„Religionen“ und der philosophische Streit der Fakultäten

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Der Zoologe und Verhaltensforscher Frans de Waal fragt „Ist militanter Atheismus eine Religion geworden?“ und fordert im Anschluss einen neuen Humanismus „unter Primaten“ (Salon vom 25. März). Die Probleme „weiter“ Religionsbegriffe wurden bereits thematisiert, genauso wie die Schwierigkeiten „traditioneller“ Religionskonzepte. Gibt es vielleicht eine philosophische Möglichkeit, etwas Klarheit in die Diskussion zu bringen? Möchte man „Religionen“ in einem logischen Kalkül näher bestimmen, bietet sich an – erst einmal unter Ausschluss solcher Bestimmungen, welche ontologisch ein wie auch immer geartetes („religiöses“) Sein (höherer Wesen oder spezieller Erfahrungen) voraussetzen, oder „Religion“ im Singular als z.B. ethisches Prinzip deuten – , diejenige Differenz ins Auge zu fassen, welche auch für entsprechende historische Auseinandersetzungen seit der Aufklärung prägend wurde: Demnach sind „Religionen“ zunächst eine Form der (potenziellen) Vergemeinschaftung unter Einbezug bzw. auf Basis von gemeinsamen metaphysischen Urteilen.

urknall

In gewisser Weise veranschaulicht diese Karikatur einige der im Artikel angesprochenen Probleme. Die Autorschaft des mehrfach auf deutschsprachigen Seiten wiedergefundenen Bildes ist unbekannt. Ein Klick auf das Bild führt auf die Webseite von Peter H. Michalicka zum Begriff "Metaphysik" als einen der Fundorte der Karikatur.

Insbesondere der Begriff von „Metaphysik“ muss dabei zuerst näher bestimmt werden. Auch hier darf keine ontologische Unterscheidung vorgeschaltet werden, es darf also nicht um ein ontisches Reich jenseits der „Physik“ gehen – so wie heute gerne „rational“ versus „irrational“ missverstanden wird. Weder ein „religiöses“ noch ein „natürliches“ Sein sollten dem hier angedachten logischen Kalkül vorausgehen und unhinterfragt gültig sein. Vielmehr handelt es sich bei allem, was einem solchen Kalkül vorausgeht, um Metaphysik im eigentlichen Sinne. So gefasst kann es keine metaphysikfreie Positionierung geben. Selbst dieses Kalkül investiert notwendig bereits in Metaphysik, insofern es notwendig einer (formalen) Logik bedarf und seine Argumentationskraft auch entsprechend aus der Anerkennung von Sätzen wie dem des ausgeschlossenen Widerspruches beziehen möchte. Fragen nach Metaphysik führen also notwendig zu Fragen um die Grundlegung von Logik, Erkenntnistheorie und damit Wissenschaft. Gerade Erkenntnistheorien verweisen auch in ihren „radikal-konstruktivistischen“ Varianten darauf, wie schwierig es ist, nicht doch ein z.B. „natürliches“ Sein vorauszusetzen (etwa eines der „Autopoiesis des Gehirns“, vgl. Artikel über Bildung).

In anderen Worten benötigt jedes sogenannte „Weltbild“ basale Grundannahmen, auf denen es – und sei es unbewusst – fußt. Will man nicht die Möglichkeit logischer Distinktion völlig aufheben, müssen sich also letztlich Aussagen finden, die vergleichbar mit der Unteilbarkeit von Primzahlen die „ersten“ Sätze eines gedanklichen Gebäudes ausmachen – sein Fundament.

Universum

Dieser weit verbreitete Holzschnitt, wo ein Mann seinen Kopf sozusagen in das Reich der Metaphysik aus einer flachen Erde heraushält, ausgeführt im Stil des 16. Jahrhunderts, konnte bislang keiner älteren Quelle zugeordnet werden als Claude Flammarion, L'Atmosphere: Météorologie Populaire (Paris, 1888, S. 163). Zur Großansicht klicken Sie auf das Bild.

Bild von Hugo Heikenwälder unter Creative Commons Lizenz CC-BY-SA 2.5.

Damit sehen wir aber auch, dass „Religionen“ keineswegs bereits distinktiv bestimmt sind. Wir können zunächst lediglich zwischen solchen Vergemeinschaftungen unterscheiden, für welche metaphysische Urteile eine Rolle spielen, und jenen, für welche das nicht zu gelten scheint. Die vorsichtige Formulierung deutet dabei bereits an, dass metaphysische Urteile nicht unbedingt explizit gemacht worden sein müssen (z.B. verpflichtend für Mitglieder eines Vereins in der Satzung festgehalten; im Vorwort eines Buches einem „Bekenntnis“ vergleichbar offengelegt). Ein implizites Teilen gemeinsamer metaphysischer Urteile muss nicht einmal dem jeweils Einzelnen bewusst sein.

Noch bleibt also „Religion“ ununterscheidbar. Das verschärft sich durch den zweiten Teil der bisherigen Bestimmung: die erste Formulierung sprach von „potenzieller“ Vergemeinschaftung. Es soll also demjenigen Umstand Rechnung getragen werden, dass es metaphysische Urteile geben kann, die etwa nur ein Einzelner vertritt, ohne dass es bereits zu Formen einer Vergemeinschaftung gekommen wäre. Diese Erläuterung beinhaltet allerdings streng genommen keine Einschränkung, denn die sonst gerne ins Feld geführte Idee, z.B. das Weltbild eines „Verrückten“ sei nicht notwendig zur Vergemeinschaftung geeignet, ignoriert, dass es sich auch in diesem Fall um dann als abwegig empfundene metaphysische Urteile handeln muss. Diejenigen Fälle, in denen die Kommunikation mit einem solchen „Verrückten“ dermaßen scheitert, dass kein „Weltbild“ und damit auch keine metaphysischen Urteile mitteilbar werden, fallen auch genau deswegen aus der Fragestellung heraus. Tatsächlich geht es ja auch bei den meist angedachten Beispielen (etwa der „Paranoiker“) um an und für sich mitteilbare logische Kalküle. Sicherlich können diese logische Fehler enthalten – allerdings würde man dieses Kriterium entsprechend scharf machen, bleibt man dennoch bei einer allgemeinen Ununterscheidbarkeit, da es fraglich ist, ob ein philosophisches Gebäude oder eine wissenschaftliche Methodologie es bisher geschafft hat, ein völlig widerspruchsfreies System zu konzeptionalisieren. Allerdings war es schon immer ein (unerreichtes) Fernziel philosophischer Bemühungen, dieses eines Tages zu erreichen.

Insofern wäre es gerade ein Beispiel für einen logischen Fehler, mittels einer populären Unterscheidung von „irrationalen“ versus „rationalen“ Gemeinschaftsformen den historischen Prozess von Religionskritik und Wissenschaftsreform in das begonnene Kalkül integrieren zu wollen. Eine solche Investition brächte nämlich wiederum mit sich, ein unhinterfragtes Vorwissen um religiöses wie natürliches Sein vorauszusetzen – d.h. eine spezifische Ontologie. Da aber erst das Kalkül selbst Voraussetzung auch ontologischer Schlüsse sein sollte, wird damit also notwendig ein Set metaphysischer Urteile an den Anfang aller Erkenntnis gestellt: eine Offenbarung, die jeder Erkenntnis vorausgeht. Diese Urteile können dabei die Existenz oder Nicht-Existenz von etwas genauso betreffen wie die Gültigkeit bislang ausnahmeresistenter All-Sätze.

Wir sind also erst einmal lediglich auf dem Stand, dass es Konflikte zwischen bestimmten Vergemeinschaftungen metaphysischer Urteile gibt, welche zudem einen unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellenwert genießen. Will man nicht den Fehler wiederholen, bei Wissenschaft handele es sich um eine metaphysikfreie Veranstaltung, muss diese Situation also noch als historisch zufällig erscheinen. Allenfalls einen Verfall der Philosophie als gesellschaftlicher Institution mag man nach dem bisherigen Kalkül aus dieser Beobachtung erschließen können.

Allerdings darf man auch nicht dem Kurzschluss verfallen, „Wissenschaft“ wäre in erwähnten Konflikten das Gegenüber (das Andere) der Religion(en). Schon eher sinnvoll ist die Wahrnehmung, dass es gerade eine bestimmte materialistische Ontologie ist, welche sich gegenüber den Religionen positioniert bzw. diese als Sammelbegriff für überhaupt andere abweichende Ontologien etabliert (und die erwähnten Konflikte antreibt, forciert oder initialisiert). Sicherlich lässt sich diese Beobachtung spezifizieren, dass es sich mindestens in bestimmten Weltgegenden um eine hegemoniale Position handelt, wenn man materialistische Ontologien vertritt.

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Das Foto zeigt eine David-Hume-Statue in Edinburgh. Nach dem Hume-Gesetz handelt es sich um einen Fehler, aus einem Sein auf ein Sollen zu schließen. Ein Klick auf das Bild führt zu dem PDF von Franz von Kutschera, Das Humesche Gesetz (1977).

Bild von David M. Jensen unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0 .

Damit bleibt noch der Geschmack des historisch Zufälligen, sowohl in der Wahl, dass gerade metaphysische Urteile auf dem Gebiet der Ontologie (und nicht etwa z.B. auf dem der Ethik) entscheidend geworden sein sollen, als auch in dem Umstand, dass gerade diese spezifische Ontologie sich eine hegemoniale Position zu erarbeiten wusste. Die methodische Ordnung, nach welcher das Sein hier dem Sollen vorgeordnet ist, muss kein Kriterium der uns interessierenden „Religionen“ sein: Für sie ist es offenbar nicht notwendig entscheidend, ob sie z.B. eine Ethik aus einer Ontologie oder eine Ontologie aus einer Ethik entwickeln oder annehmen, Sein und Sollen könne man nicht voneinander ableiten. Die Frage ist aber, inwiefern das auch für erwähnte materialistische Ontologien gilt. Der Verdacht liegt nahe, dass nicht nur Ontologie vorgeordnet ist, sondern dass regelmäßig vom Sein auf das Sollen geschlossen wird. Doch ist das so? Der einfachste Fall ist sicherlich das Ableiten von Handlungsmaximen aus angenommenen „natürlichen“ Umständen (beliebtes Beispiel: Der Mensch sei ein Triebwesen, also solle er seine Triebe ausleben). Ähnlich einfach ist der umgekehrte Fall, in welchem die Möglichkeit einer (legitimierbaren) Ethik ausgeschlossen wird mit dem Hinweis auf die Nicht-Existenz einer legitimierenden Instanz (jenseits der „Materie“). Es ist leicht einsichtig, dass eine materialistische Ontologie keinesfalls notwendig vom Sein aufs Sollen schließen muss. Möglicherweise können mit dieser Bestimmung aber diejenigen materialistisch gesinnten Konfliktparteien hinreichend beschrieben werden. Schließlich gäbe es vermutlich keinen solchen Konflikt, wenn es losgelöst vom Sollen lediglich um das Sein ginge. Die Konfliktlinien verlaufen da doch letztlich eher auf dem Gebiet des Sollens.

Die beiden Formen von Vergemeinschaftungen unter Einbezug gemeinsamer metaphysischer Urteile lassen sich also näher bestimmen als solche, die von einem (materialistischen) Sein notwendig auf ein Sollen schließen müssen, und jene, für welche das nicht notwendig gilt. Nun wurde aber auch bereits behauptet, dass eine materialistische Ontologie nicht notwendig vom Sein auf ein Sollen schließen muss. Noch fehlt also ein distinktives Merkmal, um die konflikttragenden „Materialismen“ zu spezifizieren bzw. um die nicht vom Sein auf das Sollen schließenden Materialismen (die nicht am Konflikt teilnehmen dürften) von den Gegnern der konflikttragenden zu differenzieren.

Es ist also an der Zeit, sich die Ethik und ihre Grundlegung näher anzuschauen. Da auch jede konfliktfähige Ethik letzter Gründe (einer annehmbaren Begründung) bedarf, ist die Verführung groß, eine methodische Ordnung zu wählen, welche sich zuerst um die Probleme einer Ontologie bemüht, um eben aus dem Sein ein Sollen zu entwickeln. Etwas polemisch könnte man von einem autoritären Typ der Ethik sprechen (unabhängig davon, ob es sich um eine „religiöse“ oder „natürliche“ Instanz bzw. Autorität handelt, auf welche sich diese Ethik beruft). In anderen Worten: Ein Sollen von einem Sein abhängig zu machen ist der eigentliche Kern des Autoritarismus (und damit kein besonderes Spezifikum der Religionen, im aktuellen Kalkül nicht einmal ein eindeutiges Merkmal aller „Religionen“).

Ein Verdacht wird plausibel, wenn man überlegt, dass es möglicherweise eine Eigenheit der konflikttragenden Materialismen sein könnte, dass sie nicht nur das Sollen aus dem Sein ableiten, sondern aufgrund einer Aufgabe eines „freien Willens“ als Bedingung der Möglichkeit für Entscheidungen (im Sinne eines Sich-zu-einem-Sollen-Verhalten-Könnens), Sein und Sollen ununterscheidbar machen. Eine moraldeviante Willensäußerung wäre demnach nur ein Ausdruck einer devianten „Natur“. Gerade ein solcher „Materialismus“ kann sich als besonders liberal in moralischen Fragen geben, gerade weil diese für ihn nur vermeintlich moralische Fragen einer Entscheidungsfreiheit und tatsächlich ausschließlich Erscheinungen einer Seinsnatur darstellen. Eigentlich ist das aber gerade alles andere als „liberal“.

Damit kommen wir zwar den konflikttragenden Materialismen näher, aber das von ihnen anvisierte Gegenüber der „Religionen“ wirkt weiterhin wie ein Sammelbegriff. Eine Vermutung besteht hier darin, dass diesen irrtümlich zugeschrieben wird, auch sie müssten notwendig von einem Sein auf ein Sollen schließen. Wo sie es auch tatsächlich tun, könnte man von einem gemeinsamen Fehler beider Konfliktparteien sprechen. Wahrscheinlich ist es auch schwierig, dieser „Einladung“ zu widerstehen.

Dassderfreyewille

Der freie Willen war auch ein Streitthema der Reformation. Vermutlich erfolgten in dieser Periode entscheidende diskursive Weichenstellungen. Ein Klick auf das Titelblatt führt zu einem Digitalisat von "Das der freie// wille nichts sey : Antwort// D. Martini Luther an// Erasmum Roterdam. / Verdeutscht durch// Justum Jo-//nam" (1526, VD 16 L 6674).

So gesehen sind „Religionen“ diejenigen Vergemeinschaftungen unter Einbezug gemeinsamer metaphysischer Urteile, welche diskursiv anderen solchen Vergemeinschaften auf eine bestimmte Weise antworten. Dabei verführt die Engführung der streiteröffnenden Materialismen auf ontologische Fragen – bei gleichzeitiger Einebnung des Unterschieds zwischen Sein und Sollen – zur Wiederholung dieses Fehlers in der dann auch ontologischen Antwort, welche ein alternatives Seinsverständnis vorschlägt.

Je nach Perspektive könnte man also „Religionen“ als Resultat eines Kommunikationsproblems oder als „Diskursphänomen“ betrachten – innerhalb einer seit einigen Jahrhunderten geführten philosophischen Debatte, in welcher problematischerweise regelmäßig vom Sein auf das Sollen geschlossen wird. Oder als Ausdruck eines autoritativen Paradigmas unter dem Primat der Ontologie als Legitimationsbasis für Entscheidungsvogaben oder -empfehlungen, dem allerdings sämtliche Debattenteilnehmer_innen anhängen – und das, obwohl es weder die Fans eines „natürlichen“ noch die eines „religiösen“ Seins müssten.

Christoph Wagenseil

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3 Kommentare:

  1. Spannend! Ich merke gerade, es lohnt sich, nach „urknall.exe“ zu googeln! Hier ein Fundstück von einem virtuellen „Philosophen-Stammtisch“ von 2003 – ganz ohne die Karikatur:

    „Ich glaube so fest daran das ich auch mein Stolpern heute morgen für Vorprogrammiert halte. Keine Frage daran muss nicht jeder glauben. Soll doch jeder glauben woran er will (ausser Christentum *lol* ), ich lebe gut damit. Ich bereue nichts und sehe das Leben positiv. Bedeutet ich versuche das Beste aus dem zu machen was mir die Urknall.exe *lol* beschert. Übrigens dadurch das ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube, denke ich das ich mein Leben intensiver lebe. Denn bis es soweit ist möchte ich alle meine Ziele erfüllt haben.“

  2. David Bamberger

    Einige Begriffe sind mir so wie du sie einführst noch sehr unklar… Ich beschränke mich also vorerst auf diejenigen Aspekte des Textes, die ich meine verstanden zu haben. Bestimmt ergibt sich alleine daraus erneuter Diskussionsbedarf 😉
    Anliegen des Textes: Dein primäres Anliegen besteht in einer philosophischen Klärung des Begriffes „Religion“ (Religion). Der von Dir vorgeschlagene Weg dieser Begriffsklärung soll in einem formal-logischen Kalkül bestehen. Warum du von einem formallogischen Kalkül sprichst, ist mir deswegen rätselhaft, weil du ja in dem Text keine formal-logischen Argumentationsmittel einsetzt, und den Begriff der Deduktion wohl vielmehr im „klassischen Sinne“ – als der Gewinnung und Rechtfertigung allgemeinbegrifflicher Prämissen von Urteilen; in dem Fall mittels begrifflicher Bestimmung von Religion – verwendest.
    […] Als Metaphysik definierst du eine hypothetische Menge allgemeiner Grundsätze, die als explizite oder implizite Möglichkeitsbedingungen von Urteilen aufgefasst werden müssen. Solche Grundsätze bilden somit eine Voraussetzung dafür, dass Urteile überhaupt Geltung beanspruchen können. Sie müssen von allen Weltbildern im Allgemeinen sowie Logik, Erkenntnistheorie, Ethik und Wissenschaft im Speziellen vorausgesetzt werden.
    […] Auf die Probleme, die der Text aus meiner Sicht eröffnet, gehe ich dann im nächsten Komentar genauer ein, deute sie aber in den folgenden Fragen schonmal an: 1. Wurde überhaupt eine nähere Bestimmung des Begriffes Religion vorgenommen? Wenn ja, was ist an dieser Definition charakteristisch für Religionen? 2. Sind die angegebenen spezifischen Differenzen der so genannten konflikttragenden Materialismen nur für diese charakteristisch? Was ist mit Historizismen, mit Schicksalsglauben, stoischen Positionen usf. – gibt es nicht unzählige andere Beispiele, Philosophien, Religionen und auch Wissenschaften? Was die Metaphysik betrifft: sollte man die nicht zugleich als Methode auffassen? Dann müssen Metakriterien gewonnen werden für die Gewinnung metaphysischer Grundlagen! Am Beispiel der Differenzierung von Existenzaussagen und Nicht-Existenzaussagen: Muss derjenige, der die Existenz von etwas behauptet, die Aussage belegen, oder derjenige, der die Existenz abstreitet? Gewöhnlich tendieren wir (wohl sinnvollerweise) dazu, ersteres für richtig zu halten….

    Redaktion: Gekürzte Stellen werden in Antwort wieder gegeben.

  3. Um die Redundanz für den Leser gering zu halten, habe ich Deinen Kommentar etwas gekürzt, aber zuvor vollständig abgespeichert. Falls das folgende dadurch nicht mehr allgemein nachvollziehbar werden sollte – oder Dein Kommentar Dir so zu sehr verkürzt erscheint, ändere ich das auch gerne wieder ab. Schließlich hast Du meine „Definition“ nachvollzogen und ich bringe das im Folgenden wieder als Zitat. An einer Stelle gibt es ein größeres Missverständnis.

    „Den Anstoß bzw. Ausgangspunkt der angezielten begrifflichen Präzisierung bildet die folgende Definition:
    Religionen sind ‚Formen der (potenziellen) Vergemeinschaftung unter Einbezug bzw. auf Basis von gemeinsamen metaphysischen Urteilen.‘ Unklar ist mir diese Differenzierung deshalb, weil ungewiss bleibt, ob das Prädikat des Satzes (‚Einbezug bzw. auf Basis von gemeinsamen metaphysischen Urteilen‘) eine spezifische Differenz von Religionen darstellt (bspw.: Menschen sind vernunftbegabte Tiere), oder ob ausschließlich eine Gattung-Art-Unterscheidung vorgenommen wurde (‚Menschen sind Tiere‘). (Nur im ersten Fall kann m.E. von einer Definition im Strengen Sinne gesprochen werden, die es zu klären bzw. zu präzisieren gilt). Dieses Problem ließe sich weiter zergliedern, denn selbst wenn es sich bei der Prädikation um eine spezifische Differenz handeln sollte, müsste noch überlegt werden, ob es sich dabei um ein oder um zwei angegebene Spezifika handelt. Wenn letzteres zutreffend wäre, müsste das Verhältnis zwischen beiden genauer bestimmt werden: ‚auf der Basis von’… ist eine stärkere Formulierung als ‚unter Einbezug von‘. Diesen Fragen soll aber hier nicht weiter nachgegangen werden.“

    Gemeint ist von meiner Seite hier eine Gattung-Art-Unterscheidung. Die Gattung sind Vergemeinschaftungen auf der Basis von oder unter Einbezug metaphysischer Urteile. Diese Gattung gehört zur „Familie“ der Vergemeinschaftungen überhaupt, in welcher es auch solche gibt, die nichts mit metaphysischen Urteilen zu tun haben. Diese interessieren jedoch nicht weiter. Insofern auf folgende Frage ein klares Nein:

    „Anschließend fasst Du die Ausgangsunterscheidung m.E. allgemeiner: Du unterscheidest Vergemeinschaftungen, für die metaph. Urteile eine Rolle spielen (a), von solchen, für die das nicht zu gelten scheint (b). Letztere spielen für die weitere Differenzierung keine entscheidende Rolle, da sie bei näherer Betrachtung wohl zu (a) gezählt werden müssen?“

    Nein, es besteht schon ein echter Unterschied zwischen (a) und (b). Auch bei näherer Betrachtung ist es schwierig, dem ADAC oder einem Gesangsverein grundlegende metaphysische Urteile zu unterstellen. Allerdings enthält (a) auch solche Sets von metaphysischen Urteilen, die noch nicht zu einer Vergemeinschaftung führten, dies aber potenziell vermögen.

    „Die Auffassung, gemäß derer die vorgeschlagene Definition keine spezifische Differenz (keine distinktive Differenz) enthält, scheinst du zu teilen.“

    Genau, diese wird in der Ansicht des Verfassers erst am Ende des Artikels erreicht. In Deiner Paraphrase haben wir ja bisher erst die Gattung – noch lange nicht die Art beschrieben. Der wird sich erst angenähert:

    „Vergemeinschaftungen des Typs (a) unterscheidest du dann weiter in solche, für die entweder gilt, dass das Ableitbarkeitsverhältnis zwischen Ethik und Ontologie ein notwendiges Kriterium ihrer Bestimmung bildet (a.1: Ethik lässt sich aus Ontologie ableiten, d.h. aus dem Sein wird auf ein Sollen geschlossen), oder für die dies nicht der Fall ist (a.2). Unter beide Gattungen fallen jeweils einige ‚materialistische Ontologien‘ und einige ‚Religionen‘. Das bedeutet, dass es einige material. Ontologien und einige Religionen gibt, die zur Gattung a.1 gehören und einige material. Ontologien und Religionen, die zu a.2 gehören. Unter a.1 fallen solche material. Ontologien, die nicht nur ein Sollen aus dem Sein ableiten, sondern darüber hinaus auch bemüht sind, diese Unterscheidung zu negieren bzw. zu unterlaufen. Solche materialistischen Ontologien bezeichnest Du als konflikttragende Materialismen (a.1.1).“

    Hier beginnt das Missverständnis. Bei den Religionen komme ich zunächst immer zu dem Schluss, das keines der vorgeschlagenen Merkmale eine nähere Distinktion / Präzisierung erlaubt. Ich komme ihnen also nur im Medium einer Auseinandersetzung näher – über eine Präzisierung des Kontrahenten, der auch als streiteröffnende Partei ausgemacht wird. Das ist nicht als historische Herleitung gedacht, sondern als Heuristik. Insofern komme ich zu meinem a.1 (korrigiert: Ethik muss[!] aus Ontologie abgeleitet werden). Die Vermutung ist, dass ein solches (a.1) nur für die konflikttragenden materialistischen Ontologien angenommen werden kann, die ansonsten erstmal genauso zur Gattung (a) gehören, die wir bestimmten, wie es eben auch den Religionen zugeschrieben sei. Klar, es kann andere materialistische Ontologien geben, die nicht zu (a.1) gehören. Diese beteiligen sich damit aber vermutlich auch nicht am Konflikt und sind daher uninteressant für die Suche nach einer Religionsdefinition. Von Religionen vermute ich hier nur, dass sie nicht zur Menge von (a.1) gehören, da – sogar generell – nicht ersichtlich ist, warum sie vom Sein auf ein Sollen schließen müssten. Dabei sind aber bereits (a.1) die konflikttragenden Materialismen. Allerdings interessierte eben auch die Gattung „Materialismus“ und die nähere inhaltliche Bestimmung dieser konflikttragenden Materialismen. Es ist also einfach eine weitere Präzisierung von (a.1) zu sagen, dass zudem Sein und Sollen ununterscheidbar gemacht werden.

    Um zu Deinen ersten Abschlussfragen zu kommen: „Religionen“ wurden nicht mit der enggefassten Notwendigkeit von (a.1) belegt, ihnen kommt aber in der antwortenden Position im Streit als (a.1′) [mit Spiegelstrich] eine ebenfalls enggefasste Position zu, insofern (a.1) die Bedingung für den Streit einfordert, alles als eine Frage der Ontologie zu begreifen. Zugespitzt gibt es erst durch (a.1) bzw. den Streit (a.1′) und damit „Religionen“. Es ist auch eigentlich nicht möglich, „Religionen“ vor bzw. jenseits dieser Schein-Notwendigkeit als „Religionen“ zu fassen. Allerdings glaube ich behaupten zu können, dass es bei ihnen – wie auch an und für sich beim Materialismus im Allgemeinen – keine echte Notwendigkeit gibt, gegen Humes Gesetz zu verstoßen. Und einsichtig ist auch, dass selbst als (a.1′) Religionen nicht auf Ontologie reduzierbar sind. Jedenfalls scheint es mit (a.1) bzgl. Humes Gesetz überhaupt eine hier verfolgenswerte Möglichkeit zu geben, etwas zu differenzieren in der allgemeinen Vielfalt der Anschauungen (und als das nehme ich mal die Liste aus Deiner Frage Nr. 2).

    Die Fragen zur Metaphysik führen wieder zu unserer Diskussion bezüglich einer „relativen“ Metaphysik. Ich brachte im Artikel den Vergleich mit den Primzahlen. Insofern sehe ich mindestens eine Beschränktheit der Teilbarkeit von Urteilen in wiederum vorausgehende metaphysische Urteile. Klar ist ein vermeintlich bereits einfaches metaphysisches Urteil nicht notwendig unteilbar. Das Beispiel „Es gibt einen Gott“ enthält bereits viele Urteile, die etwas mit Monotheismus zu tun haben – oder überhaupt die Gottesidee als höheres Wesen präfigurieren – bzw. was ein Mensch heutzutage alles semantisch mit der Gottesfrage in Verbindung bringen mag. Da Dein Beispiel zur Metaphysik – und auch meines hier – wieder in Richtung Ontologie zielt: Es ging ja gerade darum, darauf hinzuweisen, dass die allgemeine Debatte problematischerweise Sollen über das Sein zu bestimmen sucht – und die eine (materialistische) Seite immer schon „gewonnen“ hat, weil sie zudem Sein und Sollen gleichsetzt (und für die mehr oder weniger sichtbare „Materie“ auch als Abgrenzungsbegriff von den unsichereren Gegenständen mancher Existenzfragen steht). Zumal der basale Fehler, auf dem die Debatte fußt, von allen Teilnehmern übersehen wird. Insofern sind Existenzfragen in dieser Debatte immer aufgeladen mit dieser (a1)-(a1′)-Tragik (und Deine Frage rhetorisch).

    P.S. Übrigens ließ ich das „formal“ in Klammern beim logischen Kalkül, da in der Tat ein Fernziel wäre, solche Gedanken auch potenziell formal logisch zu gestalten. Das wäre allerdings weniger ein Lesevergnügen für einen Blog.

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