18. April 2013

Von Aldebaran bis Vril. Interview über esoterischen Neonazismus


Weltweit wird inzwischen mitgeschrieben an einer Mythifizierung des Nationalsozialismus. Eifrige Kinogänger begegnen diesen Ideen bei der Trilogie von “Indiana Jones” (seit 1981), bei “Hellboy” (2004) und schließlich “Iron Sky” (2012). Doch hat sich auch ein nicht zu unterschätzender esoterischer Neonazismus gebildet, insbesondere im deutschsprachigen Raum. REMID interviewte dazu den Religionswissenschaftler Julian Strube (Universität Heidelberg). Dieses Jahr erschien seine Monographie “Vril. Eine okkulte Urkraft in Theosophie und esoterischem Neonazismus” (man vgl. auch seinen Aufsatz in der Zeitschrift für Religionswissenschaft, Bd. 20, Heft 2 [Nov. 2012]: Die Erfindung des esoterischen Nationalsozialismus im Zeichen der Schwarzen Sonne).

Wenn man “Salafismus” bei Google sucht, finden sich aktuell 168.000 Treffer. “Schwarze Sonne” hat aber 701.000 Treffer. Dennoch dürften viele Leser nicht wissen, worum es bei diesem Stichwort geht und was man sich unter esoterischem Neonazismus z.B. vorzustellen hat?

Man wird bei der Suche nach diesem Begriff auf sehr unterschiedliche Inhalte stoßen. Der allergrößte Teil der Suchergebnisse wird aber etwas mit „Esoterik“ zu tun haben, mit neurechten Formen des Traditionalismus, mit antimodernistischer Kulturkritik oder explizit mit rechtsextremem und neonazistischem Gedankengut. Das heute dazugehörige Symbol, ein in einen Kreis gefasstes Sonnenrad mit zwölf Speichen, wurde allerdings erst 1991 mit der Schwarzen Sonne identifiziert. Das Symbol findet sich als Bodenornament in der Wewelsburg, die von Heinrich Himmler zu einem „weltanschaulichen Zentrum“ ausgebaut werden sollte. Entgegen kursierender Meinungen wurde dieses Ornament jedoch vor den 90er Jahren niemals als „Schwarze Sonne“ bezeichnet. Um zu verstehen, warum das Ornament zur Schwarzen Sonne wurde, muss man zwei Entwicklungen überschauen.

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Das Bodenornament im “Obergruppenführersaal” der Wewelsburg in Paderborn. Dieses Bild zeigt ein (oder ähnelt einem) Symbol, das von nationalsozialistischen oder anderen in der Bundesrepublik Deutschland wegen Verfassungswidrigkeit verbotenen Organisationen verwendet wurde. Die Verwendung dieser Symbole in der Öffentlichkeit ist in der Bundesrepublik Deutschland verboten (§ 86a StGB). Ebenfalls strafbar ist die Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen (§ 86 StGB). Die Strafbarkeit ist ausgeschlossen, wenn die Verwendung oder Verbreitung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient (§ 86 Abs. 3 StGB). Ein Klick auf das Bild führt zum Gesetzestext von StGB §86.

Gemeinfreies Bild von Sunnydog.

Zum einen existiert bereits seit den 1930er Jahren eine Literaturgattung, die den Nationalsozialismus als „okkult“, „esoterisch“, „magisch“ betrachtet und die nationalsozialistischen Eliten als Magier, Okkultisten und Mitglieder mächtiger Geheimgesellschaften verklärt. In den 60er Jahren hat diese Literatur einen enormen Boom erlebt – entsprechende Bücher verkauften sich sehr erfolgreich und prägen bis heute die populäre Wahrnehmung des Nationalsozialismus. Der Wewelsburg kam in den Büchern von Autoren wie Louis Pauwels, Jacques Bergier oder Trevor Ravenscroft die Funktion eines Ortes schwarzmagischer Rituale der „esoterischen SS“ zu.

Zum anderen entstand bereits in den 1950er Jahren etwas, das ich „esoterischen Neonazismus“ nenne. Die Keimzelle dieser Strömung befand sich in Wien und erarbeitete ebenfalls das Bild einer „esoterischen SS“, die trotz der Niederlage Deutschlands unter dem Zeichen der „Schwarzen Sonne“ weiterhin von geheimen Basen aus operiere. Die Protagonisten dieses Zirkels waren Wilhelm Landig, Rudolf Mund und Erich Halik. Wirklich verbreitet wurde dieser esoterische Neonazismus seit den 1970er Jahren. Er zeichnet sich unter anderem durch sein stark geschichtsrevisionistisches Bild eines dualistischen Weltenkampfes zwischen Gut und Böse aus, wobei die SS in die Tradition einer über Templer und Katharer bis hin zu Gnostikern und babylonischen „Ariern“ reichenden „Wahrheit“ gestellt wird. Deren Gegner, „die Anhänger des falschen Gottes Jahwe“, sind unschwer als Juden auszumachen. Eine neue Generation von Autoren entwickelte das Motiv der Schwarzen Sonne in den 1990er Jahren weiter, und ich konnte zeigen, dass hier nicht nur eine direkte Kontinuität, sondern auch ein gegenseitiger Austausch nachzuweisen ist.

Die Verknüpfung des Symbols mit der Schwarzen Sonne liegt also tatsächlich nicht sehr lange zurück. Gerade seit dieser Verknüpfung hat die Schwarze Sonne aber einen erstaunlichen Erfolg verzeichnen können. Sie taucht heute nicht nur in eindeutig rechtsextremen oder neonazistischen Kontexten auf, sondern beispielsweise auch bei Neuheiden oder in den Neofolk-, Metal- und Gothic-Szenen. Auch in der „populären Kultur“, zum Beispiel in Filmen und Computerspielen, kann man sie längst ausfindig machen. Ihren dezidiert neonazistischen Ursprung kennen viele Menschen überhaupt nicht. Das Konzept der Schwarzen Sonne kann aus guten Gründen als einer der größten rechtsextremen Propagandaerfolge der letzten 20 Jahre gelten.

Nun gibt es ja auch Autoren, welche allgemein enge Verbindungen zwischen dem Dritten Reich und Esoterik bzw. Okkultismus ziehen. Was ist davon zu halten?

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass hier ein enormes Forschungsdefizit besteht. Abseits der bereits angesprochenen Literatur gibt es zahlreiche seriöse Wissenschaftler, die der Meinung sind, dass der Nationalsozialismus stark von „Esoterik“ oder „Okkultismus“ geprägt worden sei. Betrachtet man die entsprechenden Arbeiten aber eingehender, kann man ihnen einen Mangel an sorgfältiger Auseinandersetzung mit historischem Quellenmaterial auf theoretisch und methodisch reflektierter Basis unterstellen. Es ist mir keine Studie bekannt, die eine quellengestützte, breit aufgestellte und tiefgehende historische Kontextualisierung dieser These vornimmt, und der man keine gravierenden theoretischen und methodischen Mängel vorwerfen könnte.

Fakt ist, dass der Nationalsozialismus in einem historischen Kontext entstanden ist, in dem völkisches Gedankengut, lebensreformerische Ideen, neuheidnische Bestrebungen und nicht zuletzt Ariosophie (vereinfacht gesagt, eine Mischung aus Theosophie und völkischen Elementen) einen signifikanten Einfluss auf das deutschnationale Milieu ausgeübt haben. Runensymbolik und Germanenkult zählen hier zu den offensichtlicheren Einflüssen. Es ist jedoch problematisch, diese sehr disparaten und heterogenen Netzwerke pauschal als „esoterisch“ zu bezeichnen, und selbst die Verhältnisbestimmung von Völkischen und Nationalsozialisten war, wie etwa Uwe Puschners Arbeiten zeigen, sehr komplex. Auch existiert bisher keine Studie, die das Verhältnis von völkischen Kreisen und etwa Okkultisten oder Spiritisten untersucht. Quellenmaterial ist reichlich vorhanden, nur schaut es sich niemand an. Schon ein kursorischer Blick in okkultistische Zeitschriften zeigt, wie schnell pauschale politische Einordnungen problematisch werden. Tatsächlich lässt sich in der Zwischenkriegszeit ein wahrer Boom der Ariosophie verzeichnen, aber kann man dies auf eine besondere Affinität „der Esoterik“ zu völkischen, nationalistischen, rassistischen Ideen zurückführen? Oder ist dieser Boom eher ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung? Wie geht man damit um, dass außerhalb des deutschsprachigen Raumes, in Frankreich und Großbritannien zum Beispiel, Okkultisten und Spiritisten tendenziell linkspolitisch ausgerichtet waren? Kann man da noch von einer bestimmten politischen Affinität „der Esoterik“ sprechen? Hierzu existieren schlichtweg keine Untersuchungen. Selbst das Paradebeispiel für die Vermengung von Esoterik und völkischem Gedankengut weckt anscheinend kein Forschungsinteresse: Ist es nicht absolut erstaunlich, dass sich seit Nicholas Goodrick-Clarke – also seit den 1970er Jahren! – niemand mehr tiefgehend und kompetent mit der historischen Ariosophie und ihren Bezügen zu esoterischen Strömungen auseinandergesetzt hat?

Anhand der Tatsache, dass die Nationalsozialisten esoterische Gruppierungen seit 1937 als „weltanschauliche Sekten“ verfolgten und dies, wie Corinna Treitel gezeigt hat, eben auch wegen grundsätzlicher ideologischer Gegensätze getan haben, zeigt sich ein wiederkehrendes Problem, was das Verhältnis von „Esoterik“ und Nationalsozialismus betrifft: den Befehl zur Verfolgung erteilte nämlich Heinrich Himmler. Dessen Interessen für Esoterik, insbesondere für Ariosophie, sind wohlbekannt. Ihnen werden in seriösen Biographien, wie in der rezenten von Peter Longerich, nur wenige Seiten gewidmet. Dies vor allem, weil Himmler sie zu verbergen versuchte und ihnen keine Bedeutung für die nationalsozialistische Politik beigemessen wird; was beispielsweise angesichts des „Ahnenerbes“ relativiert werden kann, das aber auch bezeichnender Weise seit der Dissertation von Michael Kater aus den 1960er Jahren (!) nicht mehr tiefgehend erforscht worden ist. Von einer Duldung esoterischer Interessen auf der Ebene der nationalsozialistischen Eliten kann spätestens seit dem Englandflug von Rudolf Heß keine Rede sein. Und dennoch wirft die esoterische Affinität eines Machthabers wie Himmler viele Fragen auf. Hier kann ich nur wiederholen: Es fehlt an seriöser Forschung, um das auf biographischer Ebene zu verstehen und eventuelle Auswirkungen auf die NS-Politik nachzuvollziehen. Dies gilt übrigens auch für Alfred Rosenberg und Walther Darré. Es gibt einfach noch zu viele weiße Flecken. Die mehr oder weniger explizite Reproduktion von Sensationsliteratur seit den 1960er Jahren ist jedenfalls nicht erkenntnisfördernd.

Kann man sagen, welchen Stellenwert rechte Formen von Esoterik innerhalb der sogenannten Esoterik überhaupt haben? (vgl. auch Artikel “Esoterik: Ein ungewolltes Kind von Reformation, Aufklärung und Kolonialismus?“)

Es fällt in der Regel schwer, hier Grenzen zu ziehen. Auch müsste man genauer fragen: Meinen Sie „rechts“, „rechtsextrem“, „neonazistisch“, „völkisch“…? Es gibt eine ganze Reihe von Arbeiten, die der zeitgenössischen Esoterik eine besondere Affinität zu rechtsextremem Gedankengut zusprechen. Als Beispiele werden häufig völkisch-lebensreformerische Elemente genannt, die uns aber wieder sofort vor das Problem einer historisch kontextualisierenden politischen Einordnung stellen. Sind FKK und biologischer Ackerbau rechtsextrem? Wie gehen heutige Theosophen oder Anthroposophen mit den Rassenlehren ihrer Begründer aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert um? Kann man die historischen Kontexte beispielsweise der 1890er Jahre mit denen der 1970er Jahre überhaupt einfach so gleichsetzen? Nach gegenwärtigem Forschungsstand lässt sich meines Erachtens nicht darauf schließen, dass Rechtsextremismus oder Neonazismus in der zeitgenössischen Esoterik einen besonders großen oder gar dominanten Stellenwert einnehmen. Es gibt sie allerdings, und gerade in subtileren Formen sind diese Einflüsse manchen Akteuren gar nicht bewusst, was besondere Gefahren mit sich bringt. Dort sollte differenzierte Aufklärungsarbeit geleistet werden. Aber auch hier muss ich wieder meine Meinung unterstreichen, dass objektive Studien ein Desiderat sind. Es kommt erschwerend hinzu, dass im allerseltensten Fall deutlich wird, was mit „Esoterik“ überhaupt gemeint wird. Objektivität und eine differenzierte Darstellung sowie eine theoretische und methodologisch runde Grundlage sind für mich in aller Regel bei einer Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht feststellbar.

Eine Rolle für die Entwicklung der angesprochenen Konzepte spielte die Ariosophie (vgl. Interview Der “arische” Jesus und “arteigene Religion”: Neue Studie zu einem spirituellen deutschen Sonderweg). Fanden sich bei denjenigen, welche heute online Mythen über z.B. Vril-Kraft, das Symbol der Schwarzen Sonne oder Reichsflugscheiben verbreiteten, auch ariosophische Vorstellungen?

Ja. Die erste Generation der esoterischen Neonazis trat meiner Meinung nach in mancherlei Hinsicht das Erbe der Ariosophen an. Dies wird schon dadurch evident, dass Rudolf Mund 1958 dem ariosophischen Ordo Novi Templi beitrat und 1979 dessen Prior wurde. Der ONT wurde von Jörg Lanz von Liebenfels, dem Mitbegründer der Ariosophie und ihrem Namensgeber, gegründet. Auch war Mund derjenige, der die Ideen von Karl Maria Wiligut, dem ariosophischen Schützling Himmlers, in der Nachkriegszeit bekannt machte. Die Ideen, die von den esoterischen Neonazis seit den 1950er Jahren verbreitet werden, schöpfen klar aus ariosophischem Gedankengut, insbesondere aber auch aus völkisch-christlichen Vorstellungen. Dies gilt in noch größerem Maße für die „junge Generation“ der 90er Jahre, die teils explizit auf Guido von List, den zweiten „Urvater“ der Ariosophie, verweist. Lanz von Liebenfels‘ „Theo-Zoologie“ basierte im Übrigen zu großen Teilen auf recht kruden Vorstellungen über Elektrizität, die sich sehr leicht mit der Vril-Kraft assoziieren lassen. Und Wiliguts Lehre über eine „Santur“-Sonne wurde von Mund in Verbindung mit der Schwarzen Sonne gebracht.

Es lässt sich feststellen, dass im esoterische Neonazismus, insbesondere bei der jüngeren Generation, ein „christliches“ Selbstverständnis vorherrscht. Interessanter Weise bestehen hier Kontinuitäten zu völkischen und christlich-ariosophischen Vorstellungen im Sinne eines Lanz von Liebenfels, wohingegen „germanische“, neuheidnische Elemente praktisch abwesend sind. Dieser Unterschied, auch hinsichtlich der historischen Ariosophie, ist bisher kaum erkannt worden.

Nochmal zurück zu den “Reichsflugscheiben”. Ufologie und Prä-Astronautik haben für gewöhnlich nicht notwendig einen braunen Touch (vgl. Interview “Prä-Astronautik: Religionsgeschichte als unheimliche Begegnung der dritten Art”). Warum diese Verbindung von Nazis und Ufos?

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Es sind einige Blaupausen und Konstruktionszeichnungen fiktiver “Reichsflugscheiben” im Netz zu finden. Die meisten sind aus den 1990ern oder jünger, einige wenige wurden aber bereits in den 1980ern erdacht (so auch das abgebildete Beispiel “Haunebu III”). Für eine Vergrößerung klicken Sie bitte auf das Bild.

Für die erste Generation der 1950er Jahre waren die „Reichsflugscheiben“ vor allem ein Ausdruck der technischen Überlegenheit der Deutschen und insbesondere der SS. Die Ufo-Sichtungen, die seit 1947 Furore machten, wurden von ihnen als Belege für die andauernden Operationen der esoterischen SS herangezogen. Die Geräte haben anfangs zwar auch „spirituelle“ Dimensionen, werden mit der Zeit aber zu einem Objekt der Selbstbeweihräucherung deutscher Wunderwaffen-Technologie. Noch heute ist die Begeisterung für die angeblich so weit überlegene deutsche Militärtechnik des Zweiten Weltkriegs ja omnipräsent, besonders im angelsächsischen Raum. Ein andauernder Erfolg der NS-Propaganda.

Die jüngere Generation baute den Ufo-Aspekt erst wirklich aus und versah ihn auch mit etlichen „Fotos“, „Blaupausen“, etc. Vor allem kam aber die Behauptung hinzu, die „Deutschen“, also die „Arier“ hätten extraterrestrische Vorfahren, die vom Sternensystem Aldebaran stammten. Diese hätten die Erde kolonisiert und ließen sich bis zu den Sumerern, Assyrern und Babyloniern zurückverfolgen. Hier werden ältere völkisch-christliche Theorien aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert verarbeitet, aber auch Kontroversen wie der Babel-Bibel-Streit oder die Arbeiten Peter Jensens, der das Gilgamesch-Epos als eine babylonische Kosmologie interpretierte, die sich auf das Sternbild des Stieres und seinen Hauptstern Aldebaran konzentriere. Von dort wird über Jesus Christus, die Katharer, die Templer, die „Vril-Gesellschaft“ und die SS eine Linie bis zur jüngeren esoterischen Neonazi-Gruppierung der 1990er Jahre konstruiert. Diese gab sich immerhin den Namen „Tempelhofgesellschaft“ oder „Societas Templi Marcioni“, was einmal mehr das christliche Selbstverständnis unterstreicht. Ralf Ettl und Norbert Jürgen-Ratthofer, die Protagonisten der Tempelhogesellschaft, weckten in ihrer Schrift “Das Vril-Projekt” (1992) sogar die Hoffnung auf das Eintreffen einer aldebaranischen Raumflotte, da es der SS gelungen sei, Kontakt mit ihren extraterrestrischen Vorfahren aufzunehmen. Neben dem technologischen Aspekt dient die Verquickung von Nazis und Ufos also als Vehikel für völkische Diskurse aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, aber auch für geschichtsrevisionistische Ideen und das Wecken von Erlösungshoffnungen.

Apropos Vril – Edward Bulwer-Lytton hatte eigentlich eine satirische Dystopie geschrieben und mit Friedrich Max Müller hatte gar ein Religionswissenschaftler Anteil an der Wortschöpfung. Ihre Genealogie des Vril ist eine spannende Fußnote zur Ideengeschichte von Vitalismus-Konzepten. Welche Bedeutung hat diese historische Form der Kritik an moderner Physik für zeitgenössische Anhänger eines esoterischen Neonazismus?

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Bulwer-Lyttons Entwurf ist vor allem deswegen so interessant, weil er konkret und umfangreich Bezug auf kontemporäre Entwicklungen in Politik, Gesellschaft, Religion, Wissenschaft und Philosophie nimmt. Der Grund dafür, warum Bulwer-Lyttons Vril in den 1950er Jahren bei den esoterischen Neonazis auftaucht, ist recht komplex und wird von mir in meinem jüngst bei Wilhelm Fink erschienen Buch rekonstruiert. Bulwer-Lytton wurde seit den 1870er Jahren von Esoterikern zum „Initiierten“ erklärt und sein Vril als verschlüsseltes Geheimwissen gedeutet. Um die Jahrhundertwende war das Vril ein fest etablierter Topos in esoterischen Diskursen. Es wurde vor allem als eine natürliche, oder besser gesagt als eine mit der Natur harmonierende Form der Energiegewinnung diskutiert. Dies auch im Zusammenhang mit dem Antrieb von Fluggeräten, und hier können Sie den Schritt bis zu den Ufos vielleicht schon erahnen. Für die esoterischen Neonazis war das Vril als okkulte Urkraft interessant, deren Wissen von Eingeweihten gehütet und von einer „Vril-Gesellschaft“ wiederentdeckt worden sei – diese Idee stammt von Pauwels und Bergier. Das Wissen dieser Gesellschaft sei dann auch an die SS übermittelt worden, die daraufhin ihre spektakulären Fluggeräte mit dem Namen „Vril“ oder „Haunebu“ konstruieren konnte. Seitdem taucht das Vril in den allermeisten Fällen nur noch in rechtslastigen Zusammenhängen auf, manchmal aber auch im Zusammenhang mit „freier Energie“, die in Esoterik-Kreisen noch rege diskutiert wird.

Die jeweiligen Apologeten solcher Konzepte verbinden – gerade online – heterogenste Materialien. Dabei ist es kaum möglich, einzelne Strömungen in diesem Segment sauber zu trennen. Von Infokriegern zu Exopolitik, Reichsbürger- sowie identitäre Bewegung uvm. werden Nachrichten weitergereicht, die von Geheimnissen und Verschwörungen berichten. Wie kann man den spezifischen esoterischen Neonazismus konkret verorten, welche Schnittmengen mit anderen Erscheinungen sind üblich?

Wie am Beispiel der Schwarzen Sonne deutlich wird, lassen sich viele Ideen des esoterischen Neonazismus heute nicht mehr konkret verorten – deshalb auch ihr Erfolg. Es kommt erschwerend hinzu, dass im esoterischen Neonazismus auch Vorstellungen aus dem 19. und früheren 20. Jahrhundert rezipiert worden sind, die heute in ganz unterschiedlichen Kontexten auftauchen können. Und wie ich kurz angedeutet habe, stammen Geschichten wie die von einer „Vril-Gesellschaft“ oder die Verklärung der historischen Thule-Gesellschaft ursprünglich nicht aus esoterisch-neonazistischen Kreisen, sondern aus der „NS-Okkultliteratur“ der 60er Jahre, die dem Nationalsozialismus trotz aller immer mitschwingenden Faszination ablehnend gegenüberstand. Tauchen diese Motive heute auf, sollte man aber sofort argwöhnisch werden. Dies gilt für das Vril oder die Schwarze Sonne, für Reichsflugscheiben, babylonische oder gar aldebaranische Ursprünge der Zivilisation, oder auch für den “Thule”-Topos, der seit Landigs Thule-Trilogie zu einem weit verbreiteten rechtsextremen Identifikationsmarker geworden ist.

Ich ziehe die Bezeichnung „esoterischer Neonazismus“ anderen Termen wie „rechte Esoterik“ vor, da ich damit die dezidiert neonazistische Ausrichtung dieses Netzwerks betonen möchte. Die anderen von Ihnen angesprochenen Gruppierungen, wohl mit Ausnahme der Reichsbürger, würden keinen so explizit verherrlichenden Bezug auf die „esoterische SS“ nehmen. Sie würden auch eine klare Ablehnung des Nationalsozialismus demonstrieren – ein Grund, warum man zwischen Rechtsextremismus und Neonazismus differenzieren sollte. Die esoterischen Neonazis hingegen stellen die SS in den Kontext eines perennialen Kampfes zwischen „Ariern“ und „Nicht-Ariern“, vor allem Juden, und betreiben somit einen den Nationalsozialismus positiv deutenden Geschichtsrevisionismus. Es ist wichtig zu wissen, dass Landig und Mund als junge Männer selbst begeistert der SS beigetreten waren und in diesem Sinne als „Altnazis“ gelten können. Neben der bereits angesprochenen ONT-Verbindung bestehen also auch auf dieser Ebene Kontinuitäten. Der Umstand, dass der esoterische Kampf der SS angeblich noch heute andauere, da die geheimen SS-Basen ja noch bestünden, stellt einen unmittelbaren Gegenwartsbezug her. Die Antagonisten der Erben der esoterischen SS stünden beispielsweise hinter der UNO. Begriffe für diese Gegner lauten „New World Order“ oder „One World“, was auch in den von Ihnen genannten Diskursen fest verankert ist. Die politische Einstellung der esoterischen Neonazis hat sich gerade in den letzten Jahren zwar subtiler gestaltet, in ihren älteren Schriften ist sie aber unmissverständlich: Das Gesellschaftssystem Aldebarans wird an einer Stelle als „Nationalsozialismus auf theokratischer Grundlage“ bezeichnet.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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4 Antworten zu “Von Aldebaran bis Vril. Interview über esoterischen Neonazismus”

  1. Vielen Dank für das sehr spannende Interview, auf das ich von meinem Blog aus gerne verweisen werde! Es ist tatsächlich erstaunlich, wie groß die Forschungslücken in diesem Bereich noch sind, während die genannten “Esoteriken” sich zugleich über das Internet schnell verbreiten (lassen). In Jena hatten mich gleich mehrere Studierende auf das Thema angesprochen. Ein Dank an Julian Strube, dass er da mit seinen Arbeiten etwas Erkenntnis ins oft nur geraunte Themenfeld bringt!

  2. Julia Dippel sagt:

    Der Dokumentarfilm von Thomas Frickel “Die Mondverschwörung” (http://mondverschwoerung.de) ermöglicht u. a. einen interessanten Einblick in Bereiche des gegenwärtigen esoterischen Nationalsozialismus.
    Der Film stellt “zwar” eine Realsatire dar und fängt relativ “harmlos” mit Mond-Kalendern etc. an, aber Frickel und Dennis Mascarenas steigen im Laufe ihrer Recherchen/ des Films in das okkult-rassistische Milieu ein.

  3. Joachim Gentz sagt:

    Vielen Dank, das ist wirklich sehr erhellend. Ich werde den Link überall herumschicken. Ist es möglich, davon eine englische Version zu erstellen? Mir scheint, dass das englischsprachige Forschungsfeld diese Strömungen noch weniger wahrnimmt als das deutschsprachige. Auch die Vorstellungen und Klischees zum Neonazismus in Deutschland sind im Ausland natürlich noch einfältiger als bei uns. Im übrigen ist das ein Thema, das m.E. wegen seines wichtigen aufklärerischen Impulses auch in die Presse sollte. Ein Artikel in der ZEIT, FAZ oder im Spiegel dazu wäre sicher leicht zu platzieren und würde auf großes Interesse bei einer breiten Leserschaft stoßen.

  4. [...] Während neugermanische Gruppen, die in den Neunzigern zugleich durch rechtsradikale Anschauungen auffielen, sich auch altersbedingt zu verkleinern scheinen, zeigen die neueren Germanen (Asatru) politisch gemäßigtere Einstellungen und sind in der paganen Szene eher integriert. Dafür hat ein sich ein neues Profil rechtsgesinnter Vergemeinschaftung herausgebildet. Neben einigen stark konservativen christlichen Erscheinungen ist hier das Schlagwort “rechte Esoterik” zu nennen. [...]

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