Religion und Missbrauch: Die neue Sorge um das Kind

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Während gerade in Berlin an einer  Übergangsregelung für die Beschneidung des muslimischen und jüdischen Nachwuchses gearbeitet wird, ist das öffentliche Interesse an der Zirkumzision wieder zurückgegangen. Ein Kölner Urteil hatte entschieden, dass die Beschneidung Heranwachsender aus nicht-medizinischen Gründen gegen Menschenrechte verstoße – nämlich gegen die Unversehrtheit des Körpers in Kombination mit der Entscheidungsunmündigkeit des Kindes. Die Debatte findet seit Juni 2012 nicht mehr allein in Fachkreisen (vgl. z.B. Artikel im Ärzteblatt von 2008) statt. Nun soll es weder darum gehen, juristisch zu spekulieren, wie westliche Rechtskonzepte den sich andeutenden Konflikt mit der Religionsfreiheit lösen werden oder sollten, noch darum, hinter den Äußerungen zum Wohl des Kindes einen eigentlich rassistischen bzw. antisemitischen Unterton zu vermuten. Wichtiger erscheint es, darauf aufmerksam zu machen, dass diese besondere Debatte als Teil eines aktuellen, umfassenden Diskurses um das Kind und seine zu schützende Unversehrtheit weitaus früher begann – noch vor den Skandalen um sexuelle Missbräuche in der katholischen Kirche  seit Februar 2010 (und spätestens seit März auch bezogen auf die Reformpädagogik, z.B. „Erwachen in Wolkenkuckucksheim“ mit Untertiteln wie „Warnung vor den Gurus“ in der Süddeutschen). Nämlich etwa mit dem Vorwurf von erklärten Atheisten wie Richard Dawkins und Christopher Hitchens, Religion sei grundsätzlich „mentaler“ Missbrauch von Kindern.

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Das Motiv zerbrochener Puppen (bzw. überhaupt kaputtes bzw. verlorenes Spielzeug) gilt inzwischen als Symbol für Kindesmissbrauch. Älter ist es als Sinnbild für eine Krise in der Kindheit, etwa in dem Film "Die zerbrochene Puppe" von 1914 aus dem Murnauer Künstlerkontext.

Bild von Anna Bauer unter Creative Commons Lizenz CC-BY-3.0.

Bereits am 10. September 2007 erschien im Spiegel ein Interview mit Richard Dawkins:

Dawkins: Besonders empört mich die Indoktrinierung der Kinder. Ich halte Religion für eine Form mentalen Kindesmissbrauchs. Es ist ungeheuerlich, dass unsere Gesellschaft schon Babys Etiketten anheftet: Du bist ein katholisches, du ein protestantisches Kind. Wir würden nicht im Traum daran denken, von einem marxistischen oder einem konservativen Kind zu sprechen!

SPIEGEL: Wie soll denn solch ein Etikett schaden?

Dawkins: Es bürdet den Kindern eine Menge Gepäck auf, es macht sie verletzlich. Vielleicht nicht in Deutschland, aber ganz sicher in Nordirland, im Irak, in Israel. Und selbst wenn es nicht unmittelbar gefährlich ist – es ist eine Bevormundung. Lange bevor das Kind alt genug ist, eine eigene Meinung zu haben über den Kosmos, die Moral, die Menschheit, wird es abgestempelt zu jemandem, der an die Dreieinigkeit glaubt …

SPIEGEL: Mentaler Kindesmissbrauch? Ein schwerer Vorwurf.

Dawkins: Ist es auch. Ich halte es für schlimm, kleinen Kindern zu erzählen, dass von ihnen geliebte Menschen in der Hölle schmoren werden, weil sie zum Beispiel Protestanten sind.

(Quelle: Spiegel Nr. 37/07, „Ein Gott der Angst“, Interview von Rafaela von Bredow und Johann Grolle)

Entsprechendes steht im neunten Kapitel des 2006 erschienenen Buches „Gotteswahn“ (englisch: „The God Delusion“). Ähnlich heißt auch bei Christopher Hitchens‘ Buch „Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet“ von 2007 das 16. Kapitel „Ist Religion Kindesmisshandlung?“:

„Wenn wir abwägen, ob die Religion mehr geschadet als genützt hat – und das sagt noch gar nichts über Wahrheit oder Authentizität aus -, führt uns das zu der schwierigen Frage, wie viele Kinder in Folge der Zwangsindoktrination durch den Glauben psychisch und physisch irreparable Schäden davongetragen haben“ (S. 263).

Der Autor wählt nach dieser Einleitung den Zugang über ein literarisches Beispiel aus James Joyce‘ Roman „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ (1916). Nach dessen Schilderung urteilt Hitchens:

„Es ist nicht zu übersehen, dass der Priester mit seinen Worten darauf abzielt, den Kindern Angst einzujagen. Erstens wählt er kindliche Bilder. […]

Seit Jahrhunderten werden erwachsene Männer dafür bezahlt, Kinder auf diese Art zu erschrecken, aber auch dafür, sie zu foltern, zu schlagen und zu vergewaltigen, so wie sie es in Joyce‘ Erinnerung und der Erinnerung zahlloser anderer Menschen getan haben.“ (S. 264)

Sexuelle Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche waren in den USA bereits zuvor ein öffentlich diskutiertes Thema. Entscheidender ist allerdings, dass in der Mitte des Kapitels die Beschneidung (an Mädchen wie an Jungen) als zentrales Argument angeführt wird (S. 270):

„Wir haben es hier nicht mit einigen wenigen Delinquenten unter den Schäfern zu tun, sondern mit dem Ergebnis einer Ideologie, die dem Klerus die Macht zu sichern suchte, indem sie sich die Kontrolle über den Sexualinstinkt, ja über die Sexualorgane der Menschen anmaßte.“ (S. 276)

Auch wenn es so klingt („Klerus“), es geht nicht allein um die katholische Kirche oder das Christentum. Man mag den Sprachstil reißerisch finden, doch der inzwischen verstorbene Journalist und sein Werk sind beinahe genauso prominent wie Dawkins. Gemeinsam versuchten die beiden Bestseller-Autoren im April 2010 beim damaligen Papstbesuch in England mit einer antireligiösen Kampagne auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Der Papst solle verhaftet werden, weil er sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht habe (vgl. auch Artikel Wie steht’s mit der Offenheit für Religionen in Großbritannien? – Die Baroness, der Papst, die Jedi-Ritter und die Medien) .

Entscheidender ist, dass die Fälle von tatsächlich körperlicher Gewalt (seien sie bereits strafrechtlich relevant wie der sexuelle Missbrauch oder stehen wie die Beschneidung männlicher Minderjähriger aus religiösen Gründen diesbezüglich zur Diskussion) bei diesen Autoren nur die Spitze eines Eisberges darstellen, der bereits bei jeglicher religiöser Unterweisung von Heranwachsenden beginne. Wenn man wollte, könnte man den Autoren eine Instrumentalisierung der beiden Themenkomplexe vorwerfen (genau genommen reicht die Kritik der religiösen Indoktrination bis zur Folter während der Inquisitions- und Hexenprozesse).

Der Pädagoge – und um ihn (sie) geht es in dieser Debatte im Besonderen – ist potenziell Folterknecht, insofern er indoktriniert. Der anfangs zitierte Hinweis auf den Einbezug der Reformpädagogik in die Debatte um sexuellen Missbrauch deutet dabei darauf hin, dass es nicht einmal um eine besondere katholische, jüdische oder muslimische Indoktrination gehen muss. Auch das „Wolkenkuckucksheim“ alternativer Erziehungskonzepte müsse jetzt „seine Theorie prüfen“ (Tanjev Schultz in der Süddeutschen). In dieser Hinsicht waren aktuelle Veröffentlichungen zum Stefan-George-Kreis und seiner Wirkungsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend für die Richtung der Argumentation (vgl. Julia Encke: Der Übervater der Reformpädagogik: Päderastie aus dem Geist Stefan Georges? Ein Gespräch mit Biograph Thomas Karlauf in der FAZ vom 5. April 2010). Zwar mögen die angesprochenen Aspekte der platonischen Betonung des Eros, der lebensreformerisch, phänomenologisch oder esoterisch begründeten Konzepte der „Einfühlung“ oder der besonderen Erhöhung des Kindes in romantischer Manier durchaus aktuell Pädophilie assoziieren lassen, gleichzeitig stehen gerade diese Werte doch für das pädagogische Anliegen überhaupt, eben nicht von jungen Erwachsenen (im Sinne einer Verwertungslogik) auszugehen, sondern die Jugend in ihrer Eigenwertigkeit ernst zu nehmen. Insgesamt will „Bildung“ auch deshalb mehr sein als „Ausbildung“ und erzeugt dadurch denjenigen Widerspruch, an dem sich die Pädagogik abarbeitet: den Unterweisungscharakter früherer Formen religiöser Erziehung zu überwinden (nur zu begleiten) und gleichzeitig doch anzuleiten im Sinne einer ganzheitlichen Charakterbildung (vgl. Artikel „Ressource oder Wachstumsblase Bildung? “Religiöse” und utopische Aspekte eines besonderen Konzeptes“ sowie Interview „Religiöse Erziehung im Islam: Gender-Perspektiven, Elternbilder und ethnischer Kontext in Deutschland und Ägypten„).

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Maximilian Kronberger, eigentlich Max Konrad August Kronberger, hatte eine besondere Beziehung zum Dichter Stefan George. Nach dem krankheitsbedingten Tod als Sechszehnjähriger erfuhr "Maximin" durch ein "Gedenkbuch" von 1907 Verehrung im George-Kreis. Die kontextuell relevante Betonung der Jugend hat Diskursbezüge bis in lebensreformerische und reformpädagogische Bewegungen der Zeit. Im Oktober findet in Stuttgart eine Tagung der Stefan-George-Gesellschaft zum Thema "George und die Religion" statt - unter starker Beteiligung von Religionswissenschaftlern. Ein Klick aufs Bild führt zum Programm der Tagung.

Der Unterschied zur Regelschule besteht ja gerade in einem potenziell intensiveren (und entsprechend persönlicherem) Verhältnis – zumindest in der Theorie. Allerdings wird gerade eben diese Theorie angegriffen und nicht allein die jeweiligen Tätersubjekte. Indirekt wird also entsprechend die Distanz und das gemäßigtere Maß an „Bildung“ an der Regelschule in ein positives Licht gerückt.

Sicherlich ist die Sorge um das Kind und seine Unversehrtheit bzw. eine mögliche „Krise der Pädagogik“ nicht das Hauptanliegen der zitierten religionskritischen Bücher.  Letztere hatte übrigens bereits Hannah Arendt in einem Vortrag von 1958 festgemacht. Ihre Position (die Autonomie des Kindes führe zu seiner Tyrannei, es werde eine „künstliche Kinderwelt“ gegenüber der der Erwachsenen konstruiert) ist in gewisser Hinsicht konservativ:

„Die Autorität ist von den Erwachsenen abgeschafft worden, und dies kann nur eines besagen, nämlich daß die Erwachsenen sich weigern, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in welche sie die Kinder hineingeboren haben.“ (Hannah Arendt: Die Krise in der Erziehung. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I, München, 2000, S. 271).

Ähnlich früh setzt eine aktuelle pädagogische Publikation zum Thema an:

Eine Krise der Erziehung ist vielfach konstatiert worden. Bis in die jüngste Vergangenheit hinein verfolgt der Gedanke der Krise die Geschichte der Pädagogik wie ihr heimlicher Schatten. In den 1960er Jahren prägte Georg Picht den Begriff der „Deutschen Bildungskatastrophe“. Im pädagogischen Diskurs ist dieses Szenario bis heute präsent. Auch Manfred Bönsch setzt sich in seiner Monographie „Erziehung in der Krise? – Pädagogik in Krisen“ mit dem pädagogischen Krisenbewusstsein auseinander. (Erziehungswissenschaftliche Revue 7, Nr. 4, 2008, zum Buch von 2006).

Mit Hermann Giesecke, der zum „Klassiker“ der Pädagogik wurde und zugleich 1985 das „Ende der Pädagogik“ erklärte, wird ein anderer Aspekt dieser „Krise“ deutlich. Der Autor verfolgt eine Debatte um „die ’schädlichen‘, ‚erziehungswidrigen‘ Einflüsse des öffentlichen Lebens, vor allem des Freizeit- und Konsumbereichs und der Massenmedien“:

„Die pädagogische Profession sah sich im Kern ihres Selbstverständnisses – nur sie könne wissen, was gut sei für das Kind – durch die Konkurrenz der ‚Miterzieher‘ bedroht. In der Weimarer Zeit wurden die ‚Jugendschutzgesetze‘ erfunden, um Kinder und Heranwachsende vor ’sittlicher Gefährdung‘ durch Vergnügungsstätten, Filme und Schrifttum zu bewahren. Es handelte sich also im wesentlichen um ‚Freizeitschutzgesetze‘.

[…] Als Fazit dieses historischen Prozesses läßt sich feststellen, daß es in einem hochentwickelten Land wie dem unsrigen kein pädagogisches Umfeld mehr geben kann, in dem einsinniges pädagogisches Handeln im Blick auf die Gesamtpersönlichkeit des Kindes noch möglich wäre, aber das pädagogische Selbstverständnis geht nach wie vor davon aus. In diesem Widerspruch ist seine Verunsicherung begründet, und er ist die Ursache für mancherlei Kompensationen […]“ (Quelle: Hermann Giesecke: Pädagogik als Beruf. Grundformen pädagogischen Handelns. Weinheim/München: Juventa-Verlag, 10. Aufl. 2010, Einleitung).

Giesecke führt für das frühe 20. Jahrhundert an, dass „[u]m die Einsinnigkeit des pädagogischen Umfeldes zu retten, […] in der Weimarer Zeit erbittert um Konfessionsschulen gekämpft [wurde], mit der Begründung, daß Kinder und Jugendliche eine normative Eindeutigkeit brauchten, sozusagen ein ‚geschlossenes Weltbild‘, damit der junge Mensch Identität finden kann, um danach der Auseinandersetzung mit anderen weltanschaulichen Auffassungen gewachsen zu sein“ (ebd.). Offenbar ist aktuell eine solche „Einsinnigkeit“ (das Weltbild religiös erziehender Eltern, die Privat- oder Reformschule mit eventuell besonderen Inhalten) genauso suspekt geworden wie der umgekehrte Fall eines „vernachlässigenden“ Umgangs oder der eventuell zu weit gehenden antiautoritären Erziehung, die zu wenig Grenzen setze.

Dieser Diskurs hat dabei in mehrfacher Beziehung mit Religion zu tun. Zunächst haben angesprochene pädagogische Konzepte in säkularisierter Form von ihr Elemente übernommen. Von Anfang an ist darüber hinaus der Angst „einjagende“ (katholische) Priester die Negativfolie einer dialektischen Kritik (die bis zu den zitierten Atheisten reicht). Das, was Giesecke als „Einsinnigkeit“ oder Arendt als „künstliche Kinderwelt“ beschreiben, in allgemeinerer Form könnte man von „Erziehungszielen“ sprechen, hat zudem als idealisches Konzept eines Endprodukts der Erziehung wiederum potenziell religionsähnliche Züge.

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"Die Hirten als Wölfe", reformatorisches Flugblatt von um 1520: "Die Hirten sein zu Wölffen worden".

In Kombination mit einer realen Krise einer Jugendgeneration (vgl. z.B. Spiegel-Artikel „Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland: Schatten auf der Boom-Statistik“ vom 31. Mai) verschärft sich der Prozess einer gegenseitigen Kritik der Teilnehmer am pädagogischen Diskurs aneinander (sowie an Anbietern erwähnter Freizeitkonsumprodukte). Das Abwehrbild aller reformpädagogischen Bemühungen – die Autorität des katholischen Priesters, der mit der Hölle drohe und mit dem Himmel locke – erhält dabei einen nahezu symbolischen Rang bzw. überhaupt alle Formen der (religiösen) Unterweisung in eine „einsinnige“ Welt. Dennoch gilt es zugleich, dass eben diese zu retten (oder mit spezifischen Inhalten zu besetzen) sei: die „konstruierte Kinderwelt“.

Christoph Wagenseil

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2 Kommentare:

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