Extreme liegen vorn: Alexa Ranks von religionsbezogenen Webseiten für Deutschland

Print page

Am 1. Oktober 2012 verstarb überraschend der Schauspieler und Komiker Dirk Bach. Homophobe Entgegnungen des sich katholisch gebenden „Hetzerportals“ kreuz.net sollten darauf die Medien beschäftigen – insbesondere nachdem der Bruno Gmünder Verlag in Berlin ein Kopfgeld von 15.000 EUR für die Identifizierung der Macher des anonymen Webauftritts aussetzte. In einem Spiegel-Artikel vom 5. Oktober versucht sich Frank Patalong an einer Einschätzung der Relevanz der Hassprediger – unter Rückgriff auf Alexa.com, ein beliebtes Instrument der Suchmaschinenoptimierung und des Internetmarketing. Doch selbst wenn man diese auch nicht unproblematische Methode vertieft, scheint sich das Ergebnis nur zu verallgemeinern: Im deutschen Internet haben Extreme die Nase vorn.

einschaltquoten

Um den Erfolg einer Fernsehsendung einschätzen zu können, werden Einschaltquoten ermittelt. Doch wie sieht das eigentlich im Internet aus?

Bild von C. P. Sturm unter Creative Commons Lizenz CC-BY-2.0.

Ähnlich den Einschaltquoten im deutschen Fernsehen arbeitet Alexa mittels einer Symbolleiste, welche das Verhalten der User protokolliert, welche diese Leiste installiert haben. Hinzu kommen fixe Größen wie die Zahl der Backlinks (Links auf fremden Seiten, die auf das eigene Internetangebot führen). Diese Ergebnisse werden hochgerechnet und sie sind neben dem Google Page Rank, MozRank, den Facebook Likes oder den Twitter Followern etc. eine Möglichkeit, den Erfolg des eigenen Webprojektes einzuschätzen.

Da es sich ausschließlich um intransparente private Anbieter handelt, deren tatsächlich Verwendung findende Algorithmen nicht bekannt sind, sind diese Werte sehr mit Vorsicht zu genießen. Ebenso sind diese Services ein beliebter Gegenstand für Versuche der Manipulation, sei es durch Skripte, welche automatisch die eigene Seite anklicken oder durch Erzeugung von Backlinks (z.B. durch Spam-Roboter-Programme, welche automatisch Kommentare in Blogs wie diesen hier zu posten versuchen, unter Angabe eines Links zum eigenen kommerziellen Projekt).

Doch wenn man sich trotz alledem die Zahlen näher anschaut, lässt der erste Eindruck doch erstaunen:

„Kreuz.net steht im Alexa-Ranking der populärsten Webseiten Deutschlands inzwischen auf Rang 2660. Das ist nicht gerade Top 10, aber höchst beachtlich, wenn man die eigentliche, kirchliche ‚Konkurrenz‘ betrachtet: Kath.net rangiert auf Platz 4695 und ist damit noch deutlich populärer als Katholisch.de, die offizielle Webseite der katholischen Kirche in Deutschland. Die liegt auf dem beschämenden Rang 14.552 und konkurriert da mit regionalen Reifenhändlern und Hobby-Bloggern. Da spielt Kreuz.net in einer ganz anderen Liga“ (Frank Patalong: Scheinheilige Hassprediger, Spiegel online, 5.10.12).

Insofern lohnt sich vielleicht ein genauerer Blick auf religionsbezogene Webseiten und ihre regionalen Ränge bei Alexa für Deutschland:

alexa-religion

Regionale Daten für die Internetbenutzer eines Landes bietet der Service Alexa.com nur für solche Webseiten an, die bereits einmal besser als 100.000 gelistet worden sind. Seiten mit einem Listenplatz höher als 100.000 haben also seitdem wieder an Erfolg eingebüßt. Gar keine regionalen Daten (und damit einen besonders schlechten Listenplatz) haben z.B. remid.de, dvrw.de (beides Religionswissenschaft), orthodoxie.net (Griechisch-orthodoxe Metropolie), vef.de (Vereinigung evangelischer Freikirchen), vikz.de, islamrat.de (beides muslimische Dachverbände wie auch ditib.de oder islam.de bzw. zentralrat.de), humanismus.de, yeziden.de oder bahai.de.

Nachtrag (2. Dez. 2012): krishna.de (ISKCON Deutschland) liegt mit 67.042 zwischen den obigen (inzwischen veralteten) Werten von freimaurer.org und scientology.de


Während die Top 500 vornehmlich den üblichen Verdächtigen wie Google, Youtube, Facebook, Twitter, Amazon und Ebay, den Webseiten von Medienhäusern, Fernsehsendern und Zeitungen sowie Pornoseiten vorbehalten ist, ist der religionsbezogene und weltanschauliche Online-Markt offenbar von Extremen bestimmt: Neben dem manchen als zu offen geltenden Weltbild-Verlag im Besitz der katholischen Kirche (vgl. Spiegel-Artikel „Nach Schmuddel-Blamage bei Weltbild: Katholische Kirche wandelt Weltbild-Verlag in Stiftung um„, 27. Juni 2012) taucht nur der Kopp-Verlag in dieser Topliste auf. Zu den „Bücher[n], die Ihnen die Augen öffnen“, wie sie dort beworben werden, gehören insbesondere solche über (rechtstendenziöse) Verschwörungstheorien, Politik, Esoterik, Islamophobie (bzw. Islamismuskritik), Ufologie und Präastronautik, sogenannte „Pseudowissenschaften“ und „Enthüllungen“ zu „linken Lebenslügen“. Ebensowenig wie kreuz.net erst durch mediale Aufmerksamkeit einen dermaßen hohen Wert erzielte, dürfte beim Kopp-Verlag der gute Platz allein daher rühren, dass die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman Videos des vom Verlag unterhaltenen Portals Kopp Online moderierte.

Das Ganze wird nicht dadurch besser, dass in unserer themenzentrierten Liste den dritten Platz die islamfeindliche Hassseite pi-news.net einnimmt. Zudem gilt, dass nicht nur kreuz.net vor kath.net liegt, auch die Seite der vom Verfassungsschutz als antidemokratisch eingeschätzten Millî Görüş (igmg.de) liegt vor dem Zentralrat der Muslime (islam.de) und ebenfalls vor dem Islamrat (islamrat.de), dessen größten Teilverband die IGMG darstellt; moscheesuche.de wird überholt von der salafistischen Domain diewahrereligion.de; psiram.com, der Nachfolger von esowatch.com, ein bewusst anonymes Wiki, dessen „Informationen“ über Neue Religionen und Esoterik zwischen Faktensammlung und Diskriminierung wechseln, liegt weit vor jeglicher möglicher Quelle seriöser Information, aber auch vor humanistischen und religionskritischen Seiten.

Nur die Informationsplattform Religion, die von REMID bis 2007 betreut wurde, konnte als religionswissenschaftliches Angebot eine Platzierung finden. Dagegen mehr nachgefragt sind theologische Seiten sogenannter „Sektenberater“ sowie der Webauftritt der Aktion für Geistige und Psychische Freiheit (AGPF). Statt einer akademischen Theologie(vereinigung) schafft es nur die Webseite theology.de der CFS Consulting For Success GmbH eine relativ gute Position zu erreichen.

Mit den Kirchen kann sich zumindest online die esoterische Beraterszene messen, in welcher Portale wie Questico, Viversum, Stregato oder Vistano potenziellen „Beratern“ (insgesamt ca. 10.000, vgl. REMID-Statistik) eine Möglichkeit zur Selbstvermarktung bieten, um telefonisch Dienstleistungen von Orakelkünsten wie Horoskop oder Tarot bis zu Channeling und telepathischer (bzw. astraler) Tierkommunikation an die Frau oder den Mann zu bringen. Ebenso rangieren der humanistische Pressedienst HPD und die jüdischen Nachrichten von hagalil.com auf diesem höheren Niveau.

Neben der Neuapostolischen Kirche (NAK) ist es eher der evangelikale Zweig freikirchlicher Prägungen, welcher neben dem Islam das Mittelfeld bestimmt. Der Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland e.V. BDY (weit übertrumpft durch den Berufsverband der Yoga Vidya Lehrer/innen BYV) wiederum steht genauso wie die Webseite der Deutschen Buddhistischen Union (dharma.de) und diejenige der Alevitischen Gemeinde (alevi.com)  auf derselben unteren Höhe wie der Dachverband Geistiges Heilen (dgh-ev.de) und die Privathomepage einer Lucifera aus Karlsruhe namens satanshimmel.de.

Freilich dürfte gerade die Repräsentativität dieser Werte darunter leiden, dass diejenige Personengruppe aus Deutschland, welche jene Symbolleiste installierte, nicht unbedingt identisch sein muss mit derjenigen, welche sich für religiöse oder weltanschauliche Fragen interessiert. Zudem gibt es genügend andere Orte wie allgemeine Foren, Nachrichtenseiten, Blogs, Wikis, Facebookgruppen, Serviceportale wie gutefrage.net oder einfach regionale Seiten der örtlichen Gemeinde (oder z.B. Meditationsgruppe), welche sich für Kommunikation über Religionen (oder religiöse Kommunikation) anbieten. Dennoch lässt dieser vergleichende Blick auf Listenplätze der Rubrik Deutschland für religionsbezogene Webseiten deutlich werden, dass in Hinsicht auf eigene Angebote extreme Stimmen zu den Pionieren gehören können. Einem erheblich starkem esoterischen Feld steht zudem ein eher schwaches Neue-Religionen-Feld gegenüber, in welchem die wenigsten eigenen Webseiten überhaupt zu einer deutschlandbezogenen Listenplatzierung kommen.

Christoph Wagenseil

Update:  Seit dem 2. Dezember ist kreuz.net nicht mehr unter dieser Adresse zu erreichen.

Teilen Sie diesen Artikel:
Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInShare on TumblrShare on Reddit

4 Kommentare:

  1. Danke, ein sehr guter & relevanter Blogpost, den ich gerne aufgreifen und verlinken werde!

    Aber ein kleiner, inhaltlicher Hinweis: islam.de gehört m.W. nicht zum Islamrat, sondern zum Zentralrat der Muslime (ZdM). [Anm. Red.: Wurde korrigiert.]

    Nochmal danke, tolle Arbeit & Recherche!

  2. Das Web hat grundsätzlich immer zuerst Leute angezogen, die mit dem Mitteln des Outerweb nicht zufrieden waren. Verständlich, dass das auch als extrem angesehene Meinungen betrifft.

  3. Pingback: Interview: “Abbau der systematischen Benachteiligung für Menschen ohne Religion” « REMID Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.