Veganismus ist keine Religion! Ein Essay über demokratische Kultur

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Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, REMID in einem Seminar der Friedens- und Konfliktforschung Marburgs vorzustellen. Und wiedermal wurde in der Diskussion die Frage von einem Seminarteilnehmer aufgeworfen, ob Veganismus eine Religion sei. Im Grunde genüge allein das „missionarische“ Vorgehen einer Bewegung, um diese als „Religion“ zu kategorisieren. Schließlich habe sich die Religionswissenschaft ja von der religiös motivierten Etymologie eines Laktanz, der „religio“ als „Rückbindung an Gott“ begriff, verabschiedet und setze nicht mehr auf essenzialistische Religionskonzepte, welche Religion allein von ihrem wie auch immer gearteten „Wesen“ her bestimmen wollten (z.B. als Glauben an Höhere Wesen). Doch auch wenn REMID sicherlich diese kritische Wende unterstützt (die auch eine Absage an religiöse Deutungen von Religionen beinhaltet), auf unserer Statistik der Religionen und Weltanschauungen fehlen bislang Veganer (ungeprüft: zwischen 250 000 und 460 500 in Deutschland neben 5 Millionen Vegetariern) genauso wie der Deutsche Sportbund (27 Mio.) oder der ADAC (18 Mio. Mitglieder). Und das wird auch so bleiben. Es ist eher ein Armutszeugnis für eine demokratische Kultur, wenn ein rational argumentierender Versuch des Überzeugens (sicherlich mit einem weltanschaulichen moralischen Motiv, das im Einzelfall auch religiös begründet sein kann) durch eine solche Disqualifizierung seiner Motive und damit einer Absage an seine Berechtigung abgewehrt wird. Denn der „Vorwurf“, eine Religion zu sein, ist dann als Kontra-Argument gemeint.

Mag sein. Es ist nicht so einfach. Wer könnte nicht den letzten Satz des Aufmachers für sich gewinnbringend ummünzen?

Dennoch gibt es Unterschiede. Bestimmte Bereiche der Fürsprecher für den Schutz ungeborenen Lebens entsprechen bestimmten religiösen Milieus (vgl. BALANCE (Hg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum, 2012, und dazu den Artikel in der Taz vom 17. Jan. 2013). Zwar werden auch Veganer bzw. Vegetarier wahrscheinlich spezifischen gesellschaftlichen Milieus eher angehören als anderen, doch lässt sich trotz der Existenz entsprechender Vorbilder (z.B. Pythagoreismus, Jainismus) keine vergleichbare Parallelisierung vornehmen. Höchstens ließe sich spekulieren, könnten zukünftige Studien über die z.B. Spiritualität von Veganern Tendenzen feststellen, die sich auf gleiche Weise bei z.B. einer Tierprodukte konsumierenden Kontrollgruppe nicht finden lassen. Vielleicht aber auch schon nicht mehr bei einer Gruppe von Vegetariern. Oder es ergeben sich lediglich sehr allgemeine Lifestyle-Nuancen (möglicherweise sind die Versuchspersonen der Tierprodukte konsumierenden Kontrollgruppe eher Mitglieder im ADAC).

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Durchaus religiös argumentiert dieses Plakat und fragt daneben "Fleisch: Deine Religion?". Die dahinterstehende Gruppe Naked Sproud betreibt vielleicht auch nicht zufällig ein Studio für "Chrysalis Yoga". Allerdings repräsentiert dieser Kontext nicht allgemein den von Veganern. Veganismus und Vegetarismus sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Es geht also auch um Klischees. Etwa solchen aus dem durch die Sektendebatte der 1970er bis 1990er Jahre geprägten Assoziationsfeld von Elementen indischer Religiosität in Neuen Religiösen Bewegungen bzw. allgemein in der sogenannten Hippie-Kultur (vgl. Artikel „Aussteiger. Zur Geschichte eines Modewortes“ und „Von Jugend, Radikalisierung und “Sektenberatungen” nicht nur im Islam – ein Déjà-Vu„). Vielleicht auch noch Klischees aus dem Feld der Reformbewegungen um 1900 und ihrer Kritik? Während Vegetarismus (wie zahlenmäßig auch z.B. Yoga) längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, bemühen die Kritiker an und für sich überholte Klischees.

Möglicherweise entwickeln aus dieser Situation heraus, als Veganer in die „Sektierer“-Position geraten zu können, durchaus manche Strategien, welche dieses Dilemma nur verschlimmern. Etwa wenn die von Dr. Ernst Walter Henrich herausgegebene Broschüre „Vegan – Die gesündeste Ernährung“ (Ausgabe 11/2012) überall die „Helfer der Tierindustrie“ (S. 6) und ihr manipulatives Treiben vermutet.

Tierrechte müssen nicht religiös legitimiert sein. Selbst das Umweltbundesamt (UBA) trat Ende letzten Jahres in seinem neuen Positionspapier „Globale Landflächen und Biomasse nachhaltig und ressourcenschonend nutzen“ für einen reduzierten Fleischkonsum ein:

„Die ökologischen und sozioökonomischen Folgen dieses Nachfragesogs sind vielfältig. Sie verschärfen vielerorts den kritischen Zustand der produktiven und regulativen Funktion globaler Ökosysteme, ohne dass die Erreichung eines der zentralen Ziele der Nachhaltigen Entwicklung – die dauerhafte Beseitigung des persistenten Hungers in einigen Regionen der Welt – in Sicht ist. Nach wie vor sind mehr als 1 Milliarde Menschen von Hunger und Unternährung betroffen“ (S. 4).

Auch kann man nicht auf ähnliche Weise wie z.B. bei der Homöopathie oder der Akupunktur sagen, es sei ein esoterisches oder östlich-religiöses Weltbild, welches hinter dem Veganismus stünde (und Akupunktur hat nach entsprechenden Studien inzwischen eine Anerkennung durch die Krankenkassen). Lediglich in bestimmten Fragen (Ist es „natürlich“, dass Menschen Fleisch essen? Ist es „widernatürlich“, wenn Menschen vegan leben?) können weltanschauliche Dispositionen bestehen. Diese Praxis kann mit spezifischen Formen von Spiritualität zusammenfallen (Pantheismus?), muss es aber nicht. Und im Unterschied zu weltanschaulichen Gebäuden wie der Anthroposophie erfasst Veganismus höchstens indirekt alle Lebensbereiche (bzw. der Verzicht auf Tierprodukte). Es ist nur eine bestimmte Ernährungsweise, die nicht notwendig mit einem Heilsgebäude bzw. einer alle Lebensbereiche umfassenden Lehre zusammengeht (im Gegensatz z.B. zum sogenannten „Lichtnahrungsprozess„).

Letztlich wird der Veganismus für seinen Gegner lediglich deshalb zur „Religion“ und seine Argumente zur „Mission“, um seine Verfechter als ernstzunehmende Diskussionspartner auszuschließen. Es handelt sich dann um einen bestimmten abwertenden Begriff von „Religion“, dessen Implikationen im Folgenden näher betrachtet werden sollen. Eine solche rhetorische Strategie kann hilflos wirken (z.B. bei Kapitalismuskritikern), aber auch sehr erfolgreich sein – wenn man diese aus einer hegemonialen Position heraus anwendet. Sie ist zugleich der Vollzug eines Ausstieges aus einem gleichberechtigten demokratischen Diskurs. Der als irrational gebrandmarkte Diskutant kann von nun an vorbringen, was er möchte: Aus einer argumentativen Gesprächssituation wurde im besten Fall eine des „toleranten Dialoges“, welcher Glaubenssätze nebeneinanderstellt, um die Einheit in der Vielheit positiv zu beanspruchen. Solche Begegnungsstätten sind im religiösen Feld eine wichtige Errungenschaft – trotz mancher Schwierigkeiten, die man mit solchen dialogorientierten Institutionen haben kann. Sie reflektieren die Notwendigkeit eines gemeinschaftlichen Miteinanders trotz der Unmöglichkeit einer theologischen Einigung.

Insofern könnte man hieraus eine demokratische Verantwortung herauslesen, den Begriff „Religion“ nicht in einer solchen abschätzigen Weise zu verwenden, um damit Anhänger eines rational vertretbaren Interesses mundtot zu machen. Auch wenn sicherlich (gerade in der Religionswissenschaft) je nach erkenntnistheoretischem Konzept theoretisch Wissen und Glauben für ununterscheidbar erklärt werden können, in der politischen Kultur wäre es für eine Demokratie fatal, wenn sie zur Dialog-Veranstaltung werden sollte. Und gerade faktenbasiertes Argumentieren ist von einem positiven Wissensbegriff abhängig. Das spricht nicht gegen z.B. Studien über (potenzielle oder historische) religiöse Legitimationen oder Interpretationen von Ernäherungsweisen oder anderen Lebensstilelementen. Auch nicht gegen religiös motivierte, aber rational vertretbare politische Interessen. Vielmehr soll auf eine politische Wirkung des Religionsbegriffes aufmerksam gemacht werden, die gerne in Diskussionen über die Grenzen des Fachgegenstandes der Religionswissenschaft unter den Tisch fällt.

Christoph Wagenseil

Nachtrag (07. Februar): Der Satz „Auch nicht gegen religiös motivierte, aber rational vertretbare politische Interessen“ wurde nachträglich zum besseren Verständnis aufgrund des ersten Kommentars eingefügt. Ebenso: „Denn der ‚Vorwurf‘, eine Religion zu sein, ist dann als Kontra-Argument gemeint“ im Aufmacher. Sowie (13. Feb.): „Es handelt sich dann um einen bestimmten abwertenden Begriff von ‚Religion‘, dessen Implikationen im Folgenden näher betrachtet werden sollen“.

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13 Kommentare:

  1. „Es ist eher ein Armutszeugnis für eine demokratische Kultur, wenn ein rational argumentierender Versuch des Überzeugens durch eine solche Disqualifizierung [gemeint ist der ‚Vorwurf‘, eine Religion zu sein; Vf] seiner Motive und damit einer Absage an seine Berechtigung abgewehrt wird.“

    => Die Behauptung, eine Religion zu sein, disqualifiziert rationale Argumentationen?
    => Religiöse Versuche des Überzeugens haben keine Berechtigung?

    „Letztlich wird der Veganismus für seinen Gegner lediglich deshalb zur “Religion” und seine Argumente zur “Mission”, um seine Verfechter als ernstzunehmende Diskussionspartner auszuschließen.“

    => Missionierende Argumente sind nicht ernstzunehmen?
    => Religionsvertreter sind keine ernstzunehmenden Diskussionspartner?

    „Der als irrational gebrandmarkte Diskutant kann von nun an vorbringen, was er möchte:…“

    => Die Einordnung von Überzeugungen als religiös brandmarkt ihre Verteidiger als irrationale Diskutanten?

    „Es geht also […] um Klischees.“
    Nun, da könnte etwas dran sein…

    Ich würde einen anderen Titel für Ihren Eintrag vorschlagen: Statt „Veganismus ist keine Religion! Ein Essay über demokratische Kultur“ wäre „Religion ist per se irrational! Ein Essay über implizite religionsbezogene Vorurteile“ doch treffender – oder nicht?

    • Sehr geehrter Anonymus,
      Sie verstehen da etwas falsch. Ihre Suggestionen schweben tatsächlich alle in dem Versuch der Disqualifizierung mit – allerdings ist das genau dasjenige, auf das ich aufmerksam machen möchte. Das schließt derjenige alles mit ein, wenn er z.B. Veganer als „missionierend“ beschreibt – und dies ein Argument für etwas sein soll.
      An einem Punkt möchte ich aber Abstriche machen: Ein religiöses Motiv (auch der Veganismus kann, muss aber nicht, religiös begründet sein) schließt nicht aus, dass es sich um ein rational vertretbares Interesse handelt. Allerdings kann es eben auch rational nicht vertretbare Interessen geben bzw. ein irrationales Argumentieren. Man setze hier vielleicht statt „irrational“ eher „logisch inkohärent“ ein, damit nicht zu sehr an einen Begriff von „Irrationalität“ gedacht wird, der weltanschauliche Vorannahmen trifft (seien es „Es gibt…“- oder „Es gibt nicht…“-Sätze). Einen solchen Begriff von „Irrationalität“ kann man aber bei denen vermuten, die mit der Bezeichnung von Veganismus als „Religion“ und „Mission“ eine Disqualifizierung erreichen wollen.

      Schöne Grüße

      P.S. Danke für Ihre Rückfragen.

  2. Ich finde, der Text von Christoph Wagenseil – vor allem der erste Teil – macht sprachlich einwandfrei deutlich, dass er referiert und mögliche Deutungstendenzen in seinen Fragen auch bewusst plaziert. Ich verstehe die abschließende Frage meines Vorredners also nicht, und die vorher angeführten Fragen müssen auch nicht automatisch zu seinem Ergebnis führen.

    Das, was Wagenseil meines Erachtens sagen will, wird an seiner Sprache deutlich, vor allem wenn er solche Formulierungen nutzt wie „Im Grunde genüge allein das ‚missionarische‘ Vorgehen einer Bewegung, um diese als ‚Religion‘ zu kategorisieren“.

    Allein eine kleine Polemik, die sicher als Witz gedacht war, stößt mir auf: „(möglicherweise sind die Versuchspersonen der Tierprodukte konsumierenden Kontrollgruppe eher Mitglieder im ADAC)“ – Denn es deutet eine zu einfache Dualität aus den Milieugruppen „Alternativ/Vegan“ und „Deutsch-Traditionell/rücksichtlose, autofahrende Wurst- und Fleischfresser“ an – was ist mit alternativen, ökologischen Formen der Tierhaltung und vorallem mit einem bewussten Essen von Tieren (ich verwende bewusst nicht den abstrakten Begriff „Fleisch“)?

  3. Das mit dem ADAC war selbstverständlich ein Scherz.

    Zum Weiterlesen bezüglich des negativen Religionsbildes, welches hinter dem öffentlichen Phänomen des „Religionsvorwurfs“ steht:

    Der Leser und das Medienereignis: Razzia bei Religionsgemeinschaft

  4. Sehr geehrter Herr Wagenseil,

    nun, dass Sie den Veganismus vor den Vorwürfen der Irrationalität etc. verteidigen wollen, habe ich verstanden.

    Nur: Die genannten Vorwürfe richten sich doch an die Adresse von Religionen, Vertretern religiöser Überzeugungen etc. Wenn es nicht Ihre Vorwürfe sind, wieso verteidigen Sie nicht den Adressat der Vorwürfe gegen sie, sondern stattdessen den Veganismus?

    Mehr noch: In der Verteidigung des Veganismus machen Sie sich die Vorwürfe selbst zueigen, wenn Sie u.a. sinngemäß argumentieren: „Veganismus ist keine Religion, weil Veganismus rational argumentiert, ein berechtigtes Anliegen hat und als Gesprächspartner ernst zu nehmen ist.“ Damit unterstellen Sie, dass alles dies für Religion nicht gilt. Das aber sind steile Behauptungen. Erst recht auf einem religionswissenschaftlichen Portal, das für sich Neutralität reklamiert.

    Mit Veganismus oder Demokratie hat für mich das ganze wenig zu tun.

    • Sehr geehrter Anonymus,
      Der Veganismus ist nur ein besonders augenscheinliches Beispiel, da er nichts mit Religion zu tun hat. Hier zeigt sich das Religionsbild hinter dem Religionsvorwurf besonders deutlich. Identifizieren Sie das nicht in dem Sinne, dass rationales Argumentieren ungleich religiöses Argumentieren wäre. Das ist zu einfach.
      Argumente können ein religiöses Motiv haben. Selbst Argumente für Veganismus. Das ist insgesamt eine moralphilosophische Angelegenheit. Auch der Schutz ungeborenen Lebens ist eine Frage von Moralvorstellungen. Auch das wäre kein Beispiel für irrationales Argumentieren.
      Das historische Beispiel von Gesetzen gegen Hexerei oder Zauberei allerdings berührt nicht nur moralische Fragen nach Werten, sondern geht weit darüber hinaus. Auch hier muss keine irrationale Argumentation vorliegen (auch das hier zugrunde liegende Weltbild kann logisch aufgebaut sein), die Frage, ob ein entsprechendes Interesse aber heutzutage „rational vertretbar“ ist, geht darüber hinaus. Denn dann geht es wirklich darum, was wir als „Wissen“ und was als „Glauben“ verhandeln. Alles zu einer theologischen Frage zu erklären, also ein völliger Relativismus, das war der Gedanke, macht Demokratie quasi unmöglich.
      Auch hier geht es mir nicht darum zu sagen, der Glauben an Magie wäre „irrational“. Das habe ich nicht gesagt. Und vielleicht sollte es weder Gesetze dagegen geben aufgrund einer angenommenen Wirksamkeit noch aufgrund einer angenommenen Unwirksamkeit (als Betrug). Aber man müsste mindestens sehen, das meint das „vertretbar“, dass es wissenschaftliche Skepsis an der naturwissenschaftlichen Komponente eines magischen Weltbildes gibt bzw. moderne Magie-Konzepte ja nicht von ungefähr darauf antworten, indem sie eine – sagen wir mal – „Unschärferelation“ einbauen (etwa mittels Theorien der Psychoanalyse oder Chaostheorie etc.).
      Damit sage ich durchaus: Es kann Anteile von Religion geben, die nicht politisch werden sollten. Da haben Sie Recht. Aber die Gleichsetzung Religion = irrational sehe ich gerade als problematisch an und wollte deren Wirkung in gerade solchen Diskussionen veranschaulichen, die Veganismus als Religion darstellen, eben um ihn diskreditieren zu wollen.

  5. „Ein Bundesgericht in Ohio erwägt, Veganismus als Religion anzuerkennen. Grund dafür ist eine Frau, die als Angestellte in einem Kinder-Krankenhaus eine Grippeschutzimpfung verweigerte, da im Herstellungsprozess Eier verwendet werden. Gegen die darauffolgende Kündigung ging die Frau rechtlich vor, indem sie ihre vegane mit einer religiösen Lebensweise verglich. Der Fall wurde zumindest zur Verhandlung zugelassen.“

    So berichtete religioholic und nennt diese Quelle.

  6. Spiegel-Interview mit Karnismus-Forscherin Joy

    „Die Sozialpsychologin Melanie Joy beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, warum Menschen Fleisch essen. Ihre provokante These: Wir leben im Karnismus, in einem gewalttätigen System, in dem es normal und notwendig erscheint, Tiere zu töten.

    […]

    Frage: Woher kommen diese [karnistischen] Mythen?

    Joy: Diese Mythen sind Verteidigungsmechanismen des Karnismus. Sie lassen sich zusammenfassen als die drei Ns der Rechtfertigung, nach denen Fleischkonsum normal, natürlich und notwendig ist. Mit denselben Argumenten wurde in der Geschichte versucht, schon alle möglichen gewalttätigen Ideologien zu rechtfertigen: vom Patriarchat bis zur Sklaverei.

  7. Pingback: Auroville als alternatives Gemeinschaftsprojekt – ein Reisebericht « REMID Blog

  8. Christoph Wagenseil

    „Der 1. Oktober ist der internationale „Weltvegetariertag“. Seit 1977 feiern VegetarierInnen an diesem Tag die fleischfreie Lebensweise. Nach einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat sich die Zahl der vegetarisch lebenden Menschen seit damals mehr als verfünfzehnfacht. Der Vegetarierbund Deutschland geht davon aus, dass sich in der Bundesrepublik mindestens 900.000 Menschen vegan ernähren – also ohne Fleisch, Milch, Eier, Honig und sonstige tierische Produkte.“ (taz.de, 30.09.2014)

  9. Guten Tag zusammen!

    ich bin N. und ich mache demnächst eine meiner Abiturprüfungen zum Thema Veganismus. Thematisch geht es darum, ob in der heutigen Gesellschaft eine Ernährungsform, hier der Veganismus, parareligöse Züge annehmen kann, also “neben” oder “gegen” eine Religion steht. Kurz gesagt untersuche ich dabei, ob der Veganismus im Leben mancher Menschen eine Ersatzreligion darstellt und somit den Menschen Identität und Orientierung (durch eine bestimmte Lebensethik oder Rituale)geben kann, sie emotional stabilisiert und vielleicht auch hilft Schicksalsschläge besser zu verarbeiten. Weitere spannende Themen sind dabei, inwiefern der Veganismus eine Gemeinschaft stiftet und sie zusammenhält, einem die Welt erklären kann (veganes Leben als Lebensziel oder als Möglichkeit der Weltveränderung) und es sogar soweit kommt, dass aufgrund dessen Widerstände und Proteste ermöglicht werden (gegen ungerechte Tierhaltung, Umweltzerstörung etc.) und sich somit von gegebenen Zuständen und Menschengruppen distanziert.
    Das war jetzt erst mal ziemlich viel, aber trotzdem wäre es superschön von euch zu hören, wie ihr das ganze Thema seht und ob ihr euch da Zusammenhänge vorstellen könnt.
    Ich bin gespannt, was ihr konkret dazu zu sagen hättet, denn den Artikel, warum Veganismus keine Religion ist, habe ich hier auf der Seite gefunden, aber zu meinen Untersuchungsfragen darin keine genauen Antworten gefunden.

    Sehr geehrte N.,

    in dem Artikel ging es insbesondere um einen bestimmten Religionsbegriff, der bei „Veganismus“ von manchen Menschen dazu benutzt zu werden scheint, Veganismus abzuwerten, indem man es eine Religion nennt und z.B. von „Mission“ spricht.

    Andererseits sprechen wir nicht von „Ersatzreligion“, insofern die damit zugeschriebene Aura des Unauthentischen stark wertet (und im übrigen eine „eigentliche“ Religion, z.B. das Christentum hierzulande, aufwertet, was, wenn es durch Religionskritiker geschieht, auf eine gewisse Inkonsequenz verweist).

    Bei Veganismus fehlt mir eine letztendliche Sinnstiftung. Erst mit einem religiösen Überbau wie bei den Jainas in Indien besteht ein Bezug zu Religion. Oder man denke an die Lehre der Seelenwanderung bei den Pythagoreern. Es ist doch eher ein Materialismus mit einer zudem auch nicht immer vorliegenden ethischen Dimension. Tieren wiederum Rechte zuzugestehen ist erstmal nur eine moralphilosophische oder juristische Überlegung (sonst gäbe es kein Tierschutzgesetz). Diese kann mit religiösen Ideen einhergehen (z.B. „Auch Tiere haben eine Seele“), muss es aber nicht. Die Tierrechte benötigen keinen metaphysisch-kosmischen Überbau (der eben deutlich etwas „Religiöses“ wäre) wie z.B. Homöopathie oder Alchemie. Wohl aber wird es eben Veganer geben, die derartige Modelle ergänzen (aus Esoterik, Ayurveda etc.). Solche, also z.B. ein Verein mit in der Satzung festgeschriebenen esoterischen Elementen (z.B. eines alternativ-kosmischen Weltverständnisses, denken wir uns etwas aus: also z.B. den fiktiven „Veganes Gaia-Bewusstsein e.V.“) würden wir durchaus in die Religions- und Weltanschauungsstatistik aufnehmen. Einen bloßen Dachverband der Veganer allgemein nicht.

    Es gibt Schnittmengen mit religiösen / esoterischen Strömungen, aber mehr nicht.

    Bleiben die Aussagen, „vegane Ernährung sei gesünder, weil… „: Auch hier kommt es auf die Begründungen an. Bei „Weil Jesus das so will. Lass den Heiligen Geist in Dich einkehren, dann wirst Du es verstehen…“ ist die Sache eindeutig. Bei Studien von Außenseiter-Forscher_innen (insofern sie das wirklich sind) ist das nicht so einfach zu beurteilen. Haben diese Studien einen „parawissenschaftlichen“ Charakter, und wenn ja, warum? Auch hier muss doch erst deutlich eine alternative Realität konstruiert werden, ansonsten handelt es sich doch lediglich um das übliche „Trial and Error“ wissenschaftlichen Arbeitens und um entweder eine offene, noch strittige Frage oder eben um Anhänger einer widerlegten Hypothese. Und zumindest die Medien suggerieren noch nicht, dass hier eine eindeutige Falsifikation vorliege. Aber das ist dann auch eher eine ernährungswissenschaftliche als eine religionswissenschaftliche Frage.

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