„Eine exorbitante Entwicklung rassistischer Angriffe“: Forschungsbericht zur Kontinuität und Aktualität einer Ideologie


„Hass hat Zukunft“, so ist der Aufmacher der Titelseite der Jüdischen Alllgemeinen vom 10. Januar 2013 überschrieben. Hannes Stein argumentiert, „Judenfeindschaft wird zunehmend salonfähig. Bald kann man sich auch wieder stolz dazu bekennen“. Jakob Augsteins Meinungen, für die ihm auf einer Liste der „zehn schlimmsten“ Antisemiten des Jahres 2012 vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles ein Platz zuteil wurde, werden laut Stein von der Mehrheit der Deutschen geteilt. „Hass hat Zukunft“ gilt leider ebenso für rassistische Ressentiments. Mehr noch: Bezüglich Rassismus hat der Historiker Dr. Harry Waibel einen aktuellen Forschungsbericht vorgelegt, der aufzeigt, in welchen Dimensionen Rassismus in der Geschichte der beiden deutschen Republiken eine Rolle inne hatte. Die Opfer des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) sind zudem nur die bekanntesten Todesfälle mit rassistischen Hintergrund. REMID interviewte den Autoren zu seinem neuen Buch.

waibel

Wie definieren Sie in Ihrem neuen Buch „Rassisten in Deutschland“ (Peter Lang Verlag 2012) Ihren Forschungsgegenstand?

Der Forschungsgegenstand meines Buches ist die rassistische Bewegung in Deutschland seit 1945 sowohl in der BRD als auch in der DDR. Anhand der Informationen aus archivalischen und publizistischen Quellen wird historisch verständlich, auf was die gegenwärtigen rassistischen Angriffe aufbauen, die seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten bis heute zustande gekommen sind. Rassismus ist eine Ideologie und in der Regel wird sie sichtbar in einer Verbindung mit Nationalismus und Sexismus. Im Wesentlichen besteht auch die faschistische Ideologie, latent oder manifest, aus eben Rassismus und Autoritarismus. Beide Begriffe sind Pole einer Achse, die wenn sie einmal ins Rollen gekommen ist, nur schwerlich wieder zu stoppen ist. Ich verwende den Begriff „Rassisten“ deshalb, weil er konkretisiert was mit dem Begriff „Rassismus“ nur suggeriert wird.

Bei der Diagnose der beiden deutschen Staaten beginne ich mit der politischen und personellen Hinterlassenschaft des untergegangenen Nazi-Deutschlands und mit den fehlgeschlagenen Versuchen der Ent-Nazifizierung. Beide deutschen Staaten mussten für die Führung und den Betrieb der gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen zum großen Teil auf das Personal zurückgreifen, das bereits bis 1945 unter und mit Nazis als deren Funktionseliten gedient hatte. Auch die Führung der DDR, und diese Tatsache straft die Apologeten dieses untergegangenen Landes Lügen, hat sich das Wissen und das Können ehemaliger NS-Funktionäre angeeignet, in dem sie lukrative und einflussreiche Posten in der Armee, der Polizei, den Parteien, der Ökonomie, den Wissenschaften, den Medien usf. mit ihnen besetzen ließ – ähnlich wie es im Westen der Fall war.

Ein besonderer Augenmerk richtet sich auch der Frage nach der Kontinuität rassistischer Vorurteile in beiden deutschen Republiken bis zur Wiedervereinigung (1949-1990)?

Das Syndrom des „verleugnenden Verdrängens“ der rassistischen Verbrechen der Nazis betrifft die kollektive Bewusstseinslage der Deutschen nach 1945 sowohl in der DDR als auch in der BRD. Rassisten und ihre Vorstellungen über eine Ungleichwertigkeit der Menschen verschwanden weitgehend aus der Alltagskultur, wirkten aber in Institutionen bis in die Gegenwart hinein fort. In meinem Buch „Rassisten in Deutschland“ beschreibe ich anhand von zeithistorischen Beispielen physische und psychische Angriffe von Rassisten, die in beiden deutschen Staaten stattgefunden haben. Eine für die gegenwärtige Diskussion wichtige Erkenntnis liegt in der Tatsache begründet, dass es in der DDR, obwohl es keine organisierten Rassisten gegeben hatte, über Jahrzehnte hinweg massive rassistische Angriffe auf Ausländer gab. Diese Angriffe entwickelten sich, oft aus marginalen Auseinandersetzungen in Gaststätten oder bei Tanzveranstaltungen, zu blutigen Schlägereien zwischen rassistischen Deutschen und Ausländern.

Die zum Teil pogromartigen Ereignisse mit Rassisten wurden in der DDR fast vollständig geheim gehalten, d. h. es gab keine publizistischen oder wissenschaftlichen Studien, die den Verlauf der rassistischen Angriffe oder ihre Ursachen zum Gegenstand hatten. Die Führung der SED reagierte auf solche Vorkommnisse mit Hilfe der Volkspolizei, dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und mit der Justiz. Wenn es möglich war, wurden die rassistische und damit die politische Dimension des jeweiligen Falles geleugnet.

Allerdings ist die Kontinuitätsfrage nicht nur eine historische, oder? Wie beurteilen Sie die Entwicklungen nach der „Wende“ und von welchen Größenordnungen ist aktuell auszugehen?

Die historische Kontinuität lässt sich ablesen an den ausgewählten Opfern und am Vorgehen der Rassisten insgesamt. Dabei ist auffällig, dass die gegenwärtigen Opfergruppen eine verblüffende Ähnlichkeit aufweisen mit den Gruppen, die bis 1945 dem Wahn der deutschen Rassisten zum Opfer fielen und die in Vernichtungslagern und anderen Einrichtungen gequält und getötet worden sind: Obdach- und Arbeitslose, Nicht-Deutsche, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, religiöse Minderheiten oder Linke.

Seit 1990 erleben wir eine exorbitante Entwicklung rassistischer Angriffe, bei denen seitdem eine Steigerung von ca. 1.800 rassistischen Vorfällen im Jahr 1990 auf ca. 18.000 Vorfälle im Jahr 2011 festgestellt werden konnte. Seit der Vereinigung haben bis heute ca. 280.000 nazistische bzw. rassistische Angriffe (psychisch oder physisch) stattgefunden und es müssen bisher über 250 Tote und ungezählte Verletzte konstatiert werden.
Dieses allein schon bedrohliche Bild wird komplettiert durch die Ergebnisse demoskopischer Erhebungen von unterschiedlichen Gruppen von Wissenschaftlern (FES, Volkssolidarität, u. a.) die jeweils eine rassistische bzw. nationalistische Latenz in der deutschen Bevölkerung feststellen, die, je nach Fragestellung, um ca. 50% liegt.

Ein Kapitel widmet sich auch dem „Biedermann“ Thilo Sarrazin (vgl. Interview zur Islamophobie). Welche Rolle spielt der Islam aktuell bei zeitgenössischen Rassisten?

Neben den „Stiefelnazis“, die auf Straßen und Plätzen braunen Terror verbreiten, widme ich mich in meinem Buch auch den rassistischen Aussagen, die von Schriftstellern, Politikern oder Wissenschaftlern, Brandsätzen gleich, in die öffentliche Diskussion geworfen werden. Sie bilden den geistigen Rahmen und eine gewisse Orientierung für den gesellschaftlichen – den organisierten wie den individuellen – Rassismus. Die zum Teil seit den sechziger Jahren betriebene Hetze gegen Ausländer, vor allem in West-Deutschland, erreichte ihren Kulminationspunkt, als Anfang der 1990er Jahre in West- und Ost-Deutschland der braune Mob in Rostock, Hoyerswerda, Mölln oder Solingen pogromartige Angriffe auf Ausländer durchführte. Sichtbar wurde hier eine „Arbeitsteilung“, sie hat sich mittlerweile eingespielt, von den Rassisten an der Spitze mit denen an der Basis der Gesellschaft.

Der „Islam“ ist sowohl Objekt als auch Subjekt der nationalen wie der internationalen Politik. Mit dem „Islam“ sind in Deutschland in der Regel türkische und arabische Einwanderer gemeint, die spätestens seit den 1980er Jahren mit gesellschaftlichem und staatlichem Rassismus, sich konfrontiert sehen müssen. Rassisten töten Muslime und sie greifen ihre Wohnungen und Gotteshäuser an. Bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein finden diese anti-humanen, rassistischen Einstellungen breite Unterstützung. Dazu kommt eine harte Politik der mit den Ausländern befassten Behörden, die zur Diskriminierung und Vertreibung von Ausländern aus Deutschland führt.

Überhaupt ist die Frage nach Religion und Weltbild interessant. Kann Rassismus eine Funktion in manchen Heilsgebäuden zukommen?

Die herrschende Ideologie des Marxismus-Leninismus, er war das „Heilsgebäude“ in der DDR, verhinderte, dass seine Erbauer, die deutschen Kommunisten, nicht in der Lage waren, die Rassisten im eigenen Land zu erkennen. Sie hatten kurz nach dem Ende des Nazi-Deutschlands beschlossen, dass in der DDR der Rassismus „mit Stumpf und Stiel ausgerottet“ sei. Mit dieser Beschlusslage war es dann den Funktionären der SED nicht mehr möglich zu erkennen, was vor ihren Augen geschah und somit war auch der Begriff „Rassismus“ aus allen Institutionen der DDR verschwunden. Im Überbau der DDR spiegelte sich diese Verblendung insofern wider, als es dort weder bei den Staatsanwaltschaften, der Volkspolizei, den Universitäten bzw. Akademien noch in Publikationen irgendwelche Statistiken, Erhebungen usw. gegeben hatte, sieht man einmal von den mageren Bestandsaufnahmen ab, die ab 1989 schnell erstellt worden waren.

Gibt es im Laufe der vielen Jahrzehnte Rassismus, die Sie erforscht haben, Strategiewechsel etwa bezüglich der Anleihe wissenschaftlich klingender Argumentationsmuster? Wie geht die Gesellschaft damit um?

Bereits Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden pseudo-wissenschaftliche Untersuchungen angestellt (z. B. H. Chamberlain, de Gobineau, A. Hitler, A. Rosenberg) die, mit biologistischen Vorzeichen versehen, zur handlungsleitenden Ideologie des Rassismus bis in die Gegenwart hinein geworden ist. Wer also von menschlichen „Rassen“ spricht, ist bereits Rassist und schließt damit Wissenschaftlichkeit aus. Es fehlt in Deutschland ein Institut zur Erforschung des historischen und gegenwärtigen Rassismus, auf dessen Grundlagen eine emanzipatorische Perspektive einer Gesellschaft ohne Rassisten sich aufbauen ließe.

Wie beurteilen Sie bisherige Konzepte von Präventionsprojekten gegen Rassismus?

Die aktiven Maßnahmen gegen Rassisten bewegen sich zwischen Prävention und Repression. Die Prävention wird durch zahllose – auch staatlich alimentierte – Initiativen und Gruppen betrieben, wobei hier wissenschaftlichen und publizistischen Institutionen eine gewisse Steuerungsrolle zukommt. Daneben finden sich ebenfalls unzählige Gruppen, die als Anti-Rassisten oder Anti-Faschisten gegen rassistische bzw. neo-nazistische Ereignisse kämpfen. Wenn gar nichts mehr geht, werden Polizei-Einheiten eingesetzt und es wird eine unmittelbare Repression durchgeführt. Die Prävention gegen Rassisten in Deutschland hat nicht verhindern können, was sich an exorbitanten rassistischen Verbrechen seit 1990 offenbaren konnte.
Es fehlt an einer authentischen Wahrnehmung der untergründigen Revolte von Rassisten gegen demokratische und humane Werte, weil die ethischen Grundlagen zur vollständigen Erfassung dieser existenziellen Herausforderungen seit 1945 kaum oder nicht entwickelt worden sind, und das weder in Ost- noch in West-Deutschland. Heute herrscht ein wilder, unkoordinierte Umgang mit dem Rassismus, denn es fehlt bei aller Vielfalt von Begriffen an einem klaren Blick auf das Wesentliche der Problematik, wie z. B. Fremdenfeindlichkeit, Fremdenhass, Xenophobie oder Nazis, Neonazis, Neofaschisten, Rechtsextremisten, Rechtsradikale oder Rechtspopulisten.
Rassismus und Autoritarismus konnten sich so zu einem anti-humanen, politischen und ideologischen Netz verbinden, deren wesentliche Bestandteile eine Ideologie aus Sexismus und Nationalismus sind.
Ein wichtiger Hinderungsgrund für eine erfolgreiche Bekämpfung der Rassisten ist die Weigerung der Wahrnehmung des Teils der Geschichte der Rassisten, die in der DDR stattgefunden hat, und die gleichzeitige Leugnung der Existenz solcher Angriffe. Hier haben sich ehemalige Akademiker, Offiziere und Politiker zu einer unheilvollen Allianz zusammengetan und verteidigen den untergegangenen „Realsozialismus“, mittlerweile besseren Wissens, als ein Land ohne Rassisten. Erst nach 1990, unter dem Einfluss west-deutscher Nazis und Rassisten, hätte sich der braune Mob in den neuen Bundesländern entwickeln können.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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2 Kommentare:

  1. Nach Hinweisen etwa bezüglich der Schwierigkeit der Differenzierung von „Rassismus, Antisemitismus, Antijudaismus, Israelkritik, Israelfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Fremdenhass, Xenophobie“ oder bezüglich anderer z.B. jüdischer Stimmen zur Debatte um die Äußerungen des Journalisten Jakob Augstein, sei ein kurzer Kommentar ergänzt:

    Die ersten Sätze des Aufmachers zitieren bzw. referieren den Artikel der Jüdischen Allgemeinen lediglich. Auf die Antisemitismusdebatte selbst wird an keiner Stelle eingegangen, es wird lediglich die steigende Salonfähigkeit geteilt. Das folgende Interview behandelt Antisemitismus nicht. Es ist einfach ein Interview mit einem Buchautoren (über Rassismus), der mit diesem Angebot an REMID herangetreten ist.

    Sicherlich habe ich dem Urteil von Hannes Stein nicht widersprochen. In der Tat sehe ich in den sechs Zitaten Augsteins einen antisemitischen Einschlag, sei es, dass sich der US-Präsident „vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss“ (jüdische und israelitische Verbände in den USA werden gleichgesetzt und homogenisiert), sei es, dass „die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs“ führe (nicht einfach Israelkritik, Überhöhung des Agitators zum weltverschwörerischen geheimen Herrscher oder Lenker). Die Grass-Verteidigung ist ein Thema für sich. Ebenso sicherlich wie die häufig diskutierte Einschätzung bestimmter Vergleichsformen als antisemitisch (Gaza sei ein „Lager“, Gleichsetzung Ultraorthodoxer mit islamistischen Terroristen). Daneben ist es zudem sonderbar, wenn ein Thema wie die Zukunft der Schlecker-Frauen zu Israel-Vergleichen einlädt (Zitate nach Jüdische Allgemeine, Nr. 2/13, 10. Januar, S. 2).

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