Esoterik: Ein ungewolltes Kind von Reformation, Aufklärung und Kolonialismus?

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„Esoterisch“ nannte man diejenigen Schriften des Aristoteles, welche nur seinem engeren Schülerkreis vorbehalten waren. Bis auf wenige Ausnahmen haben nur sie die Zeiten überdauert. Heute meint „Esoterik“ etwas völlig anderes (vgl. unsere Kurzinformation). Umstritten ist das Verhältnis zum Begriff „Religion“. 10,6% des Sachbuchmarktes macht die Kategorie „Psychologie, Esoterik, Spiritualität, Anthroposophie“ aus (1. Quartal 2011). Dabei bestehen viele Vorurteile sowohl über Nutzer wie auch Anbieter esoterischer Angebote.

Nicht nur Nutzer der Kommentarspalte von Onlinemedien fordern gelegentlich staatliche Kontrolle (vgl. Artikel „Der Leser und das Medienereignis: Razzia bei Religionsgemeinschaft“), ebenso jüngst ein stark polemischer Artikel über die aktuelle Berliner Esoterikmesse auf Telepolis („Ich glaub, mein Chakra pfeift“, Sarah Buron und Patrick Spät, 14. Feb. 2013).

Im Gegensatz zu Rumänien, wo neuerdings esoterische Anbieter begrenzt für die Richtigkeit ihrer Vorhersagen haften müssen, gilt in Deutschland zwar in der Regel die juristische Einstufung als „objektiv unmöglich“, zugleich wird allerdings zugestanden:

Voraussetzung für eine strafrechtliche Verurteilung ist immer, dass der Täter die objektiven Tatbestandsmerkmale (z.B. Täuschungshandlung beim Betrug / Tötung beim Mord) vornimmt. Jedoch hat jede strafrechtliche Norm auch subjektive Voraussetzungen. Der Täter muss das objektive Tatbestandsmerkmal mit Wissen und Wollen verwirklichen. Daraus folgt, dass esoterische Anbieter, die von dem Vorliegen ihrer parapsychologischen Fähigkeiten ausgehen, keine Täuschung und damit auch keinen Betrug begehen wollen. Es wird nur in den Fällen zu einer Verurteilung kommen, in denen nachgewiesen wird, dass der Anbieter wirklich täuschen wollte. (Claudia Kern: Wahrsagen und Recht, Sekten-Info Essen 1990er; aktueller: Bernd Harder: Recht grotesk: Die Kunst, Esoteriker zu verklagen, GWUP-Blog 2009)

Im Beispiel konnte allerdings einer Anbieterin einer Teufelsaustreibung nachgewiesen werden, selbst nicht an die Wirksamkeit dieser Praxis zu glauben (LG Mannheim, NJW 1993, 1488 [1489]). In diesem Fall war es zudem eine spezifisch christliche Tradition, welche in einem „esoterischen“ Kontext auftaucht – es wird von einer „Hellseherin“ gesprochen. Überhaupt sind es zumeist religiöse Traditionen, welche als „Esoterik“ verhandelt werden. Sei es das aus dem Kundalini Yoga beliebte „Chakra“ als Teil eines Systems von Körperenergiezentren, welche es durch spezifische Übungen zu öffnen gelte. Sei es die aus Christentum, Judentum und Islam kompilierte Engellehre oder die aus mittelalterlicher Tradition überlieferte Edelstein-Korrespondenzlehre. Manches davon erinnert noch an den Glanz einer Geheimlehre, mit dem sich Esoterik umgab, als sie durch Protagonisten wie der Madame Blavatsky oder Éliphas Lévi im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts populär zu werden begann. Als solche ist sie ein modernes Phänomen.

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Éliphas Lévi (Alphonse-Louis Constant): Dogme et rituel de la haute magie (1854) in der engl. Übersetzung von Arthur Edward Waite, dieser wiederum u.a. Mitglied im Hermetic Order of the Golden Dawn.

Die anderen Elemente moderner Esoterik besetzen eher einen milieuspezifisch gegenüberliegenden Pol. Statt einer privilegierten Elite von Eingeweihten als Erkenntnisweg zu dienen entsprechen diese Traditionen eher modernen Varianten derjenigen Formen von Religiosität, welche früher gerne als „Volksreligion“ oder „Volksfrömmigkeit“ z.B. am Gegenstand der katholischen Heiligenverehrung festgemacht wurden. Neben theologischer Geringschätzung zum Teil im eigenen Lager waren es gerade die Ziele der Kritik einer protestantisch geprägten Aufklärungskultur – dasjenige, was Martin Luther und seine Mitschreiber als Verfälschung durch die Tradition ausmachten und dem entgegen „ad fontes“ zu den Quellen der christlichen Religion zurück wollten.

So traf der Kampf gegen „Aberglauben und Schwärmerei“ im 18. Jahrhundert dasjenige, was beinahe ein Jahrhundert später den Namen „Esoterik“ erhalten wird. Es ist ein umfassender Sammlungs- und Sortierungsprozess. So wie im 18. Jahrhundert die Kuriositätenkabinette und Wunderkammern sich in wissenschaftliche Sammlungen nach Teilgebiet aufteilten, spezialisierten sich die Diskurse und formierten wissenschaftliche Fachdisziplinen. Allerdings ist „Esoterik“ eher ein Abfallprodukt dieser Entwicklung. Es wurde kategorisch aussortiert. Das evolutionistische Verständnis von „Zivilisation“ als einer besonderen aufgeklärten Kultur beinhaltet das Tabu, transkulturelle Traditionsmischungen zu vermeiden. Der Kulturchauvinismus bereitet so auf intellektuellem Gebiet dasjenige vor, was der Rassismus auf biologischem Gebiet fortsetzen sollte. „Esoterik“ gilt so gesehen als „Rückfall“ auf eine eigentlich längst abgelöste Kulturstufe.

Philosophiegeschichtlich kommt hinzu, dass bestimmte Konzeptionen von (Neu-)Platonismus sich wunderbar dafür eignen, „esoterische“ bzw. „magische“ oder „spirituelle“ Weltbilder zu begründen. Die westliche Philosophie (aber auch teilweise z.B. die arabische) ist geprägt von einem Konkurrenzverhältnis der Schulen von Aristoteles und Platon. Entsprechend war es in der Renaissance Marsilio Ficino, der am Ende des 15. Jahrhunderts neben Werken Platons auch das Corpus Hermeticum übersetzte. Hermes Trismegistos (der dreimal Höchste) ist eine mythische Figur, der 18 Traktate zugeschrieben werden, eben jener Corpus. Sie sind eigentlich aus der Spätantike, aber wurden ursprünglich für älter als die Bibel gehalten. Neben einer prototypischen Naturphilosophie (zuvor bereits über die Tabula Smaragdina wenigen bekannt: Wie oben, so unten) geht es also auch um eine Suche nach ursprünglicheren Offenbarungen Gottes. Im Sinne einer „Generalreformation“ (Johann Valentin Andreae, mutmaßlicher Verfasser der Rosenkreuzer-Manifeste im 17. Jahrhundert) wurde der protestantische Gedanke der „Verfälschung durch die Tradition“ weitergedacht. Gerade versunkene „Hochkulturen“ wie das alte Ägypten kamen neben Alchemie, Magie, der christlich umgedeuteten jüdischen Kabbalah und vielem anderen in Betracht. Zusätzlich waren manche dieser Hermetiker der Frühen Neuzeit Pioniere auf dem Gebiet der späteren Naturwissenschaft, da sie Motive entwickelten, mit den vorgefundenen spätmittelalterlichen Traditionen zu brechen.

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Athansius Kircher (1652-55): Oedipus Aegyptiacus. Die Hieroglyphen wurden als allegorische Zeichen interepretiert und Altägyptisch als adamitische Ursprache, die im Paradies gesprochen worden sei. Moses wurde mit Hermes Trismegistos parallelisiert.

Sicherlich wurde zu dieser Zeit vieles in Ägypten oder das ferne Indien oder China hineinprojeziert. Erst viel später wurden die ägyptischen Hieroglyphen entziffert oder z.B. die Heiligen Schriften Indiens oder Chinas im Westen bekannt. Éliphas Lévi war in den 1860ern einer derjenigen, welche „Esoterik“ wie auch „Okkultismus“ popularisierten. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden bereits (publizistische) Sammlungen zum Aberglauben oder dem Okkulten in allen Regionen der Welt unternommen. Die Verfasser waren entweder noch dem populärphilosophischen Aufklärungskampf gegen Schwärmerei verpflichtet oder untersuchten „Aberglauben“ als ein Phänomen einer entstehenden „Volkskunde“ (im deutschsprachigen Raum aus nationalistischen Motiven begründet) parallel zur Sammlung von Sagen oder Märchen (vgl. Artikel „Märchen und Magie zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Eine Kritik“). Auch „Religionswissenschaft“ bekommt in dieser Zeit als Begriff seine ersten Belegstellen. Außerdem bilden sich erste Gruppen von Buddhismus im Westen (als Innovations- oder Konversions-, nicht als Diaspora-Phänomen).

Während ursprünglich die Begriffe Esoterik und Okkultismus um 1900 keine besondere Differenz aufwiesen und synonym verwendet werden konnten, gilt dies heute nicht mehr im gleichen Umfang. Dass man aktuell bei „Okkultismus“ die dunklere Variante assoziativ vermutet, ergibt sich aus mehreren Umständen: Zunächst waren das England des viktorianischen Zeitalters, das Deutschland von Nationalismus und Biedermeier sowie das Frankreich der Décadence neben Amerika diejenigen Schauplätze, wo sich im Privaten in Logen nach dem Vorbild der Freimaurerei getroffen wurde. Die gesellschaftliche Moral erforderte absolute Diskretion. Daher waren es gerade z.B. „Orden“ wie der Hermetic Order of the Golden Dawn, welche sich den „Geheimlehren“ auch der anderen Kulturen zuwandten. Diese europäische Periode war zudem stark durch den Kolonialismus bestimmt. Sie war ein Avantgarde-Phänomen. Dessen rechte Ausläufer integrierten Rassenlehren und Vorstellungen von „arteigener Religion“ (vgl. Interview Der “arische” Jesus und “arteigene Religion”: Neue Studie zu einem spirituellen deutschen Sonderweg). Für manche Vertreter der Kritischen Theorie sind sogar sämtliche Erscheinungen dieses Sektors „Elemente des Antisemitismus“, Anzeichen von „Autoritarismus“ bzw. „Halbbildung“ als “fetischisierte[s] Formelwesen von Wissenschaft und Religion“ (Adorno & Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main 2003, S. 205f.). Allerdings hat diese Schule der Philosophie den Platonismus auch weit hinter sich gelassen.

Es waren unter den Esoterikern mit Interesse am Maya-Kalender bis Ende 2012 laut dem Vortrag von Ansgar Oschwald (München) bei der REMID-Reihe „Religion am Mittwoch“ am 5. Dezember 2012 zu dem Thema „21. Dezember 2012 – Apokalypse, Revolution oder Evolution?“ eine beachtliche Anzahl mit akademischen Abschlüssen in naturwissenschaftlichen Fachrichtungen. Auch politisch handelte es sich um ein heterogenes Feld. Unabhängig von dieser spezifischen Form eines esoterischen Weltbildes, eine integrative Patchwork-Spiritualität muss nicht notwendig mit einer rechtskonservativen Mentalität einhergehen. Überhaupt war die Periode ab den 1960ern, die vornehmlich eine amerikanische Periode war, auch geprägt von Gedanken der „spirituellen Revolution“, vom „New Age“ oder „Wassermannzeitalter“. Zwar war es immer noch eine zunächst insofern elitäre Veranstaltung, als dass es die neue Mittelschicht und damit akademische Kreise waren, die sich den emanzipatorischen Bewegungen anschlossen. Aber deren Aktivitäten sollten die Gesellschaft nachhaltig verändern. Das gilt nicht nur für Reformpädagogik oder nachhaltige Landwirtschaft, sondern auch für heute so genannte „esoterische“ Praxen, die manchmal ihren Ursprung in Neureligionen hatten, die in jener Zeit entstanden oder im Westen ankamen. Vielleicht kann man sagen, es war Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger des 20. Jahrhunderts, als diese Traditionen allgemein bei der Jugend ankamen und als besonderer Zweig einer allgemein von den 1970ern bis in die 1990er reichenden „Sektendebatte“ sprachen die entsprechenden Diskurs-‚Pioniere‘ von einem „Jugendokkultismus“, der in der Wave-, der Heavy-Metal-, der Gothic- und anderen Szenen vermutet wurde (vgl. Bericht vom Gothic-Seminar 2009). Vielleicht ließe sich diese Phase sogar in Anlehnung an soziologisches bzw. kulturwissenschafliches Vokabular als eine subkulturelle Periode bezeichnen (vgl. Artikel Aussteiger. Zur Geschichte eines einstigen Modewortes). Vorstellungen von z.B. Meditation als „Foltermethode“ konnten noch Anfang der Neunziger populär verkauft werden. Dies ist heute so nicht mehr möglich.

Heute sind es wohlmöglich auch gerade die „spirituellen Wanderer“ (Christoph Bochinger), welche die Rede von einer „Wiederkehr der Religionen“ motivieren. Sicherlich auch neue Erscheinungsformen auf den Gebieten des Islams und des Evangelikalismus. Allerdings führt der Blick auf das vermeintlich spezifisch Esoterische ein wenig in die Irre: Allgemein blüht der Markt von religiös oder spirituell gestimmter Ratgeber- oder Erbauungsliteratur. Ob diese dabei einer christlichen Mystik verpflichtet ist, einer als esoterisch verstandenen christlichen Variante der Kabbalah oder eine Versenkungsübung mittels Versen aus dem Koran gestaltet (oder mittels humanistischer „säkularer“ Manifeste), ist vielleicht dabei nicht entscheidend. Auch ein Aufenthalt in einem christlichen Kloster könnte als „Wellness“-Erfahrung betrachtet werden, so wie eine Erfahrung mit Reiki, Klangschalen etc. für andere ganzheitliche spirituelle Arbeit an Körper, Seele und Geist sein kann.

Dabei ist es mitnichten so, dass sich die theorieversierten Esoteriker nicht gegen ihre Kritiker wehren würden. Gerade Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Quantenphysik, Chaostheorie und anderes aus den spekulativeren Bereichen der Naturwissenschaften eignet sich für neue platonisch-hermetische Naturphilosophien, die mittels „Unschärfe-Relationen“ darum bemüht sind, ihre Kritiker zu entschärfen. Zugleich bleibt es also auch die Auseinandersetzung verschiedener philosophischer Schulen. Die sogenannten „Skeptiker“ vertreten dabei die Seite eines (eher aristotelischen) Materialismus.

Einen solchen (natur)philosophischen Streit sollte man nicht mittels Gesetzgebung und vermeintlichem „Verbraucherschutz“ lösen. Insofern sollte es keine Gesetze gegen „Zauberei“ oder „Hexerei“ geben, weder aufgrund einer angenommenen Wirksamkeit, noch aufgrund einer angenommenen Unwirksamkeit (als Betrug). Insofern beschränkt sich oben zitiertes Urteil auf die Frage nach einer betrügerischen Absicht als ausschlaggebend: die Frage nach einer realen Möglichkeit der angebotenen Dienstleistung wird dadurch irrelevant. Die Frage, ob ein Preis, der dafür verlangt wird, „gerecht“ ist, stellt sich dabei in dieser wie in jeder anderen Branche.

Christoph Wagenseil

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8 Kommentare:

  1. „Früher besprach man Warzen, heute betreibt man Esoterik.“ Harald Schmid
    Dein Blog gefällt mir.
    Schöne Grüsse aus der Freidenker Galerie
    Rainer Ostendorf

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