Religion und Öffentlichkeit am Beispiel der Medienberichterstattung zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage


Ob es bei der Deutschen Bank um den Ackermann-Nachfolger Anshu Jain und seine Herkunftsreligion, den Jainismus, geht oder um aktuelle US-Präsidentschaftskandidaten – auf einmal spielen die auf diese Weise ins Gespräch kommenden Religionen in den Medien eine Rolle. Während die Medien auf diese Weise Privates in das Blickfeld des öffentlichen Interesses erheben, spielen Religionen als öffentlicher Akteur selbst zunehmend eine marginaler werdende Rolle – zumindest äußern Vertreter der Religionen solche Wahrnehmungen mit Besorgnis (man vgl. Blog-Artikel „Wie steht’s mit der Offenheit für Religionen in Großbritannien? – Die Baroness, der Papst, die Jedi-Ritter und die Medien„). REMID möchte zu diesem Fragenkomplex eine Artikelserie starten, die mit interessanten Beiträgen aus verschiedenen Perspektiven das aktuelle Verhältnis von Religionen und Öffentlichkeit erörtert. Den Anfang macht ein Interview mit Dr. Ralf Grünke, Sprecher der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage als stellvertretender Direktor des Europäischen Büros für Öffentlichkeitsarbeit.

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Gotteshaus der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Berlin-Tiergarten.© 2012 Intellectual Reserve, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Schon der Stifter der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Joseph Smith, kandidierte für das Präsidentschaftsamt in den USA. Welche Rolle spielt für Mitt Romney, der vor Ostern von den Medien bereits zum Favoriten für die Kandidatur der Republikaner erklärt wurde, seine Religion?

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist parteipolitisch strikt neutral und äußert sich weder zum Programm noch zur Person politischer Kandidaten. Ob es sich dabei um einen „Mormonen“ handelt oder nicht, spielt keine Rolle. Unabhängig davon, ob jemand ein politisches Amt anstrebt oder nicht, bewegt der Glaube praktizierende Heilige der Letzten Tage dazu, sich im Gemeinwesen zu engagieren. Eine neue Studie der University of Pennsylvania zeigt, dass aktive Mitglieder unserer Kirche „beträchtlich mehr ehrenamtliche Hilfe leisten und Geld spenden als der Durchschnittsamerikaner; sie gehen sogar noch großzügiger mit Zeit und Geld um als das obere Fünftel der religiös eingestellten Amerikaner“. Ob im Landtag, als Bürgermeister, im Kommunalparlament, in Elternbeiräten oder in den Vorständen zahlreicher Vereine und Initiativen – auch hierzulande übernehmen unsere Gläubigen Verantwortung für die Gesellschaft.

Sein ursprünglicher Konkurrent im konservativen Lager, Rick Santorum, sprach aber ebenfalls ein besonderes christliches Klientel an? Wie kann man dieses verorten in God’s Own Country, in der religiösen Szene des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten?

Wie bereits erwähnt, äußern wir uns nicht zu politischen Kandidaten. Dass Religion in den USA im öffentlichen Leben präsenter ist als in Europa, liegt auf der Hand. Das allmähliche Verdrängen der Religion aus dem öffentlichen Raum – sowohl in den USA wie auch in Europa – halten wir für bedenklich (siehe Transkript aus einem Gespräch mit Lance B. Wickman von 2010).

Jürgen Osterhammel nannte die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bzw. die Bewegung der Mormonen „die amerikanischste unter allen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts“ (vgl. auch Blog-Artikel „Wessen Geistes Kind? Neue Religionen, alte Traditionen und die Crux des Systematikers„). Wie sind solche Statements einzuordnen?

Wie der Historiker Jürgen Osterhammel seine Aussage verstanden haben will, müsste man ihn selbst fragen. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wurde 1830 in den USA gegründet und hat ihren Sitz in Salt Lake City. Sie ist heute die viertgrößte christliche Konfession in den Vereinigten Staaten (vgl. Mitteilung in den Nachrichten des amerikanischen Kirchenrates). Trotz der langen Tradition und starken gesellschaftlichen Präsenz meinen sechs von zehn amerikanischen „Mormonen“, dass ihre Landsleute nicht gut über ihren Glauben informiert sind. Gleichzeitig beobachtet eine Mehrheit der Heiligen der Letzten Tage in den USA eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz. Dies geht aus einer aktuellen Studie des Pew Forums hervor. Mitglieder der Kirche in Deutschland sehen sich nicht als Teil einer amerikanischen Religion, sondern als Teil einer weltumfassenden Gemeinschaft von Christinnen und Christen. Deutsche „Mormonen“ haben ihre eigene Geschichte. Helmuth Hübener, der als jüngstes Opfer des Volksgerichthofes für seinen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime im Alter von 17 Jahren in Berlin-Plötzensee enthauptet wurde, war bekennender Heiliger der Letzten Tage. Das Berliner Dialogforum der Kirche ist nach dem deutschen Pädagogen und „Mormonen“ Karl G. Maeser benannt. Maeser wurde 1828 in Meißen geboren, wanderte 1856 in die Vereinigten Staaten aus und legte dort den Grundstein für eine der größten Privatuniversitäten, der Brigham Young University (siehe Themenseite zum Karl-G.-Maeser-Forum). Übrigens leben seit über 15 Jahren mehr „Mormonen“ außerhalb der USA als innerhalb. Tatsächlich wäre es religionsphänomenologisch zu kurz gegriffen, die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage allein als Ausdruck amerikanischer Glaubenskultur oder -geschichte zu deuten.

Wie sehr ist das Interesse am Mormonentum des potenziellen US-Präsidentschaftskandidaten der Republikaner auch etwas Europäisches? Ich denke auch an die grundsätzlich andere Verankerung der Religionen z.B. in Deutschland mit Amtskirchen und Freikirchen…

Über die Pressestelle der Kirche in Frankfurt am Main bricht derzeit eine Flut von Medienanfragen herein. Häufig betrachten Journalisten die „Mormonen“ als einen amerikanischen Glauben, der hierzulande erklärungsbedürftig ist. Dass unsere erste deutsche Gemeinde bereits 1843 in Darmstadt gegründet wurde und heute über 38.000 Christinnen und Christen in Deutschland ihre religiöse Heimat in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage finden, überrascht viele Redakteure.

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Präsident Thomas S. Monson (Mitte), Präsident Henry B. Eyring (links) und Präsident Dieter F. Uchtdorf (rechts) bilden die Erste Präsidentschaft der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Im Bild vor Beginn der Versammlung in Salt Lake City am 31. März 2012 bei der halbjährlichen Generalkonferenz.© 2012 Intellectual Reserve, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Überhaupt: Wenn Sie die Situation der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in den USA mit der in Deutschland vergleichen?

Offensichtlich gibt es einen Größenunterschied. In den USA leben über sechs Millionen „Mormonen“, was immerhin zwei Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Hierzulande sind es lediglich 38.000 Gläubige, also ein halbes Promille der deutschen Bevölkerung. Was die religiöse Erfahrung angeht, so gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied. Für Heilige der Letzten Tage hier wie dort steht die Nachfolge Jesu im Mittelpunkt ihres religiösen Empfindens sowie ihrer Glaubenspraxis.

Auch in Deutschland gehören die Mormonen zu den größeren christlichen Denominationen. Allerdings scheint die Frage, ob sie protestantisch bzw. christlich sind, unterschiedliche Antworten zu finden. Auch REMID hatte sie früher in seiner Statistik zeitweise unter „Sonstige“ (in den 1990ern) verortet.

Das Wichtigste zuerst: Mormonen sind Christen. Jesus Christus ist der zentrale Inhalt unserer Lehre und der Ausgangspunkt für unsere religiöse Praxis. Wir nehmen jeden, der an Jesus Christus als Sohn Gottes und Erretter der Welt glaubt, als Mitchristen an, ungeachtet theologischer Unterschiede. Theologen anderer Konfessionen entwerfen häufig ein engeres Raster und zählen nachbiblische Traditionen sowie Konzilbeschlüsse zu den Muss-Kriterien für die Einordnung einer Gemeinschaft in das Christentum. Für den Dialog unter Menschen verschiedener Glaubensrichtungen halten wir dies nicht für förderlich.

Sind wir Protestanten? Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage steht weder in der protestantischen noch in der katholischen Tradition, sondern versteht sich als Wiederherstellung der christlichen Urkirche. Zwei Kommentare zum Mormonenbegriff: Erstens handelt es sich ursprünglich um einen Spottnamen, der aber längst Eingang in den Sprachgebrauch der Gläubigen selbst gefunden hat (siehe Artikel bei presse-mormonen.de). Zweitens empfinden wir die häufige Verwendung der Bezeichnung „Mormonen“ als allgemeinen Gattungsbegriff für alle Gruppierungen, die sich auf Joseph Smith berufen, als problematisch. Mit Ausnahme von Wikipedia definieren alle gebräuchlichen Nachschlagewerke den Terminus „Mormonen“ allein als umgangssprachliche Bezeichnung für Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Das „Associated Press Stylebook“, die „Bibel“ des internationalen Journalismus, regelt übereinstimmend: „The term Mormon is not properly applied to other Latter Day Saints churches that resulted from the split after Smith’s death.” (Ausgabe 2011, S. 54) Das Landgericht Frankfurt entschied in einem Urteil vom 27. Februar 2003, dass die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage für die Bezeichnung „Mormonen“ Namensschutz gemäß § 12 BGB genießt. Als Gattungsbegriff attestiert der Ausdruck “Mormonen” eine nicht vorhandene inhaltliche Nähe unter meist äußerst unterschiedlichen Gruppierungen und führt so zu Missverständnissen, besonders in der Medienberichterstattung.

Was die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen bzw. Religionen betrifft, gibt es da Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Situation? Gibt es jeweils auch Veränderungen der Beziehungen im Laufe der letzten Jahre?

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage engagiert sich im interkonfessionellen und interreligiösen Dialog, nicht nur in den USA, sondern weltweit. Sie arbeitet mit anderen Glaubensgemeinschaften zusammen, um sich für das Gemeinwesen einzusetzen, Bedürftigen zu helfen sowie um Toleranz und Respekt zu fördern. Sie ist Gründungsmitglied des Rates der Religionen in Frankfurt am Main und beteiligt sich an den Arbeitsgemeinschaften der Kirchen und Religionsgesellschaften (AKR) in Berlin, Hamburg und Niedersachsen. Im Umgang mit den Volkskirchen in Deutschland beobachten wir, dass man immer häufiger mit uns spricht statt nur über uns. Das begrüßen wir sehr.

Sie sprechen von der internationalen Verbreitung Ihrer Kirche. Wie würden Sie die Situation insgesamt in Europa einschätzen? Bzw. unsere LeserInnen dürfte auch interessieren, wie die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage z.B. in Afrika oder etwa Tonga wirkt?

In Europa leben knapp eine halbe Million Gläubige, die in fast 1.500 örtlichen Gemeinden sonntäglich Gottesdienste feiern. Leere Kirchenbänke sind bei uns die Ausnahme. Auch viele jungen Menschen finden den Weg zum Gottesdienst und engagieren sich aktiv im Gemeindeleben. Wir verzeichnen in Europa ein vergleichsweise langsames, aber stetiges Wachstum. In Afrika bekennen sich über 330.000 Christinnen und Christen zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Tendenz steigend. Vermutlich fragen Sie nicht zufällig nach dem Königreich Tonga. Dort ist heute fast jeder zweite Einwohner Mormone (45 Prozent).

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Der Nuku'alofa Tonga Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im Liahona-Bezirk nahe der Stadt Matangiake im pazifischen Inselstaat Tonga.

Bild von Tau’olunga unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

Gibt es eine offizielle Position Ihrer Kirche zu den anderen Kirchen, die sich auf Joseph Smith berufen?

Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, den Glauben anderer Kirchen zu kommentieren. Von denjenigen, die in den USA Polygamie praktizieren und in den Medien gelegentlich irrtümlicherweise als „Mormonen“ bezeichnet werden, haben wir uns deutlich distanziert, um Missverständnisse zu vermeiden (siehe Artikel „Polygamisten keine Mormonen“ sowie „Zwischen Mormonen und Polygamisten unterscheiden“ bei presse-mormonen.de). Mit der „Gemeinschaft Christi“ haben Treffen stattgefunden, auch in Deutschland (siehe entsprechenden Artikel).

Sie sprachen Religionen im öffentlichen Raum als Thema an. Wie hat sich Ihrer persönlichen Einschätzung nach deren Rolle in den letzten Jahren in den USA wie in Deutschland verändert? Sie sprachen von „Verdrängung“. Wer drängt im Spezifischen?

Eines vorab: die Trennung von Kirche und Staat ist als Grundsatz in unserem Schriftkanon festgeschrieben (siehe „Lehre und Bündnisse“, Artikel 134). Sorge bereitet uns, wenn der Ausdruck von Religion in der Öffentlichkeit grundsätzlich als Irritation wahrgenommen wird. Schwierig ist auch, wenn sich der Staat in die inneren Angelegenheiten von Kirchen und Religionsgemeinschaften einmischt. Nur ein Beispiel: In Großbritannien konnte eine Koalition verschiedener Kirchen (die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage eingeschlossen) im letzten Moment verhindern, dass Kirchen per Gesetz daran gehindert werden, von ihren Angestellten die Berücksichtigung und Einhaltung elementarer Glaubensgrundsätze zu verlangen (siehe das bereits oben angesprochene Transkript). Wer drängt? Es liegt uns nicht, mit Fingern auf andere zu zeigen. Lieber werben wir für den respektvollen Umgang unter Menschen verschiedenen oder keines Glaubens.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil

http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Tau%CA%BBolunga

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