Apokalypse sucht Zombies? Entsolidarisierung und Sündenbocksuche im Zeichen der Krise


Das amerikanische Centers for Disease Control and Prevention machte in einer Email vom 31. Mai gegenüber der Hufftington Post deutlich: „CDC does not know of a virus or condition that would reanimate the dead (or one that would present zombie-like symptoms)“. „Zombie Apokalypse“ war zuvor zu einer der häufigsten Eingaben bei Google in Amerika geworden. Menschen hatten nach dem Konsum einer Droge aus chinesischen Badesalzen andere Menschen angegriffen und … „angefressen“. Das CDC setzte allerdings bereits vor diesen Ereignissen auf „Zombies“ als Marketingstrategie: „Wer gut ausgerüstet ist für eine Zombie-Apokalypse, der wird auch gut vorbereitet sein für einen Hurrikan, eine Pandemie, ein Erdbeben oder eine Terroristenattacke“. „[O]b Börsenkrise, Naturereignis oder terroristischer Anschlag“ (S. 11) – seit 2010 hat auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe einen Leitfaden „Schutz Kritischer Infrastrukturen – Risiko- und Krisenmanagement„, bereits in der 2. Auflage, als Teil einer 2009 verabschiedeten „Nationalen Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen“. Der Survivalmarkt boomt. Aber eben auch die Anfeindungen und allgemeine Entsolidarisierung mit Gruppen, welche als vermeintlich Schuldige in Frage kommen.

Es ist vielleicht dabei wichtig, dass dieser Artikel mit einer Geschichte beginnt, die außerhalb Europas die Mediengemüter erhitzte. Nun mögen die eigentlichen Hintergründe eher sekundär mit dem Weltgeschehen verknüpft sein, also dass immer schneller neue Drogengemische auftauchen und der „Markt“ so auf die jeweiligen Verbotsverfahren reagiert, dass Massenarbeitslosigkeit und Armut grassieren und eben ein entsprechendes Klima begünstigen. Demgegenüber eine Blogger-Szene, die sich aufgrund entsprechender Einzelmeldungen fragen kann, ob es sich um eine Zombie-Apokalypse handeln könnte und deren Vertuschung vermutet – und damit verrät, dass hier derart verschiedene Lebenswelten aufeinanderprallen, dass für manche vielleicht wirklich gilt, dass ihnen ein Zombie-Virus wahrscheinlicher vorkommen muss als die reale Motivation, welche hinter dem Griff zu Armutsdrogen wie z.B. auch „Krokodil“ steht.

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Eine Inszenierung eines gekauften Zombie Survival Guides durch einen amerikanischen Fan. Anleihen an eine Symbolik des Wilden Westens sind nicht übersehbar.

So besteht denn auch in der Krisenfrage in den Kommentaren der Zeitungswebseiten (denen der User wie denen der Gastbeiträger) ein heterogener Deutungskampf darum, um was für eine Art Krise es eigentlich gehe. Sind es verschiedene Krisen, die nur eventuell „zufällig“ zur gleichen Zeit auftreten – und eben eine davon wäre dann die „Euro-“ oder „Schuldenkrise“? Ist es eine internationale Krise, also eine „Weltwirtschaftskrise“? Ist es dabei ein bestimmter Teilbereich, der verantwortlich gemacht werden kann? Also z.B. als eine „Bankenkrise“ bzw. „Krise des Finanzsektors“? Oder ist es im Sinne der Linken eine „Krise des Kapitalismus“, eine „Systemkrise“? Oder spezifischer eine „Wachstumskrise“ oder „Überproduktionskrise„?

Es kann nicht die Aufgabe eines Religionswissenschaftlers sein, diesen Fragen eine Antwort gegenüberzustellen. Es wäre vermutlich vermessen. Dennoch führen manche der verschiedenen Antwortoptionen der Fragen zu bestimmten Ressentiments gegenüber Minderheiten. Der sogar von der deutschen Politik der Regierungskoalition (aber auch von entsprechenden Apologeten innerhalb der SPD und der Grünen) befeuerte Diskurs um angeblich „faule“ Hartz-IV-Empfänger, Jugendliche, Ausländer bzw. dann Griechen ist nur die Spitze des Eisberges eines allgemeinen Anstiegs von intoleranten sowie rechten Gesinnungen und des Erfolgs rechter Parteien in der Krise – sei es die „Goldene Morgenröte“ in Griechenland, die „Front National“ in Frankreich, die „Partij voor de Vrijheid“ in den Niederlanden usw.

Andersherum bietet der moralische Rekurs auf die „Verantwortung“ der Banker, welche sozusagen zu sehr „kapitalismusgemäß“ handelten (oder der Glauben gelingt, es ginge tatsächlich allein um Straftaten wie Betrugsgeschäfte und Korruption), Anknüpfungspunkte an mindestens strukturell antisemitische Diskurse. Der „Wucher“-Vorwurf ist mit demjenigen identisch, wie er in der Geschichte vor Judenprogromen Verwendung fand. Auch die Unterscheidung zwischen „Real“- und (Hoch-)Finanzwirtschaft trägt Züge derjenigen rechtskonservativen bis nationalsozialistischen Diskurse, welche eine „natürliche“ Ökonomie propagierten (vgl. Anmerkungen zur Pius-Bruderschaft und zu Occupy im Artikel „Im Reigen der Propheten: Apokalypse in aller Munde„).

Grundsätzlich ist der moralische Diskurs, der im Grunde eher eine „Werte-Krise“ andeutet, für ReligionswissenschaftlerInnen interessant. Er kann religiös gefärbt sein. Selbst der erwähnte mindestens strukturelle Antisemitismus kann nicht nur bei der Pius-Bruderschaft Teil eines religiösen Deutungsmusters der Krise sein. Das Konzept einer „Werte-Krise“ selbst muss aber nicht notwendig (strukturell) antisemitisch sein. Vielmehr wird ein religiös oder humanistisch begründeter Werte-Kanon suggeriert, eine Art zweites Gesetz, welches zusätzlich zu den staatlich oder supranational durch Verträge festgesetzten Regelungen Gültigkeit beansprucht. Einfach gesagt: Bestimmte Dinge tut man nicht, auch wenn sie nicht verboten sind. Z.B. Hedge Fonds, die auf irgendwelche Untergänge wetten. Auch übertreten diese Objekte der moralischen Kritik nicht notwendig die Grenzen z.B. der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder ähnliches.

Dann haben wir durchaus auch Formen eines solchen Diskurses, welche „Schuld“ nicht notwendig allein bei bestimmten Anderen vermuten, sondern durchaus auch an die eigene Nase fassen (vgl. Artikel „Spirituelle Atheisten? Statistische Einblicke in aktuelle Formen weltanschaulicher Selbst-Verortung‘).

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Aufgenommen in Berlin, 15. Juni 2012.

Eine andere Variante eines solchen Diskurses kann „Arbeit“ als etwas Religiöses ausmachen – sei es als dasjenige, was man in seinem einzigen Leben idealistischerweise tun möchte oder sollte, oder als eine Kritik der Arbeit als eine irrationale Angelegenheit (vgl. Artikel „Religion und Arbeit: ein komplexes Verhältnis zwischen Vision und Ethik„). Zudem spiegeln diese Diskurse die Träume derjenigen gesellschaftstragenden Utopien wider, welche z.B. die deutsche Parteienlandschaft den größeren Teil des 20. Jahrhunderts bestimmt hatten (vgl. Artikel „Religion, Politik und Partei(programm): Von Glücksempfinden und gesellschaftstragenden Utopien„). Auch diese waren von moralischen Maximen geprägt. Schließlich geht es ja auch darum, Sinnstrukturen zu retten. Etwa die leider nicht energisch genug auftretenden Appelle zur Wahrung der Demokratie auch in Krisenzeiten, welche kritisch auf eine allmähliche Ersetzung demokratischer Strukturen durch technokratische Kommissionen aufmerksam machen wollen, vgl. z.B. Aufruf ‚We are all Greek Jews!‚:

Um d[…]en Europäischen Traum zu realisieren, müssen wir uns ständig vergegenwärtigen, dass dieser Traum auf den Ruinen des Nationalsozialismus gebaut wurde. Wir dürfen niemals die Shoah vergessen. Unser Traum sieht einen Kontinent frei von Rassismus und Antisemitismus. Dies ist ein Projekt auf der Grundlage von Einigkeit – über Grenzen hinaus. […]

Wir müssen zu aller erst dem Dogma der “Austerity” (Sparpolitik) entgegentreten. Dieses ist für grausame Schäden verantwortlich, ermöglichte Bedingungen, die den Erfolg von populistischen Parteien begünstigtsten und gefährdet nicht zuletzt die Zukunft der europäischen Jugend, um des Zahlens von Schulden willen – als ob gesamte Generationen auf dem Altar fortwährender „Austerity“ (Sparpolitik) geopfert werden müssten.

Wir müssen zweitens das Dogma der “European Fortress” (Europäischen Festung) bekämpfen: Dieser Ansatz fördert die Verbreitung gegen Migration gerichteten Reden wie auch eine Verfestigung europäischer Grenzen das Herz der europäischen Identität einer Nachkriegsgesellschaft unterläuft: das System der Sozialfürsorge – das Immigration zur Aufrechterhaltung benötigt…

Es ist von allergrößter Wichtigkeit für europäische Institutionen ihr Streben nach Demokratie, sozialem Fortschritt und die Beförderung von Gleichheit zu erneuern; durch den Schutz jener Bürger die – und dies noch dringlicher in Zeiten von Krise – das Ziel von sozialer und rassistischer Gewalt sind. (Quelle: ebd.)

Überhaupt ist natürlich ein moralischer Diskurs auch dazu geeignet, Sinnstrukturen zu restabilisieren. Der Gedanke, es gehe darum, Misswirtschaft als Ursache von Krisenerscheinungen zu beseitigen, d.h. eine Rückkehr zu einer wie auch immer vorgestellten Normalität sei möglich, erlaubt, die bisherigen Sinnstrukturen zu erhalten. Die Alternative besteht in dem Eintreten für eine andere Form von Sinnstruktur oder zumindest ein „Update“. Allerdings gibt es auch diejenigen, welche auf eine „Rückkehr der Steinzeit“ oder „des Mittelalters“ hoffen.

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Der GMF-Index (Gruppenfeindliche Menschenfeindlichkeit) in den einzelnen europäischen Ländern (Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung, fes 2011, S. 84, Abb. 10). Er integriert die sechs Faktoren Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie.

Einige der Zukunftsszenarien z.B. rechter Randgruppen malen sich eine ziemlich fundamentalistisch religiös geprägte Zukunft aus. Im rechtslastigen Schweizer Unitall-Verlag in der Reihe „Verbotene Zone“ ist das über Internet bestellbare „Jugendbuch“ von Hermann Wacken im Juli 2011 erschienen: „Die Gotteskrieger. Islamistische Republik Deutschland 2066“. Es handelt sich um eine Mischung aus islamophoben und nationalheidnischen Konzepten (vgl. Interview ‚Der “arische” Jesus und “arteigene Religion”: Neue Studie zu einem spirituellen deutschen Sonderweg‚ sowie Interview „Islamophobie: Pauschale Ablehnung einer gesamten Religionsgemeinschaft hat mit Religionskritik nichts zu tun„). Der Protagonist Ludwig Rauber wandelt sich in einem islamisch vorgestellten 1984 der Zukunft von einem Angehörigen einer Sicherheitsbehörde zu einem Kämpfer eines Untergrunds, der den germanischen Göttern huldigt. Überhaupt gehört in dieser Weltsicht der Religion die Zukunft:

„Im Jahr 2066 ist die Scharia in Europa allgemeingültiges Gesetz. […] Der Grüne Gürtel des Islam erstreckt sich von Indonesien über Afrika, den Staates des Baltikums bis nach Europa. Doch die Vereinigten Puritanischen Staaten, das Neo-Katholische Rom und die Orthodoxen Großreiche im Osten trotzen noch dem Einfluss der Islamisten, die sich mit ihnen in einem ständigen Dschihad befinden“. (Klappentext)

„[Innerhalb ausführlicherer Erzählung des Inhalts des Klappentextes.] Die zu Festungen ausgebauten Enklaven der Juden waren hingegen über die gesamte südliche Hemisphäre verteilt und wirkten wie wahllos über die Kontinente gekleckerte Flecke“ (S. 9).

Der Kontext in der Erzählung lässt Ludwig eine Weltkarte an der Wand neben einem Wartebereich mustern:

„Die Kontinente und Länder waren ihrer religiösen Zugehörigkeit entsprechend farblich gekennzeichnet. Der islamistische Machtbereich war grün gefärbt, der der Vereinigten Puritanischen Staaten scharlachrot, der des Neo-Katholischen Rom weiß. Die orthodoxen Großreiche im Osten waren in verschiedenen Grautönen gehalten, während die wenigen jüdischen Festungsenklaven pechschwarz waren“ (ebd. S. 9).

In einem einfachen Jugendbuchstil gehalten wird der Leser in eine krude Gedankenwelt eingeführt. Ludwig, der von Anfang an die Regeln des Islam nur oberflächlich befolgt, arbeitet in einer angepassten Variante derjenigen Institution des Wahrheitsministerium in George Orwells Roman „1984“, in welcher Winston Smith die Nachrichten zensierte und manipulierte. Hier ist es ein „Institut für Netzsicherheit“. Den Kapiteln sind dabei entkontexutalisierte Zitate vorangestellt:

„‚Das Letzte, was ich tun würde, wäre Zugeständnisse an eine Gesellschaft zu machen, wenn ich damit gegen Grundsätze meiner Religion verstoßen müsste.‘ Maryam Brigritte Weiß, Lehrerin, Konvertitin, Frauenbeauftragte und 2010 stellvertretende Vorsitzende des ZMD (Zentralrat der Muslime in Deutschland)“ (S. 81, 2. Kapitel)

„‚Die Sehnsucht nach Glauben statt Verstehen scheint tief.‘ Alice Schwarzer, Islamismusgegnerin aus der Frühzeit der Islamisierung Deutschlands“ (S. 177, 4. Kapitel).

Auch wenn es bei Anders Breivik und einigen neurechten Autoren 2083 war und nicht 2066, dieser nicht als einziger eine Art Christentum als Kulturform bzw. gar eine neue christliche Kirche propagierte, während im aktuellen Beispiel ein heidnischer Gegenpol konstruiert wird (vgl. auch Telepolis-Artikel „Breivik und die Philosophie„): In dieser Weltsicht gibt es nur Fundamentalismen. Es kann gar nicht anders sein. Die im Buch erdachte „Straße der einzigen Wahrheit“ (neben einer „Straße des 11. September“) ist nur gerade in einer bestimmten Hand. Aber sie ist das allgemeine unerklärte Ziel.

Dieses rechtsextreme Beispiel ist nur eine abseitige Variante eines moralischen Diskurses. Die (moralische?) Krise ist hier bereits historisiert. Man merkt diesem neo-konservativen Geist seinen zeitlichen Abstand zur Epoche der Aufklärung an (vgl. Artikel „Das kategorische Dilemma des Konservativen„). „Schuld“ tragen hier die Europäer selbst. Die fundamentalistischen Argumente dafür werden dabei mit den imaginierten „Islamisten“ der Zukunft geteilt. Vorwürfe von Dekadenz und sogenanntem „Gutmenschentum“ werden als Kritiken kompatibel. Die allgemein hinzukommende ursprünglich neoliberal motivierte Beförderung von Entsolidarisierung der Bevölkerungsgruppen untereinander ist ebenfalls in ein solches Weltbild einpassbar.

Ohne eine alternative Krisendeutung vorgeben zu wollen, sind doch solche Deutungsmuster energisch zurückzuweisen, welche Sterotype diskriminierend einsetzen, um Sündenböcke für die aktuelle Misere in die Wüste zu schicken. Das ist im Grunde der gleiche Zynismus wie derjenige, mit dem Zombiefilme spielen, wo – dort aber fiktiv – Menschen aufgrund ihres zombiegewandelten untoten Status ihr Menschsein (und ihre Grundrechte) verlieren (vgl. Artikel „Der Horrorfilm als derbe Predigt – bluttriefende Moraldidaxe im Kino„). Oder derjenige Zynismus der amerikanischen Fans dieses Genres sich ausgerechnet für eine Zombie-Apokalypse rüsten zu wollen. Es ist nicht auszumalen, ob das ein unbewusster Ausdruck eines  in Zukunft befürchteten Kampfes aller gegen alle unter der Maxime des Notkannibalismus (vgl. Film „The Road“ von 2009) sein soll – oder eher Anzeichen einer krassen Entfremdung diverser Bevölkerungsgruppen, welche bereits jetzt mit ähnlich abwertenden Blick manches Gegenüber entrechten.

Vor solchen einfachen Antworten, welche bereits als geistige Festungen aufgebaut (und wie oben gesehen entsprechend anderen zugeschrieben) werden, kann nur gewarnt werden. Auch wenn es nicht Aufgabe des Religionswissenschaftlers ist, Wirtschaftskrisen zu erklären, so fallen doch einige der Deutungsmuster in sein Ressort. Und manche davon deuten auf gefährliche Tendenzen.

Christoph Wagenseil

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