwohl die meisten anderen Autoren ähnliche Ansichten vertraten, wurde sich dennoch aufs Schärfste von Ludendorff distanziert. Damit blieb sich die gesamte Bewegung treu – sie ist auch gekennzeichnet von gegenseitigem Misstrauen und Konkurrenz, was primär an den eigensinnigen, teils narzisstischen Charakteren der beteiligten Personen lag. Jede/r beanspruchte die Wahrheit für sich. Die inhaltlichen Differenzen hingegen waren überschaubar, so dass ein charakteristisches Konglomerat aus christlichen, heidnisch-germanischen bzw. „indoarischen“ Einflüssen entstehen konnte. Als konstruierter Gegenentwurf zum „artfremden“, traditionellen „Judäo-Christentum“ versprach es in der Krise Heil und Erlösung, nach dem Motto: Zurück zu den Wurzeln, über die Vergangenheit in die Zukunft.

Danke für das Interview.


Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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7 Kommentare:

  1. stehen „theologisch“ gesehen die ganzen „deutschgläubigen“ Religionsgrüppchen nicht den deistischen/pantheistischen/unitarischen/freireligiösen Gruppen sehr viel näher als den (ausserhalb Islands quellenmässig schlecht belegten) „altgermanischen“ wie auch anderen anthropomorphen polytheistischen Religionsvorstellungen? Und ist das Label „heidnisch“ für völkisch-antisemitische Religionen nicht eher Ausdruck katholischer bzw. protestantischer Apologetik, welche sich nicht selten wie im Falle von Künneths Kritik an Rosenbergs „Mythos“ durch eine theologische Kritik bei gleichzeitiger politischer Zustimmung auszeichnet?

    • Das stimmt in Teilen, was auch z.B. die Geschichte der Deutschen Glaubensbewegung belegt, die anfangs (1933) als Arbeitsgemeinschaft auch von Freireligiösen und Unitariern (Walbaum etc.), Christen und Theologen wie Mandel oder Bonus mitgetragen wurde. Sie verstanden die DG anti-kirchlich; als sie später (ab der eigentl. Gründung 1934) offen anti-christlich wurde, schieden sie dann freilich aus.

      Andererseits gibt es eben Gruppen wie die Germanische Glaubens-Gemeinschaft (Fahrenkrog) oder die Nordisch-Religiösen, die sich „heidnisch“ oder „germanisch“ nennen, in bewusster Abgrenzung zum Christentum. Ob und wie sie aber letztendlich nur auf eine christliche Umgebung reagieren, d.h. ihr Germanentum anti-christlich konstruieren, sei dahin gestellt.

  2. „Der Gebrauch der Vernunft ist für die Menschheit noch zu neu und zu unvollkommen, um die Gesetze des Unbewußten enthüllen zu können und besonders, um es zu ersetzen. Der Anteil des Unbewußten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein.“

    Gustave Le Bon (Psychologie der Massen)

    Die Arbeitsteilung erhob den Menschen über den Tierzustand und die Qualität der makroökonomischen Grundordnung bestimmt den Grad der Zivilisiertheit, die der Kulturmensch erreichen kann. Ist die Makroökonomie noch fehlerhaft, bedarf es der Religion (künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten), um diese Fehler aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes auszublenden.

    Die Religion birgt wiederum die Gefahr, sich zu verselbständigen (Cargo-Kult), wenn es niemanden mehr gibt, der ihre wahre Bedeutung noch kennt. Die Fehler der Makroökonomie können dann solange nicht behoben werden, wie der Cargo-Kult andauert, selbst wenn das Wissen längst zur Verfügung steht, um die ideale Makroökonomie und damit allgemeinen Wohlstand und den Weltfrieden zu verwirklichen: [… Link…]

    Anmerkung der Redaktion: Der REMID-Blog dient weder als Werbe-Plattform für religiöse noch für weltanschauliche Empfehlungen. Kommentatoren mögen darauf achten, einen Bezug zum Thema herzustellen.

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