Märchen und Magie zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Eine Kritik

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Anlässlich des Gebrüder-Grimm-Jahres veranstaltete REMID am 30. April einen Vortragsabend. Die Marburger Brüder-Grimm-Stube war gut besucht. Im Gegensatz zu vielen Darstellungen des Märchens als universale Erzählform mit vornehmlich ursprünglich oraler Verbreitung wurde seine besondere Rolle als Produkt der europäischen Geschichte betrachtet. Das Mittelalter kennt im eigentlichen Sinn keine Märchen (auch wenn heute manches als solches verkauft werden mag). Das Märchen besteht streng genommen nur als „Kunstmärchen“ und ist zu unterscheiden von Textformen wie dem Artusroman, der Heiligenlegende, dem Heldenepos, dem Schwank oder der Aesop nachempfundenen Tierfabel. Das Pentameron (1634-36) zeigt sogar, dass Märchen als Textgattung in Abhängigkeit stehen können zur im Humanismus entwickelten Form der Novelle: Titel und Struktur des Werkes sind an Giovanni Boccaccios Novellensammlung Decamerone (1349-1353) orientiert. Letztlich liegt einfach ein schwerwiegendes Missverständnis vor: Das Märchenhafte des Mittelalters ist ein Resultat der inneren Kritik der Aufklärung seit der Reformation in Europa. Erst durch diese Filter und unter Reflexion der Erfahrungen im Kolonialismus, in der Romantik, im Nationalismus usf. wurden Märchen heute das, was sie unterstellen immer schon gewesen zu sein: zum Ausdruck einer universellen Stimme des Mythos (wie des kollektiven Unbewussten).

Seit 250 Jahren – so könnte man es veranschaulichen – läuft eine Art Projekt der Nacherzählung. Gesammelt werden bestimmte Erzählungen, von denen die meisten längst auch in schriftlicher Überlieferung existieren (sei es als Schwankerzählung, als literarisch gestaltete Legende, als Episode in einer als historisch gedachten Chronik etc.). Sie werden in die Textgattung Märchen eingepasst: Märchen aus aller Welt, also neben Frau Holle auch die Ahnen betreffenden Überlieferungen einer indianischen Ethnie oder die Puranas über eine hinduistische Gottheit (in manchen Gesichtspunkten Heiligenlegenden im Christentum vergleichbar). Die Nacherzählung verbirgt den historischen Kontext der Entlehnung ihres Märchenstoffes hinter der Vorstellung, etwas originär Authentisches, Urtümliches zu versammeln. Wie konnte es dazu kommen?

Es gibt keine Märchen im Mittelalter

magie1Zwar kennt das Mittelalter zeitgenössisch den literarischen Gattungsbegriff der maer, doch auch wenn aus diesem Wort sehr viel später der Begriff „Märchen“ abgeleitet worden ist, inhaltlich hat beides nichts miteinander zu tun. Die maer ist bereits eine künstlerische Form. Und die dazugehörigen Texte sind – unabhängig davon, ob sie teilweise auf mündlicher Überlieferung beruhen mögen – Kunstwerke. So kann der Begriff der maer im Nibelungenlied, welches in der Version der Handschrift C mit dem Vers Uns ist in alten mæren w[u]nders vil geseit beginnt, zu Missverständnissen führen. Der nach der Forschung einhellig spätere Zusatz am Anfang des hochmittelalterlichen Heldenepos von um 1200 erzählt nur vermeintlich für moderne Augen von „Märchen“ und „Wundern“. Eine zeitgenössische Übersetzung wäre: „Uns ist in alten Geschichten viel Bewundernswertes erzählt“ [von den Taten der ritterlichen Helden].

Ähnlich muss man sich die Frage stellen, was es mit „Magie“ im Mittelalter auf sich hat. Diese Frage kann man auf zweierlei Weise beantworten. Die eine Möglichkeit ist phänomenologisch und orientiert sich wohlmöglich an den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften. Hier ist alles „magische Vorstellung“, was heute wundersam erscheint. Also auch Vieles im Christentum (man vgl. zu dieser Sichtweise das Interview „Zwischen den Stühlen – ein Gespräch über Magie“). Man mag auch bestimmte „Segen“ gegen Krankheiten (z.B. den althochdeutschen Wurmsegen) bereits durch eine modernere (protestantische) Brille als „weiße Magie“ begreifen (deren Ausführende häufig aber selbst christliche Priester waren).

Für den Zeitgenossen verband sich der Begriff der Magie mit bestimmten verbotenen Künsten der Zukunftsschau. Dazu gehört die Astrologie wie das Lesen aus der Hand (Chiromantie), die Traumdeutung wie die Totenbeschwörung. Letztere Kunst war aber offenbar so wenig vertraut, dass mit der Zeit aus Nekromantie eine Nigromantie als allgemeine schwarze Kunst wurde (vgl. Artikel „Gespenster – festliche Dekonstruktion einer Universalkategorie“). Der Magier stand wie der Dichter neben den freien Künsten, kleine Teufel flüstern ihnen in einer zeitgenössischen Illustration ins Ohr.

Sogenanntes Heidnisches, wo es noch bekämpft und nicht schon integriert worden ist, mag teilweise auch als „Magie“ gedeutet worden sein, an und für sich geht es zeitgenössisch in der frühen Missionstheologie um die Bekämpfung von sogenanntem „Götzendienst“ und „Aberglauben“. Insbesondere galt es höhere Wesen zu dämonisieren, heilige Orte zu christianisieren und Feiertage anzupassen. Die Hexe als solche gab es noch nicht. In den Artusromanen sind es Feen, welche mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind. Aber es gab bereits Elemente des späteren Konzepts der Hexe. Die eigentliche Zeit der Hexenverfolgung setzte nach ersten Prozessen im 15. Jahrhundert in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts ein und endete erst Anfang des 18. Jahrhunderts – wo wir uns bereits mitten im Zeitalter der Aufklärung befinden.

Vieles, was wir vom Mittelalter zu wissen glauben, wurde durch die Apologetik der Aufklärungsphilosphie und späterer Bewegungen wie der Romantik geprägt. Das Mittelalter war bunt, wie nicht nur die Handschriftenillustrationen zeigen. So ist auch manches mythisch, was zur Stärkung einer Zäsur über die „Wiederherstellung der Wissenschaften“ im 18. Jahrhundert geschrieben wurde. Der Kontrast war ein „finsteres Mittelalter“.

Die Seiten-Abbildungen zeigen eine frz. Buchmalerei zum Reisebericht des Marco Polo; eine mit der Figur des Merlins illustriere Initiale; eine Illustration der Sieben Freien Künste im Hortus delicarium der Äbtissin Herrad von Landsberg (um 1180).

Frühe Neuzeit I: Renaissance und Magie

magie2Zugleich darf man aber auch nicht unterschätzen, welchen Wandel die „Wiedergeburt“ der Antike mit sich brachte. Viele verlorene Werke auch der Medizin oder Astronomie und Geographie wurden wieder neu aufgefunden und konnten durch die neue Technik des Buchdruckes mit beweglichen Lettern parallel mit aufgekommenen Handschriftenmanufakturen vervielfältigt werden. Der Humanismus verschrieb sich dem Übersetzen. Lateinische Klassiker wurden teilweise erstmals in die „Volkssprachen“ übertragen. Und Griechisches wurde im Medium des Latein der europäischen Gelehrtenkultur zugänglich gemacht. Dazu gehörten die Übersetzungsarbeiten von Marsilio Ficino für die Medici: das Opus des Philosophen Platon – es sollte eine neue Epoche des Neuplatonismus einleiten -, aber auch das Corpus Hermeticum (vgl. Artikel „Wessen Geistes Kind? Neue Religionen, alte Traditionen und die Crux des Systematikers“).

Ficino selbst gehörte zu einer Reihe von Renaissance-Autoren, welche anhand ihrer Kenntnis der Schriften Platons und des Corpus Hermeticum eine Theorie der Magie entwarfen, welche diese mit „Sympathie“ gleichsetzte. Diese Lehre der Anziehung und Abstoßung sollte später über Jakob Böhme vermittelt Isaac Newton zu seiner berühmten Gravitationstheorie inspirieren. Es gab das Konzept einer „natürlichen Magie“ als Kunst der Beeinflussung der Naturkräfte, welche wie „daimones“ bzw. ideell gedacht wurden.

Die mythische Figur des Hermes Trismegistos (dem dreimal Höchsten) und die ihm zugeschriebenen Schriften galten bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts für älter als die Bibel. Überhaupt waren solche offenbar unverfälschten frühen Offenbarungen Gottes (wir befinden uns auch im Zeitalter der humanistischen Kirchenkritik und Reformation) von Interesse. Ihnen wurde ein höheres Maß an Authentizität zugesprochen.

So wie Martin Luther „ad fontes“ (zu den Quellen) zurück wollte, z.B. das Neue Testament aus dem griechischen Original neu zu übersetzen, so galt es auch einem Agrippa von Nettesheim die alten Überlieferungen antiker Kulturen zu sammeln, seien es seine „Occulta Philosophia libri tres“ oder seine alternative Deutung der Episode um Adam und Eva zugunsten der Frau anhand seiner Kenntnis hebräischer Quellen und Kommentare einschließlich der Kabbalah. In diesem Sinne spricht Johann Valentin Andreae, hinter dem zumeist der Autor der Rosenkreuzermanifeste und der Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz Anfang des 17. Jahrhunderts vermutet wird, von einer „General-Reformation“. Aus dieser „hermetischen“ Perspektive ist die Welt ein Rätsel Gottes. Die universale religiöse Botschaft verbirgt sich hinter den Schleiern der Überlieferung. Im Grunde beginnen hermetische Autoren (wie auch die Reformatoren) aus dieser Motivation heraus mit dem, was später Philologie genannt werden wird.

Die Seiten-Abbildungen zeigen Basilius Valentinus: Azoth sive Aureliae occultae philosophorum, S. 66: Weltkreis (1613); Abbildung eines Aderlassmannes aus dem Regimen von Heinrich von Laufenberg (1450-60); Abbildung aus einer Handschrift „chaos philosophorum“ (18. Jh.).

Frühe Neuzeit II: Kolonialismus und Magie

magie3Zugleich verbreiterte sich der Radius: Neue Welten kamen hinzu. Dabei ist entscheidend, dass für einen großen Teil der Bevölkerung dieser vergrößerte Weltradius virtuell blieb. Sie waren auf Medien angewiesen. Außerdem ist es zu beachten, dass die Neuen Welten getreu dem „Irrtum“ des Christoph Kolombus, einen Weg nach Indien im Westen entdeckt zu haben, weiterhin in guten Teilen dieser Medien (gerade im deutschsprachigen Raum) als „Indien“ verhandelt wurden. Eine begrifflich scharfe Differenz scheint sich eigentlich erst nach der Besetzung Indiens durch England gegen Ende des 18. Jahrhunderts allmählich durchzusetzen. Zuvor war es Gang und Gebe von West- und Ostindien bzw. den okzidentalischen und orientalischen Indien oder von „beiderlei Indien“ zu sprechen. Kanada konnte „Nord-Indien“ sein und das neu entdeckte Australien „Süd-Indien“. Ausgenommen waren nur Europa und Afrika sowie in gewisser Weise „Arabien“, Sibirien und Grönland.

Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung von dem, was aus einer solchen Perspektive „indianische“ Religion darstellt. Man sah sich einem internationalen „Heidentum“ gegenüber (vgl. auch Artikel „Wer zählt was? Statistiken aller Religionen der Welt und ihre Probleme“). Ähnlich dem Konzept der natürlichen Magie wurde eine Theorie der natürlichen Religion entworfen, um zu erklären, wie die Kulturen ohne eine göttliche Offenbarung (für mit einer solchen ausgestattet galten bereits Judentum, Christentum und Islam) ein göttliches Wissen haben konnten. Das war natürlich nur eine der möglichen Reaktionen. Vorweggenommen sei, dass diese Vorgeschichte ihren Einfluss auf die ersten Ethnologen haben wird, die spätestens ab dem 19. Jahrhundert beginnen, die Theorie einer „magischen Stufe“ der Menschheit zu konstruieren – als Ausgangspunkt einer Evolution der Kultürlichkeit (und damit Zivilisiertheit).

Die Seiten-Abbildungen zeigen Hans Staden: Wahrhaftig Historia, Holzschnitt „Ausweidung eines Menschen“ (1557); Anthropodemus Plutonicus, Titelkupfer Detail (1666); Wunderkammer des Ferdinando Cospi in Bologna (1606-1686) nach Lorenzo Legati, Museo Cospiano (gedruckt Bologna 1677).

indien

Vor dem Hintergrund von Martin Waldseemüllers Karte mit dem Kontinent Amerika (Cosmographia 1507) sieht man links die dt. Übersetzung des Kanadareiseberichts "Nord-Indien" von Louis-Armand de Lom d'Arce de Lahontan (1709, im Original von 1703) und Friedrich Ludwig Walthers Erdbeschreibung des freundschaftlichen Inselmeeres in Südindien oder dem fünften Welttheile (1786).

Frühe Neuzeit III: Verfolgungen und Religionskriege

magie4Man sollte sich immer wieder die Gleichzeitigkeit von Gewalt diverser Art vor Augen führen: die Auseinandersetzungen der Reformationsbewegungen, wie sie in den Dreißigjährigen Krieg münden; die zur selben Zeit einsetzenden Hexenverfolgungen auf katholischem wie protestantischen Gebiet; die Ketzerprozesse der Inquisition (Galilei, Giordano Bruno); Luthers Reden gegen Juden und sogenannte „Schwärmer“, also die, welche zu „extreme“ oder einfach „falsche“ religiöse Vorstellungen entwickeln (und es blieb nicht bei „Reden“); das Niedermetzeln, Zu-Tode-Schinden, Verpesten von vermutlich 70 Millionen Uramerikanern (Tvetan Tudorov: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen, Frankfurt a.M. 1985, S. 161). Hinzu kommt der Kampf mit der „Piraterie“, letztlich überhaupt die Auseinandersetzungen der (west- und) ostindischen Handelskompanien und so fort…

Die verschiedenen Formen neuen Wissens (des „Alten“ aus der Antike und das über die Neuen Welten) wurden an allen Fronten kreativ zum Einsatz gebracht. Ab dem 16. Jahrhundert tauchen vermehrt magische Schriften auf, einen Boom erleben sie schließlich ab dem Ende des 17. Jahrhunderts durch neue Formen der billigen Massenproduktion. Ob irgendein Opfer der Hexenverfolgungen tatsächlich eine alternative Religiosität lebte oder entwickelte, kann nicht gesagt werden. Es ist auf keinen Fall auszuschließen und liegt in Einzelfällen sogar nahe. Diese muss aber nicht unmittelbar auf Kenntnis der magischen Buch- und Handschriftenproduktionen beruhen, vielmehr dürfte von einer weiterhin starken mündlichen Kultur auszugehen sein, die allerdings bereits mit einer aufgekommenen Schriftkultur in immer stärkere Wechselwirkung tritt. Ein Giordano Bruno ist vielleicht – als verbrannter „Magier“ – das belesene Gegenstück zum Stereotyp einer weisen Frau.

Es gab auch Wechselwirkungen zwischen den Stereotypen, wie sie über die Bewohner der Neuen Welten entworfen wurden (einschließlich der Praxis des Kannibalismus bzw. seiner Darstellung), und der Apologetik gegen Hexen. Auch ihnen wurde der Verzehr von Menschenfleisch unterstellt (ähnlich wurde den Juden unterstellt, sie bräuchten Menschenblut für ihre Rituale; das ist ein möglicher Hintergrund der antisemitischen Ritualmordlegende). Überhaupt schien Magie und Zauberei auf einmal etwas zu sein, was man (im positiv-esoterischen wie im negativ-inquisitorischen Sinn) überall auf der Welt studieren konnte…

Die Seiten-Abbildungen zeigen Ulrich Molitor: Von Hexen und Unholden, Titelholzschnitt (1575); Kupferstich Ketzerprozess (18. Jh.); Martin Luther: Von den Jüden und ihren Lügen, Wittemberg (1543).

Aufklärung und Aberglaube

magie5In vielerlei Hinsicht ist es der „Aufklärung“ zuzuschreiben, dass die ihr vorläufige Epoche der vielseitigen Gewalt zumindest teilweise zu einem Ende fand. Die europäischen Religionskriege mündeten in der Entwicklung eines philosophisch begründeten Konzepts der Toleranz. Hexen, Besessene und andere wurden zwar entdämonisiert, aber dies gelang nur mittels der Entwicklung des Konzepts der psychologischen Pathologisierung. Johann Weyer etwa war einer der frühen Vorreiter, der darauf hinwies, die angeklagten Frauen seien schlicht krank – melancholisch, heute würde man es „Depression“ oder „Borderline“ nennen.

Wollte man es auf wenige Formeln bringen, ändert sich Folgendes für unser Thema:

1. Religionskritik wird gesellschaftsfähig;
2. Magie wird salonfähig;
3. „Aberglauben“ ist überall…

Der „Salon“ ist dabei hervorzuheben: Es beginnt die Zeit, in welcher Menschen magische Künste darbieten. Während die einen betonen, dass sie nur Tricks anwenden, ihre Show eine Illusion sei, versuchen andere zu überzeugen, wirkliche Kontakte mit der jenseitigen Welt zu haben. Andererseits können letztere wiederum solche Kreise um sich bilden, dass sie wieder in die Nähe der pietistischen Zirkel und Gemeinden kommen. Die Zeit der Aufklärung ist von einer Auseinandersetzung solcher Gegensätze wie pietistischer Frömmigkeit einerseits und ihrer Radikalkritik andererseits gekennzeichnet. Und das betrifft auch alles andere, was die sogenannte „Populärphilosophie“ der Journale und Magazine als „Aberglauben“ und „Schwärmerei“ ausmacht. Überspitzt kann man sagen, entwickelt sich daraus neben der Literatur- und Kunstkritik auch eine frühe Psychologie und sie stellt eine Vorform der späteren Sektendebatten dar (vgl. Interview „In Sekten?“). Ähnlich kann man überlegen, inwiefern diese Ausgrenzungsstrategien aus den vorherigen in einer Transformation hervorgegangen sein könnten.

Aus dem späten Humanismus heraus entworfen, setzte mit dem allgemeinen Sammlungsinteresse der „aufgeklärten“ Wissenschaften ab dem 18. Jahrhundert auch eine Transformation der barocken Wunderkammern in disziplinspezifische Sammlungen ein. Zu dieser Zeit begannen auch vermehrt die Sammlungen von regionalen Sagen oder eben von „Märchen“ am Buchmarkt zu erscheinen.

Die Seiten-Abbildungen zeigen Karl von Eckartshausen: Entdeckte Geheimnisse der Zauberey zur Aufklärung des Volks über Aberglauben und Irrwahn, Titelkupfer, München: Jopseh Lentner (1790); Johann Samuel Halle: Magie oder die Zauberkräfte der Natur so auf den Nutzen und die Belustigung, Wien (1787); Gemälde „Sturm auf die Bastille“ am 14. Juli 1789.

Von der Romantik zur Moderne

magie6In seiner schriftlichen Form ist das Märchen immer schon „Kunstmärchen“. Die Existenz einer oralen Vermittlungskultur neben einer schriftlichen sollte nicht den Blick verstellen. Auch der Buchdruck verdrängte nicht unmittelbar die Handschriftenkultur. Sie bestanden lange nebeneinander und ergänzten sich. Der Irrtum besteht nur darin, eben eine solche urtümliche Authentizität dem Märchen zu unterstellen. Ein solcher Blick wird heute gerne romantisierend genannt. Aber das ist verkürzt. Die Entwicklung eines Konzepts des Märchenhaften ist sogar eher ein direktes Produkt der Aufklärung. So wie die Hexen in ihrer Psychologisierung quasi erfolgreich „gebannt“ sind (bzw. die Gewaltexzesse), so wird die „magische Welt“ extrapoliert – also eine Poesie des Wunderbaren entwickelt, welche ihre Zauber zwischen Schrecken und Orient sortiert. Es sind die Aufklärer, welche in ihren Regelpoetiken diese Poesie erarbeiten – als abschreckendes Beispiel einer falschen „schwärmerischen“ Dichtung (und sie hatten genügend zeitgenössische Beispiele). Dagegen stellen sie ihre Regeln für eine vernünftige Poesie. Zugleich führt dies dazu, dass Erzählungen aus anderen Kulturen gerne als „Märchen“ übersetzt und publiziert werden.

Die sogenannten Romantiker waren nicht mal mehr die ersten, die versuchten, diese Regeln zu brechen. Noch eine Generation früher waren es solche Autoren, wie sie später unter „Sturm & Drang“ firmieren sollten. In gewisser Hinsicht entwickeln die Autoren der Frühen Romantik in Jena die Philosophien der Aufklärung weiter bzw. antworten auf diese. Vereinfacht gesprochen geht es um eine Verbindung von Poesie, Religion und Wissenschaft zu einer universalen Disziplin. Die so entstehende Dichtung entwirft eine symbolische Deutung der Welt, die letztlich auf das Unendliche verweise.

Der Orient und Indien werden aus verschiedenen Gründen Bezugspunkte einer neuen Orientierung. So sind es die frühen Romantiker Friedrich und August Wilhelm Schlegel, welche beginnen, indische heilige Schriften zu übersetzen, etwa die Bhagavadgita, den Gesang des Erhabenen. Neben einer strikt somatisch (organisch) ausgerichteten Psychologie entwickelt sich eine romantische Psychologie.

magie7Man kann viele der entwickelten romantischen Konzepte als alternative Sinnsuche deuten (wie bereits bei den Hermetikern zuvor). Das Vakuum, welches die Aufklärung in dieser Lesart für manche hinterlassen habe, bedarf eines neuen Inhalts. Auch Nationalismus konnte diese Lücke füllen (vgl. Interview zu „arteigener Religion“). Die bereits aus anderen Interessen begonnenen Studien in Volkskunde, Philologie oder Religionswissenschaft wurden schließlich instrumentalisiert. Es galt Inhalte zu produzieren, um Deutschland als eine Kulturnation zu erschaffen. Diese Interessen modifizierten sich bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein. Das Element einer rassenkundlichen Überhöhung gehörte nicht von Anfang an notwendig hinzu.

Aus einem nationalen Interesse heraus wurden philologische Projekte wie das Wörterbuch der Deutschen Sprache oder die Märchensammlung begonnen (die im übrigen in vielen Fällen auf schriftliche Quellen zurückgreift). Die Gebrüder Grimm gehörten allerdings auch zu den demokratisch gesinnten Göttinger Sieben.

Zugleich darf nicht vergessen werden, dass gerade die Verfilmungen von Märchen der Gebrüder Grimm in der Zeit des Nationalsozialismus alles andere als unschuldig sind. Neben der abgebildeten Gretel, wie sie die Hexe in den Ofen schubst, wurde der gestiefelte Kater zum „Führer“ erhöht und das tapfere Schneiderlein verteidigte „das Reich“ gegen allerlei märchenhafte Unholde.

Die Seiten-Abbildungen zeigen Caspar David Friedrich: Ruine Eldena 1 (1825); Porträt des Dichters Novalis von Friedrich Eduard Eichens (1845); Philipp Otto Runge: ‚Morgen‘ – das Wunder allen Wachstums (1808/09); Porträt der Gebrüder Grimm von Elisabeth Jerichau-Baumann (1855); zeitgenössische Illustration der Märchen von Ludwig Richter (1850); Film „Hänsel und Gretel“ (1940).

Magie in und außerhalb moderner „Märchen“

Die Aufklärung begünstigte ebenfalls, dass sich kreativ mit religiösen Ideen anderer Kulturen auseinandergesetzt werden kann. Es geht um Menschen wie Éliphas Lévi, der die Begriffe „Esoterik“ und „Okkultismus“ in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts populär machte, Madame Blavatski, die manche die Mutter der modernen Esoterik nennen (vgl. unsere Kurzinformation Esoterik), oder Aleister Crowley, auf den einige magische Orden aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgehen. In den 1950er Jahren sollte Gerald Gardner (aus entsprechendem Umfeld kommend) die moderne Hexenreligion Wicca begründen (vgl. Interview sowie unsere Kurzinformation). Überhaupt entwickelt sich in der alternativen religiösen Szene genau jenes internationale „neue“ Heidentum, welches in der Frühen Neuzeit gefürchtet wurde. Das gilt insbesondere hinsichtlich des Grades an Universalisierung, wenn man auf Wicca oder Formen von sogenannten „Neo“-Schamanismus schaut (vgl. unsere Kurzinformation „Schamanismus“). Aber auch die aktuellen „ethnisch“ orientieren Paganismen bilden heute zu guten Teilen mit unmittelbar zuvor genannten eine gemeinsame Szene.

Das aus dem schwarzromantischen Schauerroman herkommende Konzept der „Phantastik“ findet daneben seine Popularisierung als „Horror“ und „Fantasy“ (vom Herrn der Ringe zu Bibi Blocksberg und Harry Potter). Ähnlich den Naturgeschichtsmuseen, die zum Teil immer noch die menschliche Entwicklung über die in Folge gestellte Darstellung außereuropäischer Kulturen suggerieren wollen, bieten Horror und Fantasy eine Art Museum der Zivilisationsgeschichte. In ihm befindet sich alles, was die Selbstversicherungsdiskurse der Naturwissenschaften als sozusagen „märchenhaft“ ausgeschlossen haben.

Märchen im 21. Jahrhundert

magie8Und die Märchen selbst? In einem amerikanischen Reiseführer über Deutschland las ich mal, es handele sich um ein schizophrenes Land: Einerseits sei es der Ort, an dem unsere [sic!] Märchen spielen, andererseits dasjenige Land, dessen Bevölkerung die schwersten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen habe. Das Zitat verrät auch, die Märchen der Gebrüder Grimm haben eine internationale Reise begonnen. Längst sind sie in China und Japan bekannt; es gibt Übersetzungen ins Usbekische (vgl. Abb.). Zugleich wird aus dem universell gewordenen Konzept Märchen die Grundlage psychologischer wie esoterischer Theorien. Die Ratgeber-Literatur hat das Märchen bereits für sich entdeckt – und manche Märchensammlung verkauft sich gut als „Märchen-Apotheke“ (Untertitel: „Grimms Märchen als Heilmittel für Kinderseelen“). Doch kaum wer bedenkt dabei noch die Geschichte des Märchens wie des scheinbar Märchenhaften, die über weite Strecken auch eine gewalttätige war. Und das ist kein naiv religionskritischer Schluss: Auf dieser Täterbank sitzen nicht allein religiöse Menschen. Vielmehr waren und sind es die anderen Kulturen mitsamt ihren Religionen, auf deren Rücken diese Diskurse der westlichen Geschichte „Wahrheit“ produzieren und als Nebenprodukt entsteht das Konzept des Märchens.

Die Seiten-Abbildungen zeigen „Hänsel und Gretel“ auf Japanisch, Märchen auf Usbekisch.

Christoph Wagenseil

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