Trendreport: Pluralisierung und Newcomer bei den Religionen und Weltanschauungen in Deutschland

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Die Statistik von REMID liefert seit dem Ende der 1990er Jahre detaillierte Angaben zu Religionen in Deutschland. Zunächst ging es darum, bisherige Statistiken dahingehend zu korrigieren, dass längst ein Abbild der Religionen aller Welt im Kleinen auch den gegenwärtigen Pluralismus in Deutschland prägt. Nicht nur der Islam, auch Buddhismus und Hinduismus gehören zu Deutschland. Ebenso ging es darum, Neue Religionen als solche ernstzunehmen, aber auch gesellschaftlichen Tendenzen entgegenzuwirken, welche mit viel zu hohen Schätzungen der Mitglieder sogenannter „Sekten und Psychogruppen“ Panikmache betrieben (in den 1990ern wurde etwa von manchen Diskursteilnehmern suggeriert, es gäbe 300.000 Scientologen im Lande). Erst 2012 wurde allerdings der Bereich der Weltanschauungen hinzugenommen, auch als Reaktion auf die Gründung des Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO). Allerdings wurden auch andere Bereiche (z.B. Esoterik) erweitert. Welche Trends oder Tendenzen lassen sich herausarbeiten?

Einen eher genealogischen Versuch der Ordnung der Religionsgemeinschaften anhand ihrer historisch-inhaltlichen Abgrenzungsstrategien oder klassischer Systeme der Einteilung hatte es vor einiger Zeit in diesem Blog gegeben (vgl. Wessen Geistes Kind? Neue Religionen, alte Traditionen und die Crux des Systematikers). Dieser religionsgeschichtliche Abriss endete mit dem Beginn der Moderne. Doch was ergibt sich für das Hier und Jetzt an diskurspolitischen Bedingungen für das Entstehen neuer Gemeinschaften?

Vielfalt im Katholizismus

Die Statistik beginnt aus genannten religionsgeschichtlichen Gründen mit dem Christentum und dabei mit dem Katholizismus. Die Römisch-Katholische Kirche ist letztlich die älteste Religionsgemeinschaft auf deutschsprachigem Gebiet mit ununterbrochenem Bestand in ihrer Organisation. Bzw. ihre hegemoniale Position erlaubte ihr in manchen Epochen Alleinvertretungsansprüche im Sektor Religion durchzusetzen (etwa gegenüber dem Judentum oder anderen älteren Minderheiten). Die „Opfer“ dieser historischen Prozesse hingegen bieten bis heute eine mögliche Inspirationsquelle für die Schaffung neuer Religionsgemeinschaften.

Manche sehen die römisch-katholische Kirche in einer Krise (vgl. Religionsfreiheit hat in Deutschland keine Lobby). Der kontinuierliche Rückgang der beiden Amtskirchen an Mitgliedern verdankt sich etwa zur Hälfte Kirchenaustritten, zur Hälfte Sterbefällen. Aber aufgrund des letztgenannten demographischen Faktors ist das auch ein Teil eines grundsätzlichen Prozesses des Bevölkerungsschwundes: nur wenige Formen der Vergemeinschaftung schaffen es, mehr Neuzugänge als Sterbefälle zu haben. Zumal bis vor kurzem die Zuwanderung rapide abgenommen hatte (vgl. Zeit: „Wir waren ein Einwanderungsland“ [2006] mit Tagesspiegel: „Immer mehr wollen ins Paradies Deutschland“ [2013]).

Neben der römisch-katholischen Kirche gibt es mit Rom unierte Kirchen. Aus einer geographischen Perspektive heraus sortiert die REMID-Statistik diese unter die orthodoxen, orientalischen und unierten Kirchen (des Ostens). Diese Kirchen gewinnen ihre Mitglieder eher weniger durch Konversion. Allerdings gibt es daneben weitere von Rom unabhängige katholische Kirchen, welche ebensowenig als protestantisch interpretiert werden können. Sie stellen mit einer Ausnahme keine große Zahl an Gläubigen, könnten aber in Zukunft ein häufigeres Phänomen im pluralistischen Deutschland sein. Statt einem reformatorischen Bruch mit der Tradition wird auf einer ununterbrochenen apostolischen Sukzessionslinie beharrt (man vgl. z.B. die „Weihelinien“ der Keltischen Kirche in Deutschland e.V.). In Anlehnung an die Orthodoxie bilden sich Patriarchate (so gehört die Freikatholische Kirche zum Patriarchat der Katholisch-Apostolischen Kirche Brasiliens). Ein paar Beispiele seien im Folgenden dargestellt.

altkatholisch

Diese Grafik zeigt rot die Kirchen der Utrechter Union (dunkel: Mitgliedskirchen, hell: unselbständige Kirchen), grün die Kirchen der Porvoo-Gemeinschaft (anglikanische Kirchen der britischen Inseln, lutherische Kirchen der nordischen Länder, lutherischen Kirchen des Baltikums sowie episkopale Kirchen der iberischen Halbinsel; hell dabei mit Beobachter-Status) und blau die Mitgliedskirchen der anglikanischen Gemeinschaft. Hinzukommen z.B. die Kirchen der Scranton Union wie die Polish National Catholic Church (neben der Polish Catholic Church als Teil der Utrechter Union) sowie die Nordic Catholic Church. Außerdem sei die von Lateinamerika ausgehende Worldwide Communion of Catholic Apostolic Churches erwähnt. Auch diese unabhängigen katholischen Kirchen sind in geringer Zahl in Deutschland vertreten. Zur Vergrößerung der Grafik klicken Sie auf das Bild.

Bild von Saftorangen unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

Das mitgliederstärkste Beispiel sind allerdings die Altkatholiken Utrechter Union (in Bayern und Baden-Württemberg mit eigenem Religionsunterricht an den Regelschulen). 1889 ging es um die Ablehnung des Ersten Vatikanischen Konzils (man vgl. die Utrechter Erklärung), insbesondere um die Ablehnung des Dogmas der Unfehlbarkeit des Papstes. Die seit den 1980ern praktizierte Frauenordination bei den Altkatholiken sowie die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare führten zum Austritt einiger Kirchen aus der Utrechter Union. Eine in manchen Punkten insofern konservativere Scrantan Union entstand 2008, in Deutschland ist sie mit den 50-100 Mitgliedern der Christkatholischen Kirche vertreten, mit Verbindung zur Nordisch-Katholische Kirche sowie zur Polish National Catholic Church. Sie ist nicht zu verwechseln mit der (altkatholischen) Christkatholischen Kirche in der Schweiz mit rund 13.000 Mitgliedern, die weiterhin in der Utrechter Union ist und seit 1999 Frauen ordiniert (vgl. Darstellung bei Inforel).

„Charismatische“ Erneuerung, Modernisierung oder umgekehrt Bewahrung des Ritus und des Dogmas können also hier Beweggründe für eine Unabhängigkeit sein. Daneben gibt es allerdings Fälle, deren Einteilung als noch katholisch bzw. christlich Schwierigkeiten bereitet. Etwa wurde der Antrag Rumolo Braschis, dass seine Katholisch-Apostolische Charismatische Kirche Jesus König in die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) aufgenommen werde, u.a. abgelehnt, weil er auch 1996 als Gründer eines Vereins „Carismatica-Oxala-Nana, Natur-Religion“ auftrat, die als die „afro-argentinische Umbanda-Religion des Volkes Gege Naga“ bezeichnet wird (vgl. Darstellung auf den Seiten der „Initiative Kirche von unten“). Allerdings gibt es keine Anhaltspunkte für afroamerikanische Elemente in der Praxis dieser kleinen Gemeinschaft. Vielmehr ging es im Medienecho dieser Gruppe um den „Skandal“ einer Priesterinnenweihe auf der Donau im Juni 2002.

Anders sieht es bei der Liberalkatholischen Kirche aus, welche aus einer Rückbesinnung okkulter (theosophischer) Kreise auf die antike Gnosis entstanden ist. Ähnliches gilt für den Orden des Lotus und der Rose, der auch unter den Namen „Kirche des Lichts“, „gnosis zentrum berlin“ oder „Gnostische Freikirche e.V.“ firmiert – sowie für die dem Ordo Templi Orientis angeschlossene Gnostisch Katholische Kirche. Da allerdings gnostische Elemente nicht notwendig zu einem christlichen Selbstverständnis führen, und eine genaue Auftrennung im Einzelfall nahezu unmöglich scheint, finden sich diese Gruppen unter „Sonstige“ / „Neue Religionen“. Zwar kann man argumentieren, dass sich „Christentum“ und „Gnosis“ erst in einem historischen Prozess der Auseinandersetzung voneinander trennten und damit definierten, aber auch dass Gnosis als „Mutter aller Ketzerei“ (bzw. als Gnostizismus) eine wichtige Gegentradition Europas war und ist, welche auch neue religiöse Bewegungen inspirierte, die sich als „Universalreligion“ verstehen.

Nicht esoterisch, aber doch mit einer Nähe zu pantheistischen Positionen, hat eine Bewegung „keltischen“ Christentums in Deutschland Fuß gefasst. Orientiert wird sich an mittelalterlichen iro-schottischen Christen („keltischer Ritus“). Es besteht eine gewisse personelle Nähe zur Mittelaltermarkt-Szene. Aber es ist kein vereinzeltes Phänomen. Den deutschen Vereinen gelang bereits eine informelle Etablierung eines International Ecumenic Council of Christian Celtic Churches mit vergleichbaren unabhängigen keltischen Kirchen aus Großbritannien und den USA. Da der Kirchenaustritt aus der bisherigen Kirche nach Probephase notwendig ist und neben einer Betonung von „Schöpfungsspiritualität“ eine Kritik an den Missbrauchsfällen der römisch-katholischen Kirche und ihrer „verkrusteten“ Strukturen für die auch gerne in Internetforen für sich werbenden Gläubigen wichtig ist, kann man diese „katholische“ Variante auch in Beziehung setzen zu verstärkten säkularen Kampagnen für einen Kirchenaustritt.

Stabile Minderheiten

Der Bereich desjenigen Protestantismus der Freikirchen und Sondergemeinschaften ist seit zehn Jahren stabil. Das ist allerdings nur dadurch möglich, dass dem Trend des Mitgliederschwundes bei vielen größeren Freikirchen zugleich ein Trend der Neubildung von Denominationen, Bewegungen, Megachurches etc. begegnet. Zudem ist der Faktor z.B. freier Baptisten- und Mennonitengemeinden russischer Provenienz nicht zu unterschätzen. Zunahme gibt es bei den Jehovas Zeugen,  freikirchlichen Pfingstgemeinden, Freien Evangelischen Gemeinden und bei der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen). Entscheidender sind Bewegungen wie Vineyard oder Emergent Deutschland (Emerging-Church-Bewegung), International Churches of Christ / Boston Movement (ICC/ICOC/IGC), Gemeinde ohne Mauern (GoM) / International Community without walls oder Megachurch-Phänomene wie die Biblische Glaubens-Gemeinde (BGG International Stuttgart) sowie überkonfessionale Events (etwa unter dem Motto „Himmel über Frankfurt“).

Sicherlich beginnen evangelikale Formen innerhalb des Christentums an Einfluss zu gewinnen. Viele Einrichtungen, Werke oder Gemeinden stehen der Deutschen Evangelischen Allianz nahe bzw. verwenden ihr Spendenzertifikat. Zudem werden regionale evangelische Allianzen parallel begründet. Unter Rücksicht auf deren Einfluss ist auch der Zuwachs sogenannter „messianischer Juden“ zu beachten, die sich als Juden und als Christen verstehen, von 100 (1994) zu 5.000 (2013).

Das Judentum hatte selbst 2005 mit 108.000 Gläubigen (also ohne die auch in der Statistik aufgeführten „Juden ohne Gemeindezugehörigkeit“, deren religiöser Status unklar ist) seinen Höhepunkt. Seitdem befindet es sich im allgemeinen insbesondere demographisch bedingten Abwärtstrend.

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Die Kocatepe-Moschee der DITIB Ingolstadt gilt als das größte islamische Gotteshaus Bayerns. Ein Klick auf das Bild führt zu einem Artikel der Augsburger Allgemeinen zur Eröffnung von 2008.

Bild von Citronalco unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

Beim Islam sind am schwierigsten Trends auszumachen. Zwar könnte man nach den auf staatlichen Quellen beruhenden Zahlen beim Islamrat sowie bei dessen größtem Mitglied, der Islamische Gemeinschaft Milli Görüs, einen Zuwachs und bei der Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland (ADÜTDF) einen Rückgang ausmachen, doch ähnlich der Verfassungsschutz-Zahl zum Salafismus sollte man hinter diesen Neueinschätzungen der Mitglieder keine derartige Genauigkeit vermuten, dass sich ein realer Zuwachs oder Schwund ableiten ließe. Im Allgemeinen gilt die Situation eines Nebeneinanders von Eigenaussagen und erwähnten staatlichen Quellen, deren Zahlen weit auseinanderliegen können. Das betrifft die verschiedenen Dachverbände wie deren Mitgliedsverbände, die in Deutschland in einem Wettbewerb um die Vertretung des Islams im Dialog mit der Politik und der Öffentlichkeit stehen. Ähnliche Inklusionsbestrebungen versucht die erwähnte Evangelische Allianz, die nach eigenen Angaben für 1,3 Millionen Christen spreche, während der eigentliche Verein um die 50 Mitglieder hat.

Eine neue Entwicklung ist der Liberal-Islamische Bund (LIB), der vermutlich tatsächlich von 2011 auf 2012 um 50 Mitglieder auf 150 anwuchs. Auch bei aus  religionswissenschaftlichen Studien entnommenen Zahlen zu einzelnen Sufi-Orden sowie zu isolierten Formen des Islams kann davon ausgegangen werden, dass ihre Größenvermutung nichts mit der Frage nach der Repräsentation des Islam in Deutschland zu tun hat. So gibt es etwa einen geringen Zuwachs bei der Tablighi Jama´at (Gemeinschaft der Verkündigung der Mission).

Buddhismus und Hinduismus haben eine leicht steigende Tendenz. Abgesehen von vermehrt Hindus (und Sikhs) aus Afghanistan gibt es ein Nebeneinander von Gruppen, die durch westliche Konvertiten dominiert werden und solchen, welche eher Menschen mit Migrationshintergrund ansprechen. Allerdings gibt es auch internationale Missionsbewegungen, welche beide Gruppen integrieren (etwa im Buddhismus die von manchen als „radikal“ betrachtete Neue Kadampa Tradition außerhalb der Deutschen Buddhistischen Union).

Säkulare und Skeptiker legen zu

In der säkularen Szene beschränkt sich der Zuwachs auf den Humanistischen Verband Deutschland sowie die Giordano-Bruno-Stiftung und ihre Teilprojekte (etwa die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters). Bei den amerikanisch inspirierten „Brights“, die auf einem naturalistischen Weltbild bestehen, lässt sich noch nicht abschätzen, ob es sich um einen vorübergehenden Hype handelt oder ob sie sich etablieren. Das erstere jedenfalls lässt sich für die Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus e.V. sagen, deren Webpräsenz seit Anfang des Jahres abgeschaltet ist. Ein zugehöriger Twitteraccount stellte im Februar seine vorher rege Tätigkeit ein. Die Skeptikerbewegung ist wie die säkulare Szene (bzw. gegenseitig sich befördernd) in den letzten Jahren stärker im Fokus der Medienaufmerksamkeit. Wie die Gemeinschaft christlicher Zauberkünstler Deutschland e.V unter der Rubrik „Trickzauberer-Vereinigungen mit skeptizistischer Selbstverpflichtung“ zeigt, muss es sich dabei nicht um allein säkulare Skepsis an „paranormalen“, „magischen“, „okkulten“ etc. „Fähigkeiten“ oder „Phänomenen“ handeln (man folge dem Link für Auszüge aus deren Vereinssatzungen).

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Die von der Giordano-Bruno-Stiftung unterstützte "Spaß-Religion" der Kirche des Fliegenden Spaghetti-Monsters wurde als Reaktion auf ein verstärktes Auftreten kreationistischer Ideen in der Öffentlichkeit gegründet. Inzwischen hat sie 60 Vereinsmitglieder - neben um die 1.000 Fans auf Facebook. Ein Klick auf das Bild vergrößert den Artikel des Berliner Kurier von 2008.

Die neueren Religionen

In einer Pressemitteilung vom 5. April fasste REMID die wichtigsten Entwicklungen auf dem Gebiet der neueren Religionen wie folgt zusammen:

Während Scientology laut Angaben des Verfassungsschutzes tendenziell Mitglieder verliert, gibt es leichten Zuwachs bei der Gralsbewegung, der Vereinigungskirche (seit 2011 Tongil-Gyo Vereinigungsbewegung), Amanda Marga und ISKCON. Die Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft hat ebenfalls einen altersbedingten leichten Rückgang. Fiat Lux hat sich stark verkleinert auf eine Kerngruppe von ca. 150.

Während neugermanische Gruppen, die in den Neunzigern zugleich durch rechtsradikale Anschauungen auffielen, sich auch altersbedingt zu verkleinern scheinen, zeigen die neueren Germanen (Asatru) politisch gemäßigtere Einstellungen und sind in der paganen Szene eher integriert. Dafür hat sich ein neues Profil rechtsgesinnter Vergemeinschaftung herausgebildet. Neben einigen stark konservativen christlichen Erscheinungen ist hier das Schlagwort „rechte Esoterik“ zu nennen. Da dieser Begriff aber je nach inklusiver Esoterikkritik eines Autoren besonders weit sein kann, sei konkret angesprochen, dass hier an die Reichsbürger-Bewegung, die Identitäre Bewegung, Zeitgeist Movement, die Initiative für Exopolitik etc. gedacht wird. (Die genauen Zahlen entnehmen Sie unserer Statistik).

„Rechte Esoterik“

Stärker als der sogenannte strukturelle Antisemitismus bei Zeitgeist bewog der aufgefundene Zusammenhang mit Verschwörungstheorien zur Nennung in dieser Aufzählung. Hier lässt sich eine Differenzierung am Beispiel vornehmen: (1.) Es ist allgemein ein eher rechtskonservatives Interesse im weiten Sinn des Begriffes politische Prozesse zu delegitimieren, indem man Indizien auf eine große Verschwörung sammelt. Das soll nicht bedeuten, dass Hinweise auf eine möglicherweise gefährdete Demokratie bereits als solche in diese Kategorie fielen.

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Ein besonderer Erfolg des insbesondere amerikanisch geprägten Projekts der Exopolitik (bzw. "Disclosure") ist eine Anhörung dieses Jahr mit ehemaligen Kongressangehörigen in Washington. Ein Klick auf das Bild führt zu einem Artikel der New York Times vom 3. Mai 2013: "Visitors From Outer Space, Real or Not, Are Focus of Discussion in Washington".

(2.) Gerade z.B. die Exopolitiker, welche sich dafür einsetzen, dass anerkennt werde, dass Außerirdische längst unter uns leben, fallen zusätzlich damit auf, kaum näher darauf einzugehen, was sie eigentlich außer der „Wahrheit“ für die Gesellschaft fordern. Sie geben sich als eigentlich demokratisch, da aber keine Demokratie besteht – in ihrer Sicht -, versagen sie sich dem demokratischen Prozess. Damit sind sie schon eine Stufe weiter als jemand, der allgemein Misstrauen gegenüber der Politik hegt. Das bestätigt sich auch darin, dass alle Forderungen, die etwa bei „Über uns“ auf deren Seiten zu finden sind, sich nur auf Außerirdische und die Verstetigung der „Wahrheit“ beziehen. Da es zudem aber um das „Überleben der Menschheit“ gehen soll – ist diese Wahrheit zudem offenbar eine Bedrohung. Ob es nun Anspielungen auf eine „Neue Feldordnung“ (Kornkreise plus New World Order) sind: Es findet sich leicht Anschluss an Verschwörungstheorien aus einem eindeutigen (amerikanischen) rechten Milieu. In Deutschland zudem an Reichsbürger-Ideologeme wie die Bezeichnung Deutschlands als „BRD GmbH“ (vgl. zu manchen Ausläufern der Reichsbürgerbewegung und auch zur im folgenden betrachteten deutschsprachigen Verschwörungsliteratur das Interview zu esoterischem Neonazismus, das auch eine Kritik der schwierigen Kategorie „rechte Esoterik“ enthält).

(3). Einen Schritt weiter geht eine spezielle Note der deutschsprachigen Verschwörungsliteratur, dass sie beinahe notwendig Ausschwitz leugnet und eine jüdische Weltverschwörung integriert. Das geschieht etwa durch Verweis auf die indizierten Werke von Jan van Helsing (Jan Udo Haley), „Geheimgesellschaften im 20. Jahrhundert“. Hier ist der beachtliche Fankreis von „Infokrieg“-Webadressen zu nennen, der sich auch als Teil von Zeitgeist begreift. Diese sind offen antisemitisch und zitieren auch Jan van Helsing. Dennoch gerade da die Zeitgeist Bewegung nur sehr schlicht organisiert ist, ist es schwierig, hier einzelne Vertreter als die offiziellen Zeitgeist-Vertreter zu werten. Zudem distanziert man sich nicht von den „Infokriegern“ auf zeitgeistmovement.de.

Die angestrebte Utopie des Venus-Projekts des Zeitgeist-Gründers ist dabei eine ähnlich totalitär wirkende Vision wie diejenige der erwähnten Exopolitiker. Also auch ohne jene spezielle Note unter (3.) wird hier Politik als etwas betrieben, das dafür eingesetzt wird, Politik letztlich zu überwinden.

Esoterik insgesamt: Voll im Trend

Unabhängig von diesem speziellem Randgebiet besteht aber auch insgesamt ein Zuwachs an esoterischen Gemeinschaften (welche den größeren Teil derjenigen Literatur produzieren, welche auch die individuellen „spirituellen Wanderer“ lesen). Erst kürzlich brachte die ZEIT („Jenseits der Vernunft“, Nr. 21/2013) und der Print-Spiegel („Der heilende Geist“, ebenfalls Nr. 21/2013) ein entsprechendes Titelthema zu einer allgemeinen gestiegenen gesellschaftlichen Relevanz von Esoterik.

In der Statistik zeigt sich das nur in geringem Umfang. Ein neueres Phänomen sind die esoterischen Berater, welche auf Portalen als selbständige Berater für Astrologie, Kartenlegen, andere Orakelangebote, Channeling oder z.B. „Tierkommunikation“ angeworben werden.

Auch ist unverkennbar Yoga immer beliebter. Die Offenheit gegenüber Yoga muss aber nicht mit einer Neigung für allgemein esoterische Praktiken einhergehen. Überhaupt ist der Bezug zu hinduistischer oder esoterischer Spiritualität von Verband zu Verband sehr verschieden bis hin zu solchen, die Yoga ausschließlich als Gesundheitspraxis ansehen.

Neben einem Zuwachs an Ärzten mit Zusatzqualifikation Homöopathie (2012: 6.933) wächst um so stärker die Anzahl an Ärzten mit einer Zusatzqualifikation Naturheilverfahren (2012: 15.949).

Einen anderen Bereich mit Nähe zur Medizin vertritt der Dachverband Geistiges Heilen. Auch außerhalb dieses Verbandes gibt es ein Anwachsen  neuer Traditionen des geistigen Heilens. Als Beispiel sei das Heiler-Licht-Netzwerk Die Geistige Aufrichtung (Einweihung nach Pjotr Elkunoviz) genannt. Andere modernisieren ihre Praxis mittels Vokabular der Quantentheorie oder anderer Konzepte. Hier kann es sich oft um einzelne Anbieter mit individuellen Theorien handeln.

Teilweise gibt es auch Überschneidungen mit der Lichtarbeiter- sowie mit der Channeling-Szene. Kryon erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit. Neuere Erscheinungen sind der IKA International (Interessensgemeinschaft für Kristallschädel und Alte Hochkulturen) oder die „Planetare Aktivierungsorganisation / Galaktische Föderation des Lichts„.

kryon

Kryon ist längst ein globales Phänomen. Hier eine Reihe von Kryon-Channeling-Buchpublikationen in türkischer Sprache.

Entgegen anderer Mutmaßungen liegt die Zahl der (organisierten) Satanisten in Deutschland stabil gering (30 Mitglieder First Church of Satan plus 20 Mitglieder Temple of Set plus vielleicht die ca. 70 Mitglieder der Hellfire Clubs plus nach dem Selbstverständnis als „Left Hand Path“ bzw. „schwarzmagisch“ die 55 Mitglieder des Dragon Rouge). Die Zahlen sind zum Teil älter, aber Insider-Berichte legen keinen besonderen Zuwachs nahe. Bei den wenigen in der Statistik fehlenden bekannten Gruppen ist eine ähnliche Größenordnung zu vermuten. Auch die im engeren Sinn okkultistischen Gruppen, Orden und Gemeinschaften bewegen sich insgesamt wahrscheinlich bei einer Zahl unter 1.000 (ohne Rosenkreuzer, Theosophen und Spiritisten).

Christoph Wagenseil

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2 Kommentare:

  1. Pingback: Was ist eigentlich eine Weltanschauung? – REMID Blog

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