Generationen in Konflikt und Wechsel: Von „Jugendsekten“ zur „Gemeinde 2.0“

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Karl Mannheim übertrug 1928 das kunstepochale Verständnis von Bewegungen, wie es spätestens seit „Sturm & Drang“ und der Romantik Gang und Gebe wurde, auf den Begriff der „Generationen“. Inhalte und historische Ereignisse sollten es nun sein, welche ein Generationsgefüge bestimmen. Bis dahin waren „Generationen“ lediglich statistisch relevante Einheiten von zumeist 30 Jahren. Auch für die Religionswissenschaft ist dieser Begriff von Relevanz geworden, etwa dadurch dass es gerade der gelungene Generationswechsel sei, welcher zum wichtigen Indiz dafür wird, dass eine Neue Religion sich verfestigt bzw. etabliert. Dieser Generationsbegriff hat einige Konsequenzen nicht nur für Debatten um sogenannte „Sekten“.

generationen

Ein handkopiertes Punkszenemagazin von 1977 trägt den Titel "Generation X". Von einer solchen wird bis Mitte der Neunziger Jahre gesprochen. Aktuell beliebt es, die technik- und Facebook-affine Generation der "Millenials" als Generation Y zu begreifen. Unter dem Markennamen "vision" wird ein entsprechender "Generation Y Mommy Tea" beworben.

Gerade „Religion“ dürfte ein Begriff sein, an dem sich die Generationen scheiden. Die Sektendebatte der 1980er und 1990er kann als „Generationenkonflikt“ beschrieben werden, ähnlich z.B. wie die aktuelle Debatte um „Internetsucht“ (vgl. Sascha Lobo auf Spiegel Online: „Eure Internetsucht ist unser Leben„, 4. September 2012). Zwar ist Spiritualität heute weitaus verbreiteter – angeblich gerade in den jüngeren Generationen (vgl. Spirituelle Atheisten? Statistische Einblicke in aktuelle Formen weltanschaulicher Selbst-Verortung). Andererseits findet sich Berichterstattung über Neue Religionen weiterhin am einfachsten, wenn man z.B. bei Google News den Begriff „Sekte“ eingibt. Dabei endete die Sektendebatte der 1990er mit der Empfehlung, diesen Begriff in staatlichen Broschüren nicht mehr zu verwenden.

Schon damals standen eher lose Bewegungen und Netzwerke Neugruppen gegenüber, bei denen sich ein „Oberhaupt“ ausmachen ließ, im Jargon ein „Sektenführer“, „Guru“ etc. Die Kritik bediente sich dabei stark bei der nach 1945 einsetzenden Autoritarismusforschung und formte aus deren Itemskalen eine Art Idealtypus der „Sekte“. Auf diese Weise wurde das relativ hohe Niveau der Frankfurter-Schule-Soziologie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (vgl. Artikel über Bildung) heruntergebrochen auf einen eher simplen radikal negativen Ausguss von Eigenschaften aufklärerischer Ideologie- und Religionskritik. Daraus resultierte zumindest in Europa die Praxis, zeitweilig sämtliche neue Religionen als „Sekten“ zu verhandeln – letztlich ohne differenzierenden Erkenntnisgewinn mit einem bloß denunziatorischen Effekt.

Nun befinden sich z.B. die Hare Krishnas in der dritten Generation, die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage haben mit Thomas S. Munson ihren 16. Präsidenten, dem auch prophetische Qualitäten zukommen, und andere wie Sri Chinmoy (DiePresse.com 2007: Friedensaktivist und Fitnessguru Sri Chinmoy tot), Michael D. Eschner (EKD 2007: Gründer der Thelema Society verstorben), Sai Baba (Süddeutsche 2011: Weltweite Trauer um indischen Guru) oder Sun Myung Mun (Handelsblatt 2012: Sektenführer und Milliardär stirbt mit 92 Jahren) etc. sind kürzlich verstorben.

Allerdings handelt es sich um strukturell sehr unterschiedliche Gruppierungen. Entsprechend stellt sich auch die Frage einer Nachfolge jeweils anders. So problematisch schon die Vorstellung wäre, Generationen von Katholiken an der Papstfolge festmachen zu wollen, umso schwieriger wird eine solche Vorgehensweise bei weniger klaren hierarchischen Verhältnissen.

So bleiben letztlich nur solche Projekte einfach eindeutbar, die sozusagen in der ersten Generation scheiterten – sei es, dass die Gruppe sich mit dem Verlust der tragenden Figur vollständig auflöst, oder sei es, dass das neureligiöse Experiment durch gesellschaftliche Konflikte, in die es gerät, zu einem raschen Ende findet (z.B. die „Wahre russisch-orthodoxe Kirche“, besser bekannt als „Erdloch-Sekte“: Tagesspiegel 2008: „Apokalypse später“). In anderen Fällen kann eine bewusste Abkehr von in Kritik geratenen Methoden durch eine Reform eine eher radikale experimentelle Gründerphase von einer späteren gemäßigteren trennen (man vergleiche z.B. Bhagwan auf folgender Liste der „zehn größten Sektendramen“ bei zehn.de, einem Service der CHIP Communications GmbH). Auch die Holosophische Gesellschaft (früher: Kirpal Ruhani Satsang) versucht mit neuem Guru und dem an der Technik orientierten Namen „Sant Mat Meditation“ eine Zukunft (vgl. Artikel Spiegel 1993: „Armee Gottes – Die Polizei ermittelt gegen den Guru Sant Thakar Singh wegen Kindesmißhandlung, Vergewaltigung und Mordverdachts“, Confessio 2006: „Wenn der lebende Meister nicht mehr lebt“ und BR 2: „‚H‘ wie Holosophische Gesellschaft – Die Lehre von Sant Mat“ als Radiobeitrag vom August 2012).

zehn.de

Selbsterklärte "Experten" stellen bei dem Socialmedia Service zehn.de Top-Listen zusammen, so auch die Psychologiestudentin Julia Müller. Die Tragödie um Peoples Temple (1978) erklärt sie zum ersten Platz der "zehn größten Sektendramen" und vollständig über die Kindheitsentwicklung des Gründers Jim Jones. Vermutlich nicht zufällig chronologisch folgen Bhagwan (1984), die "Lundgren-Sekte" bzw. Community of Christ (1989), die Branch Davidians (1993), die Sonnentempler (1994), die "Aum-Sekte" bzw. Ōmu Shinrikyō (1995; heute: Aleph), Heaven`s Gate (1997), die Bewegung zur Wiederherstellung der Zehn Gebote (2000), die Wahre Russisch-Orthodoxe Kirche (2007) und die Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-day Saints (2008). Die Gruppen fielen in den entsprechenden Jahren durch besonders negative Schlagzeilen auf. Bis auf drei Fälle markierte dieses Ereignis das Ende der Gruppe.

Nun mag es weiterhin solche Experimente auf religiösem und weltanschaulichen Gebiet geben, die insbesondere mit einer Person verbunden werden können. Nicht zufällig stammen Beispiele insbesondere aus Bereichen des Reform-Hinduismus oder christlicher Sondergemeinschaften. Das spiegelt sich auch in unserer Religionsstatistik, insofern manche Neureligionen, aber auch christliche Denominationen mit einem Gründer- oder Stifternamen verbunden sein können. Doch bereits bei esoterischen Gruppenbildungen wie der Kryonschule um das channelnde Medium Sabine Sangitar Wenig oder den Brennan Healing Science Practitioners® der Brennan Healing Science Germany („Licht-Arbeit“ nach Barbara Ann Brennan) wird deutlich, dass diese lediglich besondere „Agenten“ in einem spezifischen Feld sind – seien es die Kryon-Anhänger im Allgemeinen, die an den Botschaften der mehreren Medien dieser Wesenheit interessiert sind, oder überhaupt die Channeling-Szene und im zweiten Fall diejenige der „Lichtarbeiter“.

Auf eine andere Weise betrifft diese Kritik z.B. Gemeindegründungsbewegungen wie die auch in der Schweiz ansässigen Kingdom Ministries, welche auf ihrer Webseite ein mp3-Set „Apostel & Propheten, Power-Paket für Gemeindegründung“ anbieten, oder die Vineyard-Bewegung, welche mit gründerzeit.org direkt ein Portal bereitstellt, wo etwa unter „Gemeinde 2.0“ ein „Basistraining Gemeinde-Innovation“ umworben wird. Beinahe Initiationsgesellschaften vergleichbar bestehen bestimmte Inhalte, die in z.B. „Fortbildungen“ vermittelt werden können.

In solchen Fällen erscheinen derartige Bewegungen eher Ausdruck von gesamtgesellschaftlichen Generationsabfolgen. Diese können im Konflikt, wie auch das Beispiel Polen zeigt, grundsätzlich „Religion“ thematisieren (vgl. Religion und Öffentlichkeit II: Sommerschule diskutiert über Nonkonformismus). Allerdings ist dann die jeweilige Bezugnahme auf einen Generationsbegriff immer bereits politisch aufgeladen. Sie suggeriert eine Avantgarde, welche als Repräsentant vollständiger Altersklassen auftritt, und übt einen gewissen jeweiligen Druck hin zur Parteinahme aus, der die Entscheidungen der bisher Unbeteiligten altersmäßig präfiguriert. Im besten Fall orientiert sie sich dabei an statistischen Wahrscheinlichkeiten. Und doch werden auf diese Weise solche Generationen erst performativ erschaffen und gewinnen später durch mediale Resonanz Gestalt. Ähnlich kann es sich um einen performativen Akt einer Religionsgemeinschaft handeln, in der eigenen Geschichte Generationen voneinander zu trennen.

Doch wenn der Generationsbegriff in solchen Fällen zur Ebene des Untersuchungsgegenstands gehört – zumal in ihm weiterhin die Idee künstlerischer Avantgarde oder gar geistlicher Autorität mitschwingt – wie lassen sich entsprechende „Konflikt“-Debatten besser beschreiben? Die in einem anderen Artikel angesprochene „Krise der Pädagogik“ (vgl. Religion und Missbrauch: Die neue Sorge um das Kind) ursächlich einzusetzen würde solche Debatten zu Scheindebatten erklären, die sich an einem Projektionsgegenstand erhitzen (nicht zufällig geht es auch um „Channel“ oder „Gemeinde 2.0“).

Andererseits gewinnen Generationenbegriffe gerade zeitaktuell an medialer Bedeutung. Etwa sieht es so aus, als ob sich bezüglich gesellschaftstragender Utopien die Verhältnisse seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks grundlegend zu verändern beginnen. Ebenso können die Errungenschaften emanzipatorischer Bewegungen die Lebenssituation derjenigen, die sie vertreten, verbessert haben, allerdings können sie auch starke Wertgefälle zwischen den Vertretern entgegengesetzter Altersklassen begünstigen (die sich dann z.B. als Eltern und Kinder oder Großeltern und Enkel oder Lehrer und Schüler begegnen). Auch bieten sie Ansatzpunkte für neue anti-emanzipatorische Bewegungen (vgl. z.B. Die antifeministische Männerrechtsbewegung. Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung, 2. Auflage vom Juni 2012, eine Expertise für die Heinrich-Böll-Stiftung von Hinrich Rosenbrock).

Professionalisiert bemühen sich Generationenforschung und Family Science darum, mit psychologischen und sozialwissenschaftlichen Methoden die familiären und pädagogischen – potenziell konfliktbehafteten – Verhältnisse zu untersuchen. Demgegenüber steht die historische Perspektive, insofern erst wenige Generationen seit Karl Mannheim aufeinander folgten bzw. – deutlicher gesprochen – erst mit ihm und durch ihn vorbereitet wurde, dass sich ein Diskurs um künstlerische (und politische) Avantgarde transformieren konnte in einen um „Subkulturen“ und „Aussteiger“ (vgl. Artikel „Aussteiger. Zur Geschichte eines einstigen Modewortes“). Entscheidend wurde dabei (insbesondere in Deutschland) der „Generationenkonflikt“ par excellence: die „Rebellion“ der 1968er. Freuds Idee eines „Ödipuskomplexes“, nach dem es gilt, den Vater zu töten, kommt quasi ideell zu einer Verwirklichung über die besondere technische und soziale Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Zugleich ist es vermutlich kein Zufall, dass die Versuche einer Anwendung des Generationenbegriffes auf die Vergangenheit in Form von kunstepochalen Bewegungen zurückreichen bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, wo ebenfalls laut einer aktuellen Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Robert J. Gordon das Weltwirtschaftswachstum begonnen habe, graduell anzusteigen. Steter Wandel könnte also ein entscheidendes Kriterium dafür sein, dass sich Generationen außerhalb der biologischen (und pädagogischen) Verhältnisse unterscheiden lassen.

So gesehen ist die Übertragung des Generationenbegriffes auf die besondere Geschichte einer Bewegung oder neuen Religion auch eine Reflexion über die Einflüsse der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung auf die bestimmte Minderheit. Vielleicht handelt es sich auch deshalb oft um eine „Säkularisierungsgeschichte“.

Christoph Wagenseil

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