„Empathie und kulturelle Sensibilität sind die zentralen Voraussetzungen“

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Kulturelle und religiöse Besonderheiten spielen nicht nur eine Rolle, wenn Menschen nicht-westlicher Herkunft z.B. in ein hiesiges Krankenhaus (vgl. Interview „Religion – Kultur – Medizin: Diversity ist die Devise und nicht Rezepte-Lernen„) oder Altersheim kommen, auch beim Militär kann das von Relevanz sein, gleich ob das Alternative durch einen neuen Rekruten Einzug erhält oder dadurch relevant wird, dass ein Einsatz in einem fremden Land stattfindet. REMID interviewte zum Thema Oberst Dietger Lather (im Generalstabsdienst), vier Jahre Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr im Bereich Joint Operations, Crisis Management, Information Operation und anschließend bis Ende Juli 2009 Kommandeur des Zentrums für Operative Informationen der Bundeswehr, derzeit in einem Divisionsstab an zentraler Stelle für das Change Management im Zuge der Bundeswehrreform verantwortlich.

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Oberst Dietger Lather erläutert Interkulturelle Kommunikation in der Bundeswehr.

Wie finden sich Soldaten muslimischen Glaubens in der Bundeswehr zurecht?

Die Frage würde ich gerne erweitern. Es sind nicht nur Soldaten muslimischen Glaubens, sondern auch jüdischen Glaubens, Baptisten, Agnostiker und Atheisten in der Bundeswehr zu finden. Die Aufzählung ist nicht abschließend. Eines meiner Schlüsselerlebnisse war eine Diskussion über Glaubensfragen und das alltägliche Praktizieren des Glaubens, die Anfang der siebziger Jahre am Zentrum Innere Führung in Koblenz stattfand. Zu jener Zeit wurden öffentlich gewordene antisemitische Witze zwar sanktioniert, aber in den Kasernen kursierten sie ungeniert. Erst wenn ein Anwesender auf die Judenfeindlichkeit des Erzählten verwies, breitete sich Schweigen aus. In diesem Seminar diskutierten wir dies. Einer der Teilnehmer, ebenfalls Offizier, beendete die Diskussion mit einem klaren Bekenntnis zu seinem Glauben, das zugleich an die historische Schuld der Deutschen erinnerte. Sinngemäß sagte er, wenn er sich Witze über Konzentrationslager oder die Sinngebung von Schornsteinen anhören müsse, dann sagte er jedesmal, man könne doch gleich mit ihm anfangen, schließlich sei er Jude. Weniger die Zivilcourage hat mich damals berührt, sondern vielmehr die plötzliche Erkenntnis, welche inakzeptable Menschenverachtung in diesem Witzen zum Ausdruck kommt. Mit der Äußerung wurde zugleich die Distanz, die bei vielen zum Judentum herrscht, überwunden, Nähe hergestellt und damit eine Betroffenheit erzeugt, die das Lachen im Hals ersticken und Schuldgefühle aufkommen lässt.

Ich glaube, diese Distanz und Fremdheit herrscht bei vielen auch gegenüber anderen Glaubensrichtungen vor. Die besondere Situation der Muslime in der Gegenwart mag von der Diskussion um Islamisten geprägt sein. Sie drängt Muslime oftmals in eine ungewollte Defensive oder in Erklärungsnöte. Beides wird bei näherer persönlicher Kenntnis obsolet. Derzeit ist einer meiner Mitarbeiter Muslim. Er ist bei uns vollständig integriert. Sein Glaube spielt überhaupt keine Rolle. Selbst den Ramadan kann er ungestört praktizieren. Diese gegenwärtige Erfahrung deckt sich mit meinen Erlebnissen in der Vergangenheit. Seien es die verschiedenen Speisen, die in der Truppenküche angeboten werden oder die Gebetsräume, die für Muslime in den Lagern der Bundeswehr in den Einsatzgebieten errichtet worden sind. Die religiöse interkulturelle Akzeptanz dürfte bei Soldaten höher ausgeprägt sein als in vielen anderen Gesellschaftsbereichen. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man über Wochen und Monate ständig zusammenleben muss. Nähe schafft Vertrautheit.

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Die Rolle der Bundeswehr in der Gesellschaft ist umstritten. Das Bild zeigt eine Protestaktion im Umfeld eines Werbestandes für den "Arbeitgeber Bundeswehr" im Raum Worms 2009. Auch das Verhältnis der Kirchen zum Militär ist uneindeutig zwischen Militärseelsorge und Friedensbewegung. Ein Klick auf das Bild führt zu einem Blogartikel über Kirche, Militär und kirchenbezogene Friedensinitiativen.

Bild von Kritisches Kollektiv unter Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 2.0 DE.

Überhaupt: Tendenziell klischeehafte Vorstellungen der Öffentlichkeit sehen im Militär ja alles andere als einen Ort kultureller Heterogenität. Woher kommt dieses Image und was ist dran?

Es gibt seit dem Bestehen der Bundesrepublik eine Verachtung der intellektuellen Elite Deutschlands gegenüber dem Militärischen. Die mag aus der Scham gegenüber dem moralischen Versagen in der Zeit des Nationalsozialismus gespeist sein, aber auch aus der Perzeption, beim Militär würde der Abiturient, der hochgebildete, von einem tumben Unteroffizier befehligt, der des Brüllens mächtig sei, nicht aber der argumentativen Auseinandersetzung. In der Vergangenheit ist diese Empfindung durchaus nachvollziehbar. Oft genug habe ich dies als Mannschaftssoldat erlebt. Hinzu kommt, dass die wenigen Intellektuellen, die nicht den Wehrdienst verweigerten, die Bundeswehr ausschließlich aus der Perspektive des Befehlsempfängers erlebt haben und den Dienst als sinnentleert empfunden haben. Heinrich Böll hat dies in seinem Buch ‚Ende einer Dienstfahrt‘ anschaulich beschrieben. Mit dem sich daraus manifestierten Bild der Bundeswehr als einer Organisation, in der Soldaten alles Mögliche tun, aber nicht denken, sondern zum gedankenlosen Töten gedrillt werden, bin ich in den siebziger Jahren in zahllosen Diskussionen konfrontiert worden. Geht man davon aus, dass sich dieses Bild im kollektiven Gedächtnis von Intellektuellen festgesetzt hat, dann verwundert die in der Fragestellung getroffene Feststellung nicht.

Andererseits ist die kulturelle Diversität in der Bundeswehr eine Funktion der Einwanderungspolitik Deutschlands und der Zeit. Cum grano salis kann man feststellen, dass erst die Kinder von Einwanderfamilien die deutsche Staatsbürgerschaft erworben haben und damit der Wehrpflicht unterlagen. Also erst in den achtziger Jahren wurden Deutsche mit Migrationshintergrund in nennenswerter Anzahl Soldaten. In den neunziger Jahren nach der Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Paktes wurde eine große Anzahl sogenannter Deutschlandrussen in die Streitkräfte eingezogen. Drittens ist zu erwähnen, dass mit dem Beginn der größeren Auslandseinsätze der Bundeswehr auch ein Interesse wuchs, Soldaten wie auch zivile Mitarbeiter mit Migrationshintergrund aus den Einsatzgebieten zu verpflichten. All diese Entwicklungen fanden ohne große öffentliche Beachtung statt. Sodass selbst heute noch nach mehr als zwanzig Jahren ‚out of area‘-Einsätzen diese klischeehafte Vorstellung vorherrscht. Ursächlich ist die mangelhafte Selbstdarstellung der Bundeswehr genauso, wie das Unvermögen der intellektuellen Elite, sich von liebgewordenen Vorurteilen zu trennen.

Einsätze im Ausland bedeuten nochmal eine andere Dimension von Diversität, mit denen die Soldaten und sonstigen Militärbediensteten in Berührung kommen. Eigentlich fanden längst Schulungen und Beratungen etwa in der deutschen Bundeswehr statt…

Die Soldaten der Bundeswehr, zumindest die wenigen, die in Afghanistan außerhalb der befestigten Lager tätig sind, tauchen in eine völlig neue Welt ein, in eine fremde Kultur. Unabhängig von allen Schulungen und Beratungen ist die persönliche Bereitschaft, diese neue Welt mit ihrer fremde Kultur vorurteilslos anzuschauen und sie ergründen zu wollen, wichtiger als alle Schulungen. Empathie und kulturelle Sensibilität sind die zentralen Voraussetzungen, um verhängnisvolle Fehler im Umgang mit – in diesem Falle – Afghanen zu vermeiden.

Soldaten befinden sich jedoch in einem unauflösbaren Dilemma. Sie wissen um die Gefahr, in Afghanistan verwundet, verstümmelt oder getötet zu werden. Sie werden trainiert, in dieser Gefahr zu überleben. Sie werden vor ihrem Einsatz in Afghanistan fortwährend mit Extremsituationen konfrontiert, die sie ohne Verletzung zu überstehen hoffen. Zwangsläufig konkurriert dieses Training mit der Forderung, Afghanen gegenüber freundlich und auf gleicher Beziehungsebene zu begegnen. Kinder zum Beispiel lässt man ihre Neugierde leben und Nähe suchen. Sie auf Distanz zu halten, weil sie möglicherweise Sprengstoffgürtel tragen und töten könnten, perzepiert eine Extremsituation, deren Wahrscheinlichkeit gegen null tendiert.

Mildern kann man dieses Dilemma durch die Kontrolle der eigenen Emotionen, durch nüchtern rational gründende Planung und Ausführung von Operationen, da man um die fatalen, teils tödlichen Folgen von Fehlern weiß. Dulden muss man auch die in Extremsituationen entstehenden Begrifflichkeiten gegenüber dem Fremden, um sich die emotionale Distanz zu schaffen, wie auch ein Quäntchen Fatalismus, mit der man extreme Situationen, die Plötzlichkeit des Todes ertragen kann. Verhindern muss man, dass Distanz in Menschenverachtung umschlägt, die ihren Anfang in der westlichen kulturellen Arroganz findet. Gelingt dies, werden verhängnisvolle Fehler minimiert. Eliminieren kann man sie nicht.

Völlig unabhängig davon sind Vorfälle wie die Ablichtung mit Totenköpfen zu beurteilen. Dies Verhalten erfährt auch in unserer Kultur verachtende Ablehnung.

Worum ging es inhaltlich in den Schulungen? Welche Auswirkungen hatten sie auf den unmittelbaren Umgang mit den Menschen vor Ort?

Die Schulungen zielen darauf ab, zunächst interkulturelles Verständnis zu schaffen. Die Sensibilisierung für die Besonderheiten einer fremden Kultur ist als erster Schritt auf dem Weg zu einem kulturell angepassten Verhalten zu werten. Neben der theoretischen Vermittlung werden die Soldaten in Trainingseinheiten mit Rollenspielern konfrontiert, die aus dem jeweiligen Einsatzland stammen. So wird ein möglichst realistisches Verhaltenstraining simuliert. Mir selbst hat dieses Training sehr geholfen, da es im Einsatz dejà-vu-Effekte erzeugte, die mir Verhaltenssicherheit vermittelten. Der Personenkreis, der in den Einsätzen mit Führungsaufgaben betraut sein wird, erhält in einem Seminar vertiefende Informationen über das sozio-kulturelle, geschichtliche, politische und wirtschaftliche Umfeld. Im Einsatz selbst werden interkulturelle Einsatzberater wie auch Genderadviser eingesetzt, die militärische Operationen unter dem Blickwinkel der interkulturellen Verhaltensangemessenheit beurteilen und Änderungen vorschlagen.

Im Vergleich zu anderen Nationen genießen die Soldaten der Bundeswehr eine bemerkenswert hohe Anerkennung in Afghanistan. Dazu mag auch beitragen, dass Deutschland auf keine nennenswerte koloniale Vergangenheit zurückblickt, weshalb postkoloniales Verhalten nicht in Erscheinung tritt. Zudem werden Deutschen keine machtpolitischen Interessen unterstellt. Allein diese zwei Faktoren erleichtern beiden Seiten ein adäquates interkulturelles Verhalten. Die geschilderte Ausbildung halte ich für zu gering, um ein Gegengewicht zum Verhaltenstraining in Extremsituationen zu schaffen. Letztlich ist es im jeweiligen Einsatz von den empathischen Fähigkeiten und der Aufgeschlossenheit der Kommandeure gegenüber dem Fremden abhängig, ob interkulturell angepasstes Verhalten zur Maxime von Operationen erhoben wird. Die geringe Anzahl an Vorfällen in den deutschen Kontingenten ist untrügliches Indiz dafür, wie gut die interkulturelle Kompetenz mittlerweile verankert ist.

Was fällt Ihnen zum Stichwort „humanitäre Einsätze“ ein?

Für Einsätze stellt sich mir eher die Frage, wie sich die Regeln des ‚humanitären‘ Völkerrechtes mit den Menschenrechtsartikeln in unserer Verfassung decken. Da scheinen mir unsere unter dem Schutz eines Verfassungsranges stehenden Menschenrechte deutlich mehr geschützt, als in Operationen, die von der UN sanktioniert wurden und den Regeln des internationalen Völkerrechtes unterliegen.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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Ein Kommentar:

  1. Dass „Fremde“ so gut in der Bundeswehr integriert sind, hängt wohl auch damit zusammen, dass sich die „Fremden“ in den letzten Jahrzehnten hervorragend integriert haben. Vor allem die letzten 10 Jahre spielten eine wichtige Rolle in der Integration. Ich freue mich, dass wir so ein tolerantes und weltoffenes Deutschland haben!

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