Religion und Öffentlichkeit II: Sommerschule diskutiert über Nonkonformismus

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Vor einiger Zeit berichteten wir über Religion und Öffentlichkeit am Beispiel der Medienberichterstattung über die Mormonen. Wie bestimmen Medien das öffentliche Bild einer Religion? Wann interessieren sich Medien für eine Religion? Wie versucht diese, eine eigene Öffentlichkeit zu etablieren? Wie ist das Verhältnis von Religion(en) und Öffentlichkeit? Diesen Fragen soll eine eigene Serie mit Artikeln, Berichten und Interviews nachgehen. Aktuell beschäftigte sich eine Sommerschule des Leipziger DFG-Graduiertenkollegs “Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik” mit dem Thema “Nonkonformismus und Öffentlichkeit” aus religionswissenschaftlicher Perspektive (vom 20. bis 22. Juli in Bad Kösen). Der stellvertretende Sprecher Dr. Thomas Hase konnte bereits zu Beginn des Jahres für ein Interview gewonnen werden (vgl. “In Sekten”? Religiöser Nonkonformismus als Auslöser kultureller Dynamik – aktuelle Ansätze in der Religionsforschung). REMID war vor Ort und berichtet über die vielfältigen Zugänge zum Thema.

bad kösen

Die Ankunft am beschaulichen Tagungsort Bad Kösen bietet bereits für den ersten Blick mit der Wand des Bahnhofsgebäudes ein Medium nonkonformer Gegenöffentlichkeiten - sogar religiöser: "Sucht Jesus - Tut Buße".

Eine Trennung von Staat und Kirche gilt als eine der Errungenschaften der Aufklärung. Zwar gibt es genügend gesellschaftliche Bereiche, wo eine solche Trennung aktuell in Deutschland noch weiter vorangetrieben werden könnte – vom Friedhofszwang bis zum Staatskirchenvertrag -, doch im Allgemeinen ist Religion Privatsache.

Erst jüngst meldete sich in Sachen “Religion in der Öffentlichkeit” der Philosoph Jürgen Habermas zu Wort:

Die Kommunikationsgemeinschaft, die sich in Sachen Religion unter den Bedingungen eines demokratisch-liberalen Rechtsstaats abzeichnet, ist eine Übersetzungsgemeinschaft. […]
Die Antwort, die der Laizismus gibt, ist unbefriedigend. Die Religionsgemeinschaften dürfen, solange sie in der Bürgergesellschaft eine vitale Rolle spielen, nicht aus der politischen Öffentlichkeit in die Privatsphäre verbannt werden, weil eine deliberative Politik vom öffentlichen Vernunftgebrauch ebenso der religiösen wie der nichtreligiösen Bürger abhängt.” (Quelle: Neue Züricher Zeitung, 6. August 2012, “Wie viel Religion verträgt der liberale Staat?”)

Doch wo beginnt die Öffentlichkeit? Wie stark ist sie an die formale Bedingung eines säkularen Staates geknüpft? Bzw. wie gestaltet sich Öffentlichkeit in totalitären Regimen oder z.B. im mittelalterlichen Europa? Welche Rolle spielen diejenigen, welche nicht selbst in der Öffentlichkeit agieren, aber von dieser thematisiert werden?

Die Sommerschule betrachtete das Thema “Öffentlichkeit und Nonkonformismus” in fünf unterschiedlich ausgerichteten Panels. So setzte Eugenio Riversi (Bonn) im Panel “Nonkonformismus und Deutungsmacht” im Mittelalter an. Ihm ging es darum zu zeigen, “wie in einem facettenreichen historischen Kontext die Wechselwirkungen zwischen Nonkonformisten und Institutionen zum Entstehungsprozess der europäischen Öffentlichkeit entscheidend beigetragen haben”. Fälle wie die von Arnald von Brescia oder Leuthard von Vertus veranschaulichten eine Dialektik von Institutionen und Individuen im Sinne der Arbeiten von Ovidio Capitani. Neue Wissensinstrumente wie das kanonische Recht bzw. entsprechende Spezialisten wie etwa Regularkanoniker erlaubten den Institutionen sozialem Wandel und den Anstößen der Nonkonformisten zu begegnen. Riversi forscht im Rahmen eines Projekts “Rhetorik und Öffentlichkeit im sogenannten Investiturstreit“.

Katarzyna Marks (Leipzig) führte die Zuhörer daraufhin in die polnische Gegenwart und jüngste Vergangenheit. Am 10. April 2010 verunglückte der Präsident Lech Kaczyński bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe von Smolensk. Während einer Nationaltrauerfeier vom 10. bis 18. April wurde vor dem Präsidentschaftspalast von einer Pfadfindergruppe ein hölzernes Kreuz aufgestellt: “Das Kreuz im öffentlichen Raum löste eine gesellschaftsübergreifende Debatte aus, die sowohl die Bürger als auch die politischen Parteien in ‘Kreuz-Verfechter’ und ‘Kreuz-Gegner’” aufgeteilt habe, so Marks. Untersucht wurde insbesondere der Zeitraum von April bis November 2010. Die ältere katholisch geprägte Generation sowie die rechtskonservative Partei “Recht und Gerechtigkeit” stehen den linksorientierten Parteien, der regierenden liberalkonservativen Partei, aber auch der sogenannten “Facebook-Generation” gegenüber. Ein besonderes Element war neben der Verwendung eigener Youtube-Musikvideos (Wo ist das Kreuz? – Gdzie jest krzyż?) die Parteienneugründung “Modernes Polen”, die eine strikte Trennung von Staat und Kirche einfordert (vgl. Telepolis-Artikel „Politprovokateur gründet antiklerikale Partei“). Ein mit dem Symbol des Kreuzes verbundener nationaler “Mythos Polen” (”Mythologisierung”) löse Entmythologisierungsprozesse (bzw. die Einforderung von Säkularisierung oder Laizismus) aus.

In beiden Beispielen war “Nonkonformismus” ein Ausdruck sozialen Wandels (oder eines Ringens um Reform). Das Stichwort “Deutungsmacht” zielt eher auf “öffentliche Diskurse”. Doch wie verändert sich der Blick, wenn man sich auf Medien eines bestimmten Typs beschränkt? So untersuchte im Panel “Nonkonformismus und Staat” Rayk Einax (Gießen) die “Paradoxien der Entstalinisierung” anhand der historischen Dokumente der sowjetisch bestimmten Religionspolitik am Beispiel der Belorussischen SSR. Im Gegensatz zum “wissenschaftlichen Atheismus” der DDR hielt sich die orthodoxe Bevölkerung widerständig und lebte ihre sogenannte “Volksfrömmigkeit”. Untersuchungsgegenstand waren neben offiziellen Staatsdokumenten u.a. auch Bitt- und Beschwerdeschriften sowie illegitime Aufschriften auf Stimmzetteln.

Während solche Medienzusammenstellungen in ihrem Gegensatz Öffentlichkeit von Gegenöffentlichkeit stark absetzen, stehen gerade Schulbücher für den konfessionell ausgerichteten Religionsunterricht in Deutschland zwischen öffentlichem Auftrag (Schulbildung) und konfessionell-religiöser Prägung des Inhalts. Christina Wöstemeyer (Bernay) vergleicht in ihrer Untersuchung zwei verschiedene Auflagen einer evangelischen Schulbuchreihe (1988 und 2007). Mit der normativen Folie einer interreligiösen Kompetenz, die eben gerade nicht “von der Bezugsreligion abweichende Religionen” ausgrenzen sollte, wurde die Darstellung neuer religiöser Bewegungen in den Fokus genommen. Zwar gibt es in der neueren Auflage kein Sonderkapitel mehr, welches sich allein sogenannten “Sekten” (Neuen Religiösen Bewegungen) widmet. Doch dafür ziehe sich quer durch das Buch eine generelle Abwertung bestimmter Gemeinschaftsformen mittels entsprechender Darstellung der Riten, Praktiken oder Lehren. Aus der Diskussion dieses Beitrags ist die spannende Frage nach der Art und Weise einer “konfessionellen Prägung” der Lehrbücher oder des landesspezifischen Lehrplans hervorzuheben. Dokumente wie “Identität und Verständigung: Standort und Perspektiven des Religionsunterrichts in der Pluralität. Eine Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland” (1994) spielen im diskursiven Kontext eine Rolle. Doch finden sich laut Moderator Stefan Wegener ähnliche Darstellungen auch in Ethik-Lehrbüchern. Ein Gegenbeispiel war die Ignoranz der Kirchen gegenüber der Mazdaznan-Bewegung der 1910er. Es wurde einfach nicht darüber gesprochen oder geschrieben. Demgegenüber besteht durchaus eine inzwischen vergleichsweise höhere “interreligiöse” Kompetenz, zumindest in den betrachteten evangelischen Schulbüchern, wenn auch weiterhin manche Religionsformen sogar sublimer als in den Hochzeiten der “Sektendebatte” über ein bestimmtes Vokabular gezeichnet werden.

Im Panel “Nonkonformismus und Okkupation” ging es zunächst in das Irland des 17. Jahrhunderts. Matthias Bähr (Münster)  argumentiert dafür, dass es dort ein Zeitfenster gegeben habe, “das von den Akteuren dazu genutzt wurde, die von England aus formulierten Konformitätserwartungen zu unterlaufen”. Bähr arbeitet dabei mit dem Konzept der „Ambiguitätstoleranz“ nach Thomas Bauer. Die sich teilweise stark ändernden Machtverhältnisse wurden anhand von vier Fallstudien in ihren Auswirkungen betrachtet. Hintergrund war, dass Jakob I. (Regierungszeit 1603-1625) von seinen Amtsträgern einen “Suprematseid” einforderte – auf den König als Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Die bis dahin etablierten katholischen Eliten Englands reagierten unterschiedlich. Einige demonstrierten ihre Katholizität gerade durch neue Wallfahrten und Prozessionen. Andere verhielten sich “konfessionell uneindeutig”. Waterford (Fallstudie 3) sollte zum “Präzedenzfall der irischen Konfessionspolitik” werden. Es folgte eine “Vereindeutigungspolitik” und damit “Ambiguitätsvernichtung”.

Maria Mejia (Frankfurt am Main) interessiert sich für sogenannte “abergläubische” Praktiken bzw. “Denunziationen und Öffentlichkeit” in Cartagena de Indias im 17. und 18. Jahrhundert (ungefähr das heutige Kolumbien). Neben Traktaten und Handbüchern aus dem Diskurs um eine Verurteilung des “Aberglaubens” wurden inquisitorische Prozessakten untersucht. Konkret geht es in den Akten um a) Liebeszauber, b) Wahrsagerei und c) lokale Medizin (insbesondere Fruchtbarkeit und Abtreibung als Themen). Konkret handelt es sich zumeist um Fälle von Mestizinnen, die aus ihrer besonderen marginalisierten Rolle im “Kasten”-Gefüge der damaligen Gesellschaft heraus zu kulturellen “Mediatorinnen” werden konnten.

Unter dem Aspekt “Nonkonformismus und etablierte Konfessionen” multiplizieren sich die Verhältnisse. Valentina Wiedner (Frankfurt am Main) betrachtete die jüdische Neo-Orthodoxie in Deutschland und das “Austrittsgesetz” von 1876. Zeitschriftenbeiträge, Pamphlete und Parlamentsreden wurden daraufhin befragt, wie sich das Verhältnis von Öffentlichkeit und nonkonformen religiösen Gruppen in einem solchen Fall gestaltet. Die Neo-Orthodoxie steht nämlich im 19. Jahrhundert in Deutschland einem mehrheitlich liberalen Judentum gegenüber (bzw. auch einem Abfall vom Glauben in der “jüdischen Öffentlichkeit”). Eine teilweise gegensätzliche Konstellation untersucht Simon Bornstein (Amsterdam). Aschkenazische Juden im Amsterdam des 19. Jahrhunderts trennen sich von der Hauptsynagoge und begründen die “Shochrei Deah” (1914: 150´000 Juden in Holland, Shochrei Deah: 200 Pers.).

Das letzte Panel mit dem Titel „Nonkonformismus und Konventionen“ beschäftigte sich zunächst mit der „Wahrnehmung von heterodoxen religiösen Frauen im frühneuzeitlichen Spanien“. Monika Frohnapfel (Mainz) bestätigte dabei die These, nach der das Wahrnehmen von religiöser Devianz bereits der Produktion von Devianz entsprechen könnte. Die Veröffentlichung und Fixierung des sozusagen „Geheimen“ durch die Inquisition produziere erst den Gegensatz mit seinen Teil-Öffentlichkeiten („von unten“ versus „von oben“). Andererseits legt Frohnapfel nahe, dass die Denunzierten sich selbst nicht als nonkonform verstanden. Zudem wurde in der Diskussion des Beitrages angeregt, die bisherige Dichotomie der Inquisitionsforschung zu hinterfragen, nach welcher die Denunziatorinnen lediglich Mitläuferinnen seien und keine eigenen religiösen Interessen verfolgten.

Verena Hoberg (Bern) richtete den Blick auf das „Deutungsmuster Fundamentalismus“ und die Debatte um evangelikale Sexualmoral. Konkret wurde entsprechende Ratgeberliteratur befragt. Zwar kann die Reichweite dieser Sorte Literatur nur schwer eingeschätzt werden, spannend ist allerdings deren Konstruktion einer homogenen Öffentlichkeit als Ausdruck einer vermeintlich allgemeinen Kultur der sexuellen Befreiung.

Diese letzten Beispiele einer „rein virtuellen Öffentlichkeit“ (Hoberg) und einer „rein virtuellen Nonkonformität“ (Frohnapfel) zeugen von einem grundsätzlichen Konstruktionscharakter solcher Zu- oder Beschreibungen. In der Abschlussdiskussion kommen die Teilnehmer mehrheitlich zu dem Schluss, dass auch keine Übereinstimmung zwischen Praktiken und Interpretation bestehen muss. Der Tenor der Teilnehmer sieht ein entsprechendes „Labelling“ durch eine Öffentlichkeit bzw. in Reaktion die angenommene Selbstbezeichnung als Abgrenzung von dieser Öffentlichkeit als ursächlich. Dennoch bestehe eine funktionale Äquivalenz von imaginierten und realen Gefahren – zumal, wie eingeworfen wurde, eine herrschaftssichernde Praxis der Bezeichnung von etwas als nonkonform in vielen Fällen mit einem tatsächlichen sozialen Wandel konfrontiert sei. Dieser realisiere sich in unterschiedlich starken Phasen von Ambiguität bzw. wirke auf das Interesse an deren „Vernichtung“ oder Reduktion. Tom Kaden skizzierte die „prekäre Öffentlichkeit“ als (deskriptives) Gegenstück des (normativen) Habermasschen Ideals. Das „Öffentliche“ – ob als Ausdruck universalistisch angelegter Sozialbeziehungen im Gegensatz zu partikularistischen oder in Unterschied zum „Privaten“ sowie zum „Geheimen“ – ist faktisch von Restriktionen und damit von Aspekten vertikaler Kommunikation geprägt.

Christoph Wagenseil

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2 Kommentare:

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