Was forschen ReligionswissenschaftlerInnen in Deutschland?

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Vor bald zwei Jahren wurde der Frage „Religionswissenschaft im Aufwind?“ nachgegangen, anlässlich der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Religionswissenschaft (DVRW), die sich 2011 in Heidelberg diesem Thema widmete. Dieses Jahr ist es wieder so weit: „Empirie und Theorie — Religionswissenschaft zwischen Gegenstandsorientierung und systematischer Reflexion„, darum geht es bei der diesjährigen Tagung vom 11.-14. September in Göttingen. Ein solcher Titel bietet einen Anlass, mal nachzufragen: Was forschen ReligionswissenschaftlerInnen eigentlich aktuell in Deutschland?

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Diese Institute, Seminare und Lehrstühle Deutschlands werden auf der Seite der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW) angegeben als zum Fachverband zugehörig. Daneben werden weitere aus der Schweiz und Österreich aufgeführt, welche in diesem Artikel nicht näher betrachtet werden. Darüber hinaus gibt es weitere Institute, die nicht zum Fachverband gehören, z.B. an theologischen Fakultäten in Verbund mit Missionswissenschaft oder als Religionsgeschichte. Diese sind im Unterschied zu den meisten DVRW-Instituten konfessionsgebunden. Schließlich gibt es wie in Würzburg mit dem Studiengang "Philosophie und Religion" Standorte, die nicht (mehr) über ein eigenes Institut verfügen. Klicken Sie zur Vergrößerung auf die Grafik.

Nachträge und Einsendungen: Praktische Religionswissenschaft und „Auditive Turn“ (Jena bis 2011, seitdem außeruniversitär), Christentum & Judentum im Spiegel des Koran, Religion & Kunst (Jena, ab 2012).

Zuerst soll im Folgenden die Vorgehensweise kurz erläutert werden, um sich dann die Ergebnisse bzw. Allgemeines und Besonderes näher anzuschauen.

Die achtzehn in Deutschland bestehenden Institute, Seminare und Lehrstühle des DVRW-Fachverbandes haben unterschiedlich stark aufbereitete Webauftritte. Auf diesen wurde zunächst eine Rubrik „Forschung“ gesucht. Diese enthielt entweder die Angabe allgemeiner „Schwerpunkte“ der Forschung eines Standortes oder listete explizit Projekte auf, welche auch teilweise oder zur Gänze aus Drittmitteln finanziert sein können. Solche (nicht vor 2009 abgeschlossenen) Projekte fanden sich allerdings nur bei ca. einem Drittel der Standorte. Daneben oder, wenn solches nicht vorhanden war, wurde auf diejenigen Forschungsschwerpunkte der angestellten Personen geschaut. Waren diese Listen zu lang und nicht deutlich genug von z.B. „Interessen“ getrennt, wurde geprüft, womit sich Publikationen, insbesondere Monographien (bis 2009 zurück), tatsächlich beschäftigten. Es wurden auch befristet beschäftigte wissenschaftliche Mitarbeiter einbezogen. Auf manchen Institutswebseiten wurden diese von Lehrbeauftragten nicht genau unterschieden. Dadurch haben manche Profile etwas Zufälliges, den Forschungsinteressen der einzelnen Personen geschuldet, die gerade dort zumindest lehren (aber dann auch zugleich mindestens publizieren). Zwei Standorte überarbeiteten gerade ihre Internetpräsenz. Das Ergebnis dürfte nicht mehr liefern, als einen ungenauen Schnappschuss, der sicherlich leicht durch z.B. jeweiliges Nachfragen oder Korrekturen durch eingereichte Hinweise verbessert werden könnte. Wie auch immer: Folgendes könnte in seinen wahrscheinlichen Verzerrungen verdeutlichen, wie wichtig eine gute Online-Präsenz heutzutage für ein wissenschaftliches Institut geworden ist und welche Probleme auftreten können, wenn Aktualität oder Informationstiefe Mängel aufweisen.

Gerade Bochum und Leipzig merkt man eine besondere Förderung an. In Leipzig kann man neben den gelisteten Projekten und den einzelnen Teilprojekten der Gradiertenklasse „Säkularitäten“ und des Graduiertenkollegs „Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik“ noch eine lange Liste von weiteren durch die promotionsberechtigten Lehrkräfte betreuten Dissertationsprojekten online einsehen – plus derjenigen der anderen religionsbezogenen Forschungen vernetzter anderer Institute.

Überraschend war, dass es fünf Standorte gibt, an denen sich mit Afrika beschäftigt wird – plus zwei weitere, die Religion in Äthiopien erforschen. Asien (bzw. Hinduismus- oder Buddhismusforschung) spielt bei sieben Standorten eine besondere Rolle, an dreien die Antike und ihre Religionen. Dagegen sind orthodoxes Christentum oder mesoamerikanische Religionen nur jeweils einmal vertreten. Mehrere Standorte haben aktuell Projekte zur lokalen Religionsforschung vor Ort. Etwa die Hälfte der Standorte beschäftigt sich auf irgendeine Weise mit dem Islam. Dem Judentum wird abgesehen von Forschungen mit eher besonderem Fokus (z.B. Judentum in China) insbesondere in Potsdam, Erfurt und München nachgegangen.

Als besondere (mehrfach genannte) Themen fallen „Religiöse Gegenwartskultur“, Religion und Internet, „Religion und Naturwissenschaft“, Religion & Gender, Untersuchung von Dialoginitiativen, Ritualforschung sowie Religionsästhetik auf. Einem möglichen Gegenüber von Religion wird sich zudem stärker und auf je unterschiedliche Weise genähert: über Säkularisierungsforschung (z.B. an japanischen Religionen in Leipzig), über Forschungsfelder wie „Religionskritik“ (Bayreuth) oder „Neuer Atheismus“ (Berlin) bzw. über Konzepte wie „tertiäre Religiosität“ (in Brandenburg, Potsdam).

In Hannover kann von einer besonderen Spezialisierung auf das Thema Religionsunterricht (und die unterschiedlichen europäischen Modelle seiner Umsetzung) gesprochen werden. Ansonsten bieten die jeweiligen Formulierungen höchstens Indizien für bevorzugte Methoden. Philologische oder editionswissenschaftliche sowie religionsgeschichtliche Themen können an einem Ort dominieren, während andere deutlich sozialwissenschaftliche Methoden bevorzugen. Daneben gibt es einige wenige Standorte, die mit „interreligiösen Studien“, „interkultureller Theologie“, „dialogischer Hermeneutik“ theologische oder religionsphänomenologische Methoden einbeziehen. Anwendungsbezogen sind außerdem die Mediationen, Trainings und Rollenspiele für „religionswissenschaftliche Religionskompetenz„. Medienbezogen erwähnenswert ist, dass an zwei Standorten mit dem Medium Video gearbeitet wird.

Sehr unterschiedlich scheint auch der standortbezogene Zugang zu neueren Religionserscheinungen. Hier kann auch „Säkularisierung“ einen Zugang herstellen ebenso wie Konzepte der „Pluralisierung“, des „Synkretismus“, der „Religionshybride“, der „Konfliktsysteme“ (zum Beispiel der Begriff „Sekte„) oder der „Esoterik als religionswissenschaftliches Forschungsfeld“. Genaugenommen gibt es einige Standorte, an denen sogenannte „klassische“ Themen der Religionswissenschaft dominieren. Die sogenannten außereuropäischen Religionen bildeten um 1900 zur Zeit der Entstehung des Faches den ursprünglichen Forschungsgegenstand als Teil einer Art „Aufgabenteilung“ mit der Theologie (vgl. die Revision in Burkhard Gladigows Arbeiten zur Europäischen Religionsgeschichte). Demgegenüber besonders „unklassisch“ gegenwartsbezogen erscheint der Standort Göttingen.

Zwar ist kaum jemand zu finden, der nicht „Methoden“ und „Theorien“ der Religionswissenschaft als Forschungsinteresse angibt, faktisch scheinen sie bis auf wenige Ausnahmen den auf geschilderte Weise ermittelten Forschungsgebieten (bzw. -projekten) entkoppelt. Es ist von einer regen Diskussion in Aufsätzen, die in dieser Aufbereitung keine Berücksichtigung finden konnten, auszugehen. Ebenso wurden neu verfasste Methoden- oder Einführungsbücher für die Lehre nicht berücksichtigt. Dennoch ist eine Arbeit an Theorien und Methoden, die nicht auch gelegentlich (bahnbrechende?) Monographien oder Forschungsprojekte produziert, möglicherweise eher eine fortwährende Korrektur und Kommentierung eines „klassischen“ Bestandes, insofern der jeweilige Forschungsinput in Aufsatzlänge mitteilbar bleibt.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts galt auch Christentumsforschung nicht als klassisches Gebiet der Religionswissenschaft. Heute noch beschränkt sie sich aktuell entweder auf solche Gruppen, deren Nonkonformität sie innerhalb des Christentums isoliert, bzw. auf Zugänge gesellschaftlich relevant gewordener Konfliktfelder wie „Fundamentalismus“ oder „Kreationismus“. Diese sind allerdings eher positiv hervorzuheben, da sie bereits Ausnahmeerscheinungen von religionswissenschaftlicher Christentumsforschung darstellen (neben der erwähnten Dialogforschung und dem angesprochenen Forschungsschwerpunkt Orthodoxie in Erfurt). Außerdem gibt es Projekte zu innerreligiösen Religionskontakten, z.B. christlich-muslimisch, sowie eines zur christlichen Kunst im pazifischen Raum.

Insgesamt kann man jedenfalls gespannt sein auf die Vorträge und Diskussionen, welche diesen September in Göttingen sich an „Empirie und Theorie“ abarbeiten werden. Vielleicht sollte man das überhaupt als Aufforderung lesen: Offenbar gilt es neue Brücken zwischen beidem zu bauen:

In Entsprechung zu dem Selbstverständnis als einer empirischen Kulturwissenschaft vollzieht sich die spezifisch religionswissenschaftliche theoretische Reflexion über Religion als interdisziplinär aufgeschlossener, diskursiver und somit grundsätzlich offener Prozess, als theorizing religion (Quelle: Tagungskonzept).

Christoph Wagenseil

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7 Kommentare:

  1. Udo Tworuschka

    Sehr geehrter Herr Wagenseil,
    haben Sie schon von dem Projekt „Praktische Religionswissenschaft“ gehört – quasi ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland (Jena)?
    Und haben Sie schon von der auditiven Orientierung gehört – ein ebenfalls seltenes Pflänzchen?
    Viele Grüße
    UT.

    • Sehr geehrter Herr Tworuschka,
      die angelegte Zusammenstellung geht auf die Angaben auf den Webseiten der Institute, Lehrstühle oder Seminare zurück. Mir ist klar, dass dadurch manches übersehen worden sein könnte. Insofern sind auch Hinweise dieser Art gerne gesehen und werden nachgetragen.

      Ergänzung: Jena ist einer der Standorte, dessen Webauftritt gerade überarbeitet wird. Weitere Informationen unter: http://udotworuschka.jimdo.com/ und Mitteilung Prof. Schmitz.

  2. Peter Braeunlein

    Lieber Herr Wagenseil,

    danke für die informative Zusammenstellung der religionswissenschaftlichen Lehr- und Forschungsschwerpunkte hierzulande. Herausgearbeitet werden dabei vor allem die gegenwartsbezogenen und europabezogene Themen.

    Das entspricht der Diagnose von Oliver Freiberger (in der jüngsten Ausgabe der ZfRW), der darin besorgt die Gefahr der Marginalisierung und internationalen Isolierung der deutschen RW erkennt. Für ihn liegt das Heil im philologisch-historischen Handwerk und dem entsprechenden Kanon. So gesehen sind die jungen Leute, die sich nicht mit arabische Schriften des 12. Jhs. oder Sanskrit od. Pali-Texten des 7. Jhs. beschäftigen, sondern mit Esoterik, Neuheiden und UFOs ziemlich töricht, ebenso die Dozenten, die damit die Kernkompetenz des Faches aus dem Auge verlieren, wenn nicht gar verraten.
    Aber vielleicht ist das ja nur ein Frage der Darstellung und man sollte die philologisch-historische Kompetenz besser hervorkehren. Vielleicht verbirgt sich genau diese hinter dem dürren Satz:
    „Asien (bzw. Hinduismus- oder Buddhismusforschung) spielt bei sieben Standorten eine besondere Rolle, an dreien die Antike und ihre Religionen.“ ?

    Ist die historisch-philologische Ausrichtung (und damit der Anschluss an den internationalen Standard) doch noch nicht untergegangen? Gibt es Anlass zur Hoffnung?

    Mit Gruß
    Peter J. Bräunlein

    • Lieber Herr Bräunlein,
      danke für Ihren Kommentar. Zunächst will ich klarstellen, dass ich bemüht war, eben gerade keine Auswahl nach einem wie auch immer gearteten Geschmack zu liefern. Sicherlich sind manche der Sätze meiner Zusammenfassung in beiden Bereichen dürr geraten.
      Einerseits zeigt die Grafik meines Erachtens weiterhin, dass die „Kernkompetenzen“ (philologische Methoden plus „klassische“ außereuropäische Religionen) doch vielerorts dominieren. Allerdings mag das zum Teil Projekte und Schwerpunkte von Professuren ein wenig von manchen Themen des Nachwuchses unterscheiden.
      Sicherlich hat REMID ein Interesse an Neureligionenforschung und Christentumsforschung, dennoch diente die Differenzierung nach Gladigow eher einer Erläuterung der unterschiedlichen Zugänge, auch für fachfremde LeserInnen. Allerdings erhielt so das Besondere mehr Raum als das Allgemeine.
      Auf jeden Fall eine schön provokant formulierte These!

      Als abschließende Anmerkung: Auch Esoterik oder Neue Religionen können mit philologisch-historischem Handwerk untersucht werden und gerade bei solchen Themen wurde in Interviews hier im Blog schon häufiger ein großes Defizit festgestellt.

  3. Dieser Hinweis stellt vielleicht eine interessante Ergänzung dar:

    Für alle, die Homepages religionswissenschaftlicher Institute oder Studiengänge entwerfen oder besuchen, werden sich gefragt haben, wie sich unser Fach in diesem Medium darstellt. Anders gewendet: Was ist Religionswissenchaft, wenn man Homepages konsultiert?

    Dazu liegt jetzt ein Artikel vor:
    http://www.religiousstudiesproject.com/2013/12/06/what-is-the-study-of-religionsself-presentations-of-the-discipline-on-university-web-pages/#foreword

  4. Pingback: Religion und Vorurteil von A bis Z « REMID Blog

  5. Pingback: Quo vadis Religionswissenschaft? Wissenschaftliche ‘turns’ und die Nabelschau Europas – REMID Blog

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