„Ein Leben unterwegs – Die Herbstmigration der Bakhtiari“: Crowdfunding in der Wissenschaft

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Der Religionswissenschaftler Ben Raßbach (Leipzig) und die Fotografen Maciej Staszkiewicz und Miriam Stanke (Mannheim) begleiteten 2012 die Nomadengruppe der Bakhtiari im Iran: „Zweimal jährlich brechen sie bedingt durch klimatische Bedingungen auf, um ihre Lager zu wechseln“ (vgl. Kurzvideo auf Vimeo). Für eine multimediale Fotoausstellung vom 27. April bis zum 5. Mai 2013 im Leipziger Tipi Westwerk wurde ein Crowdfunding-Projekt ins Leben gerufen. REMID interviewte Ben Raßbach, zur Zeit in Ostkurdistan unterwegs, zu diesem in der Religionswissenschaft noch ungewöhnlichen Schritt.

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Bereits über 1.000 EUR wurden für das Crowdfunding-Projekt „Ein Leben unterwegs – Die Herbstmigration der Bakhtiari“ gespendet. Worum geht es und wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Wir sind im vergangenen Herbst in den Iran gefahren, um dort eine der vielen Nomadengruppen zu begleiten, die ihre Frühjahrs- und Herbstmigrationen noch zu Fuß durchführen. Ich hatte im Vorfeld – sowohl in der Uni, als auch auf Reisen – einiges über iranische Kulturen gelernt und eine Weile Persisch studiert, sodass wir ungefähr wussten, wo wir zu suchen und wonach wir zu fragen haben würden. Tatsächlich haben wir auch sehr schnell alle Informationen bekommen, die wir brauchten, um die Gegenden zu finden, in denen die Bakhtiari-Nomaden ihre Sommerlager hatten, die sie gerade dabei waren zu verlassen. Miriam und Maciej haben beide Fotografie studiert und diese Wanderung dann sehr gekonnt dokumentiert. Ich habe außerdem Tonaufnahmen und Interviews gemacht, die bei der Ausstellung Verwendung finden. Außerdem ist eine ausführliche Reportage entstanden, für die wir noch einen geeigneten Ort zur Veröffentlichung suchen.

‚Crowdfunding‘ ist eine geniale Alternative oder Ergänzung zu den bekannteren Förderungsmöglichkeiten für selbstentwickelte Projekte. Zuerst erstellt man eine Onlinepräsenz, die das eigene Projekt (oder die Projektidee) vorstellt – z.B. mit Bildern und einem kurzen Film. Dann beginnt man, über die eigenen Bekanntenkreise und Emailverteiler diese Idee zu verbreiten und vorzustellen. Ziel ist es, so viele „Fans“ und „Supporter“ wie möglich zu finden. Erstere geben ihre Stimme, um damit ihr Interesse am weiteren Verlauf zu bekunden, Letztere zusätzlich einen Spendenbeitrag, um das Projekt zu finanzieren. Diese Spenden sind in bestimmten Abständen gestaffelt und werden mit Geschenken belohnt, die die Initiierenden vorher festlegen. Innerhalb eines gewissen Zeitraums muss dann die kalkulierte Summe, die für die Umsetzung notwendig ist, gesammelt werden. So wird gleichzeitig die Idee vorgestellt und das notwendige Geld zur Umsetzung aufgebracht.

Crowdfundig-Projekte von Bekannten sind in letzter Zeit auch häufiger bei uns eingetroffen und so sind wir damit in Kontakt gekommen. Unsere Idee schien sich dann geradezu dafür anzubieten, das auch zu versuchen. Da wir einige Kosten haben, die wir privat kaum tragen können, und die universitären Förderungsmittel nicht ausreichen, sind wir auch sehr darauf angewiesen. Wir müssen sowohl die Bilddrucke, als auch den Ausstellungsraum im Leipziger ‚Westwerk‘ bezahlen und den diversen Beteiligten eine Aufwandsentschädigung leisten. Alles in allem werden wir mehr als 2000 € benötigen.

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Die religiöse Vielfalt des Iran ist unseren LeserInnen nicht unbedingt bekannt. Das Rahmenprogramm Eurer Fotoausstellung deutet allerdings darauf hin, dass auch dieses Thema Euch am Herzen liegt?

Unsere Idee ist es, die Fotoausstellung zum Anlass dafür zu nehmen einige unterschiedliche Aspekte der iranischen Kultur und Geschichte vorzustellen, die im „Westen“ wenig bekannt und von gewissen Stereotypen überlagert sind. Dazu gehört natürlich auch die religiöse Vielfalt dieses Landes, das ganz und gar keinen monolithischen, persisch-schiitischen Block bildet. Tatsächlich spricht nur etwa die Hälfte der iranischen Bevölkerung Persisch als Muttersprache. Ebenso steht es mit der Religion – obwohl die iranischen Machthaber es ganz anders erscheinen lassen, gibt es im Iran eine gewisse Anzahl anderer Religionen und Konfessionen, die teils erstaunliche Freiheiten genießen. Unter ihnen sind der Zoroastrismus (der sogar eine besondere Protektion als identitätsstiftende Religion genießt), das Judentum, verschiedene christliche Kirchen und natürlich der sunnitische Islam. Andererseits herrscht offensichtlich keinerlei Religionsfreiheit nach unserem ‚westlichen‘ Verständnis dieses Begriffes. Stattdessen genießen die ‚Ahl al-Kitab‘ (die ‚Leute des Buches‘ – das heißt Juden und Christen, teils Zoroastrier) einen traditionellen Schutz, der aber theoretisch alle anderen Religionen ausschließt. So stehen vor allem die Baha’i und, in geringerem Maße, die Ahl al-Haqq und verschiedenste andere islamisch-heterodoxe Bewegungen unter starkem staatlichen Druck und sind oft auf den privaten Bereich beschränkt. Trotz dieser Schwierigkeiten haben sich aber viele dieser Traditionen gehalten und erwachen teils in Verbindung mit politischen Widerstandsbewegungen zu neuem Leben. Um diesen Bereich der heutigen iranischen Kultur beispielhaft zu präsentieren, soll es an einem Abend um Geschichte und Gegenwart der vornehmlich kurdischen Ahl al-Haqq gehen, die eine in die Millionen gehende Mitgliederzahl aufweist, und an einem anderen um die Geschichte des iranischen Zoroastrismus.

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Ist Crowdfunding in der Religionswissenschaft bereits erprobt oder seid ihr Pioniere?

Leider ist mir darüber nichts bekannt. Nach unseren bisherigen Erfahrungen scheint es sich aber für derartige Projekte sehr gut zu eigenen.

Auf der Projektseite ist auch zu lesen, „[d]a der Iran eines der gastfreundlichsten Länder ist, die wir je besucht haben, wollen wir damit einen anderen Blick auf das Land, fernab der Nachrichtenagenturen, ermöglichen“. Inwiefern geht es Euch also auch um ein (medien)politisches Anliegen?

Religionswissenschaft und Kulturanthropologie, so wie ich sie verstehe, können sich zu keinem Zeitpunkt politischen Fragestellungen sowie einer politischen Verantwortung entziehen. Religiöse und kulturelle Phänomene entstehen und verändern sich immer in einem sozialen Rahmen, der ebenso gut aus einem politischen Blickwinkel betrachtet werden kann. Das heißt, mögliche Objekte der Religionswissenschaft -wie die Ahl al-Haqq – oder der Kulturanthropologie – wie die Bakthiari-Nomaden – sind ebenso sehr von Bedeutung, wenn man sich mit politischen Fragestellung in den entsprechenden sozialen Systemen beschäftigt. Wie bereits oben erwähnt, können religiöse Bewegungen sich zum Beispiel mit politischen Widerstandsbewegungen verbinden oder von diesen ideologisch in Anspruch genommen werden (was ja auch staatliche Machtstrukturen tun). Ebenso bilden nomadische Strukturen im Iran – dessen Identität, wie die der meisten anderen Staaten, auf einer sesshaften, urbanen Gesellschaftsform beruht – bedeutende gesellschaftspolitisch wirksame Strukturen. Wer heute noch an dieser Lebensform festhält (auch wenn dies meist aus finanziellen Gründen geschieht), trifft auch eine politische Entscheidung und zieht gleichzeitig (neue) Grenzen der Handlungsspielräume innerhalb einer Gesellschaft.

Auch uns ist es natürlich ein politisches Anliegen neue Blickwinkel auf die Kultur des Iran und des mittleren Ostens zu bieten, da die Widersprüche zwischen der von uns erlebten Realität, so wie sie sich in vertieften Studien und mehreren Reisen gezeigt hat, und der medialen Präsenz des iranischen Staates hierzulande zu dem Versuch einer Erweiterung der Perspektive aufzufordern scheinen. Eine solche Arbeit ist nicht zuletzt für den gesamtgesellschaftlichen Umgang mit Migrant_innen aus dem mittleren Osten (und der gesamten islamisch geprägten Welt) von Bedeutung.

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Gibt es ein Foto, dass Sie gerne hier im Blog besonders vorstellen möchten?

Ich möchte an dieser Stelle stattdessen den Anfang einer Fotoreeportage einfügen, die wir aus der Wanderung mit den Bakhtiari heraus entstanden ist. Die Passage gibt einen Eindruck vom Tag des Aufbruchs aus den Sommerlagern in den Hochebenen des Zagrosgebirges.

Mit großen Schritten geht Mehdi auf die dunkle Bergkette zu, die sich vor uns auftürmt. Er treibt die Esel mit Steinwürfen an und dreht sich kein einziges Mal um. Seine Mutter sieht uns noch einen Augenblick nach, hebt kurz die Hand und macht sich dann sofort wieder an die Arbeit.

„Sag Bismillah“, murmelt er mir zu, „das heißt `im Namen Gottes`“.

Der Tross setzt sich unter ohrenbetäubendem Geschrei in Bewegung und lässt die Lagerplätze, an denen noch bis gestern die schwarzen Ziegenhaarzelte standen, hinter sich. Ein paar Esel, zweihundert Schafe und Ziegen und eine Handvoll Menschen. Vor ihnen liegen zwei schneebedeckte Pässe in über viertausend Metern Höhe, dahinter der lange Abstieg in die Halbwüste Khuzestans. Alles in allem rechnet man mit sechs bis zehn Tagen Wanderung, zuerst in großer Kälte, dann in großer Hitze. Wenig Schlaf, dafür viele Wölfe und jede Menge Viehdiebe.

Das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit, das einen in einer derart überdimensionierten Landschaft leicht überfallen kann, verschwindet, als wir die erste, kleine Anhöhe erreichen. Sowohl über uns, als auch in der Ebene sehen wir von hier aus Menschen und Tiere, die den Gipfeln des Kuhrang entgegenziehen. Die Landschaft gerät in Bewegung – am Horizont verdecken wabernde Herden lange Abschnitte der Straße, die zu uns herführt, in den Felsen kämpfen sich überall kleine Gruppen von Tieren bergauf. Zwei weitere Eselskarawanen balancieren auf einem Kamm oberhalb unseres Weges. Die Frauen tragen funkelnde Festtagsgewänder in allen Farben, an denen überall Schmuckimitation baumelt und in der Sonne zu uns herunterblinkt. Ihre schrillen Rufe kreuzen sich und zerschneiden die Luft an den trockenen Felsen.

Es ist die Herbstmigration der iranischen Bakthiari-Nomaden, die aus den Hochebenen des Zagros-Gebirges in die Winterlager der westlich gelegenen Ebenen führt. Seit Jahrhunderten ist diese Reise bis in alle Einzelheiten strukturiert; wer den zeitlichen Ablauf oder die Strecke ändert, riskiert Konflikte mit anderen Gruppen, vernichtenden Futtermangel oder den Absturz der schwer beladenen Esel.

In den vergangenen Nächten kamen die ersten Fröste und ließen Mehdi und seinen älteren Cousin Asghar spüren, dass es höchste Zeit wird, in den warmen Winter des Flachlandes aufzubrechen. Doch die Entscheidung liegt bei den alten Männern, den Vorstehern der Familienverbände, die sich untereinander abstimmen und den genauen Zeitpunkt der Abreise für jede Kernfamilie festlegen. Asghar, der während der Wintermonate Landwirtschaftsstudent ist, wurde von seinem Vater dazu ausersehen, zusammen mit seinem Onkel und vier jungen Verwandten die Herden über die Berge zu bringen. Er treibt die Esel mit Stockhieben vor uns her. Schon am frühen Nachmittag haben wir die Gletscher an den östlichen Hängen überwunden und erreichen den ersten Sattel des Kuhrang, des „Berges der Farben“.

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Im Rahmenprogramm gibt es auch ein Referat über die sogenannten „Hippietrails“. So wie diese Menschen z.B. den „Orient“ (vgl. auch Interview über Eurozentrismus) mit einer alternativen Lebenskultur assoziierten, wurde ja auch der „Nomade“ bereits um 1900 zu einem Gegenbild in der westlichen Kultur – bis dahin, dass der „Zustand der Uneigentlichkeit“, mit dem der Philosoph Martin Heidegger ein „Geworfensein“ des Menschen in die „Faktizität“ des „Man“ einer Öffentlichkeit kennzeichnet, von Zeitgenossen auf die Sesshaftwerdung bezogen wurde. Nun ist es ja eher eine diskriminierende Romantisierung, dem „Nomaden“ eine „Eigentlichkeit“ zu unterstellen, wo es kein „Das macht ‚man‘ so“ einer öffentlichen Meinung gäbe. Dennoch ist es vermutlich eine andauernde innere Auseinandersetzung mit den eigenen Klischees im Kopf, wenn man sich in die Fremde aufmacht und eben gerade auch an der Andersartigkeit jenseits von Vorurteilen interessiert ist?

Natürlich birgt es gewisse Schwierigkeiten sich mit dem Anspruch auf „Objektivität“ zu einer solchen Reise aufzumachen. Mir ist hier aber sehr stark bewusst geworden, wie speziell eigentlich dieser (kultur)wissenschaftliche Anspruch ist und dass er keinesfalls allgemein in der deutschen Gesellschaft verankert ist. Mein Kollege Maciej schreibt in der Onlinepräsentation beispielsweise „Wir möchten mit diesem Projekt den Iran so zeigen, wie wir ihn wahrgenommen haben, ganz ohne Vorurteile.“ In der Kulturwissenschaft werden wir ständig darauf gedrillt, dass eine solche Objektivität nicht möglich ist und dass schon das Vorhaben eines solchen Projektes eigentlich das Gegenteil beweist. Allerdings wenden wir uns mit unserer Ausstellung ja keinesfalls ausschließlich an dieses Fachpublikum, wir wollen sogar explizit einen breiteren, in diesem Bereich weniger bewanderten Teil der Gesellschaft ansprechen. Für dieses Vorhaben ist es, wie mir scheint, fast unumgänglich, gewisse „positive“ Stereotypen zu beschwören und für seine Zwecke zu verwenden. Es liegt an den jeweiligen Präsentationen, diese Bilder zurechtzurücken oder komplexer zu gestalten. Insofern stehen wir natürlich in einer gewissen geschichtlichen Verbindung zu den „Hippietrails“ und ihren philosophischen Mitstreiter_innen in Europa, verwenden deren Motivationen aber zum Teil aus einer gewissen Metaebene heraus. Das heißt, wir versuchen gleichzeitig die bekannte (und erwartete), wie auch die unbekannte (und vielleicht überraschende) Andersartigkeit zu zeigen.

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Neben der Fotoausstellung gibt es wissenschaftliche Vorträge, aber auch Klangcollagen, Musikevents, Filmvorführungen und eine Romanlesung. Möchtet ihr auch neue Trends setzen in der Aufbereitung wissenschaftlicher Themen für die Öffentlichkeit?

Ja, es scheint sich in diese Richtung zu entwickeln und bisher gefällt mir das sehr gut. Wissenschaft macht, wie oben bereits angedeutet, für mich nur dann Sinn, wenn sie über ihre eigenen Grenzen hinaus wirkt und bereit ist, hin und wieder einmal die verbreiteten Konventionen und Tabus beiseite zu lassen, um dies zu erreichen. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Gleichzeitig geht es darum, eine möglichst breite Palette von Sichtweisen auf den Iran zu präsentieren, wobei die (traditionell) wissenschaftliche nur eine davon ist. Dies hat nicht nur damit zu tun, dass wir die „Objektivität“ von Wissenschaft und deren Wirksamkeit in Frage stellen, sondern auch mit Erkenntnissen über das menschliche Lernen, das am tiefsten und umfangreichsten funktioniert, wenn die verschiedenen Sinne und Wahrnehmungsbereiche angesprochen werden, zum Beispiel durch künstlerische Bearbeitungen. Deshalb haben wir Musiker eingeladen, einen jungen Romanautoren und zwei Tontechniker haben für uns Klangkollagen aus dem von mir gesammelten Material gebastelt. Das so entstandene Programm, zusammen mit der eigentlichen Ausstellung, setzt tatsächliche eine Form der Bearbeitung und Vermittlung kulturwissenschaftlichen Materials um, wie ich sie bisher leider selten gesehen habe und wie wir sie gern in der Zukunft zu diesem und anderen Themen weiterentwickeln würden. Denn natürlich ist dies eine Art Testlauf, da wir kaum Erfahrung und nur sehr begrenzte Mittel haben. Das von uns vorgestellte Material, sowie die verschiedenen Abendprogramme können nur eine kleine, eher aus Zufälligkeiten zusammengesetzte Kollage aus (keinesfalls objektiven) Eindrücken und Ausdrücken bieten.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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2 Kommentare:

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