Eine kleine Geschichte vom Sinn des Lebens

Print page

Im Jahre 1731 war es noch üblich, wie Franz Sebastian Nonhardt in seiner theologischen Abhandlung  „Die Allzeit bestrittene, aber niemahlen überwältigte Wahrheit des Heil. Römischen, Catholisch-Apostolischen Glaubens“ vorführt, eher davon zu sprechen, es seien „[d]ie Sinn des Lebens sehen / hören / kosten / fühlen / riechen alles Würckungen [Wirkungen]“, mit welchen Gott auf die Aktivitäten „in Nachstrebung nach dem jenigen / was die Seele will“ antworte (S. 444). Schon einen Schritt weiter geht Angelo Paciuchelli in seinem „Sittlichen Diskurs“ in der Übersetzung von Wunibald Reichenberger 1743. Angesichts der Vorstellung einer Verdunkelung der Welt im Moment des Sterbens Jesu am Kreuz greift der Tod um sich: „Es seyn tod alle Sinn, welche den Sinn des Lebens, und das Heyl eindrucken allen, die solche betrachten“ (S. 617).  Es wird sich zeigen, wie das 18. Jahrhundert an der christlich-religiösen Figur Jesus überhaupt die Idee eines Sinns des Lebens als einer Bestimmung entwickelt, um dann zu sehen, wie grob ein Jahrhundert später durch insbesondere Autoren wie Wilhelm Dilthey dieser zum allgemeinen Kernbegriff eines eben gerade nicht metaphysischen Selbstverständnisses des modernen Menschen transformiert wurde. Die Rolle seiner Ausgestaltung hängt dabei eng mit derjenigen der Geisteswissenschaften zusammen.

nonhardt

Vermutlich lassen sich Bezüge zurück finden bis zu Zeiten der mystisch inspirierten Imitatio Christi. Auch das letzte Zitat gehört zu Reflexionen über entsprechende Betrachtungen von Bonaventura und dem Mystiker „Johannes Tauler“ (Nachfolgung des armen Lebens Jesu, 13. Jh.). Insbesondere das Werk „De imitatione Christi“ des Thomas von Kempen (anonym 1418) sollte die Idee in der Frühen Neuzeit prägen.

Ein früher deutschsprachiger Beleg legt die Vermutung nahe, dass die Wendung aus dem englischen Sprachraum übernommen wurde. So heißt es in der deutschen Übersetzung von William Laws „Von der christlichen Vollkommenheit“ durch Johann Caspar Lavater 1776 (im Original Practical Treatise on Christian Perfection, 1737):

„Wenn es heißt, das wir dem Leben Christi folgen sollen, so wird nicht gemeint, daß wir zu derselben Lebensart, oder zu derselben Gattung von Handlungen berufen sind; das ist aber gewiß, daß derselbe Geist und Sinn, welcher der Geist und Sinn des Lebens und der Handlungen unsers theuresten Erlösers war, von uns gefo[r]det wird“ (S. 367).

Bereits in einem Brief an George Fox, einem der Gründerväter der sogenannten Quäker (Gesellschaft der Freunde), von 1662, geschrieben von einem Thomas Sharman, taucht die Wendung auf – im Kontext der Nennung eines Bekehrungserlebnisses:

„Dear Friend, / Having such a convenient messenger, I could do no less, than give thee an account of my present condition, remembering, that to the first awakening of me to a sense of life and of the inward principle, God was pleased to make us of thee as an instrument…“

„Lieber Freund, / mit einem solchen günstigen Kurier konnte ich nicht weniger, als dir einen Bericht meines jetzigen Zustands zukommen zu lassen – in Erinnerung daran, dass mit  meinem ersten Erwachen zu einem Sinn des Lebens und dem inneren Prinzip uns Gott erlaubte uns von dir zu einem Instrument [Seiner] machen zu lassen…“ (A journal or historical account of the life, travels, sufferings, Christian experiences, and Labour of Love […] of George Fox, London 1827, Vol. II., S. 3).

George_Fox

George Fox, einer der Stammväter der sogenannten Quäker (Gesellschaft der Freunde), lebte von 1624-1691.

So beginnt sich die Rede vom „Sinn des Lebens“ auch in Deutschland einzubürgern und so kann Carl Friedrich Bahrdt schon in einem lexikonartigen Stil unter dem Stichwort „Moralisch“ im Jahre 1787 schreiben:

„Und das [moralisch] ist der gewöhnliche Begrif, der im N[euen] Test[ament] mit dem Leben Jesu verbunden wird. So sagt z.B. der Apostel selbst: doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Das ist also der moralische Sinn des Lebens Jesu, wenn der Geist, die Lehre Jesu, seine Wahrheit, seine Tugend, in uns lebt und wirksam ist“ (Analytische Erklärung aller Briefe der Apostel Jesu, Band 1, S. 304 zu Röm. 5,10).

Johann Friedrich Kleuker, der auch über die Religionen der Hindus (1778, 1797) und des Zarathustra (17761783, 1789) Bücher schreibt, setzt die Wendung mit „Bestimmung“ und „Rathschluß Gottes“ gleich („Menschlicher Versuch über den Sohn Gottes und der Menschen“, Bremen 1776, S. 328). Bereits die Einsendung unter dem Pseudonym Oriades „Der freye Einsiedler mitten in der Welt, nach der Seelenerfahrungskun­de“ (Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, Bd. X, 1793, 1. Stück, S. 17­-52, Zitat S. 24) fragt weiter öffnend: „Brauchen wir also Gott und sein sittliches Wort, sein Ebenbild, seinen Geist und Sinn des Lebens, erst in und über allen Sternen, erst in allen Abgründen der Natur außer uns zu suchen, da wir Ihn so nahe in uns, zunächst im Grunde des Herzens, im Mittelpunkt unseres Wesens haben?“  Entsprechend wird der Autor, hinter dem sich der „Mystiker“ Jacob Hermann Obereit verbirgt, fragen, ob nicht bereits die alten Weisen unter den Heiden vor der Kenntnis der christlichen Offenbarung Gott in uns erkannt hätten (zum Magazin und dem Konzept der Erfahrungsseelenkunde vgl. meinen Beitrag in: Melanie Möller et. al.: Religiöse Gegenwartskultur. Zwischen Integration und Abgrenzung. Tagungsband 2008, Münster 2012, S. 53-67; sowie meinen Bericht zur Tagung vom Institut für Germanistik der Universität Potsdam und der Karl Philipp Moritz-Arbeitsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften 2010). Und ähnlich wie Obereit alias Oriades predigt, dichtet Heinrich Balthasar Wagnitz 1791: „Beglückt, wem ein zufriedner Sinn / Des Lebens Pfad‘ erhellt! / Der wallt durch lauter Blumen hin, / Und preiset Gott und Welt“ („Beyspiele für Traurige und Leidende“, „XLVV. Der zufriedene Mann in der Hütte“, S. 359).

Während diese letzten beiden Autoren in der Manier der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts das Empfinden an die erste Stelle setzen und damit im Grunde die gesamte Prozedur der Übungen in eine Nachfolge Christi hinein für unnötig erklären bzw. hinter sich lassen, sei nun ein Blick auf das Werk Wilhelm Diltheys geworfen, der um die folgende Jahrhundertwende herum den „Sinn des Lebens“ nachhaltig neu prägen sollte.

So liest er bereits aus einer Predigt Friedrich Schleiermachers heraus, „diese unsrem Dasein seinen Werth verleihende Bestimmung darf zunächst nicht metaphysisch abgeleitet werden, in dem unmittelbaren Leben des Gefühls ist sie zunächst gegenwärtig: seine Auslegung ist die Formel dieser Bestimmung“ (Leben Schleiermachers, Bd. 1, 1870, S. 142). Es sei das Kunstwerk, „welches aus den Tiefen des Mikrokosmos hervorging“, und das, „vermöge des metaphysischen Zusammenhangs der Natur“ den Makrokosmos ausdrücke (ebd., S. 289).  Später bringt Dilthey das auf die berüchtigte Formel: „Die Dichtung ist Organ des Lebensverständnisses, der Poet ein Seher, der den Sinn des Lebens erschaut.“ (Ges. Schr. , V, 394).

dilthey

In der Logik von „Das Erlebnis und die Dichtung“ (1905)  wird säkularisiert diejenige Entwicklung nachvollzogen, die bereits zuvor durch empfindsame Autoren ihrer barock-reformatorischen Herkunft durch Stärkung der Rolle der Empfindung allmählich enthoben wurde. Religion, Philosophie und Kunst bilden dabei dasjenige ab, was Geisteswissenschaften „verstehen“ können sollten. Das „Verstehen“ sei die Aufgabe der Geisteswissenschaften und das „Erklären“ diejenige der Naturwissenschaften:

„Nur was der Geist geschaffen hat, versteht er. Die Natur, der Gegenstand der Naturwissenschaft, umfasst die unabhängig vom Wirken des Geistes hervorgebrachte Wirklichkeit. Alles, dem der Mensch wirkend sein Gepräge aufgedrückt hat, bildet den Gegenstand der Geisteswissenschaften. […] Jetzt können wir sagen, dass alles, worin sich der Geist objektiviert hat, in den Umkreis der Geisteswissenschaften fällt.“  (Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 1910, S. 148)

Nun hat sich das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften immer wieder neu bestimmt (vgl. Artikel „Ressource oder Wachstumsblase Bildung? ‚Religiöse‘ und utopische Aspekte eines besonderen Konzeptes“). Der quasi-religiöse bzw. humanistische Anspruch einer Zuarbeit letztlich für einen „Sinn des Lebens“ bzw. sein Verständnis verschob sich über manche utopische Abzweigung in Richtung „kritisches Bewusstsein“ bzw. neuerdings zu eher pragmatischen Neukonzeptionen von etwa „Bildung“.  Und der Sinn des Lebens? Allein aktuell 1776 Artikel bei amazon.de tragen diese Phrase im Titel. Religiöse wie atheistische Autoren bemühen sich um entsprechenden Nachschub und ergänzen diesen online. Berühmt sind die humoristischen Antworten von Douglas Adams („Per Anhalter durch die Galaxis„) und Monty Python. Weniger bekannt ist aber bislang die Geschichte dieser Wendung und ihre Rolle für das Selbstverständnis der Moderne – etwa bei den geerbten und fortgesetzten Versuchen einer Bestimmung der Rolle von Kunst, Philosophie, Wissenschaft oder Religion für den Menschen.

Christoph Wagenseil

Teilen Sie diesen Artikel:
Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInShare on TumblrShare on Reddit

3 Kommentare:

  1. Wirklich interressant und gut recherchiert!

    R. Fröhlich

  2. Zu den neueren Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens hat Terry Eagleton ein kleines Büchlein geschrieben (Monty Python inkl.). Hier eine Rezension der englischen Ausgabe (auf deutsch):
    http://wp.me/p2YCuY-b2

    Herzliche Grüße.

  3. Pingback: Nachgefragt: Religion in Ex-Position. Eine religionswissenschaftliche Ausstellung « REMID Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.