Der Leser und das Medienereignis: Razzia bei Religionsgemeinschaft

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Eine Razzia sollte am 17. Oktober auf dem Anwesen der „Academy for the future health“ erfolgen und endete im Schussgefecht. Die „Academy“ versteht sich selbst als Teil einer „Thrive“-Bewegung. In einem mehr als zweistündigen Film, der bei Youtube zu finden ist, erläutert der Gründer selbst entworfene „spirituelle Technologien“ und erklärt das aktuelle Weltgeschehen mit geheimen Machenschaften von Militärs, Geheimdiensten und anderen üblichen Akteuren, denen gerne Verschwörungen unterstellt worden sind. Die „Thrive“- und die sogenannte „Zeitgeist“-Bewegung berühren sich auch in rechtsextremen und antisemitischen Elementen ihrer Lehren. Doch es soll hier nicht um die konkrete Gruppe gehen, die neben der Dominikanischen Republik, in welcher die für ein Mitglied der „Academy“ tödliche Razzia stattfand, auch im deutschsprachigen Raum aktiv ist, sondern um die Reaktionen der LeserInnen der Darstellungen des Medienereignisses, z.B. bei Spiegel Online im Kommentarbereich des Artikels „Razzia bei deutschem Sektenführer: Tödlicher Sturm auf die Guru-Bastion“ vom 18. Oktober.

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In Online-Kommentaren können LeserInnen manchmal schnell mit Urteilen oder Diagnosen sein, selbst wenn kaum nähere Informationen über einen Vorfall vorliegen. Gleichzeitig dient die Selbstvergewisserung über z.B. die Ablehnung eines Gegenstandes der Nachricht der Bildung eines positiven Gemeinschaftsgefühls (sowie einer communitybasierten Meinungshoheit).

Vorweggenommen sei: Der Artikel anonymisiert den Namen des Gründers. Sucht man nach dem Namen der Gruppe, findet man ihn allerdings schnell auf deren eigener Seite sowie auf einer Darstellung des Esowatch-Nachfolgers Psiram (man googele selbst). Der Spiegel-Artikel verlinkt zudem einen Bericht des SAT-1-Magazins „Die Akte„, einen Bericht des DomRep-Magazins und einen Artikel des El Nuevo Herald.

Es ist allerdings bei den Kommentatoren nicht unbedingt davon auszugehen, dass sie diese weiterführenden Links zur Kenntnis genommen haben.

So weiß ein Forent, es handele sich beim Gruppengründer „offensichtlich“ um „ein[en] an Schizophrenie erkrankte[n] Mensch[en]“, und er fordert ein Pflichtfach Psychologie in der Schule. Ein anderer greift das Adjektiv „obrigkeitshörig“ aus dem Artikel auf und fragt, „hm?! Sind das nicht alle Deutschen?“. Als Beleg lässt er eine Reihung folgen, beginnend bei „diese[m] eine[n] Österreicher, dann die Stasi, danach Kohl und jetzt den Deutschen ihre Mami Merkel“.

Zu den ersten Antworten in der Diskussion des Artikels gehört aber auch folgende kurze Nachfrage einer Forentin:

„So ganz verstehe ich nicht, warum ein befürchteter Massen-Suizid von Sekten-Mitgliedern und ihrem ‚Rührer‘ einen Präventiv-Einsatz der Polizei erforder[t] oder gar rechtfertigt..“

So gehört auch die esoterische Deutung des Maya-Kalenders als Hinweis auf ein Untergangs- oder Wandelsszenario Ende diesen Jahres zum Repertoire der Thrive-Bewegung. Der knappe Versuch, die Aufmerksamkeit der Diskussion weg von der speziellen Gruppe hin zur Polizeiaktion zu lenken, misslingt, provoziert allerdings einige direkte Entgegnungen:

„Das hat einen einfachen Grund. Es gab in den vergangenen Jahren mehrere Massenselbstmorde von solchen Sekten, teils mit mehreren hundert Toten, z.B. 1978 in Guyana mit 921 Toten.“

[Anm. C.W.: Neun solche Ereignisse zwischen 1978 und 1998 listet eine ältere Übersicht im Spiegel auf, zuletzt in Teneriffa und alleine dort vereitelt. Seit der Jahrhundertwende gibt es zwar weiterhin apokalyptische Gruppen, aber nach meiner Kenntnis bislang keine weiteren Ankündigungen von Gruppensuiziden.]

Oder (nachträglich durch die Moderation bearbeitet):

„Liebe Frau […],
Ad1 ist jeder demokratischer Staat verpfichtet einzugreifen[,] wenn die Persönlichkeitsrechte eines Bewohners dieses Staates verletzt wird. Wenn Sie es auch nicht erkannt haben, der Verlust seiner Freiheit ist eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte. Punkt!
Über diesen Fakt kommen Sie nicht herum au[ß]er Sie verlangen die Menschenrechtskonventionen der UN au[ß]er Kraft zu setzen.

[ein inzwischen entferntes ‚Ad2‘ spielte auf die Begriffswahl „Rührer“ an]

Wie wollen Sie verwirrte Mensche[n] schützen[,] wenn nicht durch die Staatsgewalt, die Ihnen so verha[ss]t ist?
Den Rest spar[‚] ich mir. […]“

Im Grunde kann man die Antwortenden in wenige Gruppen unterteilen: Neben einer kleinen Gruppe von Verteidigern der „Academy“ und Zweiflern an der Angemessenheit oder Legitimation der Aktion gibt es zunächst eine größere, welche diese in Trollmanier (s.u.) überspitzt kopiert und beispielsweise spontane Spaß-Verschwörungstheorien entwirft. Viele dieser Beiträge sind inzwischen entfernt worden: Mancher Beitrag, der am 19. Oktober um 8 Uhr noch auf der dritten oder vierten Kommentare-Seite zu finden war, ist bereits am Nachmittag desselben Tages vermeintlich einer der allerersten.

Diese zweite Gruppe lässt sich dabei nur durch den Trollfaktor von der folgenden dritten unterscheiden. Spaßvögelleinträge hätte man früher gesagt. Die Stoßrichtung ihrer Witze, die sich als vermeintlich ernste Beiträge tarnen, lässt zumindest keinen Widerspruch zur weltanschaulichen Verortung der dritten erkennen.

Unter dieser fasse ich ein Spektrum von Meinungen, welche zunächst eint, dass sie von einem wissenschaftlich-atheistischen Standpunkt aus mindestens sogenannte „Esoterik“, häufig aber sämtliche Formen von „Religion“, stark kritisieren oder ablehnen. So wird gefordert unter der Überschrift „Hoffentlich bald Razzien auch in Deutschland“:

„In D[eutschland] finden immer noch ganz legal sog. Esoterikmessen statt, wo professionelle Seelenverkäufer psychisch labilen Menschen (meist Frauen der 2. Lebenshälfte) mit lasergravierten Glaskugeln, obskuren Karten, Magnetschmuck, Tachyonen und heiligem Müll auf übelste Art und Weise das Geld aus der Tasche ziehen. […]“

Eine andere Variante, die noch den offensichtlichen Trollen nähersteht, erkennt in dem Fall eine berufliche Alternative:

„Bin sofort dabei! Den ganzen Tag in der Toga auf der Villa abchillen, [ab und zu] ein paar Visionen haben und ansonsten die Novizinnen initiieren. Das ist das gute Leben, [M]ann! Für den theologischen Unterbau wäre ich für eine Mischung aus Scientology (Außerirdische und Geld!), Children of God, Atlantis-Mythos, Hohlwelt-Theorie, ein klein bißchen Manson-Paranoia, und ansonsten Carlos Castaneda für die Drogenvisionen.“

Ein echter Unterschied besteht aber nicht in diesen moralischen Beurteilungen. Vielmehr eint sie die Vorstellung, es ginge – im Grunde allgemein bei Religion – um Betrug. Eine nähere Betrachtung des Einzelfalles gilt als unnötig. Hinzu kommt ein Laienverständnis von Psychologie und Psychiatrie, das unabhängig von den tatsächlichen Entwicklung etwa einer Religionspsychologie oder einer transkulturellen Psychiatrie (vgl. Interview DTPPP: Religion – Kultur – Medizin: Diversity ist die Devise und nicht Rezepte-Lernen), aber auch strenger als die meisten religionskritischen Fachvertreter der Gegenwart, Religion allgemein pathologisiert.

Entgegen dem Trend der groben Verallgemeinerung unterstellen andere den Rundum-Kritikern „subkutane Sympathie“ mit der Gruppe von „gefährlichen Spinner[n]“. Beiträge, die vermutlich eher keine „Trollbeiträge“ waren, und Anspielungen in Richtung „humanitärer“ Einsätze brachten (und allesamt inzwischen entfernt wurden), lassen insgesamt auf einen Mainstream schließen, der aus einer vermeintlich „psychologisch“ aufgeklärten Position heraus, Sanktionen gegen vermeintlich „irrationale“ Gruppenbildungen gutheißt. Neben der katholischen Kirche, Staaten der muslimischen Welt und Esoterikmessen kann sich diese Kritik zudem auf angeblich ideologische bzw. propagandistische Organisationen oder Strukturen jenseits der Religionen ausdehnen: auf Politik, Finanzwirtschaft, Medienkonzerne, sogenannte Lobbies…

Neben resignativen Ausrufen wie „Kant ist tot“ steht die Tendenz der völligen Entmündigung des „esoterischen“ Gegenübers:

„Man kann mit Esoterikern auch nicht diskutieren. Sie sind so in ihrem Glauben gefangen, dass man quasi mit sich selbst redet.“

Über den durchschnittlichen Forenkommentator gibt es Studien. Er entspricht nicht dem durchschnittlichen Internetnutzer. Vornehmlich Männer tummeln sich wortintensiv in den meisten Leserforen von Onlinemedien. Es dominieren zumindest dort Menschen mit akademischer Ausbildung, Alter 30-60 (vgl. Stern: „Das Netz ist links„, Meedia: „Digital-Leser: männlich, gebildet, reich„, ECCO Studie: „Schreiber von Leserkommentaren sind eine Minderheit mit großem Einfluss“ und FAZ Blogs: „Ein bischen Senf dazu„; alles 2011/2).

Hier zeigt sich zudem ein eher natur-, wirtschafts- oder ingenieurswissenschaftlicher Habitus einschließlich eines deutlichen Chauvinismus‘ gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Sowohl der Mythos der vornehmlich weiblichen Verführten als auch derjenige der „Gehirnwäsche“ als wichtigster Technik zur Gewinnung neuer Mitglieder gelten dabei eigentlich als widerlegt (vgl. Sebastian Murken im Focus: „Psychologe gegen Verurteilung – ‚Auch Sekten haben ihr Gutes'“ und auf Deutschlandradio: „Das Reizwort Sekte“).

Nimmt man die Gesamtheit der Beiträge in den Blick (also auch solche der „Zweifler“ wie: „Es scheint den Academicians tatsächlich was [G]rößeres auf dem Wege der Selbst/Welterkenntnis gelungen zu sein, wenn die Machthaber so eifrig reagiert haben“), gehört ein grundsätzliches Misstrauen sowohl in (bestimmte) Institutionen oder auch in die Vernunft (bestimmter) Mitmenschen zum kleinsten gemeinsamen Nenner. Diesem tut es dabei nicht notwendig einen Abbruch, gleichzeitig Kontrollinstanzen anzurufen, um z.B. Verbote einzufordern. Das Misstrauen setzt dann eher aktuell bestärkt durch die NSU-Affäre des Verfassungsschutzes an der Frage an, inwiefern jene Instanzen konsequent „die Freiheit verteidigen“ (solche „Sekten“ zerschlagen und verbieten) oder doch insgeheim mit ihnen kollaborieren bzw. selbst sozusagen zu weit gehen und wieder Freiheit gefährden. (Im Artikel erfuhr man nur, dass die Ermittler „das Gelände oberhalb der Stadt nach illegalen Waffen durchsuchen“ wollten; erst ein Folgeartikel erläutert den Hintergrund des Durchsuchungsbefehls, der ausgestellt worden sei, „weil sich Nachbarn wiederholt über Schüsse auf dem Anwesen beschwert hatten“. Zudem erfuhr man von einer nicht näher erklärten Beteiligung von Interpol).

Interessant ist, dass gerade bei der oben mitzitierten ECCO-Studie unter Redakteuren, die zu ihren Kommentatoren befragt wurden, diese eher angeben, die Kommentare würden nicht die durchschnittliche Meinung der LeserInnen überhaupt widerspiegeln. Eher negatives Agenda-Setting würde nach einer Studie des CyberEmotions-Projekts Forendiskussionen bestimmen und Gemeinschaftsgefühle erzeugen. Zudem sollen die Beiträge um so qualitativ „höherwertiger“ sein, je eher anonym bzw. pseudonym an einer Diskussion partizipiert werden kann. Auch zur Qualität von Online-Diskussionen insgesamt gibt es Untersuchungen:

Wurde also den Online-Foren im direkten intermediären Vergleich eher ein negatives Zeugnis punkto Diskursqualität ausgestellt, so lassen die detaillierten Ergebnisse doch eine optimistischere Einschätzung zu: Unter idealen Bedingungen, bei denen die Vorzüge verschiedener Foren zusammenträfen, würde der Online-Diskurs in vielen wichtigen Kategorien eine ähnliche Diskursqualität aufweisen wie die traditionellen elektronischen Medien (Quelle: Daum et. al.: Stimmengewirr oder Dialog? Politische Kommunikation als massenmediale Deliberation, Bern 2007, S. 216, PDF).

Realiter stören aber nicht nur die, welche eben mal einen kurzen Beitrag posten, ohne Bezugnahme auf begonnene Diskussionen (wo in Foren keine Baumstrukturen bestehen). Gerne bilden sich offenbar Meinungshoheiten heraus, jenseits derer kaum Diskussionen möglich sind. Solche Beobachtungen wurden auch im Bereich von Religionen online gemacht (vgl. Interview „Religion online: Digitale Sinnsucher, virtuelle heilige Stätten und die Rolle des Tabus„).

Im aktuellen Fall bot das Medienereignis einer Razzia bei einer esoterisch ausgerichteten Religionsgemeinschaft Anlass für eine vornehmlich gemeinschaftsstiftende Kommentierung, welche negative Aspekte verallgemeinert im geteilten Leidensdruck (oder Humor), der erst das Szenario übersetzen muss in eine auch die Forenten betreffende Gesellschafts-, Religions- oder Esoterikkritik. Der eigentliche Artikel fungiert dabei beinahe bloß als Stichwortgeber. Spezifische Elemente der Religionslehre werden zwar aufgegriffen, aber ebenso nur um überhaupt in ein entsprechendes Vokabular der (neu)religiösen Ideen zu wechseln als eine „Sprache“ des „Irrationalen„. Demgegenüber steht eine beinahe „absolute“ Vernunft, welche reglementierend allem Nicht-Vernünftigen begegnet – bei starkem Misstrauen gegenüber jeder Position jenseits der eigenen gemeinschaftlichen Verortung. Vielleicht gilt manchmal nicht nur für „esoterische“ Online-Diskutanten: „Sie sind so in ihrem Glauben gefangen, dass man quasi mit sich selbst redet“.

Christoph Wagenseil

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3 Kommentare:

  1. Wer sich dafür interessiert, welche Rolle z.B. Interpol in der Angelegenheit spielte, oder einen Vergleich mit Schweizer Leserkommentaren in einem anderen Online-Medium haben möchte, findet hier eine nicht weiter geprüfte Darstellung auf 20min.ch.

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