Studie über Junge Freiheit: Christentum und Islamfeindlichkeit statt Heidentum

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Wie verhält sich die sogenannte „Neue Rechte“ zu Religionen? In Europa nehmen die Wählerkreise rechter Parteien zu. Diskriminierung von Minderheiten nimmt auch in Deutschland zu. Während das Interview mit Florian Illerhaus die Islamophobie der Sarrazin-Debatte unter die Lupe nahm und Jörn Meyers in seiner Studie sich mit den Ideologen, Gemeinschaften und Entwürfen ‘arteigener Religion’ kritisch auseinandersetzte, hat Christian Uhrig sich in seiner Studie das Islam- und Christentumsbild der Zeitung „Junge Freiheit“ vorgenommen. REMID interviewte den Mitarbeiter der Bayreuther Religionswissenschaft zu seinen Forschungsergebnissen.

wochenzeitschriften

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDVZ) gibt quartalsweise Zahlen u.a. zur verkauften Auflage von Wochenzeitschriften heraus. Die in der Tabelle gezeigte Auswahl versucht zwar, die wichtigsten politischen Wochenmagazine zu versammeln, insgesamt hätte es aber z.B. in der Rubrik wöchentlicher Frauenzeitschriften weitere auflagenstarke Titel gegeben. Die "sozialistische Tageszeitung" Neues Deutschland wurde aufgrund ihrer besonderen Geschichte hinzugemommen.

Was brachte Sie dazu, das Christentums- und Islambild der Zeitung „Junge Freiheit“ religionswissenschaftlich zu untersuchen?

Das hing in erster Linie mit meinen Forschungsinteressen zusammen. Unter anderem beschäftige ich mich mit den Themenkomplexen Religion und Rechtsextremismus und mit dem Thema Neuheidentum. Zur Zeit meiner BA-Arbeit, welche sich mit germanischem Neuheidentum beschäftigte, interessierte ich mich am Rande dafür, wie die deutsche Rechte mit dem Thema Neuheidentum umgeht. Bei der Recherche kam ich dann auf die rechte bzw. konservative Wochenzeitung Junge Freiheit (JF). Recht bald fiel auf, dass das Thema Neuheidentum für die Zeitung lediglich ein Randthema darstellt. Entsprechende Berichte über dieses Thema gibt es in der Zeitung zwar, sie sind jedoch im Vergleich mit anderen Themen deutlich weniger vorhanden. Im Gegensatz dazu fiel ebenfalls auf, dass das Thema Christentum sehr stark vertreten ist und in den meisten Artikeln grundsätzlich positiv betrachtet wird, also eine Verortung der Zeitung in diese Richtung stattfindet.

Ab diesem Punkt war mein Interesse geweckt, hatte ich doch zuvor häufig den Eindruck, dass die Literatur von einer ungebrochenen Affinität der deutschen Rechten zum Thema Heidentum ausgeht. Die JF als eine der auflagenstärksten Zeitungen in diesem Spektrum schien dem zu widersprechen und dieser Widerspruch interessierte mich. Die Entscheidung, neben dem Christentumsbild auch das Islambild der Zeitung zu untersuchen, kam für mich zu der Zeit der Sarrazin-Debatte. Ich hatte beim Lesen der entsprechenden Artikel zum Thema Islam das Gefühl, dass gerade durch die Abgrenzung zum Islam eine gleichzeitige Zuwendung zum Christentum in der Zeitung stattfindet, also ein christliches Profil durch die Auseinandersetzung mit dem „Anderen“ geschaffen wird. Diese Polarisierung fand ich sehr spannend und so kam das Thema für die Arbeit zustande.

Welche Bilder von Islam und Christentum herrschen vor?

Zunächst muss gesagt werden, dass bei einer Zeitung natürlich nicht von vorneherein von einem homogenen Meinungsbild auszugehen ist. Weiterhin ist der Zeitraum meiner Untersuchung, welcher die Ausgaben im Jahr 2010 betrifft, natürlich vergleichsweise gering. Deswegen sind definitive Aussagen mit Vorsicht zu treffen.

Die Haltung der JF zum Islam ist im Untersuchungszeitraum vornehmlich negativ konnotiert. Es fällt auf, dass das Thema Islam besonders häufig mit dem Thema Gewalt verknüpft wird. Hier entsteht eine Koppelung, die für die meisten Autoren, und vermutlich ebenfalls die Leser, einen Sinnzusammenhang bildet. Das Thema Gewalt wird also stets mitgedacht. Weiterhin wird der Islam als fremd und die Integration als solche für gescheitert erklärt. Vereinzelt findet sich allerdings auch ein Lob von strengen islamischen Sitten und Glaubensregeln. Es herrscht jedoch das Bild eines erstarkenden Islam vor, der für die deutsche Gesellschaft eine Bedrohung darstellt. Linken und liberalen Politikern und Parteien wird gleichermaßen vorgeworfen, diese „Zustände“ erst ermöglicht zu haben.
Zum Christentum ist zu sagen, dass sich die Autoren mehrheitlich christlich positionieren. Liberale Tendenzen in den Kirchen werden jedoch scharf kritisiert. Im Wesentlichen betrachtet die JF Gruppen und Einzelpersonen innerhalb der Kirchen positiv, welche sich an deren rechten Rändern positionieren. Zum Teil existieren Beziehungen zur „Deutschen Evangelischen Allianz“ (DEA) und deren Nachrichtendienst idea. In der Arbeit wurde deutlich, dass die entsprechenden Autoren eine „starke“ christliche Identität als Schutz gegen das „Andere“ in Form des Islam und muslimischer Einwanderer sehen. Interessant ist weiter, dass eine Thematisierung des Islam erst seit Mitte der 90er Jahre stattfindet und der Islam anfangs eher positiv betrachtet wurde. Dies geschah in der Hinsicht, dass der Islam Werte besitzen würde, die der Westen verloren hätte.

Pavillon_of_Hope_(Manfred_Röben)

Die Deutsche Evangelische Allianz versteht sich als evangelikales Netzwerk bzw. evangelisch-reformatorisch gesinnter Christen. 350 Werke stehen ihr nahe (d.h. verwenden potenziell das DEA-Spendenzertifikat). Der eigentliche Verein hat nur um die fünfzig Mitglieder. Nach eigenen Angaben spreche die Allianz allerdings für 1,3 Mio. Christen. Sie beteiligte sich gemeinsam mit World Vision Deutschland und dem CVJM-Gesamtverband am Projekt Pavillon der Hoffnung auf der Expo 2000.

Bild von Manfred Röben unter Creative Commons Lizenz CC-BY-SA 3.0.

Parallel dazu findet eine besondere Thematisierung der Katholischen Kirche Anfang der 90er und der Evangelischen Kirche Mitte der 90er Jahre statt. Eine Auswertung der entsprechenden Literatur zum Thema ergab, dass sich das Schema Islam contra Christentum erst mit der Zeit herausbildete.

Für das Jahr 2010 konnten Sie einige Diskursereignisse festmachen und untersuchen?

Im Bezug auf das Christentum sind beispielsweise die Missbrauchsfälle innerhalb der Katholischen Kirche, die sogenannte Homeschooling-Debatte und das Thema Christenverfolgung zu nennen. Relativ breiten Raum nimmt auch die Auseinandersetzung mit dem, nach Meinung der Autoren, schwindenden christlichen Profil der Unionsparteien ein. Die katholische Kirche wird wie im Fall der Missbrauchsfälle vor Kritik in Schutz genommen und liberale und linke Tendenzen in der Kirche verantwortlich für die Zersetzung der Tradition gemacht. Die Diskurshöhepunkte im Jahr 2010 finden sich in Artikeln zur Ernennung der ersten muslimischen Ministerin in Niedersachsen, der Schweizer Minarett-Initiative, der Islamkonferenz und der Schließung der Hamburger Taiba-Moschee. Eine besondere Häufung von antiislamischen Artikeln ist darüber hinaus am 10. September festzustellen. Für eine Kontroverse sorgte ebenfalls die Aussage des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, dass der Islam ein Teil von Deutschland sei. Das größte islambezogene Diskursereignis 2010 stellt sicherlich die Sarrazin-Debatte dar.

Einer Ihrer Nebenbefunde besteht darin, dass neuheidnische Orientierungsmomente abnehmen (vgl. Interview zur Ariosophie). Woher kommt die aktuelle Tendenz?

Dieser Befund ist praktisch ein Nebenprodukt der Arbeit. Neuheidnische Orientierungsmomente nehmen stark ab. Teilweise gibt es Autoren wie den Theoretiker der französischen intellektuellen Rechten Alain de Benoist, die in der JF schreiben und sich gleichzeitig als Neuheiden bezeichnen. Mein Eindruck ist, dass diese Stimmen in der Zeitung jedoch ziemlich isoliert sind, wenn sie auch nicht unterdrückt zu werden scheinen. Bei den erwähnten Autoren lohnt es sich ebenfalls genauer hinzusehen, was diese unter Heidentum verstehen.
Die wenigen Bezugspunkte der Rechten um die JF zum Neuheidentum hängen sicher mit der Gleichung NS = Heidentum zusammen, welche in der öffentlichen Meinung existiert. Einer solchen gedanklichen Verbindung möchte man entgegenwirken. Damit möchte ich nun keineswegs bestreiten, dass es „heidnische“ rechte Autoren gibt, ich denke jedoch, dass deren Bedeutung im Hinblick auf das Gesamtspektrum der Rechten eher abnimmt. Mit dem Thema Christentum bietet sich für die JF hingegen eine Möglichkeit, sich weitere Leserkreise und Einflussmöglichkeiten zu erschließen.

Ein weiteres Resultat ist, dass diese Diskurse innerhalb der Zeitung auch immer mit einem Bild von „linken“ Meinungsstrategen verbunden sind?

Das Bild des linken oder auch liberalen Gegners findet sich immer wieder innerhalb der JF. Im Wesentlichen werden für einen geistigen und moralischen Verfall der deutschen Gesellschaft die Ereignisse um 1968 verantwortlich gemacht. Diese Entwicklungen, welche als durchweg negativ und ablehnenswert beschrieben werden, seien für die derzeitige Schwäche Deutschlands und des Westens überhaupt verantwortlich. Bei der Behandlung des Themas Islams wird deswegen auch fast immer auf die Verantwortlichen für diese Entwicklungen hingewiesen. So zeichnen die Autoren das Bild einer Linken, welche diese Zustände erst ermöglicht hätte. Die Zeitung sieht die deutsche Presselandschaft wesentlich durch diese „linken Meinungsmacher“ dominiert und fühlt sich durch diese unterdrückt. Die Idee, dass das Erstarken des Islam in Europa auch und gerade durch linke Parteien und Personen ermöglicht wurde, ist in der Rechten weit verbreitet und keine Besonderheit der JF. Dennoch spielt sie in der Zeitung eine große Rolle.

Wie schätzen Sie den Kontext der „Jungen Freiheit“ ein? Wer sind ihre Leser und wie ist sie in den rechtskonservativen bis rechtsextremistischen Szenen zu positionieren?

Die JF besteht seit 1986 und hat seit dieser Zeit einige politische und ideologische Wandlungen hinter sich. Eine der wesentlichen Veränderungen sehe ich in der Abkehr von extremsten Positionen der Rechten mit Schwenk zu moderateren Positionen des Rechtskonservatismus. So ist aktuell beispielsweise kein offener Antisemitismus in der JF vertreten. Ein Wendepunkt lässt sich im Jahr 1994 festmachen, mit der Trennung der JF von den Autoren Armin Mohler und Andreas Molau. Dieser Schwenk markiert gleichermaßen die Abkehr von der „Alten Rechten“. Andreas Molau setzte so seinen politischen Weg beispielsweise bei der NPD fort. Es ist davon auszugehen, dass dieser Schwenk der JF die Möglichkeit bot, sich breitere Leserkreise zu erschließen. Wohingegen hierfür die extreme Rechte die JF teils scharf kritisierte und unter anderem als „Junge Feigheit“ bezeichnete. Die Betrachtung des rechten Zeitschriftenmarktes zeigt, dass extremere Zeitungen stark abgenommen haben, wobei die JF ständige Auflagensteigerungen verbuchen kann.

Hinsichtlich der Leser und der Auflage sind nur tendenzielle Aussagen möglich. Die JF selbst schreibt, dass sie 2008 eine verkaufte Auflage von 19.820 Exemplaren erzielt hätte. Hinsichtlich der Leserschicht heißt es aufgrund einer Befragung:

„Die Leser der JUNGEN FREIHEIT sind gebildet, einkommensstark und politisch interessiert.“

Wenn man von den Werbekunden ausgeht, kann festgehalten werden, dass die JF Anzeigen unter anderem der Republikaner (REP) und diverser Burschenschaften schaltet. Weiterhin scheint der rechte Flügel der Unionsparteien und der Pro-Deutschland-Bewegung als Ansprechpartner für die JF zu fungieren. Derzeit ist ebenfalls eine verstärkte Schaltung von Anzeigen von christlichen Arbeitsgemeinschaften in der JF zu bemerken, was sich ebenfalls in den Artikeln widerspiegelt. Bei der Verortung der JF wird ihr oft eine „Schanierfunktion“ zwischen Rechtsextremismus und Konservatismus zugesprochen. Ich wäre hier, nicht zuletzt aufgrund der begrifflichen Unschärfe beider Begriffe, vorsichtig. Gleichwohl glaube ich, dass es Ziel der JF ist, extremere Positionen wie die stereotype Ablehnung des Islam in bürgerlich-konservative Kreise einzubringen. Ein Schlagwort, welches teilweise für die JF eine Rolle spielte, war die Rede vom Erlangen der kulturellen Hegemonie. Hiervon ist die Zeitung sicher weit entfernt, dennoch gelingt es ihr immer wieder sich in öffentliche Diskurse einzuschalten und prominente Fürsprecher auch aus dem Unionsspektrum für sich einzunehmen. Meiner Auffassung nach ist die Zeitung als rechtsintellektuell zu klassifizieren im Anschluss an Klaus Kornexl.

Welche weiteren Untersuchungen sollten angeregt werden?

Ich fände es spannend, die Ergebnisse der Arbeit mit anderen Zeitungen zu vergleichen. Des Weiteren bin ich gespannt, ob die von mir beschriebenen Tendenzen längerfristig feststellbar bleiben.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil

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7 Kommentare:

  1. Hochinteressante Sache, Herr Uhrig,
    die nach vergleichenden und umfangreichen Forschungen verlangt.
    Die Neue (intellektuelle) Rechte und ihr Verhältnis zu Religion ist religionswissenschaftlich unterbelichtet.

    Schon lange frag ich mich z.B., ob die durchaus kenntnisreichen und keineswegs dummen Essays in der *Sezession* zu Eliade, Ernst Jünger, Werner Müller, Cioran u.v.a. Figuren der Religionswissenschaft (von dem Theologen Weißmann) überhaupt jemand interessiert. In welchem Milieu wird sowas denn reflektiert (sezession.de)?

    Das wäre ein weiteres solches Thema in Anschluss an Ihre „Probebohrung“.

    Jedenfalls zeigt ihre Forschung, dass religiöse Affinitäten hierzulande (und sicherlich andernorts) Trends unterliegen und natürlich auch von Schlüsselereignissen geformt werden. Das scheint banal zu klingen, aber dieserart Dynamik von Religion wird bislang nicht (oder viel zu wenig) modellhaft eingerechnet. Die Hinwendung zum *Eigenen* – in diesem Fall (evangelikal angehauchtes) Christentum – ist bezeichnend.

    Religionswissenschaftler tendieren dazu, Religionsgemeinschaften deskriptiv „einzufrieren“, und wenn sie damit durch sind, ist das beschriebene Phänomen womöglich gar nicht mehr vorhanden.

    In diesem Sinne – weiter so.
    Es grüßt
    Ihr
    Peter J. Bräunlein

  2. Literaturhinweis: Regina Wamper:Das Kreuz mit der Nation. Christlicher Antisemitismus in der Jungen Freiheit (2008)

  3. Christian Uhrig

    @ Entdinglichung: Bezüglich der Arbeitsweise von Regina Wamper, die mit der kritischen Diskursanalyse arbeitet, gibt es einen kritischen Kommentar von Mathias Brodkorb, der sich zu lesen lohnt.
    http://www.b-republik.de/b-republik.php/cat/8/aid/1271/title/Die_Junge_Freiheit_und_ihre_Gegner

  4. Aus der Interkulturellen Woche (Heft 2013):

    Rechtsextreme Einstellungen machen vor Kirchentüren nicht halt!

    Kein Zweifel: Die Kirchen in Deutschland und viele Christinnen und Christen engagieren sich für Gerechtigkeit und die Unantastbarkeit der Menschenwürde, gegen Rassismus, gegen Rechtsextremismus und gegen verschiedene Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. […]

    Neurechten Zeitungen, Magazinen und Internetseiten wie »Junge Freiheit«, »Blaue Narzisse«, »eigentümlich frei« oder dem rechtspopulistischen islamfeindlichen Weblog »Politically Incorrect« ist gemein, dass sie aktiv um christliche Leser werben. Obwohl diese Medien sich nicht als christlich, kirchlich oder religiös verstehen und obwohl sie eine teilweise aggressiv antichristliche Leserschaft haben, greifen sie immer wieder aktuelle kirchliche, besonders gerne konservativ-christliche oder traditionalistische Themen auf.

  5. Pingback: Mittendrin: Rechtspopulistische Parteien in Mittelosteuropa « REMID Blog

  6. Hepting Joseph-Paul

    Für mich als katholischer Christ steht fest, dass der Islam keine Religion, sondern eine pure Terrorideologie ist, die nach der Weltherrschaft strebt.

    Anm. Red.: Zur Fantasie, dass der Islam grundsätzlich und immer „Weltherrschaft“ anstrebe, vgl. folgenden Aufsatz von Thomas Naumann: „Feindbild Islam. Historische und theologische Gründe einer europäischen Angst – gegenwärtige Herausforderungen„, insb. S. 4: „Die heute geläufige Angstvorstellung vom ‚Islam auf dem Vormarsch‘ gibt es nicht erst seit der Revolution der iranischen Ayatollas. Die Vormarsch-Metapher ist fester Bestandteil schon der alteuropäischen Warnehmung des Islam“; S. 5: „Die islamische Expansion, so schreibt Albrecht Noth, Göttinger Orientalist und Spezialist für die islamische Frühgeschichte, in seiner einschlägigen Studie, ging nach einigen entscheidenden Schlachten deshalb so schnell vonstatten, weil die Araber die Fähigkeit besaßen, mit der mehrheitliche christlichen und jüdischen Bevölkerung der eroberten Gebiete variable und flexible Verträge zu schließen, die jenen oft mehr Schutz und weniger Steuern brachten, als sie dies unter byzantinischer Oberherrschaft kannten, und darüber hinaus ihre religiöse Eigenständigkeit bewahrten“; S. 6: „Besonders die Gestalt Muhammads war Zielpunkt einer in der Religionsgeschichte vermutlich beispiellosen Gräuelpropaganda zur Diffamierung des ideologischen und politischen Gegners“; S. 8: „Die Schriften Martin Luthers angesichts der europäischen Türkengefahr geben einen guten Einblick, wie die alten Vorurteile und Stereotype in der aktuellen Situation erneut aufpoliert werden, nur dass jetzt die ‚Türken‘ an die Stelle der ‚Sarazenen‘ treten“; S. 9: „Erst jetzt [im 18. Jh.] ist eine europäische These möglich, die bis heute immer wieder wiederholt wird, und die im Mittelalter völlig undenkbar war, dass nämlich der Islam als Religion verantwortlich ist für Armut, Despotismus und Unterentwicklung, während das Christentum als Quelle und Garant des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts erscheint“.

    Ich habe den Koran in deutsch gelesen und führe daraus nur vier Punkte auf, díe beweisen, dass es sich nur um eine Terrorideologie handelt:

    Anm. Red.: Eine Privatexegese (oder allgemein die spezielle Koran-Exegese der Islamhasser in z.B. ihren Blogs betreffend) sagt gar nichts aus, vgl. Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, S. 19: „Der Unterschied zwischen heiligen und kulturellen Texten liegt darin, dass bei Ersteren alles auf die korrekte Rezitation, bei Letzteren alles auf den inneren Nachvollzug ankommt. Heilige Texte müssen nicht verstanden werden“; S. 20: „Kulturelle Texte dagegen vermitteln ihre normativen und formativen Impulse nur im Akt des Verstehens. Daher müssen sie durch Glossen, Erweiterungen, Umschreibungen transparent gehalten werden“. Was man so alles in Heiligen Texten finden kann und im schlechtesten Fall kontextunabhängig und nicht historisch-kritisch privat auslegt, sagt letztlich nichts über die tatsächlich gelebte Religion aus. Im Christentum wie im Islam gibt es seit Anfang an Kommentare zu den Heiligen Texten, die von den Kirchenvätern bis zu den Stiftern neuer Denominationen im protestantischen Bereich (im weiten Sinne) verschiedene Schulen bilden. Selbst bei Laientheologien (z.B. die Neuapostolische Kirche vor der Einführung eines Katechismus 2013) gibt es faktisch eine – wenn auch nicht notwendig kodifizierte – bevorzugte Lesart, die zum Profil einer Gemeinschaft dazugehört. Im übrigen machen auch manche religionskritischen Atheisten den Fehler und deuten Bibeltextstellen mit Hilfe einer spontanen „wörtlichen“ Auslegung in Unkenntnis der Kommentartraditionen. Übersetzungen sind zudem im Kontext der Kommentartraditionen zu sehen, aus denen sie hervorgingen.

    1. keine Wahrung der Menschenrechte für Frauen durch Verschleierung

    Anm. Red.: „Ungeachtet der Tatsache, dass auch in vielen biblizistischen oder evangelikalen Gemeinschaften des Christentums eine Kopfbedeckung für Frauen selbstverständlich ist, ordnet die öffentliche Diskussion das Kopftuch in der Regel dem Islam zu“ (Quelle: unsere ältere Informationsseite zum „Kopftuch“); patriarchale Familienstrukturen und die meisten bisherigen Varianten von islamischen Frauenrechten benachteiligen die Emanzipation dieser Frauen ähnlich jedem anderen traditionalistischen konservativen Gender-Konzept und auch innerislamisch unterschiedlich stark; mit „Terror“ im Kontext von „Islamismus“ hat dieses Thema nichts zu tun (vgl. auch Islam und Europa – ein jahrhundertelanger Diskurs); zugleich erfährt das Kopftuch eine Umdeutung unter jungen westlichen Muslimas: „Damit hat das Kopftuch auch seine traditionell patriarchale Bedeutung weitgehend verloren. Zwar scheinen die Auffassungen der Frauen mit dem Anlegen des Tuches äußerlich wieder in traditionelle Bahnen zu verlaufen, aber gerade für die innerislamische Dynamik ist es von großer Bedeutung, dass dies nicht auf der Basis eines rein traditionalen Beziehungs- und Religionsverständnisses geschieht. Die so genannten ’neo-muslimischen‘ Frauen haben ihre Verhüllung vom Selbstverständnis her frei gewählt, sie fühlen sich weder an einen Mann noch an ihre Eltern zwingend gebunden und die Religion des Islam interpretieren sie von der Erfahrung ihrer Eigenständigkeit her“ (Gritt Klinkhammer, Wozu ein Kopftuchverbot?).

    2. Genitalverstümmelung bei Kindern, insbesondere Knaben

    Anm. Red.: Unabhängig von der Frage, wie Knabenbeschneidung medizinisch und psychologisch zu beurteilen ist, hat dieses Argument noch weniger als die Verschleierung etwas zu suchen in einer „Beweisführung“, dass etwas eine „Terrorideologie“ sei (schließlich macht es keinen Sinn, die Beschneidung als ein Unterdrückungsinstrument zu deuten; man vgl. imsgesamt auch Beschneidungsdebatte: “Auf beiden Seiten durch heftige Polemik gekennzeichnet”). Ergänzend sei darauf verwiesen, dass die Wahrnehmung der Knabenbeschneidung als Gewalt am Kind in Deutschland mit dem 2000 eingeführten begrüßenswerten Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung und international mit der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen vom Jahr 1989 im Zusammenhang gesehen werden muss. Insofern spielte dieser Aspekt bei der Abwertung der Beschneidungspraxis im Judentum zur Zeit des Nationalsozialismus keine zentrale Rolle, hier dominierten Ideen von Männlichkeit und „Entmannung“.

    3. barbarische Rechtssprechung durch die Scharia

    Anm. Red.: Die Scharia ist kein festgelegter Katalog von Einzelgesetzen, sondern zunächst eine Methode. Es gibt vier sunnitische und eine schiitische Auslegungsschule. Hierbei gilt die hannafitische Schule als am weitesten verbreitet und in vielen Punkten als besonders gemäßigt; seit der Kolonialzeit haben die Scharia-Realisierungen in Staaten der islamischen Welt eine Reform erfahren und unterscheiden sich deutlich von der traditionellen Lehre, „[i]nsbesondere die Hadd-Strafen [Körperstrafen wie Steinigung, Auspeitschen] werden nur noch in wenigen Staaten wie Saudi-Arabien, im Iran, Sudan, in Somalia, in Teilen Nigerias und in Pakistan angewandt“; zudem ist die Wiedereinführung der hadd-Delikte in einigen Staaten, zuletzt 2014 in Brunei, als Politikum zu sehen (Mathias Rohe: Das islamische Recht, S. 264); „[e]s ist auch notwendig festzustellen, dass im traditionellen Islam Scharia auf Nichtmoslems nicht angewandt würde […;] außerdem, wurden solche Verbote wie das […] des Verkaufs und Verbrauchs von Alkohol auf Nichtmoslems nie angewandt“; heute versucht das als Staat nur Saudi-Arabien, unter anderem mit einem Verbot des Ausübens eines anderen Glaubens neben dem Islam und verstärkter Strafen wegen Alkoholkonsums (Centre for Islamic Pluralism: Eine Einführung in die Gesetze der Schariah, S. 15). Man vgl. auch eine Grafik bei Wikipedia, die in Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit sowie Mitglieder der OIC (Organisation der Islamischen Konferenz), in denen die Scharia keine Rolle im Rechtssystem spielt, Länder mit säkularem Rechtssystem, in denen die Scharia im Privatrecht (z.B. Ehe, Scheidung, Erbrecht, Sorgerecht) Anwendung findet, Länder mit „voller Gültigkeit der Scharia“ und Länder mit regional unterschiedlicher Anwendung der Scharia unterscheidet.

    4. grauenvolles Töten / Schächten von Tieren in religiösem Wahn, insbesondere dem sogenannten Opferfest […]

    Anm. Red.: Besondere Tötungsvorschriften und Tieropfer in Religionsgemeinschaften betreffen das Tierschutzgesetz („Schächten“ in § 4a [2] als geregelte Ausnahme). Tierrechte sind wichtig, aber auch bis auf wenige Ausnahmen eine relativ junge Entwicklung (so etwa ein Gesetz von 1502 unter Sultan Bayezid II. in Istanbul, dass unter Strafe stellte, wenn Nutztiere wie Pferde und Esel nicht richtig behandelt wurden beziehungsweise unter Qualen arbeiten mussten). So sinnvoll und gestattet es ist, das Töten von Tieren ohne Betäubung oder beim Tieropfer ausschließlich für einen religiösen Zweck zu kritisieren, so wenig eignet es sich zum Auszeichnen einer „Terrorideologie“. Hier wird offensichtlich, dass es nur um Abwertung geht und damit um den Ausdruck einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

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