Ein Beitrag zur interkulturellen Öffnung von Kindertageseinrichtungen, Horten und Schulen

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Interreligiöse Bildung sei an den meisten Kitas nach wie vor ein Fremdwort, fasst ein Artikel auf den Webseiten des Deutschlandradios das Ergebnis einer Studie, die Religionspädagogen von der Uni Tübingen in Stuttgart vorgestellt haben, zusammen. Die Tübinger Forscher fordern, „dass das Thema ‚Gott und Religion‘ in allen Kitas – egal ob kommunal oder konfessionell – zum Bildungsauftrag gehören sollte“. Vorbildlich sind hier z.B. die Projekte des Leipziger Zentrums für europäische und orientalische Kultur e.V. (ZEOK). Grundlegend für die Bildungsarbeit des ZEOK ist das Projekt WELTKISTE, das 2007 von Rudaba Badakhshi initiiert wurde und seitdem erfolgreich weiterverfolgt wird. Bahnbrechend für die Seminartätigkeit war das Modellprojekt der Stadt Leipzig von 2009-2011 „Qualitätssicherung in Kindertagesstätten – Maßnahmen zur Verstärkung der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund in den kommunalen Einrichtungen“, bei dem ZEOK mit der Durchführung von Weiterbildungen beauftragt war. Der Verein verfolgt die Vision, „den kulturellen Dialog sowie das kulturelle Zusammenwirken von Orient und Okzident zu unterstützen, das wechselseitige Verständnis zu erhöhen und das gemeinsame kulturelle Erbe in all seiner Vielfalt darzustellen und zu pflegen“ (vgl. auch Interview „Anders berichten. Gegen Sterotype in Bezug auf Islam und arabische Welt„). REMID interviewte Elke Seiler zu den Projekten des Vereins.

Collage gemischt

Collage von Eindrücken aus der Projektarbeit des Leipziger Zentrums für europäische und orientalische Kultur ZEOK e.V.

Ihr Verein Zentrum für europäische und orientalische Kultur e.V. kann auf eine beeindruckte Förderperiode zurückblicken. Dabei wurde es erst 2004 gegründet?

Das Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur (ZEOK) e.V. wurde im Jahr 2004 gegründet. Dank zahlreicher aktiver Vereinsmitglieder konnte sich der Umfang der Vereinsaktivitäten rasch steigern. ZEOK e.V. widmet sich insbesondere der Zusammenarbeit von Künstlern und Kulturschaffenden unterschiedlicher kultureller Hintergründe. Davon zeugen die Kulturzeitschrift Simurgh, das jährlich stattfindene Festival interCultura und diverse kulturelle Veranstaltungen. Darüber hinaus engagiert sich der Verein seit 2007 im Bereich der interkulturellen Bildung. Insbesondere die interkulturelle Öffnung von Kindertageseinrichtungen, Horten und Schulen in Sachsen stehen im Mittelpunkt der Arbeit. Aktivitäten umfassen direkte Angebote für Kinder in Kindergärten und DaZ-Klassen [Deutsch als Zweitsprache; Anm. Red.], aber auch Fortbildungen für ErzieherInnen. Darüber hinaus haben wir unser Augenmerk auf die Integration von MigrantInnen in Leipzig gerichtet. Das Projekt Elternschulen sollte MigrantInnen mit dem deutschen Bildungssystem vertraut machen, um so die oft thematisierte Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Elternhaus zu unterstützen. Weiterbildungen qualifizieren MigrantInnen zu KulturlotsInnen im pädagogischen Bereich. Des weiteren arbeiteten zwischenzeitlich 5 KulturmittlerInnen für das Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur. Ein weiterer Bereich sind Bildungsreisen, die das Engagement des ZEOK e.V. für die Region Westsahara ergänzen.

Aktuell macht ihr ein interreligiöses Projekt „Mein Gott, dein Gott, kein Gott. Interreligiöse Kompetenzen in Leipzig stärken!“. Das Angebot besteht aus Fortbildungen, die auf einem Modellprojekt „Qualitätssicherung in Kindertagesstätten – Maßnahmen zur Verstärkung der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund in den kommunalen Einrichtungen“ aufbauen, welches das Amt für Familie, Jugend und Bildung in Leipzig 2009/11 durchführte?

In den Weiterbildungen im Rahmen des Modellprojekts, die sich maßgeblich an ErzieherInnen in Kitas richteten, ging es um die interkulturelle Öffnung der Einrichtungen im Allgemeinen. ZEOK e.V. war in diesem Zusammenhang mit der Durchführung der Fortbildungsseminare beauftragt. Wir arbeiten vor allem mit dem Anti-Bias-Ansatz (mehr Infos dazu vgl. Anti-Bias-Werkstatt) bzw. der hervorragenden Weiterentwicklung desselben als „Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“, die das Berliner Projekt Kinderwelten geleistet hat. Während der Weiterbildungen wurde immer wieder der Bedarf nach interreligiöser Kompetenz an uns herangetagen. Dies hat uns dazu motiviet, ein eigenes Fortbildungsangebot zu konzipieren, das auf Grundlage des Anti-Bias-Ansatzes speziell Themen rund um die religiöse Vielfalt vor Ort beinhaltet. Eines der Ziele der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung heißt, Kinder in ihrer Ich-Identität und in ihrer sozialen Identität zu stärken. Das geschieht in erster Linie durch Widerspiegelung der Familienkulturen der Kinder. Wir bieten in der Weiterbildung speziell Material und Methoden an, die religiös-kulturellen Familienhintergründe zu spiegeln. Es geht ferner darum, dass ErzieherInnen sich sowohl ihrer eigenen religiösen oder nicht-religiösen Bezüge bewusst werden und sich mit eigenen Stereotypen in Bezug auf religiöse Hintergründe der Kinder auseinandersetzen. Informationen zur religiösen Vielfalt vor Ort ergänzen die Fortbildungsinhalte.

Eigentlich steht bei ZEOK e.V. allerdings „Kultur“ im Zentrum – welche Rolle hat da „Religion“?

Kultur steht nach wie vor im Zentum der Aktivitäten des ZEOK. Wir verstehen Religion als Bestandteil von Kultur – und insofern als einen von vielen Aspekten, die im Bereich Integration und Interkulturalität eine Rolle spielen. Es geht uns weniger um die Vermittlung von unterschiedlichen theologischen Inhalten der Religionen, sondern um die Förderung von Anerkennung und Wertschätzung von Familien unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeiten.

Aber auch die Rolle von Religion und Öffentlichkeit in Europa hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte stark verändert. Wie positioniert sich hier das ZEOK?

Die Frage ist sehr weit gefasst! Natürlich hat sich die Rolle von Religion und Öffentlichkeit im Lauf der JAHRHUNDERTE geändert! Veränderung findet laufend statt – wir sehen unsere Rolle darin, diese Veränderungsprozesse so zu begleiten, dass Menschen respektvoll und wertschätzend mit dem vermeintlich Anderen umgehen lernen. Dabei positionieren wir uns nicht wertend in Bezug auf religiöse Fragen. Im Umfeld des ZEOK etwa, in Leipzig, spielt Religion für einen großen Teil der Öffentlichkeit gar keine Rolle – die Zahl der Konfessionslosen liegt bei rund 70%. Uns liegt daran, uns von stereotypen Normalitätsvorstellungen wegzubewegen. Wir sehen die verschiedenen Optionen, die es gleichermaßen anzuerkennen gilt: die Option der Religionslosigkeit ebenso wie die Option der religiösen Zugehörigkeit – sei es christlich, muslimisch, jüdisch oder anderes.

Leitkulturdebatten zeigen zudem, dass auch in Fragen multikultureller Diversizität immer wieder vermehrt versucht wird, Offenheit zu begrenzen. Wie setzt Ihre Arbeit da an?

Unsere Arbeit setzt an der individuellen Perspektive an und hat in erster Linie den Fokus auf die Integration der Kinder gerichtet. Kinder unterschiedlichster Familienhintergründe sollen sich zugehörig fühlen dürfen – das geht nur, wenn sie und die jeweiligen Lebensstile der Familien respektiert werden. Was genau soll die Leitkultur denn sein? Wenn man den Blick auf den Einzelnen richtet, merkt man schnell, wie vielfältig auch auf den ersten Blick scheinbar homogene Gruppen sind. Wir legen Wert darauf, diese stereotypen Sichtweisen zu hinterfragen und die innere Vielfalt der Gesellschaft insgesamt anzuerkennen. Das entlarvt schnell die scheinbare Homogenität diesseits und jenseits der Leitkultur-Grenze als das, was es ist – eine stereotype Konstruktion, die uns den Weg verstellt für eine ehrliche, gleichberechtigte Auseinandersetzung aller Bürger.

Wie sehen Ihre Pläne in der nächsten Zukunft aus?

Wir haben das Projekt „Mein Gott, dein Gott, kein Gott. Interreligiöse Kompetenzen stärken!“ Ende 2012 erfolgreich abgeschlossen [man vgl. auch vorgängige gleichnamige Studie im Auftrag der Ravensburger-Stiftung; Anm. Red.]. Neben der Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen für PädagogInnen wurden Exkursionen zu religiösen Gemeinden vor Ort begleitet und eine Fachtagung veranstaltet. Des Weiteren haben wir den Fotokalender 2013: Religionen in Leipzig herausgebracht, der Kinder unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeiten porträtiert. Auch ein 72seitiges Manual mit Arbeitsmaterialien für ErzieherInnen ist aus dem Projekt hervorgegangen. Beides ist über ZEOK e.V. erhältlich.

In diesem Jahr wird das aktuelle Projekt „Die Vielfalt der Religionen – on tour!“ gefördert, wie im letzten Jahr vor allem aus Mitteln des sächsischen Landesprogramms für Demokratie und Toleranz „Weltoffenes Sachsen“ sowie der Dr. Buhmann Stiftung für interreligiöse Verständigung sowie des Lokalen Aktionsplans Leipzig im Rahmen des Bundesprogramms „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“. Am Ende des Projekts wird eine Wanderausstellung für Kinder im Primarbereich entstanden sein, die sich den drei Religionen Islam, Judentum und Christentum vor Ort nähert. Zentrales Anliegen ist es, dass schon Kindern die innerreligiöse Vielfalt der Religionen vermittelt wird. Neues sollen sie dadurch nicht als fremd erleben, sondern über nichtstereotype Zugänge in die Lage versetzt werden, Bezüge zu ihrer eigenen Lebenswirklichkeit herstellen zu können und dadurch Empathie zu entwickeln. Die Ausstellungsentwicklung geht einher mit einer Fortführung der Fortbildungsseminare und Exkursionen sowie der Beteiligung von Kindern unterschiedlicher religiöser Hintergründe an der Ausstellungskonzeption.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

Hinweis der Redaktion: Nicht allein das Leipziger Projekt „Weltkiste“ arbeitet mit allen Sinnen. So gibt es auch das von REMID initialisierte Projekt „Schatzkisten der Religionen“ in Marburg sowie die Materialkoffer von INFOREL in Basel.

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